Выбрать главу

Mit einem Satz stürzte sich Keycase auf die Nachttischlampe. Er zerrte am Kabel, und das Licht erlosch. Nun brauchte er etwas, das er in der Hand tragen konnte und das ihm ein geschäftsmäßiges Aussehen verlieh. Irgend etwas! An der Wand lehnte eine Aktenmappe. Er ergriff sie und stolzierte auf die Tür zu.

Als Keycase die Tür weit aufriß, fuhr das Mädchen erschrocken zurück. »Oh!« Sie griff mit der Hand ans Herz.

Keycase runzelte die Stirn. »Wo waren Sie? Sie hätten schon längst hier sein mü ssen.«

Der Schock und die Anschuldigung brachten sie aus der Fassung. Das hatte er beabsichtigt.

»Tut mir leid, Sir. Ich sah, daß Gäste da waren und...«

»Schon gut«, sagte Keycase schroff. »Tun Sie, was Sie zu tun haben, und schauen Sie, daß die eine Lampe repariert wird.« Er zeigte aufs Schlafzimmer. »Die Herzogin braucht sie heute nacht.«

»Gewiß, Sir, ich kümmere mich darum.«

»Na schön.« Keycase nickte kühl und ging hinaus.

Auf dem Korridor versuchte er, nicht nachzudenken. Das gelang ihm auch, bis er in seinem eigenen Zimmer, der Nummer 830 war. Dort warf er sich, verstört und verzweifelt, aufs Bett und vergrub sein Gesicht in den Kissen.

Erst nach einer Stunde raffte er sich dazu auf, das Schloß der Aktenmappe, die er mitgenommen hatte, aufzubrechen. Päckchen um Päckchen amerikanischer Banknoten quollen ihm entgegen. Es waren nur gebrauchte Scheine, Zehn- und Zwanzig- Dollar-Noten.

Mit zitternden Händen zählte er fünfzehntausend Dollar.

22

Peter McDermott geleitete die beiden Kriminalbeamten vom Verbrennungsofen im Souterrain zum Ausgang in die St. Charles Avenue.

»Vorläufig möchte ich alles, was heute nacht geschehen ist, möglichst geheimhalten«, sagte Captain Yolles mahnend. »Es wird genug Fragen geben, wenn wir Ihren Ogilvie anklagen. Hat keinen Sinn, die Presse mobil zu machen, bevor es unbedingt notwendig ist.«

»Falls das Hotel die Wahl hätte, würden wir gern auf diese Art Publicity verzichten«, versicherte Peter.

Yolles brummte. »Geben Sie sich keinen falschen Hoffnungen hin.«

Peter kehrte in den Hauptspeisesaal zurück und war nicht überrascht, als er Christine und Mr. Wells nicht mehr antraf.

In der Halle fing ihn der Nachtmanager ab. »Mr. McDermott, hier ist ein Brief für Sie. Von Miss Francis.«

Die Nachricht befand sich in einem verschlossenen Umschlag und lautete schlicht und einfach:

»Ich bin heimgegangen. Komm nach, wenn du kannst.

- Christine.«

Er beschloß hinzugehen. Christine brannte vermutlich darauf, die Ereignisse des Tages und die erstaunliche Enthüllung von Albert Wells mit ihm zu besprechen.

Im Hotel gab es für ihn ohnehin nichts mehr zu tun. Oder doch? Plötzlich fiel Peter das Versprechen ein, das er Marsha Preyscott vor seinem so unzeremoniellen Abschied auf dem Friedhof gegeben hatte. Er hatte gesagt, er wolle sie später anrufen, hatte aber bis jetzt nicht daran gedacht. Ihm kam es wie Tage vor, und Marsha erschien ihm irgendwie sehr fern. Aber er mußte wohl anrufen, auch wenn es schon spät war.

Wieder begab er sich ins Büro des Kreditmanagers im Erdgeschoß und wählte die Nummer der Preyscotts. Marsha meldete sich beim ersten Rufzeichen.

»Oh, Peter, ich sitze hier neben dem Telefon«, sagte sie. »Ich hab' gewartet und gewartet und dann zweimal angerufen und meinen Namen hinterlassen.«

Der Stapel unbeantworteter Mitteilungen auf seinem Büroschreibtisch fiel ihm schwer auf die Seele.

»Es tut mir aufrichtig leid, und ich kann es nicht mal erklären, wenigstens jetzt noch nicht. Bloß, daß eine Unmenge Dinge passiert sind.«

»Erzählen Sie's mir morgen.«

»Marsha, ich fürchte, ich habe morgen einen anstrengenden Tag... «

»Beim Frühstück«, sagte Marsha. »Wenn das morgen ein anstrengender Tag wird, brauchen Sie ein New-Orleans-Frühstück. Es ist berühmt. Kennen Sie's schon?«

»Ich frühstücke im allgemeinen nicht.«

»Schön, dann machen Sie morgen eben eine Ausnahme. Annas Frühstücke sind was ganz Besonderes. Bestimmt viel besser als die in Ihrem alten Hotel. Wetten?«

Es war unmöglich, Marshas bezauberndem Enthusiasmus zu widerstehen. Und schließlich hatte er sie am Nachmittag im Stich gelassen.

»Dann müssen wir's aber ziemlich früh ansetzen.«

»So früh wie Sie wollen.«

Sie einigten sich auf halb acht.

Einige Minuten später war er in einem Taxi auf dem Wege zu Christines Appartement in Gentilly.

Er klingelte unten. Christine erwartete ihn an der geöffneten Wohnungstür.

»Kein Wort bis nach dem zweiten Drink«, sagte sie. »Ich hab's noch immer nicht richtig verkraftet.«

»Das solltest du aber. Du hast ja noch nicht mal die Hälfte gehört.«

Sie hatte Daiquiri-Cocktails gemixt und im Kühlschrank kalt gestellt. Außerdem hatte sie eine gehäufte Platte Huhn- und Schinken-Sandwiches vorbereitet. Der Duft frisch aufgegossenen Kaffees durchzog die Wohnung.

Peter fiel plötzlich ein, daß er trotz seines Aufenthalts in den Hotelküchen und trotz seines Gespräches über das morgige Frühstück seit dem Lunch nichts gegessen hatte.

»Das hab' ich mir gedacht«, sagte Christine, als er es ihr erzählte. »Fang an.«

Gehorsam griff er zu und beobachtete dabei, wie geschickt sie in der winzigen Küche herumhantierte. Er fühlte sich bei ihr zu Hause und geschützt vor allem, was draußen geschehen mochte. Christine empfand so viel für ihn, daß sie sich seinetwegen all die Mühe gemacht hatte. Und was noch wichtiger war, sie verstanden einander, auch wenn sie, wie jetzt, schwiegen.

Er schob das Daiquiri-Glas weg und trank einen Schluck Kaffee. »Okay«, sagte er, wo fangen wir an?«

Sie redeten ununterbrochen fast zwei Stunden lang, und ihre Vertrautheit wuchs. Am Ende kamen sie nur zu dem einen sicheren Ergebnis, daß sie morgen einen interessanten Tag vor sich hatten.

»Ich kann nicht schlafen«, sagte Christine. »Ganz bestimmt nicht. Ich weiß schon jetzt, daß ich kein Auge zutun werde.«

»Ich auch nicht«, sagte Peter. »Aber aus einem anderen Grunde, als du meinst.«

Er hatte keine Zweifel; nur den überzeugten Wunsch, daß dieser Augenblick niemals enden möge. Er nahm sie in die Arme und küßte sie.

Später erschien es ihnen als die natürlichste Sache von der Welt, miteinander zu schlafen.

FREITAG

1

Es leuchtete Peter McDermott ein, daß der Herzog und die Herzogin von Croydon den fest zu einem Ball zusammengeschnürten Hausdetektiv Ogilvie an den Rand des Hoteldachs rollten, während von weit unten ein Meer von Gesichtern nach oben starrte. Aber er fand es seltsam und irgendwie schockierend, daß nur einige Meter entfernt Curtis O'Keefe und Warren Trent mit blutbefleckten Duellsäbeln wilde Hiebe wechselten. Warum, fragte Peter sich verwundert, griff Captain Yolles, der an der Tür zur Bodentreppe stand, nicht ein? Dann wurde ihm klar, daß der Polizeibeamte ein riesiges Vogelnest beobachtete, in dem eben ein einziges Ei aufplatzte. Aus ihm krabbelte ein überdimensionaler Sperling mit dem fröhlichen Gesicht von Albert Wells. Aber nun konzentrierte sich Peters Aufmerksamkeit wieder auf den Rand des Daches, wo eine verzweifelt kämpfende Christine sich irgendwie mit Ogilvie verheddert hatte und Marsha Preyscott den Croydons dabei half, die doppelte Last immer näher an den entsetzlichen Abgrund heranzuzerren. Die Menge auf der Straße glotzte weiter, und Captain Yolles lehnte gähnend am Türpfosten.

Wenn er Christine retten wollte, mußte Peter selbst eingreifen. Aber als er vorwärts zu stürzen versuchte, schleppten seine Füße so schwer hinter ihm her, als steckten sie in Leim, und während sein Körper nach vorn strebte, weigerten sich die Beine, ihm zu folgen. Er versuchte zu schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Seine und Christines Augen begegneten einander in stummer Verzweiflung.