Schwester Murchison hatte auch mitkommen wollen — sie möchte unbedingt bis zum Schluß dabeisein, hatte sie gesagt. Conway hatte sie aber schroff zurechtgewiesen, daß es gefälligst ihre Aufgabe sei, die drei AUGL-Patienten im Auge zu behalten, und wenn sie sich nicht daran halten würde, könne sie ihn einmal von einer anderen Seite kennenlernen.
Im nachhinein bedauerte er es, ausgerechnet vor Schwester Murchison derart die Beherrschung verloren zu haben, aber seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Falls seine Idee, die er gegenüber O’Mara noch so begeistert vertreten hatte, nicht funktionieren sollte, dann bestand die große Wahrscheinlichkeit, daß es demnächst zwei anstatt einen unheilbar kranken SRTT-Patienten im Hospital geben würde — und „bis zum Schluß dabeisein“, wie es Murchison ausgedrückt hatte, wäre in dem Fall eine zwar makabre, aber wohl zutreffende Formulierung gewesen.
Der Ausreißer hatte erneut eine Verwandlung vorgenommen — ausgelöst durch einen dem Willen kaum unterliegenden Verteidigungsmechanismus, der in diesem Fall durch die äußere Gestalt seiner Häscher in Gang gesetzt worden war —, und zwar wieder in inen Menschen. Durchnäßt wie ein Schwamm, lief er den Korridor entlang, wobei seine Beine wie Gummi waren und an den falschen Stellen einknickten. Die schuppige, gräuliche Pelle, die er im AUGL-Tank entwickelt hatte, kräuselte sich und zuckte, bis sie sich schließlich glättete und das fleischfarbene Rosa menschlicher Haut und das Weiß eines Arztkittels annahm. Conway konnte den Anblick sämtlicher Aliens ertragen, ohne innere Qualen zu leiden, selbst wenn diese an den furchtbarsten Krankheiten litten, aber bei dem Anblick dieses SRTT, der im Laufen versuchte, ein Mensch zu werden, fiel es ihm schwer, das letzte Essen im Magen zu behalten.
Alle wurden völlig davon überrascht, daß durch einen Hakenschlag des SRTT die Jagd plötzlich in einem MSVK-Korridor weiterging. Die Folge war, daß die Verfolger vor der Innenluke der Verbindungsschleuse zusammenstießen und in Zeitlupe übereinanderpurzelten. Die MSVKs waren dreibeinige, leicht an Störche erinnernde Wesen, die eine äußerst geringe Anziehungskraft benötigten, an die sich DBDGs wie Conway nicht so schnell gewöhnen konnten. Aber während Conway noch immer langsam zu Boden trudelte, waren die Monitore dank ihres Raumfahrttrainings rasch wieder auf den Beinen, und der SRTT wurde zurück in die Sauerstoffabteilung getrieben.
Zu Conways großer Erleichterung hatte diese Aktion nur wenige, anstrengende Minuten gedauert, denn wegen des schwachen Lichts und des fast undurchdringlichen Nebels, den die MSVKs als Atmosphäre bezeichneten, hätte sich die Suche nach dem SRTT innerhalb der MSVK-Station schwierig gestaltet, sobald er außer Sichtweite geraten wäre. Und Conway mochte gar nicht daran denken, welche Folgen das in dieser entscheidenden Phase gehabt hätte.
Der DBLF-Ruheraum lag nur wenige Minuten entfernt, und der SRTT steuerte jetzt direkt darauf zu. Das Wesen verwandelte sich erneut, dieses Mal in etwas Niedriges, Schweres, das sich auf allen vieren fortbewegte. Es schien sich dabei zusammenzuziehen, zu verdichten, und allmählich bildete sich dabei so etwas wie ein Rückenpanzer heraus. Der SRTT befand sich immer noch in diesem Zustand, als plötzlich zwei Monitore, laut brüllend und wild mit den Armen fuchtelnd, aus einem Seitengang hervorsprangen und ihn mit den Füßen in den Korridor trieben, der zum Ruheraum führte.
…aber in dem Korridor war niemand!
Conway fluchte entsetzlich. Ein halbes Dutzend Monitore hätte dort bereitstehen sollen, um dem SRTT den Weg zu versperren! Anscheinend war die Aktion bis hierher so zügig verlaufen, daß sie ihre Positionen noch nicht eingenommen hatten. Wahrscheinlich waren sie noch im Ruheraum, um die Geräte aufzustellen, und der SRTT würde direkt an der Tür vorbeigehen.
Doch hatte Conway bei seiner Überlegung Priliclas schnell schaltenden Verstand und dessen noch agileren Körper nicht mit einkalkuliert, denn sein Assistent mußte die Situation im selben Augenblick wie er erkannt haben. Der kleine GLNO flitzte den Korridor entlang, überholte im Höllentempo den SRTT, wobei er sich die Decke hinaufgeschwungen hatte, und als er genügend Vorsprung hatte, ließ er sich wieder auf den Boden fallen.
Conway wollte ihn schon warnen, ihm zurufen, daß ein zerbrechlicher GLNO keine Chance besaß, ein Wesen zu verscheuchen, das mittlerweile die Merkmale einer äußerst beweglichen, gepanzerten Riesenkrabbe angenommen hatte. Dann aber sah er, was sein Assistent vorhatte.
Etwa zehn Meter vor dem fliehenden SRTT stand in einer Nische eine Elektrobahre, und Conway sah, wie Prilicla schlitternd neben ihr zum Stehen kam, den Startknopf drückte und weiterrannte. Diese Aktion seines Assistenten war keineswegs so tollkühn, wie es zunächst den Anschein hatte, sondern geistesgegenwärtig durchdacht, und das allein zählte unter diesen Umständen.
Die Bahre setzte sich unkontrolliert in Bewegung, eierte quer durch den Korridor und versperrte dem heranstürmenden SRTT den Weg. Es gab ein metallisches Krachen, und gleich darauf stiegen gelbe und schwarze Rauchwolken hoch; die starken Antriebsakkus waren zerstört worden und hatten sich kurzgeschlossen. Noch bevor die Ventilatoren die Luft einigermaßen gereinigt hatten, war jden Monitoren gelungen, sich rings um den benommenen und fast regungslosen Ausreißer zu scharen und ihn in den Ruheraum zu treiben.
Kurz darauf kam ein Offficer des Monitorkorps auf Conway zu, wobei er mit einer Kopfbewegung auf das merkwürdige Gerätesortiment deutete — das erst vor wenigen Minuten in aller Eile hierhergebracht worden war und nun ordentlich gestapelt im Raum verteilt lag —, und er zeigte auf die grünuniformierten Männer, die mit dem Rücken zur Wand standen und alle zur Mitte des großen Raums blickten, wo sich der SRTT langsam im Kreis drehte und nach einer Flüchtmöglichkeit suchte.
Der Offficer platzte offensichtlich vor Neugier, aber seine Stimme klang äußerst zurückhaltend, als er sagte: „Ich nehme an, Sie sind Doktor Conway. Was sollen wir als nächstes für Sie tun?“
Conway führ sich mit der Zunge über die Lippen. Bis jetzt hatte er über diesen entscheidenden Augenblick noch nicht viel nachgedacht, allenfalls geglaubt, sein Vorhaben würde ihm leichtfallen, weil der SRTT für das ganze Hospital zur Gefahr geworden war und besonders in seiner Station so viele Probleme verursacht hatte. Aber jetzt begann ihm der junge Ausreißer leid zu tun. Schließlich war er noch ein Kind, das durch eine unglückliche Verstrickung von Kummer, Ahnungslosigkeit und Panik den Verstand verloren hatte. Falls sich seine Vermutung als falsch herausstellen sollte, dann.
Conway schüttelte die Selbstzweifel und das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit ab und sagte in einem für ihn ungewöhnlich schroffen Befehlston: „Sie sehen dort diesen Plagegeist in der Mitte des Raums. Ich will, daß er zu Tode erschreckt wird!“
Natürlich mußte er nähere Angaben machen, aber die Monitore begriffen schnell, worum es ging, und setzten die ihnen zur Verfügung stehenden Geräte und Lärmutensilien mit viel Phantasie und Begeisterung ein. Conway erkannte Ausrüstungsgegenstände aus der Kommunikationszentrale und den diversen Großküchen und selbst aus der Klimaanlage, die nun allesamt zweckentfremdet wurden. Es gab schrille Pfeifen und heulende Sirenen von ungeheurer Lautstärke und so einfache Dinge wie zwei Topfdeckel, die gegeneinandergeschlagen wurden. Zu diesem furchterregenden Radau gesellten sich die nicht weniger markerschütternden Schreie der Männer, die diese Lärminstrumente bedienten.
Daß der SRTT Angst bekam, war zwar offensichtlich — Prilicla hielt Conway über den emotionalen Zustand des Ausreißers die ganze Zeit auf dem laufenden —, aber anscheinend war ihm der Schrecken noch nicht genug in die Glieder gefahren.