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Nachdem sie die warme und für Conway relativ angenehme Umgebung der AUGL-Station verlassen hatten, begaben sie sich auf die hochgradig radioaktive, sogenannte „heiße“ Station ihrer Abteilung. Dieses Mal mußten sie die Patienten mittels ferngesteuerter Greifarme hinter einer sechs Meter dicken Schützwand untersuchen. Es gab aber keinen dringenden Fall auf dieser Station, und bevor sie wieder gingen, machte Conway Prilicla auf die komplizierten Installationen aufmerksam, die rundherum angebracht waren. Wie er ihm erklärte, wurde der Kernreaktor auf der „heißen“ Station von der Wartungsmannschaft gleichzeitig als Lieferant für die Notstromversorgung genutzt.

Die ganze Zeit dröhnten im Hintergrund aus den Wandlautsprechern Durchsagen über die Fortschritte bei der Suche nach dem SRTT-Besucher: Er sei bisher noch immer nicht gefunden worden, aber man möge sich etwas zurückhalten, denn es häuften sich Fälle von Verwechslungen und falschen Verdächtigungen.

Seit dem Verlassen von O’Maras Büro hatte Conway den SRTT praktisch vergessen gehabt, aber bei dem Gedanken, was der entwichene Besucher gerade hier in der Neugeborenenabteilung alles anrichten könnte, bekam er nun doch etwas Angst — gar nicht davon zu reden, was umgekehrt einige der jungen Patienten mit dem SRTT anstellen könnten. Wenn er doch nur mehr über ihn wüßte oder wenigstens irgendeine Vorstellung von den Grenzen seiner Verwandlungskünste hätte. Er beschloß, O’Mara anzurufen.

Als Antwort auf Conways Nachfrage sagte der Chefpsychologe: „Unseren letzten Informationen zufolge hat sich die SRTT-Spezies auf einem Planeten mit einem exzentrischen Orbit um seine Sonne entwickelt. Geologische und klimatische Veränderungen und die damit verbundenen Temperaturschwankungen waren so gewaltig, daß nur eine extrem hohe Anpassungsfähigkeit ein Überleben gewährleisten konnte. Bevor diese Wesen dort eine Kultur entwickelten, bestand ihre Verteidigungsmöglichkeit entweder darin, ein möglichst furchteinflößendes Äußeres anzunehmen oder die physische Gestalt ihrer Angreifer zu kopieren, in der Hoffnung, auf diese Weise nicht entdeckt zu werden. Dieses Anlegen einer Schutztracht wurde zur bevorzugten Methode, Gefahren aus dem Weg zu gehen, und so häufig angewandt, daß diese Metamorphose praktisch nicht mehr dem Willen unterlag. Es gibt noch ein paar Angaben betreffs Gewicht und Größe in den jeweiligen Altersstufen, jedenfalls ist die Lebenserwartung sehr hoch. Nun, diese nicht gerade sehr hilfreichen Angaben, die ich erst vor wenigen Stunden von der Crew des Beobachtungsschiffs erhalten hab, die den Planeten vor kurzem entdeckt hat und sich dort noch immer aufhält, enden damit, daß alles vorher Erwähnte nur zu unserer vorläufigen Information sei. Ach so. außerdem würden diese Wesen nie krank werden.“ O’Mara hielt kurz inne, dann fügte er abfällig hinzu: „Daß ich nicht lache, hahaha.“

„Dem kann ich nur zustimmen“, bemerkte Conway trocken.

„Ein Punkt, der die panikartige Reaktion des SRTT bei seiner Ankunft allerdings erklären könnte“, fuhr O’Mara fort, „ist der Brauch seiner Spezies, daß beim Tod des Elternteils stets das Letztgeborene und nie das Erstgeborene zugegen ist, denn zwischen Letztgeborenen und Eltern besteht eine außergewöhnlich starke emotionale Bindung. Nach Schätzung von Größe und Gewicht müßte unser kleiner Ausreißer ein sehr junger SRTT sein. Natürlich kein Baby mehr, aber ganz bestimmt auch noch kein Erwachsener.“

Conway verarbeitete noch immer die vorhergehenden Informationen, als der Major bereits weiter ausführte: „Was die Grenzen seiner Verwandlungskünste betrifft, würde ich sagen, daß die Methanstation zu kalt und die radioaktive Station zu heiß für ihn ist, ebenso wie das bessere türkische Bad auf Ebene achtzehn, wo aus sämtlichen Rohren extrem heißer Dampf zischt. Bis auf diese paar Ausnahmen hab ich allerdings genausoviel Ahnung wie Sie, wo er letztendlich wiederauftauchen wird.“

„Vielleicht würde es mir weiterhelfen, wenn ich mir diesen SRTT-Elternteil mal ansehen könnte. Wäre das möglich, Sir?“ fragte Conway.

Erst nach einer längeren Pause meldete sich O’Mara wieder. „Wohl kaum. In der unmittelbaren Umgebung dieses Patienten wimmelt es zur Zeit praktisch von Diagnostikern und anderen Kapazitäten. Aber kommen Sie einfach mal zu mir rauf, sobald Sie Ihren Rundgang beendet haben. Ich will sehen, was sich machen läßt.“

„Das wäre sehr nett, Sir“, sagte Conway und unterbrach die Verbindung.

Er verspürte noch immer ein unbestimmtes Unbehagen, was den SRTT betraf, eine dunkle Vorahnung, daß er mit diesem ET-Jügendlichen, diesem größten aller Verwandlungskünstler, noch lange nicht am Ende war. Vielleicht hatten seine gegenwärtigen Pflichten die mütterlichen Instinkte in ihm hervorgekehrt, aber bei dem Gedanken an all das Chaos, das dieser SRTT unter seinen kleinen Schützlingen verursachen könnte, wurde Conway angst und bange — Geräte und Ausrüstung drohten zerstört, wichtige und unaufschiebbare Operationen unterbrochen zu werden. Gar nicht daran zu denken, daß durch unbesonnenes Handeln des SRTT empfindlichere Aliens verletzt oder gar getötet werden könnten.

Da man ihn noch immer nicht aufgespürt hatte, stand eine höchst beunruhigende Tatsache nun fest — nämlich daß der SRTT alt genug war, um zu wissen, wie man Verbindungssdheusen zu bedienen hatte.

Conway versuchte, diese sinnlosen Ängste zu verdrängen, aber ein Gefühl der Beklommenheit blieb zurück. Schließlich begann er, Prilicla über die Patienten, die sie auf der nächsten Station aufsuchen wollten, aufzuklären, sowie ihn in die zu treffenden Schutzmaßnahmen und die anschließenden Kontrollprozeduren einzuweihen.

Auf dieser Station befanden sich achtundzwanzig Kinder der Klassifikation FROB — niedrig gewachsene und ungeheuer kräftige Wesen mit einer Hornhaut wie eine biegsame Panzerplatte. Erwachsene dieser Spezies neigten auf Grund ihrer umfangreicheren Körpermasse dazu, langsam und träge zu sein, die Kinder aber waren überraschend beweglich, obwohl auf ihrer Station — wie auf ihrem Heimatplaneten Hüdlar — vier Ge und ein siebenmal so starker atmosphärischer Druck wie auf der Erde herrschten. Um unter diesen Bedingungen arbeiten zu können, waren schwere Schützanzüge erforderlich, und das untere Stockwerk dieser Station wurde von den Ärzten und dem Pflegepersonal nur im äußersten Notfall aufgesucht. Statt dessen wurden die Patienten zur Visite mit Hilfe eines Krans mit einer speziellen Greif— und Hebevorrichtung in eine Kuppel in der Decke gehievt, wo man sie betäubte, bevor die Greifer gelöst wurden. Das geschah mit einer langen, stahlharten Nadel, die an einer Stelle eingeführt wurde, wo das Vorderbein mit dem Rumpf verbunden war — eine der wenigen weichen Stellen des FROB-Körpers.

„Wahrscheinlich werden Sie eine Menge Nadeln abbrechen, bevor Sie den Dreh raushaben“, sagt Conway. „Aber keine Sorge, den Babies tut das nicht mal weh. Die kleinen Frechdachse sind derart unempfindlich, daß sie nicht einmal zusammenzucken würden, wenn eine Bombe neben ihnen einschlüge.“

Während sie weiter auf die FROB-Station zueilten, schwieg Conway eine Weile — Priliclas sechs vielgliedrige und bleistiftdünne Beine schienen den halben Korridor einzunehmen, standen aber irgendwie nie im Weg. Conway hatte jetzt auch nicht mehr das Gefühl, in unmittelbarer Nähe des GLNO wie auf Eiern gehen müssen oder daß er seinen Assistenten durch bloßes Berühren gleich zerquetschen oder zum Platzen bringen würde. Prilicla hatte seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, sämtliche Körperkontakte, die ihm wahrscheinlich physischen Schaden hätten zufügen können, zu vermeiden, und das auf eine Weise, deren Geschicklichkeit und seltsam anmutende Eleganz Conway mittlerweile imponierten.