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Prilicla tat etwas sehr Eigenartiges. Die langen, vielgliedrigen Beine fuchtelten wie wild herum und zuckten dabei, als vollführten sie irgendeinen seltsamen rituellen Tanz. Zwei der vier feinfühligen Greifzangen — auf deren geschickte Handhabung sich der Ruf dieser Spezies als hervorragende Chirurgen begründete — vollführten mit irgend etwas höchst komplizierte Dinge, das wie eine eingerollte Plastikfolie aussah. Conway hatte nicht alles genau mitbekommen, aber plötzlich war sein GLNO-Assistent von einer leichten durchsichtigen Hülle umgeben, durch die nur noch die sechs Beine und zwei Greiforgane hervorragten. Der Körper, die verkümmerten Flügel und die beiden anderen Greifzangen, die gerade eifrig damit beschäftigt waren, die Beinöffnungen mit einer Isolierlösung zu besprühen, waren völlig davon umschlossen. Die lockere Hülle blähte sich auf und wurde prall; der Beweis, daß sie luftdicht abschloß.

„Ich wußte nicht, daß Sie.“, begann Conway, und dann keimte plötzlich ein Funken Hoffnung in ihm auf, und er schrie: „Hören Sie, tun Sie genau, was ich Ihnen sage. Sie müssen mir von da hinten einen Schützhelm holen, schnell.“

Aber kaum hatte er dem GLNO diese Anweisung erteilt, schwand seine Hoffnung schon wieder dahin. Sicher konnte Prilicla einen Helm für ihn finden, aber wie sollte es diesem Wesen jemals gelingen, bis zur Schleuse zu gelangen, solange diese wild um sich schlagende Meute auf dem Boden lag? Ein einziger Schlag würde reichen, dem GLNO ein Bein auszureißen oder das empfindliche Ektoskelett wie eine Eierschale zu zertrümmern. Also würde es an Mord grenzen, Prilicla loszuschicken.

Er wollte gerade seine eben erteilte Anweisung zurücknehmen und den GLNO auffordern, hierzubleiben und sich um seine eigene Sicherheit zu kümmern, als Prilicla bereits quer über den Korridor rannte, schräg die Wand hinauflief und schließlich, an der Decke haftend, im Chlornebel verschwand. Conway erinnerte sich, daß viele insektenartige Lebensformen Saugnäpfe unter den Füßen hatten, und er schöpfte wieder genügend Hoffnung, um auch für andere Sinneseindrücke empfänglich zu sein. Direkt hinter ihm befand sich einer der Wandlautsprecher, über die das ganze Hospital informiert wurde, daß die nähere Umgebung der Schleuse sechs kontaminiert sei, während die darunter befindliche Gegensprechanlage rot aufleuchtete und stark verzerrte Geräusche von sich gab: Irgendwer aus der Wartungsmannschaft versuchte herauszubekommen, ob sich jemand in dem kontaminierten Abschnitt aufhielt. Das heranströmende Gas hatte Conway fast erreicht, als er sich das Mikrofon schnappte.

„Sofort Ruhe und hört zu!“ schrie er. „Hier Conway, Schleuse sechs. Zwei FGLIs, zwei DBLFs und ein DBDG mit Chlorvergiftung, noch nicht tödlich. Ein PVSJ, beschädigter Schützanzug, Sauerstoffvergiftung und wahrscheinlich andere Verletzungen, ein.“

Ein plötzlich stechender Schmerz in den Augen zwang Conway, das Mikrofon fallen zu lassen. Er wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen eine luftdichte Tür stieß und sah, wie der gelbe Nebel immer näher herankroch. Von dem, was hinten im Korridor vor sich ging, konnte er jetzt praktisch nichts mehr erkennen, und es schien eine qualvolle Ewigkeit zu dauern, ehe sich über ihm an der Decke die bizarren Umrisse Priliclas abzeichneten.

Der Helm, den Prilicla brachte, war in Wirklichkeit nur eine Maske mit integrierter Sauerstoffversorgung, die nach dem Aufsetzen fest am Haaransatz, an den Wagen und unter dem Kinn haftete. Die Luft reichte nur sehr kurz — etwa für zehn Minuten — aber mit aufgesetzter Maske drohte Conway keine unmittelbare Todesgefahr mehr, und er konnte wieder klar denken.

Als erstes rannte er in die noch immer geöffnete Verbindungsschleuse. Der PVSJ darin lag regungslos auf dem Boden. Seine ganze Haut war mit einem gräulichen Schimmer überzogen, ein Symptom für den Beginn einer speziellen Hautkrebserkrankung. Für die PVSJ-Spezies war Sauerstoff bösartigstes Gift. So vorsichtig wie möglich zog Conway den Illensaner bis in einen Lagerraum der PVSJ-Abteilung direkt hinter der Schleuse. Der Druck in diesem Abschnitt war etwas höher als in den Abteilungen für warmblütige Sauer stoffatmer, so daß die Atmosphäre nach PVSJ-Maßstäben hier einigermaßen „rein“ zu sein schien. Conway schloß hinter sich die Tür und verließ den Lagerraum mit einer Handvoll gewebter Plastiklaken, die in dieser Abteilung anstelle von Bettwäsche benutzt wurden. Vom SRTT war nichts zu sehen.

Wieder im anderen Korridor angekommen, erklärte er Prilicla, was er vorhatte — der Terrestrier, den sie zuvor gesehen hatten, hatte zwar überlebt, indem er sich einen Schützanzug übergestülpt hatte, aber er taumelte heftig keuchend und mit tränenden Augen an den Wänden entlang und war offensichtlich nicht mehr in der Lage zu helfen. Conway kämpfte sich um die nur noch schwach zuckenden oder bewußtlosen Körper herum bis zur Vorkammer der Einlaßschleuse sechs durch und öffnete die Luke. Drinnen hingen an einer Wand mehrere Sauerstoffflaschen. Er nahm zwei aus ihren Halterungen heraus und begab sich mit ihnen wieder in den Vorraum.

Einer der bewußtlosen Körper war von Prilicla bereits mit einem der Plastiklaken bedeckt worden. 1C7°7nway öffnete das Ventil einer Sauerstoffflasche und schob sie unter das Laken, das sich gleich darauf aufblähte, wobei es sich durch die unten ausweichende Luft etwas kräuselte. Sicherlich handelte es sich dabei nur um die simpelst mögliche Form eines Sauerstoffzelts, aber etwas Besseres war in diesem Augenblick nicht zu machen, dachte Conway, und er holte noch mehr Flaschen.

Nach dem drittenmal bemerkte er erste alarmierende Anzeichen, daß sein Luftvorrat zu Ende ging — er schwitzte am ganzen Körper, sein Kopf schien zu zerbersten, und vor den Augen sah er große schwarze Punkte. Es war höchste Zeit, sich die Maske vom Gesicht zu reißen und den Kopf unter eins der Laken zu stecken, um auf das Eintreffen des Rettungskommandos zu warten. Er taumelte ein paar Schritte in Richtung des nächsten zugedeckten Körpers, dann wurde er zu Boden gerissen. Sein Herz hämmerte, seine Lunge brannte, und plötzlich besaß er nicht einmal mehr die Kraft, sich die Maske abzuziehen.

Durch einen Schmerz wurde Conway aus seiner tiefen und seltsam angenehmen Bewußtlosigkeit gerissen — irgend etwas versuchte wiederholt, sich mit aller Gewalt in seine Brust zu graben. Er ertrug den Schmerz solange er konnte, dann öffnete er die Augen und stöhnte: „Aufhören, verdammt. mir fehlt doch nichts!“

Der kräftig gebaute Assistenzarzt, der mit geradezu enthusiastischem Einsatz Conway künstlich beatmet hatte, stellte sich wieder aufrecht hin und sagte: „Als wir hier ankamen, hat unser Freund Daddy Langbein da vorne gesagt, Sie hätten aufgehört, Gefühle mitzuteilen oder so was. Einen Augenblick lang war ich richtig besorgt um Sie — naja, was Ihre Gefühle angeht, sicherlich nur weniger.“ Er grinste und fügte hinzu: „Wenn Sie gehen können und wieder aufnahmefähig sind, will O’Mara Sie sehen.“

Conway grunzte und richtete sich auf. Im Korridor waren Gebläse und Filtergeräte aufgestellt worden, die die Luft binnen kurzem selbst von den letzten Chlorrückständen befreit hatten. Die Verletzten wurden abtransportiert, einige auf Rollbahren mit Sauerstoffzelt, andere auf ihre Retter gestützt.

Conway betastete die wunde Stelle an seiner Stirn, die durch das hastige Abreißen der Maske verursacht worden sein mußte, und atmete ein paarmal tief durch, nur um sicherzugehen, daß der Alptraum der vergangenen. Minuten wirklich ein Ende hatte.

„Vielen Dank auch, Doktor“, sagte er schließlich etwas kleinlaut.

„Keine Ursache, Doktor“, antwortete der Assistenzarzt mit einem Lächeln.

Conway und Prilicla trafen O’Mara im Schulungsraum an, und der Chefpsychologe hielt sich nicht lange mit Vorreden auf. Er bot Conway einen Stuhl an und Prilicla eine Art surrealistischen Papierkorb, dann wetterte er los: „Also, was ist da eigentlich passiert?“