Wenn es überhaupt einen allerfalschesten Moment gab, dachte Bast, dann war es jetzt. Dass sie die Nähe des Drachen nicht spürte, bedeutete nicht, dass er nicht da war. All diese Gerüche, Geräusche und huschenden Schatten beeinträchtigten auch ihre Sinne, vielleicht sogar stärker als die von Abberline und Jones, und sie hatte Sobeks Kuscheltierchen nie gemocht und sich auch nie darauf verstanden, ihre Nähe zu spüren. Aber etwas war da.
»Noch einmal, Inspektor«, sagte sie. »Ich helfe Ihnen. Ich beantworte all Ihre Fragen, aber nicht jetzt und nicht hier. Wir müssen hier verschwinden.«
»Haben Sie Angst?«, fragte Abberline.
Ja, dachte Bast wütend, um dich, du Dummkopf. Laut sagte sie einfach nur: »Ja.«
Vielleicht war es gerade die Knappheit dieser Antwort, die Abberline beeindruckte. Er sah sie zwar weiter finster und auf eine Art an, als wolle er sie fressen, wirkte aber zugleich zum ersten Mal unschlüssig; und vielleicht sogar ein wenig erleichtert. Er hatte Angst - natürlich hatte er Angst -, und ihre Worte lieferten ihm einen Grund, den Rückzug anzutreten, den ihm sein Stolz und sein Pflichtgefühl verwehrt hatten.
»Also gut«, sagte er widerstrebend. »Vielleicht haben Sie recht. Diese Tunnel erstrecken sich über Hunderte von Meilen, und das Biest kann überall sein. Aber ich erwarte Antworten von Ihnen, sobald wir wieder oben sind. Eine Menge Antworten.«
Etwas klapperte. Abberline fuhr herum und schwenkte seine Lampe, und Bast sah gerade noch eine schattenhafte Gestalt, die am oberen Ende einer rostigen Metalltreppe verschwand, vielleicht fünfzig oder sechzig Fuß entfernt.
Abberline stürmte los, und Bast sparte sich gleich den Atem, ihn zurückzurufen, sondern schloss sich Jones und ihm an. So schnell, als wäre der Stein nicht mit einem schlüpfrigen Belag überzogen, der ihn so glatt wie Schmierseife werden ließ, jagte Abberline den Sims entlang, erreichte die Treppe und stürmte sie mit einer Schnelligkeit hinauf, die nur aus dem völligen Fehlen jeglichen Gefahrbewusstseins resultieren konnte. Noch bevor Jones und Bast die Treppe auch nur erreichten, war er bereits an ihrem oberen Ende verschwunden.
Und mit ihm das Licht.
Schwärze schlug wie eine erstickende Woge über ihnen zusammen. Jones stieß ein erschrockenes Wimmern aus und blieb so abrupt stehen, dass Bast gegen ihn prallte und er halbwegs die Treppe hinauffiel, und für einen kurzen, aber durch und durch grässlichen Moment drohte sie in Panik zu geraten. Aus der Dunkelheit wurde etwas Anderes, Körperliches, das sich wie eine erstickende Faust um sie zu schließen schien, und plötzlich spürte sie die Blicke tausender winziger Augen, die sie gierig aus der Dunkelheit anstarrten.
Bast besann sich endlich darauf, wer sie war, schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf das, was sie hörte, roch und fühlte, und die Panik fiel von ihr ab wie ein besudeltes Kleidungsstück, das sie angeekelt abschüttelte. Jones war vor ihr vor Entsetzen zwar schlichtweg verstummt - er atmete in diesem Moment nicht einmal -, versuchte sich aber trotzdem mit unsicheren Bewegungen in die Höhe zu stemmen, und wenn Bast gerade fast in Panik geraten war, so musste sie für das, was sie im Moment in ihm spürte, wohl ein neues Wort erfinden. Vorsichtig beruhigte sie ihn, bevor er sich selbst - oder sie - in seinem Zustand verletzten konnte, griff unter seine Arme und schob ihn mit sanfter Gewalt die rostigen Metallstufen hinauf.
Als sie auf halber Höhe angekommen waren, hörte sie Abberlines Stimme, die irgendetwas schrie, was sie nicht verstand, und dann krachte ein einzelner, lang nachhallender Schuss. Bast fluchte lauthals in ihrer Muttersprache, versuchte Jones vergeblich zu größerem Tempo anzuspornen und stieg schließlich kurzerhand über ihn hinweg. Jones ächzte, als er zum zweiten Mal der Länge nach auf die rostigen Eisenstufen knallte, aber Bast verdoppelte nur ihre Anstrengungen, erreichte das obere Ende der Treppe und stürmte geduckt durch den niedrigen Gang, in die sie mündete. Ein tanzendes bleiches Licht an seinem jenseitigen Ende wies ihr den Weg.
Abberline kam zurück, bevor sie das Ende des Stollens erreichte. »Ich habe ihn!«, keuchte er. »Ich hab den Kerl erwischt! jones, verdammt noch mal, wo bleiben Sie?«
»Erwischt?«, fragte Bast. »Was meinen Sie?«
Abberline gestikulierte nur wild mit der Hand, die die Pistole hielt. Jones war zwar inzwischen ebenfalls in den Gang geklettert, bewegte sich aber für seinen Geschmack anscheinend nicht schnell genug. »Verdammt, beeilen Sie sich, Konstabler! Ich habe den Kerl erwischt, aber ich bin nicht sicher, ob er allein ist!«
»Wen haben Sie erwischt?«, fragte Bast beunruhigt.
»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Ihren Bruder«, antwortete Abberline. Seine Augen wurden schmal. »Aber ... weiß ich es eigentlich besser?« Er machte eine unwillige Geste. »Kommen Sie endlich, Konstabler. Es gibt nichts mehr zu fürchten. Ich hab den Kerl erwischt, und Krokodile können meines Wissens keine Leitern hinaufsteigen.«
Jones schob sich mit wenig Anzeichen von Begeisterung an ihr vorbei, wirkte aber tatsächlich ein wenig beruhigt, und Bast lauschte einen Moment konzentriert in sich hinein. Sie konnte nicht sagen, auf wen Abberline geschossen hatte, aber er hatte ganz gewiss weder Horus noch Sobek getroffen. Zumindest nicht tödlich. Sie hätte es gespürt, wäre einer ihres Blutes in der Nähe gestorben. Oder auch nur in der Stadt.
Dennoch zog sie vorsichtshalber ihr Schwert, als sie sich Jones und Abberline anschloss. Sie fühlte sich nicht gut dabei, die beiden Männer vorausgehen zu lassen. Normalerweise war immer sie es, die die Initiative ergriff, und in diesem Fall wäre es sogar ganz besonders angezeigt gewesen ... aber Abberline war schon jetzt misstrauischer, als gut war, und Bast beruhigte sich selbst mit dem Gedanken, dass weder Sobek noch Horus dort vorne auf sie warteten. Jetzt, wo sie wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte war, hätte sie die Nähe einer verwandten Seele gespürt, ganz egal, wie sehr sie sich auch abzuschirmen versuchte.
Der Gang mündete nach einem weiteren Dutzend Schritte in einen weit größeren, rechteckigen Tunnel mit gemauerten Wänden und trockenem Boden. Die Luft roch auch hier schlecht und verbraucht, aber nicht mehr so faulig und durchdringend nach Fäkalien und anderen Abfällen wie bisher, und Bast glaubte ein ganz sachtes Vibrieren des Bodens zu spüren, so als bewege sich tief unter ihren Füßen etwas ungemein Großes und Machtvolles.
»Was ist das hier?«, fragte sie. »Auch ein Teil der Kanalisation?«
»Ich bin nicht sicher«, antwortete Abberline. »Vielleicht ein Teil der Tube.«
Bast sah ihn fragend an, aber für Abberline war das eindeutig Antwort genug gewesen, denn er stürmte bereits weiter und ließ den Lichtschein seiner Laterne nervös vor sich über den Boden tasten.
»Wo ist der Kerl?«, murmelte er. »So weit kann er nicht mehr gekommen sein.«
»Vielleicht haben Sie ihn verfehlt, Sir«, sagte Jones vorsichtig.
»Unsinn!« Abberline schritt schneller aus, und das Huschen und Hin-und-her-Tasten des Lichtstrahls nahm an Hektik zu. »Ich habe gesehen, wie er gefallen ist! Da vorne! Da ist etwas!« Er verfiel in einen hastigen Laufschritt, sank plötzlich auf ein Knie hinab und richtete den Lichtstrahl auf einen dunkel glitzernden Fleck auf dem Boden. »Das ist Blut!«
»Also haben Sie ihn doch getroffen, Sir«, sagte Jones.
Abberline maß ihn mit einem kurzen, giftigen Blick, sah dann wieder auf die immense Blutlache hinab und streckte die Hand aus, wie um die Finger hineinzutauchen, tat es aber dann doch nicht. Er sah nachdenklich aus, aber auch erschrocken.