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Und erst jetzt traf Conway seine endgültige Entscheidung.

Während der folgenden drei Tage besuchte Conway regelmäßig die Station und machte sich sorgfältige Notizen über das Wachstum der dicken, faserigen Kruste, die mittlerweile zwei Drittel des Körpers des Patienten bedeckte. Es gab keinen Zweifel, daß der Wachstumsprozeß sich beschleunigte und die Wucherungen immer dicker wurden. Auf Proben hin, die er zur Laboruntersuchung in die Pathologie gegeben hatte, wurde ihm mitgeteilt, daß der Patient unter einer eigenartigen und besonders bösartigen Hautkrebserkrankung zu leiden schien, und man stellte ihm die Frage, ob nicht eine radioaktive Bestrahlung oder ein chirurgischer Eingriff angezeigt sei. Er antwortete, daß seiner Auffassung nach beides ohne eine ernsthafte Gefährdung des Patienten nicht möglich sei.

Das Konstruktivste, was er während dieser Zeit erreichte, war, die Anweisung durchzusetzen, daß jeder, der sich per Translator mit dem Patienten unterhielt, diesem unter keinen Umständen gut zureden durfte. Der Alien hatte bereits zu viel unter dieser Form gutgemeinter Dummheit leiden müssen. Hätte er mit Ausnahme von Kursedd, Prilicla und ihm selbst jedem anderen den Zugang zu dem Raum verbieten können, hätte er es getan.

Die meiste Zeit verbrachte er damit, sich selbst davon zu überzeugen, daß er das Richtige tat.

Seit dem Tag der ersten Untersuchung war er Dr. Mannon bewußt aus dem Weg gegangen. Er wollte mit seinem alten Freund nicht über den Fall sprechen, weil Mannon einfach zu nett war, um ihn mit Halbwahrheiten abzuspeisen, denn selbst ihm konnte er die ganze Wahrheit nicht erzählen. Er hoffte inständig, daß Captain Summerfield auf dem Wrack zu beschäftigt war, um eins und eins zusammenziehen zu können, und seine Idealvorstellung wäre komplett gewesen, wenn O’Mara und Skempton ihn mittlerweile schlichtweg vergessen hätten und Mannon überhaupt kein Interesse mehr hatte, seine Nase in diese Angelegenheit zu stecken.

Aber es sollte alles ganz anders kommen.

Als Conway am fünften Tag die zweite Morgenvisite vornehmen wollte, erwartete Dr. Mannon ihn bereits auf der Station. Sein ehemaliger Vorgesetzter bat ihn zunächst ordnungsgemäß um die Erlaubnis, sich den Patienten ansehen zu dürfen, aber kaum hatte er diese Höflichkeitsfloskeln gesagt, führ er ungehalten fort: „Jetzt hören Sie mal zu, Sie junger Hüpfer! Ich bin es langsam leid, daß Sie jedesmal nur Ihre verdammten Schuhe begaffen oder geistesabwesend an die Decke starren, sobald ich in Ihre Nähe komme! Wenn ich nicht das dicke Fell eines Tralthaners hätte, wäre ich schon längst beleidigt. Ich weiß natürlich, daß sich neu ernannte Chefärzte die ersten Wochen für ihre Arbeit ganz besonders verantwortlich fühlen, aber Ihr Verhalten in der letzten Zeit ist regelrecht unverschämt gewesen!“ Bevor Conway etwas dazu sagen konnte, hob Mannon beschwichtigend die Hand und fuhr fort: „Ich nehme Ihre Entschuldigung an, und jetzt kommen wir zur Sache. Ich hab mit Prilicla und den Leuten oben in der Pathologie gesprochen. Man hat mir gesagt, der Körper sei von den Wucherungen mittlerweile völlig überzogen und von Röntgenstrahlen mit tolerierbarer Stärke nicht mehr zu durchdringen, so daß über Lage und Funktion der inneren Organe nur noch Vermutungen angestellt werden können. Außerdem können Sie das Zeug nicht unter Narkose entfernen, weil eine Lähmung der Gliedmaßen einen Herzstillstand nach sich ziehen könnte. Andererseits ist eine Operation mit den um sich schlagenden Tentakeln nicht möglich. Gleichzeitig wird der Zustand des Patienten immer schlimmer und wird sich weiter verschlechtern, wenn wir ihm keine Nahrung zuführen können, und das wiederum geht erst dann, wenn sein Mund freigeräumt ist. Und um die ganze Geschichte noch komplizierter zu machen, als sie eh schon ist, zeigen Ihre zuletzt genommenen Proben, daß sich die Wucherungen schnell nach innen fortsetzen, und es gibt Hinweise, jdaß Mund und Schwanz miteinander verschmelzen, wenn nicht sofort operiert wird. Ist das, in knappen Worten dargestellt, die Lage?“

Conway nickte.

Mannon atmete tief durch, dann kam er zu seinem eigentlichen Thema. „Angenommen, Sie amputieren die Tentakel, entfernen die Wucherungen vom Kopf und vom Schwanz und ersetzen die Haut durch eine geeignete synthetische Substanz. Sobald der Patient Nahrung aufnehmen kann, würde er bald wieder genug bei Kräften sein, um eine mehrmalige Wiederholung dieser Prozedur an seinem restlichen Körper auch durchstehen zu können. Ich gebe zu, es handelt sich dabei um einen drastischen Eingriff. Aber unter den gegenwärtigen Umständen scheint mir das der einzig gangbare Weg zu sein, das Leben des Patienten zu retten. Außerdem gibt es immer noch die Möglichkeit, die Haut später eventuell zu transplantieren und die Tentakel durch künstliche Gliedmaßen zu ersetzen.“

„Nein!“ widersprach Conway heftig, und an der Art, in der Mannon ihn anguckte, erkannte er, daß er blaß geworden sein mußte. Falls seine Theorie in bezug auf den Alien stimmte, dann würde eine Operation zu diesem Zeitpunkt fatale Folgen haben. Sollte sie hingegen nicht stimmen, und der Patient sich als das Wesen entpuppen, das er zu sein schien — gewalttätig, abartig und unerbittlich feindselig —, und sollten seine Gesinnungsgenossen tatsächlich kommen, um nach ihm zu sehen, dann.

Mit ruhigerer Stimme fuhr er fort: „Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Freunde mit einer schweren Hauterkrankung gerät in die Hände eines extraterrestrischen Arztes, dem nichts Besseres einfällt, als ihm bei lebendigem Leib die Haut abzuziehen und die Arme und Beine abzuhacken. Sie wären sicher sauer, wenn Sie Ihren Freund so vorfinden würden. Selbst wenn man berücksichtigt, daß Sie als ein zivilisierter Mensch tolerant und zu Kompromissen bereit sind — Eigenschaften, die wir unserem Patienten nicht mit Sicherheit zuschreiben können —, wage ich doch zu behaupten, daß Sie dem Arzt die Hölle heiß machen würden.“

„Dieser Vergleich hinkt, und das wissen Sie auch!“ widersprach Mannon energisch. „Manchmal muß man etwas riskieren, und das hier ist so ein Fall.“

„Nein“, sagte Conway erneut.

„Haben Sie vielleicht eine bessere Idee?“

Conway schwieg eine Weile, dann sagte er vorsichtig: „Ich hab eine Idee, die ich ausprobieren möchte, über die ich aber jetzt noch nicht diskutieren will. Wenn sie funktioniert, werden Sie der erste sein, der davon erfährt, und wenn nicht, auch. dann wird sowieso jeder davon erfahren.“

Mannon zuckte die Achseln und wandte sich ab. An der Tür hielt er inne, drehte sich noch einmal um und sagte: „Egal, was Sie vorhaben, es muß sich jedenfalls um eine ziemlich heikle Angelegenheit handeln, wenn Sie so geheimnisvoll tun. Aber Sie sollten bedenken, daß, wenn Sie mich einweihen und sich die Sache später als ein Fehlschlag erweisen sollte, wir uns dann wenigstens die Schande teilen müssen.“

Und so spricht ein wahrer Freund, dachte Conway gerührt, und er war versucht, Mannon sein Herz vollständig auszuschütten. Aber Dr. Mannon war ein neugieriger, freundlicher und hochqualifizierter Chefarzt, der seinen Beruf als Heiler immer sehr ernstgenommen hatte und stets ernst nehmen würde, trotz der Witze, die er selbst häufig darüber riß.

Wahrscheinlich wäre Mannon nicht dazu in der Lage, das zu tun, worum er ihn bitten würde, oder wenigstens den Mund zu halten, während Conway es selbst tat.

Bedauernd schüttelte er den Kopf.

Nachdem Mannon gegangen war, wandte sich Conway wieder seinem Patienten zu. Wie er meinte, ähnelte der Alien immer noch einem Doughnut, aber einem, der im Laufe der Äonen zu einem runzligen Fossil geworden war, und er mußte sich selbst daran erinnern, daß seit der Einlieferung des Patienten erst eine Woche verstrichen war. Die Tentakel wiesen allesamt erste Spuren von Wucherungen auf und standen in einem merkwürdigen Winkel wie die ausgedörrten Zweige eines morschen Baums starr vom Körper ab. Da klar war, daß irgendwann auch die Atemöffnungen von den Wucherungen befallen werden würden, hatte er Röhren eingeführt, um die Atemwege freizuhalten. Diese Intubationen erzielten auch den gewünschten Effekt, aber trotzdem hatte sich die Atmung verlangsamt und war immer flacher geworden. Das Stethoskop verriet, daß der Herzschlag zwar schwächer geworden war, die Herzfrequenz sich aber erhöht hatte.