Wie eine an einen so hohen Druck gewöhnte Spezies in einer solch ausgedünnten Atmosphäre eine derartige Aktivität entfalten konnte, war Conway ein Rätsel.
„Kursedd, was macht die Analyse?“ fragte er plötzlich.
Die Antwort ließ so lange auf sich warten, daß Conway bereits annahm, die Schwester hätte ihr Funkgerät abgeschaltet. Aber schließlich sagte die Translatorstimme der Schwester: „Ich bin gerade fertig damit. Die Atmosphäre in dem Raum, in dem sich der Überlebende aufhält, ist so zusammengesetzt, daß Sie, wenn Sie Ihren Helm abnehmen würden, darin atmen könnten, Doktor.“
Und das ist nun der verrückteste Widerspruch von allen, dachte Conway völlig verdutzt. Wie er wußte, mußte Kursedd genauso von den Socken sein, und plötzlich lachte er. Nicht, weil es bei der Schwester gleich vierunddreißig Socken gewesen wären, sondern weil er sich vorstellte, wie ihr Pelz auf diese überraschende Erkenntnis reagiert haben könnte.
Nach sechs Stunden mühevoller Kleinarbeit war der Überlebende gegen seinen heftigen Widerstand auf die Station 310B gebracht worden, einen kleinen Beobachtungsraum mit direkt anschließendem OP, der zur chirurgischen DBLF-Hauptstation gehörte. Bis jetzt war sich Conway nicht einmal sicher, ob er die Gesundheit des Aliens überhaupt wiederherstellen oder ihn nicht lieber umbringen wollte. Und nach den spitzen Bemerkungen von Kursedd und den Monitoren während des Transports hierher zu urteilen, hegten sie zunächst ähnliche Gefühle.
Conway begann mit der Voruntersuchung, die er trotz der Behinderung durch das Fangnetz so gründlich wie möglich durchführte, und beendete sie schließlich mit der Entnahme von Blut— und Gewebeproben, die er, mit einem Dringlichkeitsvermerk versehen, in die Pathologie bringen ließ. Kursedd brachte die Proben selbst dorthin, anstatt sie der Rohrpost anzuvertrauen, weil die Mitarbeiter in der Pathologie notorisch farbenblind zu sein schienen, jedenfalls dann, wenn es um rote Aufkleber mit der Aufschrift „ÄUSSERST DRINGEND“ ging. Schließlich ordnete er an, von dem Patienten Röntgenaufnahmen zu machen, und ließ Kursedd zur Beobachtung des Patienten zurück. Dann begab er sich zu O’Mara.
Als er dem Chefpsychologen Bericht erstattet hatte, sagte O’Mara: „Der schwierigste Teil wäre damit erledigt. Aber ich nehme an, Sie wollen, daß der Patient bis zum Schluß der Behandlung in Ihrer Obhut bleibt, oder?“
„Ich. ich weiß nicht recht“, druckste Conway herum.
O’Mara runzelte die Stirn. „Wenn Sie das nicht wollen, dann sagen Sie’s gefälligst! Ich dulde keine Unentschlossenheit und erst recht keine Ärzte, die zaudern.“
Conway atmete tief durch die Nase, dann sagte er langsam und mit überbetonter Deutlichkeit: „Ich will den Patienten weiter behandeln. Die von mir geäußerten Zweifel rühren nicht von meiner Unentschlossenheit her, sondern beziehen sich auf Ihre irrige Annahme, daß der schwierigste Teil bereits erledigt sei. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Ich hab eine Voruntersuchung vorgenommen, und sobald die Testergebnisse eingetroffen sind, werde ich wahrscheinlich morgen eine zweite, gründlichere Untersuchung vornehmen. Wenn möglich, möchte ich, daß die Doktoren Mannon und Prilicla, Colonel Skempton und Sie selbst daran teilnehmen.“
O’Mara zog verdutzt die Augenbrauen hoch und spöttelte: „Na, da haben Sie aber eine höchst merkwürdige Auswahl getroffen, Doktor. Würden Sie mir denn auch verraten, wozu Sie uns brauchen?“
Conway schüttelte den Kopf. „Das möchte ich jetzt lieber noch nicht tun.“
„Na gut, wir werden da sein“, willigte O’Mara gezwungen freundlich ein. „Und ich nehme erst einmal zurück, daß Sie ein Zauderer sind, denn da Sie mir hier die ganze Zeit nur etwas vorgenuschelt und vorgegähnt haben, hab ich allenfalls die Hälfte von dem, was Sie mir erzählt haben, verstehen können. Jetzt verschwinden Sie endlich, und hauen Sie sich aufs Ohr, Doktor, bevor ich Ihnen eins über den Schädel zieh.“
Erst jetzt merkte Conway, wie müde er war, und er stellte fest, daß sein vermeintlich fester und nicht überhasteter Schritt, den er gegenüber Schwester Kursedd erwähnt hatte, eher an ein müdes Schlurfen erinnerte.
Am nächsten Morgen verbrachte er zunächst zwei Stunden allein mit seinem Patienten, ehe er die Konsultation einberief, um die er O’Mara gebeten hatte. Alles, was er bislang herausgefunden hatte — und das war nicht viel —, verdeutlichte nur, daß für den Alien nichts Konstruktives getan werden konnte, ohne hochqualifizierte Spezialisten hinzuzuziehen.
Dr. Prilicla kam als erster. O’Mara und Colonel Skempton, der Chefingenieur des Hospitals, trafen zusammen ein. Dr. Mannon, der sich wegen einer dringenden Operation auf der DBLF-Station verspätet hatte, stürmte fast im Laufschritt herein, blieb kurz stehen und ging dann zweimal langsam um den Patienten herum.
„Sieht aus wie ein Doughnut mit Schokoladenstreusel“, bemerkte er trocken.252
Alle sahen ihn an.
„So einfach und harmlos sind diese Streusel aber nicht“, begann Conway und rollte den Röntgenscanner heran. „Es handelt sich um Wucherungen, die nach Ansicht der Pathologie sämtliche Merkmale aufweisen, bösartig zu sein. Und wenn Sie hier einmal durchschauen wollen, werden Sie feststellen, daß es sich auch um keinen Doughnut handelt, sondern um einen Alien, der eine recht normale Anatomie der Klassifikation DBLF besitzt — ein zylindrischer Körper mit leichtem Knochenbau und kräftiger Muskulatur. Er ist auch nicht ringförmig, macht aber diesen Eindruck, weil er aus einem Grund, den der Patient wohl selbst am besten kennt, versucht hat, seinen Schwanz zu verschlucken.“
Mannon blickte gebannt durch den Scanner, gab ein ungläubiges Grunzen von sich und richtete sich wieder auf. „Ich würde sagen, der reinste Teufelskreis, wenn ich jemals einen gesehen hab“, murmelte er und fügte laut hinzu: „Ist O’Mara deshalb hier? Glauben Sie, der Alien hat nicht mehr alle Tassen im Schrank oder, besser gesagt, daß der Reifen ‘ne Panne hat?“
Conway nahm die Frage nicht ernst und führ fort: „Die Wucherungen sind dort am stärksten, wo Mund und Schwanz des Patienten ineinander verkeilt sind. Sie sind dort so weit verbreitet, daß man die Verbindungsstelle kaum sehen kann. Eine mögliche Erklärung, warum er sich in den eigenen Schwanz gebissen hat, wäre, daß diese Wucherungen sehr schmerzhaft sind oder einen äußerst unangenehmen Juckreiz erzeugen. Eine andere Möglichkeit für seine gegenwärtige Körperhaltung ist, daß die Wucherungen einen Muskelkrampf hervorgerufen haben, also so etwas wie einen epileptischen Anfall.“
„Ihre zweite Idee gefällt mir besser“, unterbrach ihn Mannon. „Um bei seinem angeschlagenen Zustand in einer solchen Körperhaltung vom Mund bis zum Schwanz — oder umgekehrt — ausgestreckt zu bleiben, müssen sich die Kiefer schon eine ganze Weile in dieser Position verfangen haben.“
Conway nickte und führ fort: „Trotz der Schwerkraftanlage in dem Wrack, die um die fünf Ge produzier hab ich festgestellt, daß die Druck-,
Atmosphäre— und Schwerkrafterfordernisse des Patienten unseren sehr ähnlich sind. Diese Kiemenöffnungen hier hinter dem Kopf, die von den Wucherungen noch nicht ganz erreicht sind, sind Atemöffnungen. Und diese kleineren Öffnungen hier, die zum Teil von Muskelklappen bedeckt sind, sind Ohren. Also kann der Patient hören und atmen, aber keine Nahrung zu sich nehmen. Sind Sie mit mir einer Meinung, daß als erster Schritt der Mund freigelegt werden muß?“
Mannon und O’Mara nickten. Prilicla spreizte seine vier Greifzangen in einer Geste, die dasselbe bedeutete, und Colonel Skempton starrte steif wie ein Klotz die Decke an. Offensichtlich fragte er sich, was er hier eigentlich zu suchen hatte. Conway ließ mit der Antwort darauf nicht lange auf sich warten.
Während Mannon und er über den operativen Eingriff berieten, wollten sich der Colonel und Dr. Prilicla darum kümmern, Kontakt zu dem Patienten aufzunehmen. Der GLNO sollte durch seine empathische Fähigkeit auf Reaktionen achten, während zwei von Skemptons Translatortechnikern Geräuschtests vornehmen sollten. Sobald der Hörbereich des Patienten bekannt war, konnte ein Translator passend darauf eingestellt werden, und der Alien könnte ihnen bei der Diagnose und Behandlung seiner Krankheit behilflich sein.