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»Der Kerl muss in das Loch verschwunden sein«, sagte der zweite Polizist. »Keine Ahnung, was dahinter ist.«

»Dann wird es Zeit, es herauszufinden«, sagte Abberline. »Worauf warten Sie? Nehmen Sie die Verfolgung auf!«

Der Mann machte einen - sehr zögerlichen - Schritt, und Bast richtete sich rasch auf und schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Was soll das ...?«, begehrte Abberline auf, und Bast unterbrach ihn ruhig.

»Wenn Sie Ihre Männer dort hineinschicken, sehen Sie sie nicht lebend wieder. Glauben Sie mir, Inspektor. Ich weiß, wovon ich rede.«

Abberline starrte sie wütend an, aber der Anteil von Unsicherheit in seinem Blick nahm auch deutlich zu, als er das finstere Loch hinter ihr musterte. »Ich frage mich, ob Sie nicht noch eine ganze Menge mehr wissen«, sagte er missmutig. »Hatte ich Sie nicht gebeten, dort oben zu bleiben?«

»Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie mich verhaftet, Inspektor«, antwortete Bast betont. »Muss ich da nicht ständig in Ihrer Nähe sein?«

Abberline verzog humorlos die Lippen und machte eine Kopfbewegung auf das Schwert in ihrer Hand. »Stecken Sie das Ding weg.«

»Sobald Sie aufhören, mit Ihrem Ding auf mich zu zielen«, antwortete Bast lächelnd.

Abberline sah sie einen halben Herzschlag lang einfach nur verwirrt an, dann fuhr er zusammen und senkte hastig die Pistole, die er immer noch auf sie gerichtet hielt; wahrscheinlich, ohne es selbst zu bemerken. Bast senkte - deutlich langsamer - das Schwert, steckte es aber noch nicht ein.

»Sagen Sie nicht, Sie haben das Ding auch bei sich gehabt, während Sie mit Monro gesprochen haben«, sagte Abberline nervös, machte aber zugleich auch eine entsprechende Handbewegung, um sie am Antworten zu hindern. »Wer war das?«, fragte er. »War das der Kerl, der den Fahrer getötet hat?«

»Ich nehme es an«, antwortete Bast. Sie hörte sogar selbst, wie nervös ihre Stimme klang. Sie sollte sich entspannen, aber sie konnte es nicht. Es war noch nicht vorbei, das spürte sie. Weder Horus noch Sobek waren in der Nähe, dessen war sie sich jetzt sicher, aber die Gefahr war noch nicht vorüber.

»Warum?«, fragte Abberline.

»Ich ... bin nicht ganz sicher«, antwortete Bast wahrheitsgemäß. »Vielleicht nur, um mich zu treffen.«

»Das ist ein bisschen wenig, meinen Sie nicht?«, fauchte Abberline. Er zwang sich sichtbar zur Ruhe und fuhr in gepresstem Ton fort: »Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen vertraue, dann sollten Sie vielleicht damit anfangen, mir ebenfalls zu trauen. Was geht hier vor?«

»Ich weiß es noch nicht genau«, antwortete Bast. »Aber es hat ... nichts mit Ihnen zu tun, Inspektor, oder dem, weswegen Sie mich heute zu sich bestellt haben. Das ist alles, was ich Ihnen im Moment sagen kann.«

»Und Sie erwarten, dass ich mich damit begnüge und Sie gehen lasse?«, fragte Abberline.

»Das sollten Sie, Frederick.« Maistowe langte schwer atmend bei ihnen an und maß Abberline mit einem ebenso erschöpften wie vorwurfsvollen Blick. »Oder haben Sie Ihre gesamte Menschenkenntnis eingebüßt?«

Man musste nicht über Basts ungewöhnliche Beobachtungsgabe verfügen, um zu erraten, welche Art von Antwort Abberline auf der Zunge lag. Aber er beherrschte sich, funkelte Maistowe nur einen Atemzug lang an und sagte dann in fast resignierendem Ton: »Hatte ich Sie nicht gebeten, oben beim Wagen zu warten, Jacob?«

»Ich glaube nicht, dass ihn jemand stiehlt, Frederick«, versetzte Maistowe. »Habt ihr ihn?«

Die Frage war so überflüssig, dass Abberline sich nicht einmal die Mühe machte, darauf zu antworten. Er starrte Maistowe nur noch einen Augenblick lang finster an, dann drehte er sich mit einem Ruck zu einem der Bobbys - Barton, wenn Bast sich richtig erinnerte - herum.

»Falls Sie nicht darauf bestehen, dass ich selbst zum Revier zurücklaufe und die nötige Unterstützung hole, Konstabler, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir diese kleine Mühe abnehmen würden«, sagte er ätzend. »Hier muss alles abgesperrt werden, und wir brauchen Spezialisten, die hier alles nach Spuren absuchen. Glauben Sie, dass Sie mir diesen kleinen Gefallen erweisen könnten?«

»Sicher«, antwortete Barton hastig. »Ich ...«

Der Fluss hinter ihm explodierte in einer brüllenden Woge aus spritzendem Schaum und Panzerplatten und Zähnen, und ein Paar riesiger, geschuppter Kiefer schloss sich mit einem grässlichen Knirschen um den Oberkörper des Bobbys und riss ihn ins Wasser hinab. Blutiger Schaum spritzte mehr als mannshoch und besudelte Bast, Abberline und Maistowe, und Barton, obschon bereits unter Wasser gezogen, stieß einen markerschütternden Schrei aus und begann verzweifelt um sich zu schlagen. Das Letzte, was Bast von ihm sah, war eine hilflos aus dem Wasser emporgereckte Hand, der zwei Finger fehlten, und einen gezackten Rückenkamm, der sich rasend schnell davonschlängelte und das Wasser teilte wie eine gezahnte Säbelklinge.

Es war Abberline, der seinen Schrecken als Erster überwand, nicht Bast. So schnell, wie sie es bei einem normalen Menschen kaum für möglich gehalten hätte, fuhr er herum, riss seine Pistole in die Höhe und gab rasch hintereinander zwei Schüsse ab, die das Ungeheuer allerdings weit verfehlten. Praktisch gleichzeitig stürmte er los.

Und endlich erwachte auch Bast aus ihrer Erstarrung. Mit zwei, drei gewaltigen Sätzen war sie neben Abberline und an ihm vorbei, versuchte noch schneller zu laufen und wäre um ein Haar kopfüber ins Wasser gestürzt, als der gemauerte Uferpfad vor ihr plötzlich abbrach. Sie sah gerade noch einen geschuppten Schwanz, länger als ein Mann und mit schrecklichen Knochenklingen besetzt, der in einem gemauerten Bogen verschwand, dann musste sie hastig zugreifen, um Abberline aufzufangen, der neben ihr auftauchte und um ein Haar ebenfalls ins Wasser gestürzt wäre.

»Was war das?!«, keuchte er. »Um Gottes willen, was ...?«

»Sobeks Drache«, antwortete Bast düster. »Es tut mir leid. Ich habe ihn nicht kommen sehen.« Aber sie hätte es müssen. Sie hätte wissen müssen, dass Sobek sein Schoßtierchen nicht nur mitgebracht hatte, um mit ihm zu kuscheln. Verdammt, sie hatte das Biest gesehen!

Abberline sah sie bestürzt an. »Ein ... Drache?« Er lachte nervös. »Sie machen Witze.«

Bast wollte antworten, aber in diesem Moment drang ein gellender Schrei aus dem Tunnel, und Abberline tat etwas vollkommen Irrsinniges: Mit einem einzigen Satz war er im Wasser, das ihm sonderbarerweise aber nur bis zu den Oberschenkeln reichte, und machte Anstalten, geduckt in den gemauerten Tunnel hineinzuwaten.

»Frederick, kommen Sie zurück!«, schrie Maistowe. »Das ist Selbstmord!«

Abberline zögerte tatsächlich, aber offensichtlich nicht, weil er auf Maistowes Warnung hörte - er machte einen weiteren Schritt, hielt sich mit der freien Hand am oberen Rand der Tunnelöffnung fest und spähte geduckt in den finsteren Abwasserkanal hinein. Die Schwärze dahinter war offensichtlich nicht nur für Basts Augen nicht so undurchdringlich, wie es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Sie erkannte einen ungesunden, flackernd grauen Schimmer, der aus dem Nichts zu kommen schien und Assoziationen von Fäulnis und Verfall und kriechenden Dingen mit sich brachte. Der Gestank war atemberaubend.

»Jones!« Abberline wedelte in Richtung des zweiten Polizisten, der als Einziger zurückgeblieben war und vollkommen erstarrt zu sein schien. »Ihre Lampe! Jones!«

Der Polizist starrte eine weitere, geschlagene Sekunde aus weit aufgerissenen Augen einfach ins Leere, dann aber fuhr er umso heftiger zusammen, eilte los und reichte Abberline seine Karbidlampe, wobei er sich so weit vorbeugte, dass er um ein Haar die Balance verloren hätte, nur um dem übelriechenden Wasser nicht zu nahe zu kommen. Abberline durchbohrte ihn schier mit Blicken, und Jones richtete sich hastig wieder auf und brauchte mit ungelenk zitternden Fingern drei Versuche, um die Lampe zu entzünden, bevor er sie Abberline zum zweiten Mal reichte.