Выбрать главу

„Nichts wie rein!“ schrie Conway aufgeregt. „Wir müssen den Kerl da raustreiben, bevor er.“

Aber Prilicla machte keinerlei Anstalten, mit jenen körperlichen Verrenkungen zu beginnen, an deren Ende er normalerweise von einer Schutzhülle umgeben war. „Ich hab eine interessante Veränderung hinsichtlich der Qualität seiner emotionalen Ausstrahlung festgestellt“, sagte der GLNO. „Zwar empfindet er immer noch Angst und Verwirrung und auch ein übermächtiges Hungergefühl.“

„Der hat Hunger.?“ platzte Murchison entsetzt dazwischen, denn erst jetzt war ihr klargeworden, in welch tödlicher Gefahr sich die Patienten befanden.

„…aber da ist noch etwas anderes“, fuhr Prilicla ungerührt fort, „das ich nur als ein hintergründiges Wohlgefühl bezeichnen kann, verbunden mit demselben Drang nach Auflösung, den ich eben bei seinem Elternteil festgestellt hab. Wie es zu diesem plötzlichen Wandel gekommen ist, kann ich mir allerdings nicht erklären.“

Conway aber dachte an seine drg0 kleinen Patienten und an den SRTT,

der allmählich die Gestalt eines Raubfisches annahm, und er sagte nur ungeduldig:

„Wahrscheinlich, weil seit den letzten Ereignissen auch seine Zurechnungsfähigkeit vermindert ist, und vielleicht fühlt er sich im Wasser einfach etwas wohler.“

Plötzlich hielt er inne, denn seine Gedanken überschlugen sich zu schnell, um sie in Worte zu fassen oder gar in eine logische Reihenfolge zu bringen. Vielmehr war es ein wirres Sammelsurium aus Tatsachen, Erfahrungen und wilden Vermutungen, das in seinem Kopf brodelte, sich aber plötzlich zu einem unglaublich ruhigen und sehr klaren Bild verdichtete. Er hatte die Antwort!

Conway war sich sicher, daß die hyperintelligenten Ärzte und Diagnostiker auf der Beobachtungsstation nur deshalb noch nicht darauf gekommen waren, weil sie nie in Gegenwart eines empathischen Assistenten dabeigewesen waren, wenn ein junger SRTT, der vor Angst und Kummer kurz vor dem Wahnsinn stand, plötzlich in die lauwarme, grüne Tiefe eines AUGL-Tanks hineintauchte.

Wenn ein intelligentes, reifes und seelisch komplexes Wesen zunehmend in unangenehme und schmerzliche Situationen gerät, die von Mal zu Mal heftiger werden, ist die Folge davon häufig eine Flucht aus der Realität. Zuerst kommt das Bemühen, sich in die glücklichen Tage der unbeschwerten Kindheit zurückzuziehen, dann — sobald sich diese Zeit in der Erinnerung nicht halb so sorgenfrei und unkompliziert darstellt, wie erhofft — erfolgt der ultimative Rückzug in den Mutterleib und in den starren, geistlosen Zustand der Katatonie.

Aber für einen reifen SRTT war dieser embryonale Zustand der Katatonie nicht leicht zu erreichen. Bedingt durch die spezieseigene Fortpflanzungsmethode, fand er sich nämlich als Ungeborenes nicht in der warmen, unbewußten Geborgenheit des Mutterschoßes wieder, sondern als ein Bestandteil des reifen, erwachsenen Körpers seines Elternteils. Folglich war er aufgefordert, sich an den Anpassungs— und Entscheidungsprozessen zu beteiligen, die dieser Elternteil zu durchlaufen hatte, zumal der gesamte SRTT-Körper, jede einzelne Zelle, das Bewußtsein bildete und bei einem Lebewesen, dessen Zellen beliebig austauschbar waren, jedwede Form der geistigen Trennung unmöglich war.

Wie sollte man ein Glas Wasser trennen, ohne etwas davon in ein anderes Gefäß zu gießen?

Durch seinen angegriffenen Geisteszustand sähe sich der SRTT gezwungen, sich immer weiter zurückzuziehen, wobei er feststellen müßte, daß er bei seinen Bemühungen, in den nicht existenten Mutterleib zurückzukehren, nur an einer endlosen Kette von Veränderungen und Anpassungen teilgenommen hatte. Er würde weit, weit zurückgehen müssen, bis er schließlich jenen geistlosen Zustand erreicht hatte, nach dem er sich sehnte, und sein Verstand, der untrennbar vom Körper war, zu dem warmen Wasser wurde, in dem es von den Einzellern wimmelte, aus denen er sich ursprünglich entwickelt hatte.

Conway kannte jetzt die Ursache für den langsamen Auflösungsprozeß des tödlich erkrankten SRTT-Elternteils auf der Beobachtungsstation drei. Mehr noch, er glaubte sogar, einen Lösungsweg aus diesem furchtbaren Schlamassel gefunden zu haben. Wenn er sich nur auf die Tatsache stützen könnte, daß — wie es bei den meisten anderen Spezies der Fall war — ein komplexer und ausgereifter Geist schneller erkrankte als ein noch nicht vollständig entwickelter, junger Verstand.

Er nahm nur verschwommen wahr, wie er zum Kommunikator ging und erneut O’Mara anrief und wie Schwester Murchison und Prilicla näher an ihn herantraten, während er sprach. Dann wartete er eine Weile auf O’Maras Antwort, was ihm wie eine Ewigkeit vorkam, aber der Chefpsychologe mußte die Informationen erst einmal verarbeiten, um reagieren zu können.

„Eine geniale Theorie, Doktor“, sagte O’Mara schließlich mit unverhohlener Bewunderung. „Mehr noch als das — ich würde sogar behaupten, daß genau das mit unserem Patienten hier vor sich geht. Das mit der Theorie können Sie also streichen. Schade ist nur, daß unser neues Wissen über diese Vorgänge dem Patienten nichts nützt.“ „Ich hab auch schon darüber nachgedacht“, unterbrach Conway ihn aufgeregt, „und so, wie ich es sehe, ist der Ausreißer jetzt das dringendste Problem. Wenn er nicht bald eingefangen und gebändigt wird, kann das zumindest für das Personal und die Patienten in meiner Abteilung ernsthafte Folgen haben. Schon aus rein technischen Gründen hat sich Ihre Idee, ihn per Bandeinspielung durch Drohungen in seiner eigenen Sprache zur Räson zu bringen, bislang leider nicht als sehr erfolgreich erwiesen.“

„Na, das ist sogar noch freundlich ausgedrückt.“, warf O’Mara selbstkritisch ein.

„…aber wenn wir diese Idee dahingehend umwandeln, daß das erkrankte Elternteil auf sein Kind beruhigend einredet, könnte das den erwünschten Erfolg haben. Wenn wir also erst den alten SRTT heilen.“

„Den SRTT heilen! Was, zum Teufel, glauben Sie, haben wir die letzten drei Wochen hier wohl getan?“ wollte O’Mara aufgebracht wissen. Als ihm aber allmählich dämmerte, daß Conway weder gescherzt, noch sich bewußt dumm angestellt, sondern seinen Vorschlag todernst gemeint hatte, forderte er ihn auf weiterzureden.

Und das tat Conway. Als er fertig war, war aus dem Lautsprecher zunächst nur ein tiefer, langer Seufzer zu hören, aber dann sagte O’Mara aufgeregt: „Gut, ich glaube, Sie haben die Antwort gefunden, und wir werden es trotz des Risikos, das Sie erwähnt haben, versuchen.“ Plötzlich klang seine Stimme wieder fest und entschlossen. „Sie leiten die ganze Aktion, Doktor. Schließlich wissen Sie besser als jeder andere, was Sie vorhaben. Und nehmen Sie den DBLF-Ruheraum auf Ebene neunundfünfzig — er liegt in der Nähe Ihrer Abteilung und kann schnell evakuiert werden. Wir werden uns ins Kommunikationsnetz einschalten, damit es hier zu keinen Verzögerungen kommt, und die Spezialgeräte, die Sie haben wollen, werden binnen einer Viertelstunde im DBLF-Ruheraum sein. Also können Sie jederzeit anfangen.“

Bevor die Leitung unterbrochen wurde, hörte Conway, wie O’Mara bereits Anweisung gab, daß sich das gesamte Personal der Neugeborenenabteilung — sämtliche 2Angehörige des Monitorkorps und des zivilen Mitarbeiterstabs — in der AUGL-Schleuse den Doktoren Conway und Prilicla zur Verfügung zu stellen hätte. Und kaum hatte sich Conway vom Kommunikator abgewandt, füllte sich die Schleuse bereits mit grünuniformierten Monitoren.

Irgendwie mußte der junge SRTT in den DBLF-Ruheraum getrieben werden, der zu dessen eigenem Wohl in aller Eile zu einer hinterhältigen Falle umgebaut wurde. Der erste Schritt dazu war, ihn aus der AUGL-Station herauszulocken. Diese Aufgabe wurde von zwölf Monitoren durchgeführt, die schwitzend und fluchend in ihren dicken Taucheranzügen Jagd auf den Ausreißer machten, bis sie ihn in eine Ecke gedrängt hatten, wo ihm nur noch die Eingangsschleuse als Fluchtmöglichkeit blieb.

Conway, Prilicla und eine andere Monitorgruppe erwarteten den SRTT bereits draußen auf dem Korridor, als der SRTT aus der Schleuse kam. Jeder einzelne hatte sich spezielle Kleidung angelegt, die ihm Schutz vor den sechs verschiedenen Umweltbedingungen bot, mit der sie es während der Jagd auf den kleinen Ausreißer zu tun haben könnten.