„Jetzt hören Sie mir bitte genau zu, bevor Sie irgendeinen Kommentar ablassen“, sagte er mit ungewohnter Schärfe. „Ich will keine weiteren Debatten, was das weitere Vorgehen bei diesem Fall angeht, Doktor. Ich glaube, genau zu wissen, was ich tu, aber sollte ich doch einem Irrtum erliegen, an dem Sie letztendlich mit beteiligt wären, würde auch Ihr Ruf als Arzt darunter leiden. Haben Sie mich verstanden?“
Priliclas sechs dünne Beine hatten die ganze Zeit gezittert, während Conway geredet hatte. Aber es waren nicht die Worte gewesen, die der kleinen Kreatur nahegegangen waren, sondern die dahintersteckenden Gefühle. Conway wußte, daß seine emotionale Ausstrahlung gerade jetzt alles andere als erfreulich sein mußte.
„Ich verstehe“, sagte Prilicla.
„Sehr gut, dann können wir uns ja wieder an die Arbeit machen. Ich möchte, daß Sie mit mir zusammen Puls, Atmung und emotionale Ausstrahlung permanent überwachen. Es müßte bald eine Veränderung eintreten, die ich auf keinen Fall verpassen will.“
Zwei Stunden lang beobachteten sie die Entwicklung genau, ohne eine wesentliche Veränderung beim Patienten feststellen zu können. Einmal ließ er Prilicla und Kursedd mit dem Patienten allein, um mit Colonel Skempton Kontakt aufzunehmen. Aber ihm wurde gesagt, der Colonel habe das Hospital vor drei Tagen in aller Eile verlassen. Zwar habe er die Raumkoordinaten seines Reiseziels angegeben, aber es sei unmöglich, zu einem Schiff über interstellare Entfernung Kontakt aufzunehmen, solange es sich im Hyperraum bewege. Es täte Ihnen leid, aber seine Benachrichtigung an den Colonel müsse schon so lange warten, bis dessen Schiff sein Ziel erreicht hatte.
Also war es bereits zu spät, das Korps daran zu hindern, mit den Aliens Kontakt aufzunehmen. Folglich bliebe ihm nur noch die Möglichkeit, den Patienten zu dunerem.
Wenn man es ihm erlaubte.
Im Wandlautsprecher war ein Knacken zu vernehmen, und eine Stimme sagte: „Doktor Conway, bitte melden Sie sich sofort in Major O’Maras Büro.“
Er dachte gerade verdrossen, daß Thornnastor sich umgehend beschwert haben mußte, als Prilicla sagte: „Atmung fast nicht mehr vorhanden, unregelmäßiger Herzschlag.“
Conway schnappte sich das Mikrofon vom Kommunikator und brüllte hinein: „Hier Conway! Sagen Sie O’Mara, ich bin gerade mit etwas Dringendem beschäftigt!“ An Prilicla gewandt sagte er: „Ich hab dasselbe festgestellt. Und was ist mit der emotionalen Ausstrahlung?“
„Stärker während der Pulsschwankungen, aber jetzt sind beide wieder normal.“
„Gut. Halten Sie Augen und Ohren offen. und Ihre anderen Sinne!“
Conway nahm eine Probe von der aus einer der Atemröhren ausströmenden Luft und ließ sie durch ein Analysegerät laufen. Selbst in Anbetracht des schwachen Atems ließ das Ergebnis dieser Probe wie schon zuvor bei den anderen, die er während der vergangenen zwölf Stunden genommen hatte, kaum noch einen Zweifel zu, und er wurde allmählich zuversichtlicher.
„Atmung fast eingestellt“, meldete Prilicla.
Bevor Conway antworten konnte, platzte O’Mara durch die Tür herein. Er blieb nur wenige Zentimeter vor Conway stehen und fragte mit einer beängstigend ruhigen Stimme: „Und womit sind Sie so dringend beschäftigt, daß Sie nicht zu mir kommen können, Doktor?“ Conway platzte vor Ungeduld praktisch aus den Nähten, und er bat O’Mara flehentlich: „Kann das nicht warten?“
„Nein!“
Wie Conway wußte, würde er den Psychologen nicht eher loswerden, bevor er ihm gegenüber sein Verhalten in der letzten Zeit nicht irgendwie rechtfertigen konnte — und er mußte die nächste Stunde unbedingt ungestört sein. Er trat rasch an den Patienten heran und gab O’Mara über die Schulter hinweg ein kurzes Resümee über seine Vermutungen hinsichtlich des Ambulanzschiffs und der Kolonie, von der es gekommen war. Er schloß mit der dringenden Bitte an den Psychologen, Skempton, falls dieser den Hyperraum bereits verlassen hatte, davon zu unterrichten, die erste Kontaktaufnahme so lange hinauszuzögern, bis Genaueres über den Zustand des Patienten bekannt war.
„Also wußten Sie das schon seit einer Woche und haben uns trotzdem nichts davon gesagt“, reagierte O’Mara nachdenklich. „Nun, ich kann sogar die Gründe für Ihr Schweigen verstehen. Danke für Ihre rührende Fürsorge, Conway, aber das Monitorkorps hat bereits eine Menge Erfahrungen mit Erstkontakten gesammelt und jedesmal seine Arbeit erfolgreich beendet. Wir haben Leute, die extra dafür ausgebildet sind. Sie aber haben sich wie ein Vogel Strauß verhalten — den Kopf in den Sand stecken, nichts tun und hoffen, daß das Problem sich von allein löst. Dieses Problem, das eine Kultur betrifft, die so weit fortgeschritten ist, daß sie den intergalaktischen Raum durchqueren kann, ist aber zu groß, um sich davor zu verstecken. Es muß schnell und definitiv gelöst werden. Ideal wäre natürlich, wenn wir als Beweis unseres guten Willens den Überlebenden gesund und lebendig vorweisen könnten.“
O’Maras Stimme wurde plötzlich strenger und klang wütend und heiser. Der Psychologe stand so dicht hinter Conway, daß er seinen Atem im Nacken spürte.
„…womit wir wieder bei unserem Patienten wären, jenem Geschöpf, das Sie angeblich behandeln. Schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede Conway!“277
Conway drehte sich um, aber erst, nachdem er sich vergewissert hatte, daß Prilicla den Patienten nicht aus den Augen ließ. Er stellte sich wütend die Frage, warum ausgerechnet alles auf einmal passieren mußte, anstatt hübsch ordentlich nacheinander.
„Bei der ersten Untersuchung“, fuhr O’Mara im ruhigen Ton fort, „haben Sie sich auf Ihr Zimmer verdrückt, bevor wir in irgendeine Richtung vorankommen konnten. Auf mich wirkte das so, als hätten Sie kalte Füße gekriegt, wofür ich damals allerdings noch Verständnis hatte. Später schlug Dr. Mannon eine Behandlungsmethode vor, die zwar drastisch war, aber in Anbetracht des Zustands des Patienten durchaus zulässig und sogar absolut angezeigt war. Sie aber weigerten sich zu diesem Schritt. Dann entwickelte die Pathologie ein Mittel, durch das der Patient innerhalb weniger Stunden hätte geheilt werden können, und selbst dessen Anwendung haben Sie vereitelt!
Normalerweise gebe ich auf das ganze Gerede im Hospital nichts“, fuhr O’Mara fort, wobei seine Stimme wieder lauter wurde, „aber wenn sich Gerüchte verbreiten und immer hartnäckiger werden, erst recht unter dem Pflegepersonal, das grundsätzlich weiß, wovon es spricht, wenn es um medizinische Dinge geht, dann muß ich der Sache auf den Grund gehen. Es ist offenkundig geworden, daß Sie außer der ständig aufrechterhaltenen Überwachung des Patienten, den regelmäßigen Untersuchungen und den zahlreichen Proben, die Sie in die Pathologie gegeben haben, rein gar nichts für den Patienten getan haben.
Er siechte langsam dahin, während Sie seine Behandlung nur vorgetäuscht haben! Sie haben eine derartige Angst vor den Konsequenzen eines Versagens Ihrerseits, daß Sie nicht einmal imstande sind, die einfachste Entscheidung zu treffen und.“
„Nein!“ protestierte Conway energisch. Obwohl O’Maras Vorwürfe lediglich auf unvollständigen Informationen beruhten, hatten sie doch gesessen. Und weit schlimmer als die Worte war dabei O’Maras Gesichtsausdruck gewesen, in dem sich Zorn, Verachtung und vor allem tiefe Enttäuschung widerspiegelten, daß jemand, dem er sowohl als Kollegen wie auch als Freund stets vertraut hatte, ihn so schrecklich hatte hintergehen können; O’Mara fühlte sich für Conways Taten fast genauso verantwortlich wie er selbst.
„Man kann Vorsicht auch übertreiben, Doktor“, fügte O’Mara betrübt hinzu. „Manchmal muß man einfach Mut beweisen. Wenn eine dringende Entscheidung ansteht, muß man sie treffen und bedingungslos an ihr festhalten, egal.“
„Was glauben Sie eigentlich, was ich hier die ganze Zeit mache?“ wehrte sich Conway jetzt energisch.