Alle starrten ihn jetzt an, wobei ihre Mienen eine Mischung aus Überraschung, Besorgnis und Empörung ausdrückten. Schließlich wehrten sich viele Patienten gegen Behandlungen, die einzig und allein das Ziel hatten, ihnen zu helfen. Das hieß aber noch lange nicht, daß ein Arzt schon beim ersten Anzeichen von Widerstand seitens des Patienten die Behandlung gleich einstellte. Offenbar dachten sie, er hätte vor der Operation, die äußerst unangenehm und technisch kompliziert zu werden versprach, Angst bekommen, denn ein jeder versuchte ihn auf die ihm eigene Art aufzumuntern. Selbst Skempton machte Vorschläge.
„…falls eine gefahrlose Anästhesie Ihr Hauptproblem ist“, sagte der Colonel, „könnte sich dann die Pathologie nicht eine Methode einfallen lassen? Ich meine, mit Hilfe eines toten oder. ehm. tödlich verletzten Angehörigen dieser Spezies müßte das doch möglich sein, oder? Ich denke dabei an die Suche nach dem anderen Wrackteil, von der Sie schon zuvor gesprochen haben. Anscheinend haben Sie jetzt wirklich einen triftigen Grund, sie anzuordnen. Soll ich.“
„Nein!“
Jetzt starrten ihn alle völlig fassungslos an, und besonders O’Mara setzte dabei eine entschieden finstere Mieuf Conway sagte schnelclass="underline" „Ich hab vergessen, Ihnen zu erzählen, daß Captain Summerfield sich noch einmal bei mir gemeldet hat. Er sagt, die derzeitigen Untersuchungen hätten ergeben, daß das Wrack nicht die weniger beschädigte Hälfte des Schiffs ist, sondern diejenige, die bei dem Unfall am ‘meisten in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Seiner Aussage nach ist die andere Hälfte nicht etwa in Stücke gerissen worden, sondern in einem so guten Zustand gewesen, daß das Restschiff noch aus eigener Kraft die Heimreise antreten konnte. Wie Sie sehen, wäre eine Suche also sinnlos.“
Conway hoffte verzweifelt, daß Skempton damit zufriedengestellt war und nicht darauf bestehen würde, die Information persönlich nachzuprüfen. Summerfield hatte sich tatsächlich wieder vom Wrack gemeldet, aber was der Captain herausgefunden hatte, war allenfalls annähernd das gewesen, was Conway gerade daraus gemacht hatte. Allein bei dem Gedanken, daß Suchkommandos des Monitorkorps in diesem Abschnitt des Weltraums unbesonnene Aktionen vornehmen könnten, brach ihm der kalte Schweiß aus — denn allmählich dämmerte ihm etwas.
Aber der Colonel nickte nur, und das Thema schien damit für ihn beendet. Conway fühlte sich etwas entspannter und fuhr fort: „Doktor Prilicla, mit Ihnen würde ich mich gern über die emotionale Ausstrahlung des Patienten während der vergangenen Minuten genauer unterhalten, aber erst später. Also nochmals vielen Dank, meine Herren, für Ihren Rat und Ihre Hilfe.“
Er setzte sie praktisch vor die Tür, und ihre Gesichtsausdrücke verrieten ihm, daß sie dasselbe dachten — O’Mara würde ihm später bestimmt bohrende Fragen stellen, warum er sich in dieser Angelegenheit so merkwürdig verhalten hatte, aber im Moment war ihm das egal. Als alle gegangen waren, bat er Schwester Kursedd, jede halbe Stunde den Zustand des Patienten optisch zu überprüfen und ihn sofort zu informieren, falls sich irgend etwas verändern sollte. Dann begab er sich auf sein Zimmer.
Conway hatte sich schon oft über die winzigen Ausmaße seiner Kabine beklagt, in der sich seine wenigen persönlichen Habseligkeiten befanden und wo er hin und wieder Kollegen bewirtete, aber jetzt empfand er diese Tatsache als durchaus beruhigend. Er setzte sich hin, weil kein Platz zum Auf— und Abgehen war, und endlich konnte er damit beginnen, die noch fehlenden Steine des Puzzles zusammenzutragen, das ihm zuvor auf der Station in den Sinn gekommen war.
Eigentlich hatte diese Idee von Anfang in seinem Kopf herumgespukt. Erst einmal waren da die Schwerkraftgitter — törichterweise hatte er völlig die Tatsache übersehen, daß diese ja gar nicht unbedingt die volle Leistung abgeben mußten, sondern zwischen null und fünf Ge eingestellt werden konnten. Dann gab es noch die Luftzufuhranlage — die auf den ersten Eindruck nur deshalb verwirrend war, weil sie für viele verschiedene Lebensformen konstruiert worden war und nicht nur für eine Spezies. Und zu guter Letzt war da der physische Zustand des Patienten und die Farbe der Schiffskörpers — ein hübsches, auffälliges Orange. Terrestrische Schiffe dieser Art — selbst Oberflächenfahrzeuge — waren traditionell weiß oder rot gestrichen.
Das Wrack war ein Ambulanzschiff!
Aber interstellare Schiffe jeder Art waren Produkte einer technisch fortgeschrittenen Zivilisation, die sich über viele Sonnensysteme erstrecken mußte oder zumindest hoffte, dies in Kürze zu tun. Und wenn eine Zivilisation an dem Punkt angelangt war, wo solche Schiffe eine derartige Zweckmäßigkeit und Spezialisierung erlangt hatten wie dieses Wrack, dann mußte diese Spezies sehr weit fortgeschritten sein. In der galaktischen Föderation hatten nur die Zivilisationen der Illensaner, Tralthaner und der Menschen dieses Stadium erreicht, und deren Einflußbereich war gewaltig. Wie aber hatte eine so hochentwickelte Zivilisation dermaßen lange verborgen bleiben können?
Conway räkelte sich unbehaglich26üf der Couch. auch auf diese Frage wußte er eine Antwort.
Summerfield hatte behauptet, daß das Wrack der schlimmer zerstörte Teil eines Schiffs sei, dessen andere Hälfte die Reise vermutlich aus eigener Kraft zum nächsten Reparaturstützpunkt hatte fortsetzen können. Der Teil mit dem Überlebenden, mit dem sie es zu tun hatten, war während des eigentlichen Unfalls abgerissen worden. Das hieß, daß die Kurskonstanten dieses antriebslosen Fragments dieselben gewesen sein müssen, wie sie das Schiff als Ganzes vor der Katastrophe gehabt hatte.
In diesem Fall mußte das Schiff von einem Planeten gekommen sein, der noch vor einem Jahrhundert als unbewohnt gegolten hatte. Also hatte dort jemand innerhalb von hundert Jahren eine Basis, vielleicht sogar eine Kolonie errichten können. Und das Ambulanzschiff hatte sich von dieser Welt entfernt und war in den intergalaktischen Raum vorgestoßen.
Eine Zivilisation, die den Zwischenraum von einer Galaxis bis hierher durchquert hatte, um am Rande der Milchstraße eine Kolonie zu errichten, mußte mit großem Respekt behandelt werden — und mit Vorsicht, zumal man deren bisher einzigen Repräsentanten bei aller Toleranz — und durch die Blume gesprochen — bislang nicht gerade als freundlich bezeichnen konnte. Und die Spezies des Überlebenden, die in medizinischer Hinsicht wahrscheinlich sehr weit fortgeschritten war, könnte sehr unfreundlich auf die Nachricht reagieren, daß jemand anders an einem ihrer kranken Angehörigen herumpfuschte. Bei seinem gegenwärtigen Wissensstand und den bisher gemachten Erfahrungen glaubte Conway, daß sich diese Spezies nichts und niemandem gegenüber freundlich verhielt.
Wie er wußte, waren interstellare Eroberungskriege logistisch unmöglich. Das galt aber nicht für Vernichtungskriege, in denen — ohne den Gedanken an eine spätere Okkupation oder Einverleibung — planetarische Atmosphären zur Explosion gebracht oder auf andere Weise unbrauchbar gemacht wurden. Während er an den letzten Kontakt mit seinem Patienten dachte, fragte sich Conway, ob sie es letztendlich nicht sogar mit einer überaus gewalttätigen und gänzlich feindlich gesinnten Spezies zu tun haben könnten.
Plötzlich summte der Kommunikator. Es war Schwester Kursedd. Sie berichtete, der Patient habe sich während der letzten halben Stunde zwar ruhig verhalten, daß sich die Wucherungen aber schnell auszubreiten schienen und bereits eine der Atemöffnungen zu überziehen drohten. Conway sagte ihr, er würde bald kommen. Dann ließ er Dr. Prilicla auf die Station 310 B bestellen und setzte sich wieder auf die Couch.
Als er seinen unterbrochenen Gedankengang wiederaufnahm, kam er zu der Auffassung, lieber niemandem etwas von seiner Entdeckung zu erzählen. Das hätte nämlich zur Folge gehabt, daß sofort Schiffe des Monitorkorps ausgeschwärmt wären, um Kontakt aufzunehmen, der aber nach Conways Ansicht verfrüht gewesen wäre. Er befürchtete, daß dieses erste Aufeinandertreffen zweier Zivilisationen zu einer direkten ideologischen Konfrontation führen könnte, und die einzige Möglichkeit, diesen Konflikt einzudämmen, bestand nach seiner Auffassung darin, wenn die Föderation zeigen konnte, daß sie einen der intergalaktischen Kolonisten gerettet, ihn versorgt und geheilt hatte.