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»Das ist ... ziemlich viel Blut, Sir«, sagte Jones nervös und ganz offensichtlich in dem Bemühen, irgendetwas gutmachen zu wollen.

»Das stimmt, Konstabler«, murmelte Abberline. »Eindeutig zu viel, wenn Sie mich fragen. Ich verstehe nicht, wie er mit dieser Verletzung ...« Er sprach nicht weiter, sondern stand wieder auf und ließ den Lichtschein weiter über den Boden tasten. Ausgehend von der gut drei Fuß messenden Blutlache vor ihm begann eine unregelmäßige Spur dunkler, noch nicht einmal halb eingetrockneter Blutflecke, die vor ihm in der Dunkelheit verschwanden. In einigen davon konnte man verschmierte Fußabdrücke erkennen.

»Sehr weit kann er mit dieser Verwundung jedenfalls nicht gekommen sein.«

Er wollte losgehen, aber Bast hielt ihn instinktiv mit einer raschen Bewegung zurück, ließ sich in die Hocke sinken, tauchte den Zeigefinger in die Blutlache und kostete dann behutsam mit der Zungenspitze daran. Jones verzog angewidert die Lippen, während Abberline jetzt nur noch misstrauischer wirkte.

»Sobek«, sagte sie. Der Blick, mit dem sie Abberline maß, war fast bewundernd. »Sie haben ihn tatsächlich getroffen.« Ihr Erstaunen war zwar echt, galt aber eigentlich mehr der Tatsache, dass Abberline noch lebte. Sobek gehörte eigentlich nicht zu denen, die die linke Wange hinhielten, wenn man sie auf die rechte schlug.

»Sobek?«, wiederholte Abberline. »Ein ... Freund von Ihnen?«

»Nicht unbedingt.« Bast verzog die Lippen. »Eher ein ... Verwandter. Leider kann man sich seine Familie nicht immer aussuchen.«

»Und das schmecken Sie an seinem Blut?«, fragte Abberline.

»Unter anderem«, antwortete Bast. »Meinen Glückwunsch, Inspektor. Sie haben ihn tatsächlich verletzt, und Sie sind noch am Leben. Meines Wissens ist das noch nicht vielen gelungen.«

»Herzlichen Dank«, sagte Abberline grimmig. »Und mir wird auch noch sehr viel mehr gelingen. Gibt es noch etwas, das ich über Ihren Verwandten wissen sollte, bevor ich ihn verhafte?«

»Dass er noch lebt«, antwortete Bast sanft. »Und Sie auch, Inspektor. Sie sollten froh darüber sein. Noch einmal werden Sie kaum so viel Glück haben.«

»Das könnte man als Drohung auslegen, Miss Bast«, antwortete Abberline kühl. »Wissen Sie, dass es ein schweres Verbrechen ist, einen Beamten Ihrer Majestät zu bedrohen?«

Bast setzte zu einer Antwort an, beließ es aber dann bei einem lautlosen Seufzen und besann sich eines Besseren. Abberline war entweder dumm oder stur oder schlimmstenfalls beides, aber sie hatte nicht vor, ihr Glück noch weiter unnötig auf die Probe zu stellen, indem sie herauszufinden versuchte, was von beidem. Sobek musste wirklich schwer verletzt worden sein, wenn er es vorgezogen hatte, sein Heil in der Flucht zu suchen, statt sich bei Abberline zu revanchieren, aber er lebte, und das bedeutete, dass er binnen kürzester Zeit wieder zurückkommen und dann vermutlich nicht besonders gnädig gestimmt sein würde.

»Wir kehren um«, sagte sie mit Nachdruck.

»Nein!«, antwortete Abberline. »Das werden wir ganz bestimmt nicht tun.«

Bast blinzelte. »Wie?«

»Sie können gerne kehrtmachen«, sagte Abberline. »Ich verlasse mich darauf, dass Sie eine Frau von Ehre sind und in der Pension auf mich warten. Konstabler Jones und ich werden diesen Verbrecher verfolgen und stellen.«

Bast starrte ihn fassungslos an. Sie hatte nicht einfach nur gesagt, dass sie umkehren würden, sondern all ihre mentale Macht in diesen Befehl gelegt, aber Abberline zeigte sich nicht im Geringsten beeindruckt. Konnte es sein, dass ...?

Hastig wandte sie sich zu Jones um. Stehen Sie auf einem Bein, befahl sie ihm lautlos. Und dann gackern Sie wie ein Huhn!

Jones tat, wie ihm geheißen - auch wenn sich sein Gackern eher anhörte wie das Fiepen eines liebeskranken Igels -, und Abberline riss ungläubig die Augen auf.

»Jones, haben Sie den Verstand verloren?«, ächzte er.

Bast entließ den Konstabler hastig aus ihrem geistigen Bann. Jones taumelte einen halben Schritt zurück und sah plötzlich sehr unglücklich aus, und Abberline starrte sie aus Augen an, die zu misstrauischen schmalen Schlitzen zusammengepresst waren.

»Was geht hier vor?«, fragte er scharf.

»Nichts«, antwortete Bast. »Ich ... bin nur der Meinung, dass wir wirklich umkehren sollten.« Sie versuchte es noch einmal, mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, aber ebenso gut hätte sie versuchen können, die Wände dieses gemauerten Tunnels mit bloßen Händen einzureißen.

Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Sie konnte nicht jedem Menschen ihren Willen aufzwingen. Es gab durchaus Menschen, die gegen ihre geistige Beeinflussung schlichtweg immun waren ... vielleicht einen unter einer Million.

Und dieser eine musste ausgerechnet Inspektor Frederick Abberline sein!

Er machte sich auch nicht die Mühe, ihr noch einmal zu antworten, sondern gab Jones einen ärgerlichen Wink, hob seine Lampe und marschierte in scharfem Tempo los, und Bast schloss sich den beiden wohl oder übel an. Wenn sie diesen Narren schon nicht davon abhalten konnte, in sein Unglück zu rennen, dann konnte sie wenigstens versuchen, auf ihn aufzupassen. Und wenn Sobek tatsächlich so schwer verletzt war, wie es nach all dem Blut und Abberlines Worten den Anschein hatte, dann würden sie ihn sowieso nicht finden.

Die Blutspur, dünner werdend, führte sie gute zwei- oder dreihundert Schritte weit geradeaus und endete dann vor einer niedrigen, dafür aber umso massiveren Tür aus eisenharten Bohlen, die zwar eine Klinke hatte, sich aber nichtsdestotrotz beharrlich weigerte, aufzugehen, ganz egal, wie wütend Abberline auch daran rüttelte.

»Ich denke, das wäre jetzt wirklich der Moment, umzukehren«, sagte Bast. »Oder haben Sie zufällig ein Brecheisen in der Tasche, Inspektor?«

Abberline maß sie mit einem wütenden Blick, klappte die Trommel seines Revolvers heraus und grub mit der anderen Hand in seiner Jackentasche; vermutlich auf der Suche nach Patronen.

»Lassen Sie das«, seufzte Bast. Ohne auf Abberlines empörte Blicke zu achten, schob sie ihn kurzerhand beiseite, fixierte das Schloss mit Blicken und trat es mit einem einzigen, harten Tritt ein. Die Tür flog mit solcher Wucht auf, dass sie auf der anderen Seite gegen die Wand krachte und sich ein Teil des Rahmens in einem Splitterregen auflöste. Jones riss ungläubig die Augen auf, während Abberline seltsamerweise nicht einmal überrascht wirkte.

Was ihn allerdings nicht daran hinderte, in aller Hast seine Waffe nachzuladen und vor ihr durch die Tür zu huschen.

Dahinter lag ein weiterer, wenngleich sehr viel schmalerer Gang, an dessen Ende gleich drei weitere Türen lagen. Zwei davon waren verschlossen, die dritte nur angelehnt, und die unterbrochene Spur führte in die wattige Dunkelheit dahinter. Selbst Bast war erstaunt über die Menge an Blut, die Sobek verloren hatte. Abberlines Kugel musste sein Herz nur um Haaresbreite verfehlt haben.

Wieder vibrierte der Boden unter ihren Füßen; sacht, zugleich aber auch zu deutlich, um es diesmal als bloße Einbildung abtun zu können. Hinter der offen stehenden Tür jedoch war nichts außer einer steilen, sehr schmalen Treppe, die scheinbar unendlich weit in die Tiefe führte.

»Ich hatte recht«, sagte Abberline zu sich selbst. »Die Tube. Verdammt!«

»Was genau ist das?«, fragte Bast.

Sie bekam keine Antwort - sie hatte auch nicht wirklich damit gerechnet - und auch keine Gelegenheit, eine weitere Frage zu stellen, denn Abberline eilte jetzt so schnell die Treppe hinab, als versuche er ernsthaft, den Lichtstrahl seiner eigenen Lampe zu überholen. Vielleicht erlag er dem - verständlichen - Irrglauben, dass seine Beute langsamer werden musste, bei der gewaltigen Menge an Blut, die sie verlor. Bast wusste, dass es nicht so war; im Gegenteil. Jeder Moment, der verging, war ein gewonnener Moment für Sobek. Er wurde stärker, nicht schwächer. Aber allein der Umstand, dass er noch nicht hier war, um die Sache zu Ende zu bringen, deutete darauf hin, dass er sich erst einmal zurückgezogen hatte, um seine Wunden zu lecken und wieder zu Kräften zu kommen.