„Aus dem Wenigen, was uns an Wissen zur Verfügung stand, haben Sie wirklich hervorragende Schlüsse gezogen, Doktor“, bemerkte O’Mara mit unverhohlener Anerkennung. „Mein Kompliment.“
In diesem Augenblick wurde die Unterhaltung durch den Kommunikator unterbrochen. Schwester Murchison wollte Conway sprechen. Sie berichtete ihm, daß bei den drei AUGLs erste Symptome von Verknöcherungen der Knorpelgelenke aufgetreten seien und er umgehend kommen müsse. Conway forderte für sich und Prilicla sofort ein AUGL-Band an und unterrichtete die Umstehenden von der Dringlichkeit des Falls. Als die Diagnostiker und Chefärzte daraufhin allmählich den Raum verließen, dachte Conway ein wenig enttäuscht, daß Murchisons Anruf ihm möglicherweise den größten Moment in seinem Leben verdorben hatte.
„Machen Sie sich nichts draus, Doktor“, sagte O’Mara vergnügt, der anscheinend wieder einmal seine Gedanken hatte lesen können. „Wäre der Anruf fünf Minuten später gekommen, wäre bei all dem Lob, das Sie erhalten hätten, Ihre Brust womöglich so stolzgeschwellt gewesen, daß Sie nicht einmal mehr durch die Tür gepaßt hätten.“
Zwei Tage später hatte Conway seinen ersten und einzigen Disput mit Dr. Prilicla. Er bestand darauf, daß ohne die Hilfe von Priliclas empathischer Fähigkeit — ein fürwahr unglaublich genaues und nützliches Diagnosemittel — und Murchisons Wachsamkeit die Heilung aller drei AUGLs niemals möglich gewesen wäre.
Der GLNO hingegen stellte fest, daß es ihm zwar völlig gegen den Strich gehe, den Ansichten seines Vorgesetzten zu widersprechen, Conway sich aber in diesem Fall total irre.
Murchison bemerkte nur, sie freue sich, geholfen haben zu können, und bat Conway um ein paar freie Tage.
Conway bewilligte ihr den Kurzurlaub, dann setzte er den Streit mit Prilicla fort, obwohl er wußte, daß er keine Chance hatte, diesen jemals zu gewinnen.
Dabei wußte er wirklich, daß er die AUGL-Kinder ohne die Hilfe des kleinen Empathen niemals hätte retten können — wahrscheinlich nicht einmal eins. Aber er war nun mal der Chef — und wenn ein Chef und sein Untergebener etwas erfolgreich zu Ende führen, scheint die Anerkennung generell nur dem Chef zu gelten.
Der Streit, wenn das der richtige Ausdruck für eine im Wesen freundschaftliche Auseinandersetzung war, dauerte Tage an. Auf den Neugeborenenstationen ging die Arbeit gut von der Hand, und es gab keine ernsthaften Probleme, über die sie sich die Köpfe hätten zerbrechen müssen. Allerdings wußten sie weder etwas von dem Schiffswrack, das gerade zum Orbit Hospital abgeschleppt wurde, noch von dem einzigen Überlebenden, der sich darin befand.
Und was Conway zudem nicht wissen konnte, war, daß binnen der nächsten zwei Wochen das gesamte Hospitalpersonal nur noch verächtlich über ihn reden würde.
Fünfter Teil Ein Schiffbrüchiger Der Monitorkreuzer Sheldon tauchte etwa achthundert Kilometer vom Orbit Hospital entfernt in den Normalraum ein. Das Wrack, das der eigentliche Anlaß seines Kommens war, wurde dabei innerhalb des Kraftfelds der Hypergeneratoren sanft am Rumpf gehalten. Aus dieser Entfernung wirkte die gewaltige, hellerleuchtete Konstruktion, die im interstellaren Raum am Rande der Galaxis schwebte, auf den Captain des Monitorkorps nur wie ein verschwommenes Lichtermeer, zumal er mit den Gedanken ganz woanders war, denn er hatte eine wichtige Entscheidung zu treffen. Irgendwo innerhalb des Wracks, das er geborgen hatte, befand sich ein Überlebender, der dringend ärztlicher Hilfe bedurfte. Aber der Handlungsspielraum des Captains war eingeschränkt, denn wie jeder gute Monitor machte er sich Gedanken über mögliche Auswirkungen auf unschuldige Beteiligte — in diesem Fall das Personal und die Patienten des größten Hospitals der Galaxis.
Er nahm sofort Kontakt mit der Funkzentrale des Orbit Hospitals auf und erklärte die Situation. Von dort wurde ihm versichert, man werde sich umgehend um die Angelegenheit kümmern. Da das gesundheitliche Wohlergehen des Überlebenden jetzt in kompetenten Händen lag, entschied sich der Captain, die Untersuchung des Wracks, das jeden Augenblick vor seinen Augen zu explodieren drohte, nun mit klarem Kopf wiederaufzunehmen.
Conway saß unbehaglich auf einem an sich sehr behaglichen Sessel in O’Maras Büro und sah über den riesigen, unaufgeräumten Schreibtisch hinweg in das scharfkantige Gesicht des Chefpsychologen.
„Jetzt beruhigen Sie sich erst mal, Doktor“, begann O’Mara etwas unvermutet, denn offenbar hatte er Conways Gedanken lesen können. „Wenn Sie hier wären, weil ich Ihnen von hoher Stelle einen Rüffel erteilen soll, hätte ich Ihnen ein Nagelbett als Sitzgelegenheit angeboten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich bin nämlich statt dessen beauftragt worden, Ihnen kräftig auf die Schulter zu klopfenie sind befördert worden, Doktor.
Herzlichen Glückwunsch. Sie sind ab sofort, und der Himmel stehe uns bei, ein richtiger Chefarzt.“
Bevor Conway sich äußern konnte, hob der Psychologe warnend die Hand und fuhr fort: „Meiner Meinung nach war das ein haarsträubender Fehler. Aber anscheinend hat Ihr Erfolg mit dem sich auflösenden SRTT und Ihre Rolle bei der Behandlung des schwebenden Dinosauriers die da oben mächtig beeindruckt — die glauben doch tatsächlich, es hätte etwas mit Ihrem Können zu tun gehabt, und nicht, daß es reine Glückssache war. Was mich angeht“, merkte er grinsend an, „würde ich Ihnen nicht einmal meinen beschissenen Blinddarm anvertrauen.“
„Sie sind wirklich immer wieder zu freundlich, Doktor“, bemerkte Conway trocken.
O’Mara grinste erneut. „Was erwarten Sie denn? Lob? Meine Aufgabe ist es, die Leute auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, und nicht, sie abheben zu lassen. Aber ich sollte Ihnen erst mal eine Minute Zeit geben, Ihren frisch erlangten Ruhm innerlich zu verdauen.“
Conway wußte die Beförderung sehr wohl zu schätzen und auch, was das in Zukunft für ihn zu bedeuten hatte. Er freute sich wirklich, zumal er nie damit gerechnet hatte, innerhalb der nächsten zwei Jahre zum Chefarzt ernannt zu werden — aber er verspürte auch etwas Angst.
Von nun an würde er eine Armbinde mit rotem Rand tragen und wie die anderen Chefärzte und Diagnostiker in den Fluren und Gängen und Kantinen vor allen anderen Vorrang haben und sämtliche Ausrüstung oder Hilfe erhalten, die er anforderte. Allerdings trug er damit auch die volle Verantwortung für die ihm anvertrauten Patienten, ohne sich davor drücken oder den Schwarzen Peter weitergeben zu können. Seine persönliche Freiheit würde dadurch stark eingeschränkt sein. Außerdem müßte er Schwestern unterrichten, Assistenzärzte ausbilden und mit ziemlicher Sicherheit an einem langfristigen Forschungsprojekt mitarbeiten. Diese Aufgaben machten es erforderlich, wenigstens eins, vielleicht sogar zwei Physiologiebänder fast permanent im Kopf gespeichert zu haben. So eine Beförderung hatte also durchaus ihre Schattenseiten. Chefärzte, die regelmäßig unterrichteten, waren sogar verpflichtet, ein oder zwei dieser Bänder stets gespeichert zu haben, und wie Conway wußte, war das alles andere als ein Vergnügen. Das einzig Tröstliche war, daß es ihm nicht ganz so schlimm ergehen würde wie einem Diagnostiker, der der geistigen Elite des Hospitals angehörte und eines jener seltenen Wesen war, deren Psyche und Verstand als ausreichend stabil erachtet wurde, permanent sechs, sieben oder gar zehn Bänder gleichzeitig im Kopf zu haben. Ihren mit Daten vollgestopften Hirnen oblag in erster Linie die Aufgabe, medizinische Grundlagenforschung zu leisten und neue Krankheiten bislang unbekannter Lebensformen zu diagnostizieren und zu behandeln.