„Nichts!“ schrie O’Mara ihn an. „Absolut nichts!“
„Und das stimmt sogar!“ brüllte Conway den verdutzten O’Mara an.
„Atmung ist eingestellt“, meldete sich Prilicla leise zu Wort.
Conway schnellte herum und schlug auf den Alarmknopf für Schwester Kursedd. „Herztätigkeit? Gehirnströme?“ fragte er Prilicla angespannt.
„Erhöhter Puls. Etwas stärkere Emotionen.“
Als gleich darauf Kursedd eintraf, erteilte ihr Conway im Eiltempo einige Anweisungen. Aus dem direkt anschließenden DBLF-Operationssaal brauchte er Instrumente. Sterilisations— oder Anästhesiemittel waren nicht notwendig — er benötigte lediglich eine große Auswahl Skalpelle. Die Schwester verschwand, und Conway erkundigte sich bei der Pathologie, ob sie ihm ein für den Patienten geeignetes Blutgerinnungsmittel empfehlen könnten, falls ein größerer chirurgischer Eingriff notwendig sein sollte. Man konnte und versprach ihm, es umgehend bringen zu lassen. Als er sich vom Kommunikator abwandte, meldete sich O’Mara wieder zu Wort.
„All diese fieberhafte Tätigkeit ist doch nichts als Augenwischerei und beweist gar nichts. Der Patient hat die Atmung eingestellt. Wenn er noch nicht tot ist, ist er es bald, und Sie tragen die alleinige Verantwortung dafür, Conway! Der Himmel stehe Ihnen bei, Doktor, denn sonst haben Sie niemanden mehr, der Ihnen beisteht.“
Conway schüttelte beunruhigt den Kopf. „Unglücklicherweise könnten Sie damit sogar recht haben, aber ich hoffe, daß er nicht sterben wird“, sagte er halb abwesend. „Ich kann Ihnen das jetzt nicht alles erklären, aber Sie könnten mir helfen, wenn Sie zu Skempton Kontakt aufnehmen und ihm sagen, er soll die Kontaktaufnahme zu dieser Alienkolonie nicht überstürzen. Ich brauche Zeit, wieviel, weiß ich noch nicht.“
„Vor allem wissen Sie nicht, wann es an der Zeit ist, aufzugeben“, bemerkte O’Mara kopfschüttelnd, begab sich aber trotzdem an den Kommunikator. Während er sich um eine Verbindung bemühte, wogte Schwester Kursedd in sanften Wellenlinien mit einem Instrumentenwagen herein.
Conway plazierte ihn in eine günstige Position neben dem Patienten, dann sagte er über die Schulter hinweg zu O’Mara: „Ich hab da etwas, worüber Sie einmal nachdenken sollten. Während der letzten zwölf Stunden ist die vom Patienten ausgeatmete Luft völlig frei von Unreinheiten gewesen. Der Patient hat also geatmet, aber offenbar keine Luft verbraucht.“
Er beugte sich rasch vor, setzte das Stethoskop an verschiedenen Stellen auf und horchte. Er hatte das Gefühl, daß der Herzschlag jetzt zwar etwas schneller und kräftiger war, aber gleichzeitig stellte er eine damit nicht harmonisierende Unregelmäßigkeit fest. Durch die dicken und fast starren Wucherungen wurden die Geräusche sowohl verstärkt als auch verfälscht wiedergegeben. Conway konnte nicht sagen, ob das Herz allein für das Geräusch verantwortlich war oder ob Bewegungen anderer Organe hinzukamen. Dieser Umstand beunruhigte ihn, weil er nicht wußte, was für diesen Patienten als normal anzusehen war. Schließlich war der Überlebende auf einem Ambulanzschiff gewesen, was bedeutete, daß er zusätzlich zu seinem gegenwärtigen Zustand möglicherweise schon irgendeine andere Krankheit oder Verletzung gehabt hatte.
„Worüber phantasieren Sie da eigentlich vor sich hin?“ fragte O’Mara, und Conway wurde plötzlich bewußt, daß er laut gedacht haben mußte. „Wollen Sie etwa behaupten, daß der Patient gar nicht krank ist.?“
„Eine werdende Mütter kann durchaus leiden, ohne im eigentlichen Sinne des Wortes krank zu sein“, antwortete Conway geistesabwesend.
Er wünschte, er würde mehr von, Jpm wissen, was in seinem Patienten vor sich ging. Wären die Ohren mittlerweile nicht vollständig von den Wucherungen überzogen gewesen, hätte er es erneut mit dem Translator versucht. Die saugenden, rumpelnden und gurgelnden Laute konnten alles mögliche bedeuten.
„Conway.!“ brüllte O’Mara und atmete dabei so tief durch, daß man es auf der ganzen Station hören konnte. Dann fuhr er mit erträglicherer Lautstärke fort: „Ich bin in Verbindung mit Skemptons Schiff! Offensichtlich sind die schnell vorangekommen und haben bereits mit den Aliens Kontakt aufgenommen. Der Colonel wird gerade geholt.“ Er brach ab und fügte dann hinzu: „Ich werde die Lautstärke erhöhen, damit Sie mithören können.“
„Aber bitte nicht zu laut“, sagte Conway und an Prilicla gewandt: „Was ist mit der emotionalen Ausstrahlung?“
„Viel stärker als vorher. Ich registriere jetzt wieder verschiedenartige Emotionen. Gefühle der Not, des Leids und der Angst — möglicherweise Platzangst — in einem an Panik grenzenden Ausmaß.“
Conway musterte den Patienten eine ganze Weile mit großer Aufmerksamkeit. Es gab keine sichtbare Bewegung. „Ich kann es einfach nicht riskieren, noch länger zu warten“, sagte er plötzlich. „Er scheint zu schwach zu sein, um sich selbst zu helfen. Die Trennwand, Schwester!“
Die Trennwand sollte lediglich O’Mara ausschließen. Würde der Psychologe sehen, was nun kam, ohne genau zu wissen, was da vor sich ging, hätte er zweifellos weitere falsche Schlüsse gezogen und Conway wahrscheinlich gewaltsam an seinem weiteren Vorgehen gehindert.
„Der Patient wird immer unruhiger“, meldete Prilicla plötzlich. „Er empfindet keinen direkten Schmerz, fühlt sich aber entsetzlich eingeengt.“
Conway nickte. Er verlangte von Kursedd ein Skalpell und begann, in die Wucherungen zu schneiden, wobei er zunächst versuchte, deren Tiefe festzustellen. Sie waren jetzt wie weicher, zerbröckelnder Kork und boten dem scharfen Messer kaum Widerstand. In einer Tiefe von etwa zwanzig Zentimetern legte er etwas frei, das wie eine graue, ölige und schwach durchlässige Membran aussah, ab; innerhalb des Operationsfelds trat keinerlei Körperfüssigkeit aus. Conway atmete erleichtert auf, zog das Skalpell zurück und wiederholte den Eingriff an einer anderen Stelle. Dieses Mal hatte die Membran einen grünlichen Farbton und zuckte leicht.
Er unternahm einen weiteren Einschnitt. Die durchschnittliche Tiefe der Wucherungen betrug anscheinend zwanzig Zentimeter. In fieberhafter Eile öffnete Conway die Wucherungen an insgesamt neun Stellen, die ungefähr in gleichen Abständen um den ganzen ringförmigen Körper herum verteilt waren. Dann blickte er Prilicla fragend an.
„Jetzt wird alles immer unerträglicher“, sagte der GLNO. „Extremer seelischer Schmerz, Angst. Erstickungsgefühle, der Puls rast und ist unregelmäßig. das Herz ist an den Grenzen der Belastbarkeit angelangt. Außerdem verliert er erneut das Bewußtsein.“
Bevor der Empath zu Ende gesprochen hatte, begann Conway, sich wie ein Schlachter aufzuführen. Mit langen, brutalen Schnitten, die eher an Säbelhiebe erinnerten, schuf er zwischen den Stellen, bei denen er zuvor die tiefen Einschnitte vorgenommen hatte, Verbindungen. Alles wurde jetzt der Geschwindigkeit geopfert. Selbst unter Aufwendung jeglicher Vorstellungskraft konnte man das, was er da tat, nicht mehr als einen chirurgischen Eingriff bezeichnen, denn ein Holzfäller mit einer stumpfen Axt hätte wohl sauberere Arbeit abgeliefert.
Als er fertig war, schaute er den Patienten kurz an, aber es gab noch immer keine Anzeichen einer Bewegung. Er ließ das Skalpell fallen und zerrte an den Wucherungen mit den bloßen Händen.
Plötzlich erfüllte Skemptons Stimme den Raum. Er beschrieb aufgeregt die Landung auf der Alienkolonie und den Beginn der Kontaktauffnahme. Dann führ er fort: „Und O’Mara, die gesellschaftlichen Zustände hier sind völlig verrückt. So etwas hab ich noch nie erlebt! Es gibt hier zwei verschiedene Lebensformen.“
„Die ein und derselben Spezies angehören“, ergänzte Conway laut keuchend, während er arbeitete. Der Patient gab jetzt deutliche Lebenszeichen von sich und begann endlich, sich selbst zu helfen. Conway hätte am liebsten vor Freude laut geschrien, führ aber im relativ gefaßten Ton erschöpft fort: „Eine Lebensform ist der zehnbeinige Typ wie unser Freund hier, allerdings ohne daß dabei der Schwanz im Mund steckt. Das ist nur die Übergangsposition. Die andere Form ist. ist.“ — Conway hielt inne, um das Wesen, das sich jetzt vor ihm entpuppte, eingehend zu betrachten. Die Überreste der Wucherungen, von denen es überzogen gewesen war, lagen überall auf dem Boden verstreut, einige waren von Conway abgerissen worden, andere hatte der Alien selbst abgestoßen — „…nun, ich würde sagen, daß es sich hierbei natürlich um einen eierlegenden Sauerstoffatmer handelt“, fuhr er schließlich fort. „Mit einem langen, stabähnlichen, aber flexiblen Körper, der mit jeweils vier insektenartigen Beinen und Greifzangen, drei Flügelpaaren und den üblichen Sinnesorganen ausgestattet ist. Klassifikation GKNM. Sieht ungefähr wie eine Libelle aus.