Außer einigen blinkenden Kontrolleuchten am Schulungspult und dem schwachen Lichtkegel der Lampe auf O’Maras Schreibtisch war der Raum völlig dunkel. Alles, was Conway von dem Psychologen sehen konnte, als er ihm die Ereignisse schilderte, waren die kräftigen Hände, die aus den dunkelgrünen Ärmeln hervorragten und das Funkeln der stahlgrauen Augen in dem ansonsten verdunkelten Gesicht. Während Conway sprach, bewegten sich die Hände kein einziges Mal, und die Augen blieben fest auf ihn gerichtet.
Als er mit seiner Schilderung fertig war, seufzte O’Mara und schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Vier unserer besten Diagnostiker haben sich zum besagten Zeitpunkt im Bereich der Schleuse sechs aufgehalten. Wesen, deren Verlust das Hospital kaum verkraften könnte. Ihr rasches Handeln hat wenigstens drei von ihnen das Leben gerettet. Sie sind also zwei richtige Helden.“ Trocken fügte er hinzu: „Aber zu diesem Punkt möchte ich mir lieber weitere Ausführungen dazu ersparen… und ich will Ihnen auch nicht die Schamröte ins Gesicht treiben, indem ich Sie frage, was Sie dort zu diesem Zeitpunkt überhaupt zu suchen hatten.“
Conway räusperte sich verlegen und sagte: „Mir ist es ein Rätsel, warum der SRTT überhaupt derart Amok gelaufen ist. Mir selbst fällt dazu allenfalls die etwas stürmische Begrüßung durch das Empfangskomitee ein, nur würde sich ein intelligentes, zivilisiertes Wesen deshalb nicht gleich so aufführen. Die einzigen Besucher, die w hier zulassen, sind entweder Leute von der Regierung oder Spezialisten, von denen sich allerdings niemand vor dem Anblick einer fremden Lebensform gleich fürchtet. Aber warum sind überhaupt so viele Diagnostiker zu seiner Begrüßung erschienen?“
„Nun, die waren alle dort, weil sie unbedingt sehen wollten, wie ein SRTT eigentlich aussieht, wenn er ausnahmsweise einmal nicht versucht, wie jemand anders auszusehen“, antwortete O’Mara. „Die dadurch gewonnenen Eindrücke hätten ihnen bei einem schwierigen Fall dienlich sein können, an dem sie gerade arbeiten.
Weiterhin können wir bei einer Spezies, die bis vor kurzem völlig unbekannt war, noch nicht einmal erraten, was der Auslöser für ein solches Verhalten gewesen sein könnte. Und sicherlich haben Sie recht, daß wir einen solchen Besuch normalerweise strikt verbieten, aber dieses Mal mußten wir eine Ausnahme machen, weil wir das Elternteil des SRTT hier als Patienten haben — anscheinend ein unheilbarer Fall.“
„Ich verstehe“, murmelte Conway.
In diesem Augenblick stürmte ein Lieutenant des Monitorkorps in den Raum und eilte sofort zu O’Mara hinüber. „Entschuldigen Sie, Sir, aber ich hab einen Hinweis erhalten, der uns möglicherweise bei der Suche nach dem verschwundenen Besucher dienlich sein könnte“, sagte er außer Atem. „Eine DBLF-Schwester hat mir erzählt, sie habe ungefähr zum Zeitpunkt des Unfalls einen PVSJ aus der Gegend kommen sehen. Wie Sie wissen, sind PVSJs für DBLF-Raupen alles andere als hübsch, aber die Schwester hat gesagt, dieses Exemplar habe noch schlimmer als gewöhnlich ausgesehen. Es sei regelrecht mißgebildet gewesen, und zwar so extrem, daß die Schwester sicher war, es müsse sich um einen Patienten mit einer besonders schlimmen Krankheit handeln.“
„Haben Sie schon überprüft, ob wir auch wirklich keinen PVSJ mit den beschriebenen Mißbildungen im Hospital haben?“
„Ja, Sir. Eine solchen Patienten gibt es nicht.“
O’Mara blickte plötzlich grimmig drein, als er sagte: „Sehr gut, Carson. Dann wissen Sie ja, was Sie zu tun haben.“ Dann entließ er den Lieutenant mit einem Nicken.180
Conway war es die ganze Zeit schwergefallen, sich während der Gesprächs zurückzuhalten, und kaum war der Lieutenant gegangen, platzte er los: „Das Wesen, das ich aus der Schleuse hab kommen sehen, hatte Tentakel und. und. jedenfalls sah es nicht wie ein PVSJ aus. Ich weiß natürlich, daß ein SRTT seine körperliche Struktur verändern kann, aber so radikal und in solch kurzer Zeit.?“
O’Mara stand abrupt auf und sagte: „Wir wissen praktisch nichts über diese Spezies — über ihre Bedürfnisse, Fähigkeiten oder emotionalen Verhaltensweisen —, und es ist allerhöchste Zeit, daß wir etwas über sie herausfinden. Ich werde Colinson in der Funkzentrale Feuer unterm Arsch machen, mal sehen, was der herausbekommt; Umweltbedingungen, evolutionärer Hintergrund, kulturelle und soziale Einflüsse und so weiter. Wir können uns keinen Besucher leisten, der hier einfach frei herumirren kann und sich zum Plagegeist entwickelt, und sei es aus reiner Unwissenheit. Aber was ich von Ihnen beiden will ist folgendes“, fuhr er fort. „Achten Sie auf jeden seltsam aussehenden Patienten in Ihrer Abteilung. Lieutenant Carson hat sich sofort, nachdem er hier war, in die Zentrale begeben, um diese Anweisung für alle Mitarbeiter durchsagen zu lassen. Falls Sie auf jemanden stoßen, der unser SRTT sein könnte, nähern Sie sich ihm behutsam. Beruhigen Sie ihn, unterlassen Sie ruckartige Bewegungen und vermeiden Sie, ihn zu verunsichern, indem Sie beide auf einmal auf ihn einreden, und unterrichten Sie mich umgehend.“
Als sie O’Mara verlassen hatten, entschied Conway, den Rundgang durch ihre Abteilung um eine weitere Stunde zu verschieben, da sie zu dieser Arbeitszeit dort sowieso nicht viel unternehmen konnten. Statt dessen führte ihr Weg in den großen Speisesaal, der sämtlichen warmblütigen Sauerstoffatmern des Hospitalpersonals als Kantine diente. Wie üblich war es dort überfüllt, und obwohl der riesige Raum in Abschnitte für die sehr unterschiedlichen Lebensformen unterteilt worden war, hockten, wie Conway sah, an vielen Tischen drei oder vier verschiedene Klassifikationen zusammen — was bei den vorhandenen Sitzgelegenheiten für einige höchst unbequem war —, um miteinander fachsimpeln zu können.
Conway wies Prilicla auf einen freien Tisch hin und beeilte sich, dorthin zu kommen. Doch sein Assistent war mit Hilfe seiner zwar verkümmerten, aber immer noch funktionsfähigen Flügel bereits vor ihm da, wobei er noch gerade rechtzeitig zwei Mechaniker vergraulen konnte, die es auf denselben Tisch abgesehen hatten. Während dieses Fünfzig-Meter-Flüges verdrehten einige den Kopf nach ihm, aber nur kurz, denn die Kostgänger waren im Hospital an weit merkwürdigere Anblicke gewöhnt.
„Ich denke, unser Essen ist zum größten Teil auch für Ihren Metabolismus geeignet“, begann Conway, nachdem er sich hingesetzt hatte. „Aber haben Sie vielleicht irgendwelche Vorlieben?“
Und ob Prilicla welche hatte, und Conway bekam fast einen Brechreiz, als er sie akustisch vernahm. Das schlimmste daran war jedoch nicht die Kombination aus weichgekochten Spaghetti und rohen Karotten, es war die Art, in der der GLNO die Nudeln zu sich nahm, als das Essen serviert worden war. Mit Hilfe der vier emsig arbeitenden Greifzangen flocht Prilicla die Spaghetti zu einer Art Seil zusammen, das er sich entsetzlich schlürfend und würgend in den schnabelartigen Mund stopfte. Gewöhnlich machte Conway so etwas nichts aus, aber bei diesem Anblick drehte sich ihm der Magen um.
Plötzlich hörte Prilicla auf. „Sie stören sich offenbar an meiner Methode der Nahrungsaufnahme“, sagte er. „Ich werde mich lieber an einen anderen Tisch setzen.“
„Nein, nein“, widersprach Conway schnell, wobei ihm klar war, daß der Empath seine Gefühle nachempfunden hatte. „Das wird nicht nötig sein, glauben Sie mir. Aber es gehört hier zu den guten Umgangsformen, daß ein Wesen, wenn es in gemischter Gesellschaft ißt, die gleichen Eßwerkzeuge wie sein Gastgeber oder Chef benutzt. Ehm. glauben Sie, Sie können mit einer Gabel umgehen?“
Und ob Prilicla das konnte, sogar mit vier Gabeln, und Conway hatte noch nie zuvor Spaghetti so schnell verschwinden sehen.
Vom etwas unangenehmen Thema der Nahrungsaufnahme gelang Conway ein relativ ungekünstelter Übergang zu den Diagnostikern im Hospital und dem Schulungsbandsystem, ohne das diese erlauchten Wesen — genaugenommen sogar das ganze Hospital — gar nicht funktionieren könnten.