Etwas Riesiges, Flatterndes bewegte sich zwanzig Fuß unter ihr und verschmolz endgültig mit den Schatten - kein Vogel, sondern eine hünenhafte Gestalt in einem wehenden schwarzen Mantel.
Bast versetzte dem wild fuchtelnden Bobby einen Stoß, der ihn rücklings von der Kante zurücktaumeln ließ, setzte dazu an, der Gestalt mit einem beherzten Sprung zu folgen und kämpfte im nächsten Moment selbst mit hektischen Bewegungen um ihr Gleichgewicht, als plötzlich sie es war, die von einer starken Hand gepackt und unsanft zurückgerissen wurde.
»Verdammt noch mal, ich habe gesagt, Sie sollen stehen bleiben!« Abberline fuchtelte aufgebracht mit seiner Pistole vor ihrem Gesicht herum. »Wollen Sie, dass ich Sie erschieße?«
Bast schlug die Waffe mit einer ärgerlichen Bewegung zur Seite, fuhr herum und ließ sich auf die Knie sinken. Hastig beugte sie sich vor und spähte in die Tiefe, aber die Gestalt war und blieb verschwunden. Selbst ihre scharfen Augen nahmen kaum mehr als Dunkelheit wahr. Sie konnte einen kaum drei Fuß breiten, gemauerten Steg unmittelbar am Wasser erahnen, mehr aber auch nicht.
»Wer war das?«, blaffte Abberline. »War das der Kerl? Reden Sie!«
»Ich vermute es«, antwortete Bast. Sie konnte nicht sagen, ob es Sobek oder Horus gewesen war, und als sie versuchte, ihre geheimen Sinne zu nutzen, spürte sie nichts. Offensichtlich hatte er sich trotz seiner hastigen Flucht sorgsam abgeschirmt.
»Gut«, sagte Abberline grimmig. »Der Kerl entkommt uns nicht. Jones, Barton - mitkommen! Und Sie rühren sich nicht von der Stelle, verstanden?«
»Inspektor, Sie wissen nicht, mit wem ...«
Abberline hörte gar nicht zu, sondern fuhr bereits herum und fuchtelte mit seiner Pistole nach links, wo eine schmale, geländerlose Treppe in halsbrecherischem Winkel in die Tiefe führte, wo sie mit der Dunkelheit verschmolz. »Jacob, Sie stehen mir dafür gerade, dass sie hier bleibt!«
Und damit stürmte er los, gefolgt von den beiden Bobbys und Basts unschlüssigen Blicken. Der tödliche Schatten war längst verschwunden. Abberline und seine beiden Begleiter hatten nicht die Spur einer Chance, ihn einzuholen ... wenn er es nicht wollte.
Und genau das war das Problem. Bast kannte Horus und Sobek nun wahrlich gut genug, um zu wissen, dass ihnen ein Menschenleben nicht nur nichts wert war, sondern sie es nur zu oft regelrecht genossen, es vollkommen willkürlich auszulöschen. Der Beweis dafür lag nur wenige Schritte hinter ihr auf der Rückbank des Fuhrwerks. Es war ebenso gut möglich, dass Sobek oder Horus dort unten nur auf den Inspektor und dessen Begleiter warteten.
Sie stand auf, schlug ihren Mantel zurück und griff nach dem Schwert, zog die Hand dann aber fast erschrocken wieder zurück, als Maistowe hinter ihr auftauchte. Er zitterte noch immer am ganzen Leib, und sie konnte trotz der Dunkelheit sehen, wie blass er war.
»War das ... einer der Männer, von denen Sie mir erzählt haben?«, fragte er stockend.
Bast nickte zwar, antwortete aber nicht laut, sondern konzentrierte sich auf die gedämpften Laute, die aus der Tiefe zu ihr heraufdrangen: das seidige Fließen des Wassers und die trappelnden Schritte der drei Männer, die schnell genug die Treppe hinunterstürmten, um das eine oder andere gebrochene Bein oder im Zweifelsfall auch Genick zu riskieren. Wenn Sobek oder Horus dort unten warteten, dann atmeten sie nicht einmal.
Nicht, dass sie das unbedingt mussten ...
»Aber ... aber warum haben sie das getan?«, stammelte Maistowe. »Dieser arme Mann hat doch niemandem etwas getan!«
»Sie brauchen keinen Grund für so etwas«, antwortete Bast. »Glauben Sie mir.« Sie versuchte sich noch mehr zu konzentrieren. Da waren noch andere Geräusche, selbst für ihre scharfen Ohren zu leise und fast nicht zu identifizieren: ein schweres Gluckern und Plätschern, als glitte irgendetwas Großes träge durch das Wasser, ein haarfeines Piepsen und Huschen, vielleicht das Kratzen winziger harter Pfoten auf Stein, und die hastigen Schritte und scharfen Atemzüge der drei Männer, die mittlerweile fast unter ihr angekommen waren.
»Aber wer sind diese Männer?«, murmelte Maistowe hilflos. »Und was haben Sie mit ihnen zu schaffen? Glauben Sie nicht, dass Sie mir allmählich eine Erklärung schulden?«
Bast schwieg. Wahrscheinlich hatte sie schon viel zu viel gesagt, sowohl ihm als auch Mrs Walsh und Abberline. Wie Isis nicht müde wurde, ihr immer wieder zu versichern: Wenn sie überhaupt einen wirklichen Fehler hatte, dann war es ihre Schwatzhaftigkeit. Und die hatte jetzt ein Leben gekostet, noch dazu das Leben eines Mannes, dessen einziger Fehler es gewesen war, nett zu ihr zu sein und sich im falschen Moment am falschen Ort aufzuhalten. Plötzlich wurde ihr klar, was sie tun musste.
»Nein«, sagte sie. »Ich werde Ihnen nichts mehr erklären, Kapitän. Ich würde Sie damit nur in Gefahr bringen.« Sie machte eine Kopfbewegung auf den Wagen und strich zugleich unauffällig ihren Mantel glatt, damit er das Schwert darunter nicht sah. »Möchten Sie so enden wie der arme Arthur?«
»Aber was habe ich mit ...?«
»Weil sie vermutlich jeden umbringen werden, der mir irgendetwas bedeutet«, fiel ihm Bast bitter ins Wort. »Das ist nun einmal ihre Art.« Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Ich werde dieses Land verlassen, Jacob. So schnell wie möglich. Am besten noch heute.«
Fast zu ihrer Überraschung versuchte Maistowe weder, sie umzustimmen, noch stellte er eine weitere Frage. Er sah sie nur einen kurzen Moment lang traurig an und seufzte dann: »Das wird Inspektor Abberline nicht gefallen, fürchte ich.«
»Lassen Sie das meine Sorge sein«, antwortete Bast. Sie deutete auf den Wagen. »Trauen Sie sich zu, Arthurs Familie ausfindig zu machen?«
»Sicher.«
»Dann würde ich Sie bitten, das nach meiner Abreise zu tun und ihnen eine gewisse Summe Geldes auszuhändigen, die ich Ihnen zuvor übergeben werde. Immerhin haben sie meinetwegen ihren Ernährer verloren.«
»Das tue ich gern, aber ...«
Aus der Tiefe hinter ihr wehte ein entsetzter Schrei herauf, und Bast fuhr mit einer blitzartigen Bewegung herum, riss das Schwert unter dem Mantel hervor und sprang. Vielleicht eine Winzigkeit zu hastig. Abberline und die beiden Bobbys befanden sich unmittelbar unter ihr, und sie konnte ihren Sprung gerade noch im letzten Moment korrigieren, um nicht wortwörtlich auf ihren Köpfen zu landen. Nicht annähernd so elegant, wie sie es beabsichtigt hatte, kam sie neben Abberline auf, sprang mit einer federnden Bewegung wieder in die Höhe und hob das Schwert ... aber die einzige, schwarz gekleidete Gestalt, die ihr gegenüberstand, war Abberline. Einer der beiden Bobbys stand neben ihm und wirkte mindestens genauso fassungslos wie Abberline, der andere hockte hinter den beiden auf einem Knie und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Hand.
»Was ist passiert?!«, stieß Bast hervor.
Abberline antwortete nicht, sondern starrte aus großen Augen zuerst sie, dann das Schwert in ihrer Hand und dann wieder ihr Gesicht an. Schließlich legte er den Kopf in den Nacken und starrte eine geschlagene Sekunde lang nach oben.
»Verdammt noch mal, was ist passiert?«, wiederholte Bast gereizt. »Reden Sie!«
»Eine Ratte!« Es war der kniende Polizist, der antwortete, nicht Abberline. Seine Stimme klang weinerlich. »Das verdammte Vieh hat mich gebissen!«
»Eine Ratte?« Bast entspannte sich kein bisschen, aber ihr Blick ließ den knienden Jammerlappen los und suchte die Wand hinter ihm ab. Unmittelbar hinter ihm gähnte ein gut metergroßes Loch in der aus schweren Bruchsteinen gemauerten Wand. Bast vermutete, dass er die Hand hineingesteckt hatte, als er gebissen worden war.
Sie ging hin, ließ sich in die Hocke sinken und versuchte vergeblich, die Dunkelheit dahinter mit Blicken zu durchdringen. Aber sie hörte ein gedämpftes Rascheln und Huschen und das Tappen zahlloser winziger Pfoten, und sie spürte die charakteristische Witterung der kleinen Nager. Wahrscheinlich hatte der Bursche noch Glück gehabt, nur in die Hand gebissen worden zu sein.