Conway vernahm im Kopfhörer ein kurzes, schweres Seufzen, dann fuhr der Lieutenant fort: „Deshalb haben wir uns gezwungen gesehen, vor jedem Schott, auf das wir getroffen sind, erst einmal eine Schleuse zu errichten. Sollte sich auf der anderen Seite eine Atmosphäre befinden, wenn wir uns durchschweißen, wird der Druckabfall auf diese Weise nur geringfügig sein. Das ist natürlich eine sehr zeitaufwendige Geschichte, aber es gibt leider kein Schnellverfahren, durch das die Sicherheit des Aliens nicht gefährdet wäre.“
„Dann müssen eben mehr Bergungstrupps eingesetzt werden“, schlug Conway vor. „Falls Sie auf Ihrem Schiff nicht genügend Leute haben, können wir welche vom Hospital kommen lassen. Das würde den Zeitaufwand erheblich verkürzen.“
„Nein, Doktor!“ unterbrach ihn Hendricks energisch. „Was glauben Sie, warum wir wohl achthundert Kilometer vom Hospital entfernt in Position gegangen sind? Es gibt Hinweise, daß im Wrack noch ein gewaltiger Energievorrat gelagert ist. Und bevor wir nicht wissen, wie und wo er gespeichert ist, müssen wir sehr umsichtig vorgehen. Natürlich wollen wir den Alien retten, aber wir haben eigentlich nicht vor, mit ihm zusammen in die Luft zu fliegen. Hat man Ihnen davon im Hospital nichts gesagt?“
Conway schüttelte den Kopf. „Vielleicht wollten die nicht, daß ich mir unnötig Sorgen mache.“
Hendricks lachte. „Das will ich auch nicht. Im Ernst, die Wahrscheinlichkeit einer Explosion ist verschwindend gering, — vorausgesetzt, wir treffen die geeigneten Vorsichtsmaßnahmen. Aber wenn wir hier überall Leute mit Schweißgeräten herumschwirren lassen, die das ganze Wrack auseinandernehmen, dann ist eine Katastrophe so gut wie gewiß.“
Während der Lieutenant geredet hatte, waren sie durch zwei weitere Kabinen und einen kurzen Korridor gegangen. Conway fiel auf, daß die Innenausstattung jeder Kabine eine unterschiedliche Farbzusammenstellung hatte. Die Spezies des Überlebenden mußte also, jedenfalls nach der Innendekoration zu urteilen, höchst individuelle Geschmacksauffassungen haben.
„Und wann werden wir Ihrer Meinung nach bis zu dem Überlebenden vorgedrungen sein?“ fragte er den Monitor.
Das sei eine einfache Frage, die allerdings eine lange und komplizierte Antwort erfordere, gestand Hendricks fast reumütig. Der Alien hatte seine Anwesenheit durch Geräusche kundgetan, oder genauer gesagt, durch die Schwingungen, die seine Bewegungen im Schiff verursacht hatten. Der Zustand des Schiffs und der Umstand, daß seine Bewegungen von unregelmäßiger Dauer waren und immer schwächer wurden, machten es aber unmöglich, seinen Aufenthaltsort mit Sicherheit zu bestimmen. Zur Zeit arbeitete man sich auf den Mittelpunkt des Wracks zu, weil man dort noch am ehesten einen unzerstörten und luftdichten Kabinenabschnitt vermutete. Wegen des Krachs und der Vibrationen, die der Bergungstrupp dabei bereits verursachte, hatte man irgendwelche spätere Bewegungen des Überlebenden leider nicht mehr registrieren können.
Alles in allem dürfte es noch drei bis sieben Stunden dauern, meinte Hendricks.
Und gleich nachdem man mit dem Alien Kontakt bekommen hatte, dachte Conway, würde er von dessen Atmosphäre zunächst Proben nehmen, sie dann analysieren und schließlich reproduzieren müssen. Außerdem galt es, die für den Alien erforderlichen Druck— und Schwerkraftverhältnisse zu ermitteln, ihn für den Transport ins Hospital vorzubereiten und vorläufig ärztlich zu versorgen, bis man ihn dort angemessen behandeln konnte.
„Das ist viel zu lang!“ wandte Conway erschrocken ein. Man konnte kaum damit rechnen, daß der Alien in seinem angeschlagenen Zustand so lange überleben würde. „Wir werden ein Notquartier vorbereiten müssen, ohne unseren Patienten wirklich gesehen zu haben — anders geht’s nicht. Also, wir werden folgendes machen.“
Er erteilte sofort die Anweisung, einen Teil des Bodenbelags herausreißen zu lassen, um die darunter befindlichen Schwerkraftgitter freizulegen. Von technischen Dingen verstehe er selbst nicht soviel, sagte er dem Lieutenant, aber bestimmt könne er, Hendricks, eine ungefähre Schätzung der Ausgangsleistung der Gitter vornehmen. Sämtliche raumfahrenden Spezies der Galaxis wandten dieselbe und einzig bekannte Methode an, die Schwerkraft zu neutralisieren; sollte die Spezies des Überlebenden eine andere Methode anwenden, könnten sie ihren Rettungsversuch sowieso auf der Stelle abbrechen.
„Nahrungsproben, Größe und Energieverbrauch der künstlichen Schwerkraftgitter, sowie Atmosphärereste, die in irgendwelchen Rohrleitungen eingeschlossen sind, lassen auf die physischen Eigenschaften einer jeden Spezies schließen. Wenn wir genug Informationen darüber zusammenbekommen, könnten wir die Umweltbedingungen dieses Aliens schon vor seiner Entdeckung auf der Fähre reproduzieren.“
„Einige dieser herumschwebenden Gegenstände hier sind doch bestimmt Nahrungsbehälter“, warf Kursedd ein.
„Güte Idee“, stimmte Conway ihr zu. „Aber als erstes müssen wir eine Atmosphäreprobe nehmen und analysieren. Auf diese Weise bekommen wir eine ungefähre Vorstellung von seinem Metabolismus. Dann wird es uns leichter fallen festzustellen, in welcher dieser Dosen Farbe und in welcher Honig ist.“
Gleich darauf war die Suche nach der Luftzufuhr in vollem Gang. Wie Conway wußte, hatten Raumschiffe notgedrungenermaßen eine große Anzahl verschiedenster Rohrleitungen, aber die ungeheuer vielen Rohre, die in diesem Wrack selbst durch die kleinsten Räume verliefen, verblüfften ihn schon durch ihre Komplexität. Ihr Anblick rief vage Erinnerungen in ihm wach, aber entweder funktionierten seine Assoziationszentren zur Zeit nicht richtig, oder der optische Reiz war einfach zu schwach, um etwas damit zu verbinden.
Conway und die beiden anderen gingen von der Voraussetzung aus, daß, wenn auf diesem Schiff eine Kabine durch luftdichte Schotts abgedichtet werden konnte, dann auch die Zuleitungsrohre, die den jeweiligen Abschnitt mit Luft versorgten, durch Ansaugventile an den Aus— und Eintrittsstellen unterbrochen sein mußten. Das Auffinden eines Rohrabschnitts, der Atmosphäre enthielt, schien also nur eine Frage der Zeit zu sein. Aber in einigen dieser Rohre waren auch Steuerleitungen und Stromkabel verlegt, von denen das ein oder andere noch intakt sein konnte. Folglich mußte jede dieser Rohrleitungen bis zu einer Bruch— oder anderen Schadensstelle zurückverfolgt werden, um schließlich immer wieder nur festzustellen, daß sie nicht zum Luftzufuhrsystem gehörte. Es war ein langes und ermüdendes Eingrenzungsverfahren, und dieses mechanische Puzzle, an dessen schnellen Lösung das Leben des Patienten hing, brachte Conway innerlich immer mehr in Rage. Er wünschte sich nichts mehr, als daß der Bergungstrupp, der sich in die Mitte des Wracks vorkämpfte, endlich Kontakt zu dem Überlebenden bekam, nur damit er sich wieder seiner eigentlichen Arbeit als ein, wie er meinte, durchaus fähiger Arzt widmen konnte, anstatt hier wie ein Ingenieur mit zwei linken Händen agieren zu müssen.
Zwei Stunden waren bereits verstrichen, und sie hatten die Möglichkeiten auf ein einziges dickes Auslaßrohr eingegrenzt, das allerdings gleich sieben verschiedene Zuleitungen hatte!
„Ein Wesen, das sieben verschiedene Chemikalien benötigt.“, stöhnte Hendricks, um gleich darauf verblüfft zu verstummen.
„Nur ein Rohr führt den Hauptbestandteil“, sagte Conway. „Die anderen sechs müssen die notwendigen Spurenelemente oder Gasanteile enthalten wie etwa der Wasserstoff oder die Kohlendioxide in unserer eigenen Atmosphäre. Wenn sich diese Einlaßventile, die Sie an jedem der Rohre sehen können, nicht geschlossen hätten, als der Druck in dieser Kabine abfiel, hätten wir an deren Einstellung feststellen können, welche Menge von welchem Gas durch jede Zuleitung in das Hauptrohr gelangt ist.“