Nun, anscheinend kann man sich an alles gewöhnen, dachte er, bevor er fortfuhr: „Um wieder auf unsere dickhäutigen kleinen Freunde zu sprechen zu kommen: Die körperliche Unempfndlichkeit dieser Spezies, besonders im jüngeren Alter, steht allerdings ganz im Gegensatz zu ihrer Anfälligkeit für Infektionen, die durch Bakterien oder Viren übertragen werden. Die notwendigen Antikörper entwickeln sie erst später, und als Erwachsene sind sie geradezu abscheulich gesund, aber im Kindesalter.“
„…holen sie sich jede Krankheit“, ergänzte Prilicla. „Und kaum wird ein neuer Erreger entdeckt, schon haben sie sich angesteckt.“
Conway lachte. „Ich hab ganz vergessen, daß die meisten ET-Hospitale eine bestimmte FROB-Quote aufnehmen und Sie bereits Erfahrungen mit dieser Spezies gemacht haben. Also werden Sie bereits wissen, daß diese Krankheiten für die Kinder zwar nur selten tödlich verlaufen, die Heilbehandlung aber langwierig, kompliziert und nicht sehr dankbar ist, weil sie sich, kaum sind sie auf dem Weg der Besserung, gleich wieder irgend etwas anderes einfangen. Von den achtundzwanzig Patienten auf unserer Station ist keiner ernsthaft erkrankt. Der Grund, weshalb sie hier und nicht in einem Hospital ihres Heimatplaneten sind, ist, daß wir eine Art Universalserum entwickeln wollen, das bei ihnen ein künstliches Immunsystem vor Infektionen hervorruft, wie es sich sonst erst im Erwachsenenalter bildet, und deshalb.“ Conway verstummte plötzlich. „Halt!“ zischte er leise, und es klang wie ein geschrienes Flüstern.
Prilicla blieb wie angewurzelt stehen, seine Beine hatten sich am Boden festgesaugt, und er starrte zusammen mit Conway auf das Wesen, das gerade vor ihnen auf einer Kreuzung aufgetaucht war.
Auf den ersten Blick sah es wie ein Illensaner aus. Der formlose,
stachelige Körper mit den trockenen, raschelnden Membranen, die die oberen mit den unteren Gliedmaßen verbanden, gehörte eindeutig zu einem PVSJ-Chloratmer. Aber dieses Wesen hatte zwei Tentakel als Eßorgane, die von einem FGLI transplantiert worden zu sein schienen, sowie ein pelziges Brustpolster, das eindeutig auf einen DBLF hinwies. Außerdem konnte es in dieser sauerstoffreichen Atmosphäre atmen.
Das mußte der Ausreißer sein!
Sämtlichen anatomischen Gesetzen zum Trotz spürte Conway sein Herz irgendwo in der Gegend der Kehle schlagen, während er in Erinnerung an die strikte Anweisung O’Maras, das Wesen ja nicht zu erschrecken, nach freundlichen und beruhigenden Worten suchte. Aber kaum hatte das Wesen ihn und Prilicla wahrgenommen, rannte es davon, und Conway konnte nur noch ein „Schnell, hinterher!“ rufen.
Sie rannten los und erreichten die Kreuzung gleichzeitig. Dann bogen sie in den Gang ein, in dem der fliehende SRTT verschwunden war, wobei Prilicla wieder flink an der Decke entlangkrabbelte, um nicht unter Conways stampfende Füße zu geraten.
Als Conway sah, was der SRTT vorhatte, vergaß er sämtliche freundlichen und beruhigenden Worte und brüllte nur: „Halt, du Idiot! Geh da bloß nicht rein.“
Der Ausreißer stand vor dem Eingang zur FROB-Station.
Sie erreichten die Schleuse etwas zu spät und konnten nur hilflos durch das Sichtfenster in der Außenluke mit ansehen, wie der SRTT die Innenluke öffnete und von der vierfachen Anziehungskraft, die in der Station herrschte, erfaßt und außerhalb ihres eingeengten Blickfelds zu Boden geschleudert wurde. Danach schloß sich die Innenluke wieder automatisch, und Prilicla und Conway konnten die Außenluke öffnen und die Schleuse betreten.
Conway quälte sich verzweifelt in den schweren Schützanzug hinein, der hier in der Schleusenkammer stets für ihn bereitlag, dann stellte er den G-Gürtel schnell auf die für diese Station erforderliche Abstoßung ein. Ähnliches unternahm Prilicla derweil mit seiner eigenen Ausrüstung. Während Conway noch einmal dijepJDichtungen und Verschlüsse seines Anzugs überprüfte und sich über diesen — zugegebenermaßen äußerst notwendigen — Zeitverlust beklagte, erblickte er durch das Beobachtungsfenster der Innenluke etwas, das ihn erschaudern ließ.
Die pseudoillensanische Gestalt des SRTT lag wie festgenagelt am Boden. Sie zuckte leicht, und eins der größeren FROB-Babies stapfte bereits auf sie zu, um dieses merkwürdig aussehende Ding genauer in Augenschein zu nehmen. Dabei mußte es mit einem seiner großen, spachtelähnlichen Füßen auf den liegenden SRTT getrampelt sein, denn dieser zuckte zurück und begann sich schnell und auf wundersame Weise zu verwandeln. Die dünnen, membranartigen Gliedmaßen des PVSJ schienen mit dem Rumpf zu verschmelzen, der wieder die knochige, echsenartige Gestalt mit den bedrohlich aussehenden hornigen Tentakeln annahm, die Conway und Prilicla schon bei der Einlaßschleuse sechs gesehen hatten. Dies war offenbar die furchteinflößendste Erscheinung, die der SRTT annehmen konnte.
Aber der kleine FROB besaß etwa die fünffache Körpermasse seines Gegenübers und war alles andere ängstlich. Er senkte seinen kräftigen Kopf und stieß damit zu. Der SRTT flog fünf Meter quer durch den Raum und krachte gegen die Wandverkleidung. Der FROB wollte spielen.
Beide Ärzte hatten die Schleuse mittlerweile verlassen und befanden sich nun auf der Plattform, von der man einen weit besseren Überblick hatte. Die Annahme der echsenartigen Form mit den Tentakeln hatte unter diesen erschwerten Vier-Ge-Bedingungen auf dieses Monsterbaby überhaupt keine abschreckende Wirkung gehabt, und der SRTT versuchte etwas anderes.
Der FROB hatte sich ihm wieder genähert und schaute fasziniert zu.
„Können Sie den Kran bedienen, Doktor? Gut. Dann fangen Sie an“, forderte Conway seinen Assistenten auf. Und während Prilicla über die Plattform zum Kontrollpult in der Kuppel trippelte, stellte Conway seinen G-Gürtel auf minus vier Ge ein und rief: „Ich werde Sie von unten dirigieren.“ Dann stieß er sich ab und schwebte schwerelos nach unten.
Conway war für das FROB-Baby kein Fremder — sehr wahrscheinlich mochte es diese winzige Gestalt nicht oder war von ihr einfach nur gelangweilt, da ihr einziges Spiel darin bestand, es mit Nadeln zu stechen, während es von etwas Großem und Kräftigem festgehalten wurde, und trotz Conways wilder Gesten und Schreie beachtete es ihn jetzt nicht. Aber das Interesse der anderen kleinen Patienten auf dieser Station wurde plötzlich geweckt, allerdings galt ihre Aufmerksamkeit allein dem sich stetig verwandelnden SRTT.
„Nein!“ schrie Conway entsetzt, als er erkannte, in was sich der Besucher verwandeln wollte. „Nein! Um Himmels willen, hör auf damit! Verwandle dich sofort zurück…!“
Aber es war zu spät. Die ganze Station schien auf den SRTT loszustampfen. Es ging wie in einem Tollhaus zu, und aus dem Gewirr aus begeisterten Aufschreien und knurrendem Gejohle drangen über den Translator die Stimmen der älteren Babies durch: „Ein Püppchen! Ein Püppchen! Ein kleines Püppchen.!“
Um nicht niedergetrampelt zu werden, stieß sich Conway nach oben ab und blickte auf die tobende FROB-Masse hinunter. Dabei gewann er die feste und unangenehme Überzeugung, daß der bedauernswerte SRTT diesem Leben Ade gesagt haben mußte. Aber er irrte.
Der Alien hatte es irgendwie geschafft, das Spießrutenlaufen durch die Reihen stampfender Füße und stupsender Köpfe zu überstehen, indem er sich fest unten gegen die Wand gepreßt hatte. Leicht lädiert tauchte er wieder auf, aber noch immer in der Gestalt, die er in der irrigen Annahme, eine winzige FROB-Version würde ihm Sicherheit gewähren, chamäleonartig angenommen hatte.
„Schnell! Den Kran!“ rief Conway.
Aber Prilicla hatte nicht geschlafen. Die mächtigen Greifer des Krans hingen bereits offen über dem benommenen und sich nur langsam bewegenden SRTT, und als Conway gerufen hatte, fielen sie sofort herunter und fuhren wieder krachend zusammen. Conway hielt sich an einer der Stahltrossen fest, und während sie gemeinsam nach oben gehievt wurden, redete er dem SRTT gut zu. „Du bist jetzt in Sicherheit. Bleib ganz ruhig. Ich bin hier, um dir zu helfen.“