Als Conway O’Mara verließ, fühlte er sich noch verwirrter als zuvor. Er versuchte noch immer, aus dem Wust an bruchstückhaften Informationen ein logisches Ganzes zu entwickeln, aber entweder war er zu erschöpft oder einfach nur zu blöd. Nun, erschöpft war er ganz bestimmt; von den letzten beiden Tagen fühlte er sich geistig matt und körperlich wie erschlagen.
Er glaubte, daß es zwischen den beiden Faktoren — Arretapecs Erscheinen auf der einen und seine unerklärliche Mattheit auf der anderen Seite — eine Verbindung geben mußte. Eigentlich war er in guter körperlicher Verfassung, doch nie zuvor hatte er sich nach einer geistigen oder körperlichen Anstrengung so ausgelaugt gefühlt. Aber hatte Arretapec nicht sogar gesagt, daß der Juckreiz, den er verspürt hatte, ein Symptom für irgendeine physische Erkrankung sei?
Plötzlich empfand er seine Arbeit mit dem VUXG-Arzt nicht nur als frustrierend und lästig, sondern als geradezu gefährlich für seine persönliche Unversehrtheit. Angenommen, der Juckreiz rührte von einem neuen Bakterientyp her, der auf seiner Kontrollskala gar nicht erfaßt wurde? Zuvor hatte er schon einmal an so etwas gedacht, nämlich als Arretapec ihn aufgrund des Juckreizes fortgeschickt hatte. Aber danach hatte er sich wohl unterbewußt eingeredet, daß es sich um nichts Bösartiges handeln konnte, weil von dem Jucken praktisch nichts mehr zu spüren gewesen war. Jetzt war ihm klar, daß er das Ohr von einem der Chefärzte hätte untersuchen lassen müssen, und er dies auf alle Fälle nachholen lassen mußte.
Aber im Augenblick war er dazu zu müde, doch gab er sich selbst das Versprechen, Dr. Mannon, seinen ehemaligen Vorgesetzten, gleich am nächsten Morgen aufzusuchen und danach Arretapec wieder zur Seite zu stehen. Beim Einschlafen grübelte er noch immer darüber nach, welche merkwürdige fremde Krankheit er sich zugezogen haben könnte und wie man sich in korrekter Form bei einem VUXG zu entschuldigen hatte.
Am nächsten Morgen war schon wieder ein fünf Zentimeter großes Loch in der Schreibtischplatte, in dem es sich Arretapec gemütlich gemacht hatte.
Kaum hatte Conway durch aufrechtes Sitzen angezeigt, daß er aufgewacht war, sagte der VUXG: „Seit gestern hab ich den Eindruck, daß ich von einem Wesen, dessen Spezies relativ gesehen auf einem niedrigen geistigen Niveau steht, womöglich zuviel Selbstbeherrschung und innere Ausgeglichenheit vorausgesetzt und eine zu hohe Belastungsfähigkeit bei unangenehmen Reizungen des Körpers erwartet habe. Deshalb werde ich mein möglichstes tun, im Verlauf unserer zukünftigen Zusammenarbeit auf diese Punkte entsprechend Rücksicht zu nehmen.“
Conway brauchte eine Weile, um zu verstehen, daß sich Arretapec bei ihm entschuldigt hatte. Als er das aber endlich begriffen hatte, empfand er die Worte des Arztes als die beleidigendste Entschuldigung, die ihm jemals zu Ohren gekommen war — und dies dem VUXG-Arzt nicht umgehend vorzuhalten, sprach seiner Meinung nach durchaus für seine Selbstbeherrschung. Statt dessen lächelte er nur und bestand darauf, daß alles seine Schuld gewesen sei.
Schließlich begaben sich die beiden wieder zu ihrem Patienten.
Das Innere des alten Transporters war nicht mehr wiederzuerkennen. Anstelle einer Hohlkugel, die von einer Schlammwüste aus Erde, Wasser und Laubwerk bedeckt wurde, stellten drei Viertel der zur Verfügung stehenden Oberfläche eine fast perfekte Reproduktion einer Landschaft des Mesozoikums dar. Trotzdem war nicht alles so, wie Conway es tags zuvor auf den Bildern gesehen hatte, weil sie ein fernes Erdzeitalter nur skizzenhaft veranschaulichen konnten, wohingegen diese Flora von dem Heimatplaneten des Patienten hierher frisch verpflanzt worden war. Dennoch waren die Unterschiede verblüffend gering. Die größte Veränderung war mit dem „Himmel“ vor sich gegangen.
Während man vorher noch bis auf die gegenüberliegende Seite der Hohlkugel hatte sehen können, blickte man jetzt auf einen weißblauen Nebel, in dem eine sehr natürlich wirkende Sonne brannte. Nahezu der gesamte innere Kern der Hohlkugel war mit diesem fast undurchsichtigen Gas angefüllt worden, so daß selbst Eingeweihte sehr scharfer Augen bedurften, um zu erkennen, daß sie sich nicht auf einem echten Planeten befanden, über dem in einem leicht bewölkten Himmel die Sonne schien. Die Ingenieure hatten wirklich ganze Arbeit geleistet.
„Ich hätte nie gedacht, daß eine so genaue und natürliche Rekonstruktion hier möglich gewesen wäre“, sagte Arretapec erstaunt. „Diese neuen Umweltbedingungen sollten sich auf den Patienten äußerst positiv auswirken. Mein Kompliment, Conway.“
Der Saurier, den die Ingenieure aus einem unerfindlichen Grund heraus Emily getauft hatten, zerrte gerade zufrieden an den Blättern eines zehn Meter hohen Palmengewächses. Wie Conway wußte, ließ der Umstand, daß sich der Patient auf trockenem Land aufhielt, anstatt unter Wasser zu weiden, auf seinen Gemütszustand schließen, weil sich der urzeitliche Brontosaurier unweigerlich ins Wasser begab, sobald er sich von Feinden bedroht fühlte — seinem einzigen Zufluchtsort vor Widersachern. Dieser Neobrontosaurier hier schien sich offensichtlich pudelwohl zu fühlen.
„Im Prinzip ist es dasselbe, als wenn man eine neue Station zur Behandlung eines x-beliebigen extraterrestrischen Patienten einrichtet“, bemerkte Conway bescheiden, „der wesentliche Unterschied besteht allein im Umfang der zu verrichtenden Arbeiten.“
„Trotzdem bin ich sehr beeindruckt“, sagte Arretapec.
Erst Entschuldigungen und jetzt Komplimente, dachte Conway spöttisch. Als sie sich Emily genähert hatten und Arretapec ihn erneut ermahnte, sich ruhig zu verhalten, lag die Vermutung nahe, daß die Veränderung im Verhalten des VUXG an der Arbeit der Ingenieure gelegen haben mußte. Da sich der Patient jetzt in einer idealen Umgebung befand, waren die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung wahrscheinlich gestiegen — in welcher Form auch immer diese stattfinden sollte.
Plötzlich verspürte Conway wieder diesen Juckreiz. Wie gewöhnlich begann er tief im rechten Ohr, aber dieses Mal breitete er sich aus und nahm derart an Intensität zu, bis Conway glaubte, sein Kopf sei voll von herumschwirrenden und wild um sich beißenden Insekten. Ihm brach der kalte Schweiß aus, und er erinnerte sich an die Ängste, die er noch am Abend zuvor ausgestanden hatte und wegen der er eigentlich Dr. Mannon hatte aufsuchen wollen. Das hier war keine Einbildung mehr, das war Ernst, vielleicht sogar tödlicher Ernst. In einer panikartigen, ungewollten Bewegung riß er die Hände an den Kopf, wobei er versehentlich die Plastikkugel, in der sich Arretapec befand, zu Boden stieß.
„Sie haben schon wieder gezappelt!“ beschwerte sich der VUXG.
„Es. es tut mir leid“, stammelte Conway. Dann murmelte er etwas Zusammenhangloses vor sich hin, aus dem zu entnehmen war, daß er gehen müsse, weil er etwas Wichtiges und Unaufschiebbares zu erledigen habe, und machte sich verwirrt davon.
Drei Stunden später saß er in Dr. Mannons DBDG-Untersuchungszimmer, wobei der Hund des Arztes ihn abwechselnd ankläffte oder sich auf den Rücken rollte und ihn vergeblich zu animieren versuchte, mit ihm zu spielen. Aber im Gegensatz zu sonst verspürte Conway heute keinerlei Lust, ihn zu kraulen oder gar mit ihm herumzutollen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt seinem ehemaligen Vorgesetzten, der mit gesenktem Kopf die vor ihm auf dem Schreibtisch liegenden Tabellen studierte. Plötzlich blickte der Arzt auf.
„Ihnen fehlt doch gar nichts!“ polterte er in einem herrischen Ton los, den er sich normalerweise für Studenten und Patienten vorbehielt, die er verdächtigte zu simulieren. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Nun, ich bezweifle nicht einmal, daß Sie diese Gefühle wirklich verspüren — Ihre Müdigkeit, den Juckreiz und all das —, aber womit haben Sie eigentlich gerade beruflich zu tun?“