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O’Mara erklärte ihm rasch, daß die SRTT-Spezies eine sehr lange Lebenserwartung hatte und sich auf hermaphroditischem Wege in sehr großen Abständen und unter großen Schmerzen vermehrte, also Zwitter waren. Aus diesem Grund herrschte zwischen den Erwachsenen und Kindern dieser Spezies eine starke emotionale Bindung und, was unter den gegenwärtigen Umständen noch wichtiger war, eine eiserne Disziplin. Außerdem konnte man als fast gesichert annehmen, daß ein SRTT stets bemüht war, bei jeder x-beliebigen Verwandlung die Sprech— und Hörorgane beizubehalten, um mit seinen Artgenossen weiterhin sprechen zu können.

Einer der Erwachsenen auf dem Heimatplaneten sollte nun ein paar generelle Bemerkungen aufnehmen, die an Jugendliche gerichtet waren, welche sich gegen ihr besseres Wissen schlecht benahmen. Sobald dieses Band in das Orbit Hospital übermittelt worden war, würde man es über die Lautsprecher in den Gängen und Korridoren abspielen, und könnte so den an Gehorsam gegenüber Älteren gewöhnten Ausreißer vermutlich zur Räson bringen.

„Und so sollten wir auch diese kleine Krise in den Griff bekommen“, sagte O’Mara an Conway gewandt, nachdem er den Kommunikator ausgeschaltet hatte. „Mit etwas Glück haben wir unseren Besucher binnen weniger Stunden unter Kontrolle. Ihr Problem wäre damit erledigt, und Sie können sich wieder in Ruhe Ihrer Arbeit widmen.“

Der Psychologe verstummte, als er Conways Gesichtsausdruck sah, dann fragte er leise: „Gibt es etwa noch mehr?“

Conway nickte fast schuldbewußt, und auf seinen Assistenten deutend, sagte er: „Doktor Prilicla hat noch etwas entdeckt, und zwar durch Empathie. Wie Sie wissen, befindet sich der Patient in einem furchtbaren psychischen Zustand — Kummer um sein sterbendes Elternteil; der Schrecken, der ihm bei der Schleuse sechs in die Glieder gefahren ist, als alle auf ihn einstürmten; und jetzt mußte er sich auch noch in der FROB-Kinderstation übel zurichten lassen. Er ist noch jung und unreif, und diese Erlebnisse haben ihn auf eine Entwicklungsstufe zurückgeworfen, wo er nur noch instinktiv wie ein Tier reagiert und. ehm.“ — Conway benetzte sich die trockenen Lippen — „…hat eigentlich mal jemand nachgerechnet, wann der SRTT zum letztenmal etwas gegessen hat?“

Die letzte Frage verfehlte bei O’Mara nicht die Wirkung. Er wurde plötzlich blaß und griff wieder nach dem Mikrofon. „Geben Sie mir noch mal Skempton, schnell.! Skempton.? Colonel, ich will nichts überdramatisieren, aber würden Sie bitte das Chiffriergerät benutzen, das mit Ihrem Apparat verbunden ist? Es ist nämlich eine weitere Komplikation aufgetreten.“

Sich abwendend überlegte Conway, ob er noch einen kurzen Blick auf den sterbenden SRTT werfen oder lieber gleich in seine Abteilung zurückgehen sollte. Prilicla hatte zuvor auf der FROB-Kinderstation bemerkt, daß sich der Ausreißer gegenwärtig nicht nur in einem Zustand äußerster Verwirrung befand, sondern auch starke Hungergefühle ausstrahlte. Erst durch Priliclas Weitervermittlung dieser Erkenntnisse war zunächst Conway und dann O’Mara und Skempton klargeworden, zu welch einer tödlichen Gefahr der Besucher geworden war. Nach Conways Meinung benahmen sich die meisten Jugendlichen fast jeder Spezies notorisch selbstsüchtig, brutal und unzivilisiert, und von zunehmenden Hungeranfällen geplagt, würde sich dieser bestimmt in einen Kannibalen verwandeln. In seinem geistig verwirrten Zustand würde der junge SRTT wahrscheinlich nicht einmal mehr wissen, was er angerichtet hatte, aber den betroffenen Patienten wäre das sicherlich egal.

Wenn nur die Mehrheit seiner Patienten nicht so klein und wehrlos wäre. und womöglich auch noch schmackhaft.

Andererseits konnte ein Blick auf den älteren SRTT nicht schaden. Vielleicht würde ihm auf diese Weise eine Methode einfallen, wie man den Ausreißer in den Griff bekommen könnte — mit seiner Neugierde an diesem Fall hatte das natürlich überhaupt nichts zu tun.

Um den Patienten im Tank besser sehen zu können, drängte er sich ein Stück vor, wobei er vergeblich bemüht war, den vor ihm stehenden terrestrischen Arzt nicht anzurempeln, der ihm gerade die Sicht versperrte.

Der Mann drehte sich verärgert um und beschwerte sich: „Warum steigen Sie mir nicht gleich auf den Rücken.? Ach, Sie sind’s, Conway! Sie sind bestimmt hier, um dem ganzen Expertengerangel noch ein paar wilde Spekulationen hinzuzufügen, stimmt’s?“

Es war Mannon, der Arzt, der früher Conways Vorgesetzter gewesen war. Mittlerweile war er Chefarzt und auf dem besten Weg, den Status eines Diagnostikers zu erlangen. Gleich nach Conways Ankunft im Hospital hatte sich Mannon mit ihm angefreundet, und er hatte mehrere Male in Conways Hörweite geäußert, er habe nun mal ein weiches Herz für streunende Hunde, Katzen und Assistenzärzte. Gegenwärtig durfte er höchstens drei Schulungsbänder im Gehirn gespeichert haben — das eines tralthanischen Spezialisten für Mikrochirurgie, und zwei von Chirurgen der LSVO— und MSVK-Spezies —, so daß seine Reaktionen die meiste Zeit des Tages recht menschlich ausfielen. Im Augenblick beobachtete er gerade mit hochgezogenen Augenbrauen Prilicla, der in der hinteren Reihe herumhüpfte.

Conway erzählte Mannon von dem aufrichtigen Charakter und der hohen Bildung seines neuen Assistenten, bis dieser sagte: „Das reicht, mein Freund, das hört sich ja wie ein unverlangtes Empfehlungsschreiben an. Aber im Ernst — etwas Feingefühl und diese empathische Fähigkeit Ihres Assistenten wird Ihnen bei Ihrer gegenwärtigen Aufgabe eine große Hilfe sein. Das garantiere ich Ihnen. Allerdings finde ich, daß Sie es ziemlich häufig mit seltsamen Mitarbeitern zu tun haben — schwebende Pflaumenknödel, Dinosaurier, Insekten. Sie müssen zugeben, das sind doch allesamt sehr eigentümliche Wesen. Nur bei dieser einen Schwester von Ebene dreiundzwanzig, da haben Sie zugegebenermaßen ausnahmsweise mal einen wirklich guten Geschmack bewiesen.“

„Sind bei diesem Fall schon irgendwelche Fortschritte erzielt worden, Sir?“ fragte Conway, um auf das eigentliche Thema des Gesprächs zurückzukommen. Mannon war der netteste Mensch auf der Welt, aber er hatte die schreckliche Angewohnheit, Leute gerne aufzuziehen, und sei es zu den unmöglichsten Gelegenheiten.

„Nein“, sagte Mannon, „und das mit den wilden Spekulationen hab ich eben durchaus ernst gemeint. Uns allen fällt nichts Besseres ein. Wir kommen einfach nicht weiter. Gewöhnliche Diagnosetechniken versagen völlig. Schauen Sie sich das Ding doch bloß mal an!“

Mannon machte einen Schritt zur Seite, um ihm den Blick frei zu machen, und der leichte Druck, den Conway auf den Schultern verspürte, verriet ihm, daß sich Prilicla an ihm aufstützte, um auch etwas sehen zu können.

Das Wesen in dem Tank sah unbeschreiblich aus, und das aus dem einfachen Grund, weil es offenbar versucht hatte, verschiedene Gestalten auf einmal anzunehmen, als sein Auflösungsprozeß bereits begonnen hatte. Es besaß sowohl tentakelartige Gliedmaßen als auch welche mit Gelenken und hatte stachlige, schrumplige und ledrige Hautstellen, sowie Andeutungen von Kiemen und Mundöffnungen — das Ganze war ein makabres Durcheinander. Dennoch lagen die physiologischen Details offen zutage, weil die ganze schlaffe Masse aufweichte und wie eine Wachsfigur, die man zu lange der Hitze ausgesetzt hatte, zerfloß. Der Körper des Patienten sonderte unaufhörlich Flüssigkeit ab, die auf den Boden des Tanks tröpfelte, wo sich das Wasser sammelte und bereits über zehn Zentimeter hoch stand.

Conway schluckte und sagte: „Setzt man die Anpassungsfähigkeit, die körperliche Widerstandsfähigkeit und die Immunität gegen Infektionen dieser Spezies in ein Verhältnis zu dem verheerenden körperlichen Zustand dieses Wesens, möchte ich meinen, daß das Problem sehr wahrscheinlich psychologischer Natur ist.“