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Seine eigene Unentschlossenheit trieb Conway den kalten Schweiß auf die Stirn.

Wenn es sich doch nur um einen gewöhnlichen Patienten handeln würde, um einen, den man vor aller Augen behandeln und über dessen Therapie man offen diskutieren konnte, dachte er verärgert. Aber die Tatsache, daß dieser Alien einer hochentwickelten und möglicherweise feindlich gesinnten Spezies angehörte, machte alles so kompliziert, daß er sich niemandem anvertrauen konnte, wenn er vermeiden wollte, daß man ihm diesen Fall entzog, ehe er seine Theorie beweisen konnte. Sein größtes Problem war, daß sich seine Theorie als gänzlich falsch herausstellen und es durchaus möglich sein könnte, daß er gerade dabei war, den Patienten langsam zu töten.

Während er sich die Herz— und Atemfrequenzen notierte, entschied Conway, daß es an der Zeit war, die Häufigkeit der Visiten zu erhöhen und sie so zu legen, daß Prilicla, der derzeit auf der Neugeborenenstation stark eingespannt war, daran teilnehmen konnte.

Kursedd beobachtete ihn aufmerksam, als er die Station verließ, und ihr Pelz reagierte höchst eigentümlich. Conway gab sich erst gar nicht die Mühe, der Schwester zu sagen, sie solle über das, was er mit dem Patienten anstellte, Stillschweigen bewahren, weil er so die Gerüchte nur noch mehr geschürt hätte. Das gesamte Pflegepersonal sprach ohnehin schon über ihn, und er hatte feststellen müssen, daß einige der Oberschwestern ihm allmählich mit einer gewissen Kälte gegenübertraten. Aber mit etwas Glück, würden die Gerüchte über das, was er hier tat, erst in einigen Tagen bis zu seinen Vorgesetzten vorgedrungen sein.

Drei Stunden später war er zusammen mit Dr. Prilicla bereits wieder auf der Station 310B. Er überprüfte erneut Herz und Atmung, während der GLNO auf die emotionale Ausstrahlung achtete.

„Er ist sehr krank“, berichtete Prilicla. „Da ist zwar noch Leben in ihm, aber so schwach, daß er sich nicht einmal seiner eigenen Existenz bewußt ist. In Anbetracht der fast nicht vorhandenen Atmung und der schwachen, aber hohen Pulsfrequenz, fürchte ich.“

Der Gedanke an den Tod war für einen Empathen besonders deprimierend, und der sensible kleine Alien brachte es nicht übers Herz, den Satz zu Ende zu führen.

„Dann hat all die Angst, die wir ihm eingejagt haben, um ihn zu beruhigen, auch nichts genutzt“, sagte Conway halb zu sich selbst. „Er konnte nichts essen, und wir haben ihn dazu gezwungen, sämtliche Energiereserven zu verbrauchen, die er dringend selbst benötigt hätte. Aber er mußte sich vor uns schützen.“

„Aber warum? Wir haben dem Patienten doch nur helfen wollen!“

„Sicher haben wir das“, sagte Conway mit beißendem Ton. Er wollte gerade die Untersuchung fortsetzen, als es eine unvermutete Unterbrechung gab.

Der Alien, dessen mächtiger Körper an beiden Seiten und an der Oberkante der Tür entlangstreifte, als er den Raum betrat, war ein Tralthaner, physiologische Klassifikation FGLI. Für Conway waren die Bewohner von Traltha so schwer auseinanderzuhalten wie Schafe, aber diesen kannte er. Es war keii Geringerer als Thornnastor, der Chefdiagnostiker der Pathologie.

Der Diagnostiker verdrehte zwei seiner Augen in Priliclas Richtung und polterte los: „Gehen Sie bitte hier raus. Sie auch, Schwester.“ Dann richtete er alle vier Augen auf Conway.

„Ich will mit Ihnen allein reden, weil sich einige meiner Bemerkungen auf Ihr berufliches Verhalten bezüglich dieses Falls beziehen, und mir liegt es fern, Ihr Ansehen noch weiter in Mißkredit zu bringen“, sagte Thornnastor, nachdem die anderen den Raum verlassen hatten. „Trotzdem will ich mit der guten Nachricht beginnen. Wir haben nämlich ein Mittel speziell gegen diese Wucherungen entwickelt. Es verhindert nicht nur deren weitere Ausbreitung, sondern weicht auch die bereits befallenen Stellen auf und regeneriert das Hautgewebe und die in Mitleidenschaft gezogenen Blutgefäße.“

Verdammter Mist! fluchte Conway im stillen und fügte laut hinzu, da es der Wahrheit entsprach: „Glückwunsch, da haben Sie wirklich eine unglaubliche Leistung vollbracht.“

„Nun, das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht einen Arzt zu dem Wrack beordert hätten, dessen einzige Aufgabe es war, uns alles zu schicken, was mögliche Rückschlüsse auf den Metabolismus des Patienten zuließ“, führ der Diagnostiker fort. „Offenbar haben Sie diese Informationsquelle völlig übersehen, Doktor, denn die einzigen Proben, die Sie uns von dort geliefert haben, stammen aus der Zeit Ihres kurzen Aufenthalts auf dem Wrack, und das war allerdings nur ein Bruchteil dessen, was dort wirklich zur Verfügung stand. Das war eine grobe Nachlässigkeit, Doktor, und allein Ihren früheren guten Leistungen haben Sie es zu verdanken, daß Sie nicht degradiert worden sind und Ihnen der Fall noch nicht entzogen worden ist.

Unser Erfolg ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß wir etwas gefunden haben, das anscheinend so etwas wie ein sehr gut ausgestatteter Medizinschrank ist“, fuhr Thornnastor fort. „Die Untersuchung des Inhalts, verbunden mit anderen Informationen, die sich auf die technische Ausrüstung des Wracks beziehen, führte uns zu dem Schluß, daß es sich um eine Art Ambulanzschiff gehandelt haben muß. Die Offiziere des Monitorkorps waren völlig aufgeregt, als sie davon erfahren haben.“

„Wann war das?“ unterbrach ihn Conway voller Entsetzen. Für Conway brach eine Welt zusammen, und er fror am ganzen Körper, als hätte er einen Schock erlitten. Aber vielleicht gab es noch eine Chance, Skempton wenigstens eine Weile daran zu hindern, Kontakt aufzunehmen. „Wann haben Sie die Monitore davon unterrichtet, daß es sich um ein Ambulanzschiff handelt?“

„Diese Information sollte für Sie doch wohl zweitrangig sein“, entgegnete Thornnastor ungehalten und holte eine große, gepolsterte Flasche aus seiner Tasche hervor. „Ihre Sorge gilt hoffentlich in erster Linie Ihrem Patienten. Von diesem Mittel werden Sie eine Menge benötigen, und wir stellen so schnell wie möglich mehr davon her, aber das hier sollte erst mal reichen, um Kopf und Schwanz freizulegen. Injizieren Sie genau nach der aufgeklebten Anweisung. Nach etwa einer Stunde stellt sich die erste Wirkung ein.“

Conway nahm die Flasche vorsichtig in die Hand und um Zeit zu gewinnen, sagte er: „Und was ist mit Nebenwirkungen oder langfristigen Auswirkungen? Ich möchte nicht riskieren, daß.“

„Doktor“, unterbrach ihn Thornnastor, „mir scheint, durch Ihre übertriebene Vorsicht verzögern Sie alles nur auf dümmliche und geradezu kriminelle Weise.“ Auch wenn die Stimme des Diagnostikers über den Translator ausdruckslos klang, mußte Conway kein Empath sein, um mitzubekommen, daß Thornnastor mittlerweile außer sich vor Wut war. Und die Art, in der er durch die Tür hinausstürmte, verdeutlichte dies noch mehr.

Conway fluchte wie rasend. Die Monitore waren im Begriff, mit der Alienkolonie Kontakt aufzunehmen, wenn sie dies nicht schon getan hatten, und bald würden diese Aliens durch das ganze Hospital schwirren und zu wissen verlangen, was er mit dem Patienten angestellt hatte. Wenn sich bis dahin der Zustand des Patienten nicht wesentlich gebessert hatte, würde es Ärger geben, egal, um was für eine Spezies es sich dabei handelte. Und noch viel früher hätte er es mit Scherereien aus den Reihen des Hospitals zu tun, weil er Thornnastor von seinen beruflichen Fähigkeiten alles andere als überzeugt hatte.

Er hielt immer noch die Flasche in den Händen, deren Inhalt zweifellos all das bewirken würde, was der Chefpathologe behauptet hatte — kurz, das zu heilen, was den Patienten zu belästigen schien. Conway zauderte einen Moment lang, dann hielt er mit fast grimmiger Entschlossenheit an seiner Entscheidung fest, die er vor einigen Tagen getroffen hatte. Er konnte noch gerade rechtzeitig die Flasche verstecken, bevor Prilicla wieder hereinkam.