Einen Moment lang glaubte Conway, die Antwort gefunden zu haben. In den verborgensten Winkeln seines Gehirns formte sich ganz allmählich ein verschwommenes und noch konturenloses Bild. das gewaltsam und komplett ausgelöscht wurde, als Hendricks aufgeregte Stimme plötzlich in seinem Kopfhörer schepperte.
„Doktor, wir haben den Alien gefunden!“
Als Conway kurz darauf beim Lieutenant war, sah er, daß bereits eine transportable Luftschleuse aufgestellt worden war. Hendricks und die Männer des Bergungstrupps unterhielten sich untereinander mit gegeneinandergehaltenen Helmen, um so den Funk nicht unnötig zu belasten. Aber der schönste Anblick von allen war für Conway der straff gespannte Stoff der Schleuse.
Drinnen herrschte also Druck.
Hendricks sagte plötzlich über Funk: „Sie können hineingehen, Doktor. Da wir ihn jetzt gefunden haben, können wir die Tür ganz normal öffnen, anstatt uns weiter durchschweißen zu müssen.“ Er deutete auf den straffen Stoff und fügte hinzu: „Der Druck da drinnen beträgt nur etwas mehr als eine Atmosphäre.“
Das war allerdings nicht viel, dachte Conway, eingedenk der Tatsache, daß der Alien normalerweise unter Fünf-Ge-Bedingungen lebte und zu einer solch mörderischen Anziehungskraft ein ungeheurer Luftdruck gehörte. Er hoffte nur, daß der Druck ausgereicht hatte, den Alien am Leben zu erhalten. Nach dem Unfall mußte seiner Meinung nach Luft ausgetreten sein, wodurch sich der Druck in dem hinter der mobilen Schleuse befindlichen Raum allmählich verringert hatte, aber vielleicht hatte sich der Körper des Aliens genügend an die neuen Verhältnisse anpassen können.
„Lassen Sie sofort eine Atmosphäreprobe zu Kursedd bringen“, ordnete Conway an. Wenn man die Zusammensetzung kannte, würde es ein Leichtes sein, den Druck in der Fähre für einen Transport des Verunglückten entsprechend anzupassen. „Und ich will, daß sich Männer bei der Fähre bereithalten. Wir werden Spezialausrüstung benötigen, um den Überlebenden dort herauszuholen, und es könnte sein, daß ich die Geräte dann sehr schnell brauche.“
Gemeinsam mit Hendricks bestieg Conway die winzige Schleuse. Der Lieutenant überprüfte, ob der Verschluß der äußeren Schleusentür dicht war und öffnete dann die innere. E narrendes Geräusch von Conways Anzug wies auf den zunehmenden Druck hin, als von der anderen Seite Luft hereinströmte. Es handelte sich dabei um klare Luft, wie er befriedigt feststellte, und nicht um den superdichten Nebel, den Kursedd vorausgesagt hatte. Schließlich bediente Hendricks den manuellen Öfffnungsmechanismüs der Tür zu dem Raum, in der sich der Alien befand. Die einst luftdichte Schiebetür glitt ein Stück zur Seite, blieb kurz hängen, als der vom Schweißen noch immer heiße Teil in einer Aussparung verschwand, und öffnete sich schließlich ganz.
„Betreten Sie den Raum nur dann, wenn ich Sie rufe“, befahl Conway leise und ging hindurch. Im Kopfhörer war ein zustimmendes Knurren von Hendricks zu vernehmen, und gleich darauf verkündete Kursedd, daß sie sämtliche Geräusche aufzeichne.
Der erste Anblick eines neuen physiologischen Typs hinterließ bei Conway zunächst immer einen verwirrenden Eindruck. Fast zwangsläufig versuchte er, die physischen Merkmale des betreffenden Aliens mit anderen, ihm bekannten Lebensformen in Verbindung zu bringen. Und ob er mit dieser Methode nun Erfolg hatte oder nicht, so nahm dieser Vorgang doch immer eine gewisse Zeit in Anspruch.
„Conway!“ meldete sich O’Mara entrüstet. „Sind Sie eingeschlafen?“
Er hatte O’Mara, Summerfield und die Funker, die noch immer mit ihm in Verbindung standen, völlig vergessen. Er räusperte sich verlegen und begann schnell zu berichten: „Bei dem Alien handelt es sich um ein kreisförmiges, annähernd reifenähnliches Wesen. Der Gesamtdurchmesser des Rings beträgt ungefähr drei Meter, die Dicke zwischen gut einem halben und einem Meter. Es hat etwa die vierfache Körpermasse eines Menschen. Bislang kann ich weder irgendwelche Bewegungen feststellen, noch irgendwelche Anzeichen von ernsthaften Verletzungen.“
Er atmete tief durch, dann fuhr er fort: „Die glänzende und graue Haut ist glatt, allerdings an vielen Stellen mit einer dicken, bräunlichen Krustenbildung überzogen. Das braune Gewebe, von dem mehr als die Hälfte der gesamten Hautfläche bedeckt ist, sieht krebsartig aus, könnte aber auch eine natürliche Tarnung oder die Auswirkung starken Druckabfalls sein.
Auf der äußeren Oberfläche des Rings sitzt eine Doppelreihe relativ kurzer, tentakelartiger Gliedmaßen, die zur Zeit flach am Körper anliegen. Es gibt fünf Paare davon, und ich kann keine Anzeichen irgendwelcher Spezialisierung erkennen. Ich entdecke auch keine Sehorgane oder Organe zur Nahrungsaufnahme. Ich werde mir den Alien jetzt näher ansehen.“
Es gab keinerlei sichtbare Reaktion, als er sich der Kreatur näherte, und er fragte sich, ob sie bereits zu spät gekommen waren. Und es gab auch noch immer keine Hinweise auf Augen oder einen Mund, aber er erkannte kleine kiemenartige Öffnungen und etwas, das wie ein Ohr aussah. Er streckte eine Hand vor und streichelte sanft über eins der fest angelegten Tentakelglieder.
Das Wesen schien zu explodieren.
Conway wurde rückwärts zu Boden geschleudert. Sein rechter Arm war von dem Schlag wie betäubt, und hätte er keinen schweren Anzug getragen, wäre ihm das Handgelenk zerschmettert worden. Verzweifelt überprüfte er die Einstellung des G-Gürtels, um noch fester am Boden zu haften, und kroch dann rückwärts zur Tür zurück. Aus dem Stimmengewirr in seinem Kopfhörer kristallisierten sich allmählich zwei Hauptfragen heraus: Warum er so geschrien habe und was dieser gegenwärtige Lärm zu bedeuten hätte.
„Ich. ehm. hab feststellen müssen, daß unser Überlebender tatsächlich überlebt hat“, sagte er mit zitternder Stimme.
Hendricks, der alles beobachtet hatte, gab einen würgenden Laut von sich und stellte mit fast ehrfürchtiger Stimme fest: „Ich glaube kaum, daß ich jemals etwas Lebendigeres gesehen hab.“
„Jetzt kommen Sie endlich zur Sache!“ funkte O’Mara wütend dazwischen. „Was geht da eigentlich vor?“
Die Frage war schwer zu beantworten, dachte Conway, während er das reifenähnliche Wesen beobachtete, das sich halb rollend, halb hüpfend durch die Kabine fortbewegte. Der körperliche Kontakt hatte bei dem Überlebenden eine Panikreaktion ausgelöst, und während beim erstenmal eindeutig Conway der Auslöser dafür gewesen war, schien jetzt jede Berührung — ganz gleich ob mit einer Wand, dem Boden oder lose im Raum herumschwebendem Gerumpel — dasselbe zu bewirken. Die fünf kräftigen, flexiblen Tentakelpaare schossen in einem Bogen von einem knappen Meter Länge mit voller Wucht hervor, und das Wesen schnellte erneut quer durch den Raum, wobei sämtliche Gliedmaßen des massiven Ringkörpers blindlings in alle Richtungen ausschlügen.
Conway hatte sich gerade in die mobile Schleuse gerettet, als durch eine glückliche Kombination verschiedenster Umstände der Alien in der Mitte des Raums hilflos in der Luft hängenblieb, wobei er sich langsam um die eigene Achse drehte und eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einer der alten Raumstationen aufwies. Aber dann schwebte er wieder auf eine der Wände zu, und Conway mußte dringend etwas unternehmen, bevor der Alien erneut wie wild herumzuhopsen begann.
Ohne zunächst auf O’Mara einzugehen, gab er rasch einige Anweisungen. „Wir werden ein engmaschiges Netz der Größe fünf und eine Plastikhülle benötigen, die wir über ihn stülpen, und einen Satz Pumpen. In seinem gegenwärtigen Zustand können wir uns von ihm keine Zusammenarbeit erhoffen. Sobald er gebändigt ist und in der Hülle steckt, müssen wir sie mit seiner Atmosphäre vollpumpen. Das sollte reichen, bis wir ihn in der Fähre haben. Kursedd muß bis dahin alles vorbereitet haben. Und jetzt brauche ich sofort das Netz!“