Diagnostiker genossen im Hospital verdientermaßen den Respekt und die Bewunderung aller, wurden aber auch in gewissem Maße bemitleidet. Ein Schulungsband vermittelte ihnen nämlich nicht nur das Wissen über eine Spezies, ihnen wurde auch die gesamte Persönlichkeit des Wesens, das dieses Wissen besessen hatte, ins Gehirn eingeprägt. Praktisch setzten sich Diagnostiker freiwillig einer höchst drastischen Form multipler Schizophrenie aus, und da sämtliche Alienkomponenten, die in ihren Hirnen herumgeisterten, in jeder Hinsicht unterschiedlich waren, wandten sie häufig nicht einmal dasselbe logische System an.
Ihr einziger gemeinsamer Nenner war das Anliegen aller Ärzte — unabhängig ihrer Größe, Gestalt oder Anzahl der Beine —, nämlich Kranke zu heilen.
Am Nachbartisch saß ein terrestrischer DBDG-Diagnostiker, der sichtlich Mühe hatte, ein perfekt gebratenes Steak mit Genuß zu verspeisen. Conway wußte zufällig, daß dieser Mann gerade mit einem Fall befaßt war, der es erfordert hatte, sich ausgiebiges Wissen über die Tralthaner anzueignen. Durch die permanente Anwendung dieses Wissens bestimmte die Persönlichkeit des Tralthaners, dessen Gehirnströme für das betreffende Schulungsband aufgezeichnet worden waren, nun sein Verhalten. Und Tralthaner ekelten sich vor Fleisch in jedweder Form.
Nach dem Essen führte Conway Prilicla zur ersten der Stationen, für die sie verantwortlich waren. Auf dem Weg dorthin rasselte er unentwegt statistische Daten und Hintergrundinformationen herunter. Das Hospital bestand aus dreihundertvierundachtzig Ebenen und reproduzierte exakt die Umweltbedingungen der achtundsechzig verschiedenen intelligenten Lebensformen, die der galaktischen Föderation gegenwärtig bekannt waren. Dabei wollte Conway mit der unermeßlichen Größe des Hospitals weder prahlen, noch Prilicla einschüchtern, obwohl er außerordentlich stolz darauf war, es in dieser berühmten Einrichtung so weit gebracht zu haben. Es war nun einmal seine Art, sich einem Thema auf Umwegen zu nähern, und er erzählte Prilicla all das nur, weil er sich darum sorgte, wie sich sein Assistent vor all den verschiedenen Umweltbedingungen, mit denen er in Kürze konfrontiert werden würde, schützen könnte.
Aber er hätte sich seine Sorgen sparen können, denn Prilicla demonstrierte ihm, wie die leichte, fast durchsichtige Hülle, die ihm zuvor bei der Einlaßschleuse sechs das Leben gerettet hatte, durch ein kleines Kraftfeld von innen verstärkt werden konnte, wie es sonst im großen Maßstab von interstellaren Schiffen zum Schutz vor Meteoriten benutzt wurde. Falls erforderlich, konnte er die Beine so weit einziehen, bis auch sie von der Hülle umschlossen waren, anstatt — wie bei der Schleuse — aus ihr herauszuragen.
Bevor sie als erstes die AUGL-Neugeborenenstation aufsuchten, weihte Conway während des Umziehens seinen Assistenten in die Krankheitsgeschichte der dort befindlichen Patienten ein.
Ein voll ausgewachsener AUGL gehörte einer ungefähr zwölf Meter langen, eierlegenden, fischähnlichen Spezies mit einem krokodilartigen Panzer an und stammte vom Planeten Chalderescol II, aber die Wesen auf dieser Station waren erst vor sechs Wochen geschlüpft und nur knapp einen Meter lang. Zwei vorherige Bruten derselben Mutter hatten sich — genau wie der jetzige Nachwuchs jn jeder Hinsicht normal entwickelt, und die Jungen schienen bei ausgezeichneter Gesundheit gewesen zu sein, trotzdem waren alle zwei Monate später gestorben. Durch eine anschließend auf ihrem Heimatplaneten durchgeführte Obduktion der Leichen hatte man zwar als Todesursache eine extreme Verkalkung der Knorpel in praktisch jedem Körpergelenk feststellen können, war aber nicht imstande gewesen zu klären, wie es dazu hatte kommen können. Jetzt stand die letzte Brut unter genauer Beobachtung des Orbit Hospitals, und Conway hoffte, daß sich das Schicksal beim drittenmal zum Positiven wenden würde.
„Gegenwärtig schaue ich sie mir täglich an“, sagte er, „und jeden dritten Tag speichere ich ein AUGL-Band und untersuche sie gewissenhaft. Da Sie mir jetzt assistieren, wird das auch zu Ihren Aufgaben gehören. Aber wenn Sie dieses Band gespeichert haben, rate ich Ihnen, es nach der Untersuchung umgehend wieder löschen zu lassen. Es sei denn, Sie wollen unbedingt den Rest des Tages mit der Überzeugung herumlaufen, Sie seien halb Fisch, halb Mensch, wobei Sie sich natürlich entsprechend verhalten würden.“
„Das ist zweifellos eine faszinierende, wenn auch befremdliche Kreuzung zweier Lebewesen“, stimmte Prilicla ihm zu. Der GLNO war jetzt mit Ausnahme von zwei der vier Greifzangen völlig von seinem luftblasenartigen Schützanzug umgeben, den er ausreichend beschwert hatte, damit er beim Schwimmen nicht vom Auftrieb behindert wurde. Als er sah, daß auch Conway bereit war, bediente er die Schleusenautomatik. Noch während sie sich auf die AUGL-Neugeborenenstation begaben — einen großen Tank mit grünem, lauwarmem Wasser — fragte er: „Sprechen die Patienten auf irgendeine Behandlung an?“
Conway schüttelte den Kopf Als ihm einfiel, daß der GLNO die Bedeutung diese Geste wahrscheinlich nicht einzuordnen wußte, sagte er: „Bis jetzt sind wir im Experimentierstadium. Die eigentliche Behandlung hat also noch nicht begonnen. Allerdings hab ich da ein paar Ideen gehabt, die ich aber erst morgen mit Ihnen richtig erörtern kann, sobald wir beide das AUGL-Band gespeichert haben. Jedoch bin ich recht zuversichtlich, daß zwei unserer drei Patienten durchkommen werden — leider wird wohl einer als Versuchskaninchen herhalten müssen, damit die beiden anderen gerettet werden können. So schnell wie die Symptome auftreten, verschwinden sie auch wieder, deshalb möchte ich, daß die Kleinen unter ständiger Beobachtung stehen. Da der kritische Zeitpunkt immer näher rückt, muß das in dreistündigen Intervallen geschehen. Dazu sollten wir einen Zeitplan aufstellen, damit keiner von uns beiden zuviel Schlaf versäumt. Je eher wir die ersten Symptome entdecken, desto mehr Zeit bleibt uns zum Handeln, und umso größer ist die Hoffnung, sie alle drei durchzubringen. Außerdem müssen Sie wissen, daß ich unbedingt einen Hattrick schaffen will.“
Prilicla dürfte ebensowenig wissen, was ein Hattrick ist, dachte Conway, aber der Alien sollte schnell begreifen dürfen, wie er die Gesten und Redewendungen seines Vorgesetzten zu interpretieren hatte. Conway hatte sich seinerzeit auch auf ET-Vorgesetzte einstellen müssen, und er fragte sich einmal mehr, warum bis heute noch niemand ein Band von esoterischen Aliens aufgenommen hatte, das ihm damals als Assistenzarzt sicherlich eine große Hilfe gewesen wäre. Aber das war jetzt nebensächlich. In Wirklichkeit kreisten seine Gedanken nur um ein einziges Thema — er malte sich immer wieder das Bild eines jungen Lebewesens aus, das sich noch fast im embryonalen Stadium befand und dessen sich entwickelndes Ektoskelett — etwa hundert flache Hornplatten, deren flexible Knorpelgelenke Bewegungsfreiheit und Atmung gewährleisteten — zum versteinerten Fossil zu werden drohte und somit zur Todeszelle des darin befindlichen Lebens.
„Wie kann ich Ihnen jetzt am besten assistieren?“ fragte Prilicla und brachte damit Conways Gedanken von der nahen Zukunft schlagartig wieder in die Gegenwart zurück. Der GLNO bestaunte die drei schlanken, stromlinienförmigen Gestalten, die durch den großen Tank schossen, und fragte sich anscheinend, wie man eins der AUGL-Babies lange genug ruhigstellen konnte, um es zu untersuchen. „Die sind aber ganz schön schnell, wie?“ fügte er seiner ersten Frage hinzu.
„Ja, und sehr empfindlich“, sagte Conway. „Außerdem sind sie noch so jung, daß sie überhaupt nichts verstehen. Sie bekommen leicht Angst, und wenn man sich ihnen zu sehr nähert, geraten sie derart in Panik, daß sie so lange durchs Becken schießen, bis sie entweder mit den Kräften am Ende sind oder sich an den Wänden Verletzungen zugezogen haben. Wir müssen schon ein Minenfeld aus Anästhesiekügeln legen.“
Conway erklärte und demonstrierte Prilicla rasch, wie man die wasserlöslichen Anästhesiekugeln verteilen mußte und die schwer einzufangenden Patienten vorsichtig und aus der Distanz in das „verminte“ Gebiet lockte. Zwar wußte Conway bereits, was für ein scharfer Verstand in Prilicla steckte, aber als er später während der Untersuchung der betäubten kleinen AUGLs beobachten konnte, wie sensibel und präzise der GLNO auch mit seinen Greifzangen umzugehen wußte, stieg seine Hoffnung, alle drei AUGL-Babies retten zu können.