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Natürlich bestand auch die Möglichkeit, daß der Patient für seine Spezies atypisch war, daß er nämlich, wie O’Mara gemeint hatte, geisteskrank war. Aber Conway zweifelte daran, ob die Aliens das als eine Entschuldigung, ihn nicht geheilt zu haben, anerkennen würden. Und gegen diese Theorie sprach auch die Tatsache, daß der Patient laut Prilicla für ihn logische Gründe gehabt hatte, sich vor der Person, die ihm helfen wollte, zu fürchten und sie sogar zu hassen. Einen Augenblick lang beschäftige Conway die Frage, ob es so etwas wie eine grundsätzlich kontraterrestrische Denkweise gab, eine Mentalität, bei der zum Beispiel Hilfe Haß— anstatt Dankbarkeitsgefühle hervorrief. Selbst die Tatsache, daß er sich in ärztlicher Obhut befand, gab dem Alien kein Gefühl der Sicherheit. Leute wie Conway verbanden mit dem Begriff „ärztliche Obhut“ altruistische Fürsorge, aufopferungsvolle Rettungsversuche und dergleichen. Aber viele Spezies, selbst innerhalb der Föderation, betrachteten Krankheiten lediglich als vorübergehende körperliche Leistungsunfähigkeit und behandelten sie entsprechend.

Als er sein Zimmer verließ, hatte Conway nicht die geringste Vorstellung, wie er seinen Patienten heilen sollte. Er wußte nur, daß ihm kaum noch Zeit dafür blieb. Captain Summerfield, Hendricks und die anderen, die zur Zeit das Wrack weiterhin untersuchten, waren im Augenblick noch durch den Wust an offenen Fragen zu sehr abgelenkt, um an irgend etwas anderes zu denken. Aber es war nur eine Frage der Zeit, vielleicht von Tagen oder auch nur Stunden, bis ihnen ein Licht aufgehen würde und sie zu denselben Schlüssen wie er selbst kommen würden.

Das Monitorkorps hätte dann nichts anderes mehr im Sinn, als umgehend mit den Aliens Kontakt aufzunehmen. Diese würden logischerweise wissen wollen, wie es ihrem kranken Artgenossen ergangen war, der bis dahin entweder geheilt oder auf dem Wege der Besserung sein mußte.

Oder auch nicht.

Der Gedanke, den Conway verzweifelt zu verdrängen versuchte, war: Und was würde passieren, wenn der Patient mittlerweile gestorben war?

Bevor Conway mit der nächsten Untersuchung begann, erkundigte er sich bei Prilicla über den emotionalen Zustand des Patienten, erfuhr aber nichts Neues von ihm. Der Alien lag jetzt reglos da und war praktisch bewußtlos. Als Conway per Translator zu dem Wesen sprach, strahlte es Angst aus, obwohl Prilicla ihm versicherte, daß es verstand, was er sagte.

„Ich will Ihnen nichts antun“, begann Conway behutsam, wobei er langsam und deutlich in den Translator sprach und sich dem Patienten allmählich näherte. „Ich muß Sie aber berühren. Bitte glauben Sie mir, ich will Ihnen nichts zuleide tun.“ Er schaute Prilicla fragend an.

„Angst und. und Hilflosigkeit“, sagte der GLNO. „Aber auch Zustimmung, verbunden mit Drohungen. nein, Warnungen! Offenbar glaubt er Ihnen das, was Sie ihm sagen, versucht aber, Sie vor irgend etwas zu warnen.“

Das klang schon vielversprechender, dachte Conway. Der Alien warnte ihn also, aber es schien ihm nichts auszumachen, wenn er ihn berührte. Er trat noch ein Stück näher an den Patienten heran und streichelte ihm mit seinen behandschuhten Händen über eine der unbefallenen Hautstellen.

Gleich darauf stöhnte Conway vor Schmerz laut auf und sprang zurück; der Alien hatte ihm mit einem gewaltigen Hieb den Arm zur Seite geschlagen. Er rieb sich die schmerzende Stelle und schaltete den Translator ab, um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Nach einer rücksichtsvollen Pause bemerkte der GLNO: „Wir haben eine sehr wichtige Entdeckung gemacht, Doktor Conway. Trotz dieser physischen Reaktion sind die Gefühle des Patienten Ihnen gegenüber genau die gleichen wie vor Ihrer Berührung.“

„Und was soll das heißen?“ fragte Conway gereizt.

„Das heißt, daß diese Reaktion nicht dem Willen unterliegt.“

Conway überdachte das eine Weile und sagte dann entmutigt: „Das heißt also auch, wir können keine Vollnarkose riskieren, falls wir überhaupt ein geeignetes Anästhetikum für den Patienten haben, weil auch Herz und Lunge Muskeln sind, die nicht dem Willen unterliegen. Das macht alles noch komplizierter. Wir können ihn nicht matt setzen, und er wird nicht mitarbeiten.“ Er begab sich an das Kontrollpult des Behandlungsraums und drückte auf ein paar Knöpfe. Die Klammern, durch die das Netz zusammengehalten wurde, öffneten sich, und es wurde von einem Greifarm in einem Rutsch weggezogen. „Der Patient zieht sich am Netz andauernd neue Verletzungen zu“, rechtfertigte er Prilicla gegenüber seine Aktion. „Wie Sie sehen, hat er sich an einer Stelle schon fast einen zweiten Tentakel abgerissen.“

Prilicla protestierte gegen die Entfernung des Netzes und sagte, es sei viel wahrscheinlicher, daß sich der Patient Verletzungen zuziehe, wenn er sich im Raum frei bewegen könne. Conway hielt dem entgegen, der Patient könne sich in seiner gegenwärtigen Körperlage — also mit dem Schwanz im Mund und in Rückenlage, wobei die Tentakel zur Seite gerichtet waren — sowieso kaum bewegen. Und als er jetzt genauer darüber nachdachte, fiel ihm auf, daß diese Position wie die perfekte Verteidigungshaltung für diese Kreatur aussah. Es erinnerte ihn an die Art, in der sich terrestrische Katzen während eines Kampfs auf die Seite;Reifen, um alle vier Klauen einsetzen zu können — und das hier war eine zehnbeinige Katze, die sich nach allen Seiten hin verteidigen konnte.

Angeborene instinktive Reaktionen dieser Art sind ein Ergebnis der evolutionären Entwicklung. Aber warum sollte der Alien diese Verteidigungsposition einnehmen und sich völlig unnahbar geben, wo er gerade jetzt dringend Hilfe benötigte.?

Plötzlich, als sei ihm schlagartig ein Licht aufgegangen, wußte Conway die Antwort. Jedenfalls war er sich zu neunzig Prozent sicher, sie zu wissen, wie er sich selbst, trotz aller Aufregung, vorsichtig korrigierte.

Sie alle hatten von Anfang an falsche Vermutungen über diesen Fall angestellt. Seine neue Theorie machte sich an der Tatsache fest, daß sie schlicht und ergreifend einer weiteren falschen Vermutung aufgesessen waren. Und angesichts dieser Tatsache konnten die Feindseligkeit, die Körperhaltung und der seelische Zustand des Patienten erklärt werden. Conway hatte nun sogar allen Grund zur Annahme, daß der Patient doch nicht unbedingt einer gewalttätigen und feindlich gesinnten Spezies angehören mußte, wie dessen Verhalten zunächst vermuten ließ.

Das einzige Problem an der neuen Theorie war nur, daß auch diese falsch sein konnte, und seine anfänglich haltlose Begeisterung schwand ein wenig, doch war er sich immer noch seiner Sache zu achtzig bis neunzig Prozent gewiß.

Ein anderes Problem war, daß er sein zukünftiges Vorgehen bei der Behandlung des Patienten unmöglich mit jemand anderem besprechen konnte. Dies zu tun, könnte glattweg eine berufliche Degradierung zur Folge haben, und darauf zu bestehen, die Behandlung bis zum Ende allein durchzuführen, würde im Falle des Todes des Patienten gar das unwiderrufliche Ende seiner Karriere im Orbit Hospital bedeuten. Die Lage war tatsächlich so ernst, wie er sie sich ausmalte.

Er näherte sich wieder dem Patienten und schaltete erneut den Translator ein. Noch bevor er sprach, kannte er bereits die Reaktion des Aliens, und so war es scheinbar ein Akt gewellter Grausamkeit, die folgenden Worte zu sagen, aber er mußte seine Theozu seiner eigenen Gewißheit noch einmal überprüfen.

Er atmete tief durch und sagte: „Keine Sorge, mein Junge, wir werden dich schon bald wiederhergestellt haben.“

Die Reaktion darauf war so heftig, daß Dr. Prilicla, dessen empathische Fähigkeit ihn die heftigen emotionalen Reaktionen des Patienten nachempfinden ließen, den Raum verlassen mußte.