Das Schreiben der Herzogin war allerdings verschwunden, sofern es überhaupt jemals existiert hatte. Er hatte nichts mehr darüber gehört, und Booker T. Graham war inzwischen längst heimgegangen.
Ben stellte vor Peter und Marsha einen mit Früchten garnierten kreolischen Weichkäse Evangeline.
Peter machte sich vergnügt darüber her.
»Vorhin wollten Sie irgendwas sagen. Über das Hotel.«
»Ach ja.« Zwischen Happen Käse und Obst erzählte er Marsha von Albert Wells. »Der Besitzerwechsel wird heute offiziell verkündet. Ich wurde angerufen, kurz bevor ich mich hierher aufmachte.«
Der Anruf kam von Warren Trent. Er hatte Peter mitgeteilt, daß Mr. Dempster aus Montreal, der Generalbevollmächtigte des neuen Eigentümers, sich auf dem Weg nach New Orleans befand. Mr. Dempster war bereits in New York, wo er in eine Maschine der Eastern Airlines umsteigen würde. Eine Suite sollte für ihn reserviert werden. Die Besprechung zwischen der alten und der neuen Hotelleitung war vorläufig auf halb zwölf angesetzt. Peter sollte sich zur Verfügung halten für den Fall, daß er gebraucht würde.
Warren Trents Stimme hatte erstaunlich heiter geklungen. Wußte W. T. schon, daß der neue Eigentümer des St. Gregory im Hotel wohnte? Peter hatte sich gesagt, daß seine Loyalität bis zur offiziellen Verlautbarung dem alten Besitzer gehöre und deshalb seine Unterhaltung mit Christine und Albert Wells in kurzen Zügen wiedergegeben. »Ja«, hatte Warren Trent gesagt, »ich weiß. Emile Dumaire von der Industrie- und Handelsbank -er führt die Verhandlungen für Wells - hat mich spät gestern nacht noch angerufen. Anscheinend bestand bisher der Wunsch nach Geheimhaltung.«
Peter wußte auch, daß Curtis O'Keefe und seine Gefährtin, Miss Lash, diesen Morgen noch abreisen würden. Offenbar gingen sie getrennte Wege, da das Hotel für Miss Lash eine Flugkarte nach Los Angeles besorgt hatte, während Curtis O'Keefe via New York und Rom nach Neapel fliegen wollte.
»Sie sind mit Ihren Gedanken ganz woanders«, sagte Marsha. »Warum erzählen Sie mir nicht, was Sie so beschäftigt? Mein Vater wollte beim Frühstück immer über alles mögliche reden, aber meine Mutter interessierte sich nicht dafür. Ich schon.«
Peter lächelte. Er sprach über den Tag, der vor ihm lag, und wie er sich seinen Verlauf vorstellte.
Während sie plauderten, wurde ihnen eine dampfende aromatische Eierspeise serviert. Zwei pochierte Eier auf Artischockenböden, appetitlich gekrönt mit Spinatkrem und holländischer Soße. Peter bekam dazu einen Rose.
»Jetzt verstehe ich, was Sie meinten, als Sie von einem anstrengenden Tag sprachen«, sagte Marsha.
»Und ich verstehe jetzt, was Sie mit einem traditionellen Frühstück meinten.« Peter erspähte Anna, die Hausdame, im Hintergrund und rief: »Fabelhaft!« Sie lächelte.
Später, beim Anblick von Lendensteaks mit Pilzen, heißem Pariserbrot und Marmelade, schnappte er nach Luft. »Ich bin nicht sicher, ob...«
»Danach gibt es noch Crepes Suzette und Cafe au lait«, erklärte Marsha. »Als es hier noch große Plantagen gab, pflegten sich die Leute über das kontinentale Petit Dejeuner lustig zu machen. Für sie war das Frühstück eine feierliche Angelegenheit.«
»Das ist es auch für mich«, sagte Peter. »Nicht bloß das Früstück, sondern auch alles andere. Daß ich Sie kennengelernt habe; der Geschichtsunterricht; unser Zusammensein hier. Ich werde es nicht vergessen - niemals.«
Marsha sah ihn verwundert an. »Das klingt ja, als wollten Sie mir Lebewohl sagen.«
»Ja, Marsha.« Er erwiderte ernst ihren Blick und lächelte dann. »Gleich nach den Crepes Suzette.«
Nach kurzem Schweigen sagte sie: »Ich dachte...«
Er streckte seine Hand aus und legte sie auf Marshas. »Vielleicht haben wir beide mit offenen Augen geträumt. Ich glaube, so war es. Aber es war der schönste Traum, den ich jemals hatte.«
»Und warum können wir nicht weiterträumen?«
»Manche Dinge lassen sich nicht erklären«, antwortete er sanft. »Wie gern man jemanden auch haben mag, es bleibt immer die Frage, ob das, was man tut, richtig ist. Man muß sich ein Urteil bilden und danach... «
»Zählt meine Meinung denn gar nicht?«
»Marsha, ich muß mich auf mein Urteil verlassen. Für uns beide.« Aber er fragte sich: Konnte er sich darauf verlassen? Es hatte sich früher als wenig zuverlässig erwiesen. Vielleicht machte er in diesem Augenblick einen Fehler, dessen er sich Jahre später mit Bedauern erinnern würde. Wie konnte man irgendeiner Sache sicher sein, wenn man die Wahrheit so oft zu spät erkannte?
Er merkte, daß Marsha den Tränen nahe war.
»Entschuldigen Sie mich«, sagte sie leise. Sie stand auf und entfernte sich rasch aus der Galerie.
Peter wünschte, er hätte nicht gar so offen gesprochen und ein bißchen mehr von der Zärtlichkeit gezeigt, die er für das einsame Mädchen empfand. Nach einigen Minuten, als Marsha nicht zurückkehrte, tauchte Anna auf. »Sieht so aus, als müßten Sie Ihr Frühstück allein beenden, Sir. Ich glaube nicht, daß Miss Marsha zurückkommt.«
»Wie geht es ihr?«
»Sie weint in ihrem Zimmer.« Anna zuckte mit den Schultern. »Das macht sie immer, wenn sie nicht bekommt, was sie will.« Sie nahm die Teller weg. »Ben serviert Ihnen den Rest.«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich muß gehen.«
»Dann bringe ich Ihnen wenigstens noch den Kaffee.« Im Hintergrund hatte Ben geschäftig herumhantiert, aber es war Anna, die den Cafe au lait nahm und vor Peter hinstellte.
»Machen Sie sich keine zu großen Sorgen, Sir. Sobald sie übers Schlimmste weg ist, kümmere ich mich um sie. Miss Marsha hat vielleicht zu viel Zeit, an sich selbst zu denken. Wenn ihr Daddy mehr hier wäre, wär's wahrscheinlich anders. Aber er ist fast nie zu Hause.«
»Sie sind sehr verständnisvoll.«
Peter fiel ein, was Marsha ihm über Anna erzählt hatte: wie man sie als junges Mädchen gezwungen hatte, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte; daß sie jedoch mehr als vierzig Jahre lang eine sehr glückliche Ehe geführt hatte. »Ich habe von Ihrem Gatten gehört«, sagte er. »Er muß ein feiner Mann gewesen sein.«
»Mein Mann!« Die Haushälterin lachte gackernd. »Ich hab' nie einen Mann gehabt, war nie verheiratet. Ich bin - mehr oder weniger - eine alte Jungfer.«
Marsha hatte gesagt: Anna und ihr Mann lebten hier bei uns.
Er war der netteste, süßeste Mann, den man sich denken kann. Und wenn es jemals ein glückliches Ehepaar gab, dann waren es die beiden. Sie hatte das schöne Portrait als Rechtfertigung für ihren Heiratsantrag benutzt.
Anna kicherte noch immer vor sich hin. »Herrje! Miss Marsha hat Sie mit all ihren Geschichten an der Nase herumgeführt. Sie erfindet immer wieder neue. Die meiste Zeit spielt sie Theater, deshalb brauchen Sie sich ihretwegen auch keine Sorgen zu machen.«
»Ich verstehe«, sagte Peter, obwohl er sich dessen gar nicht so sicher war. Aber er fühlte sich erleichtert.
Ben begleitete ihn hinaus. Es war nach neun Uhr, und der Tag wurde heiß. Peter schritt rasch auf die St. Charles Avenue zu und von da stadteinwärts zum Hotel. Er hoffte, mit dem Fußmarsch die Schläfrigkeit, die sich nach dem Schlemmermahl möglicherweise einstellen würde, zu überwinden. Er bedauerte aufrichtig, daß er Marsha nicht wiedersehen würde, und war ihretwegen bekümmert aus einem Grund, den er nicht ganz zu durchschauen vermochte. Er fragte sich, ob er die Frauen jemals begreifen würde, und bezweifelte es.
2
Fahrstuhl Nummer vier bockte wieder einmal. Cy Lewin, der ihn tagsüber bediente, hatte die Nummer vier und ihre Launen gründlich satt. Vor einer Woche hatte sie mit ihren Mucken angefangen, und es wurde immer schlimmer.
Am letzten Sonntag hatte der Fahrstuhl mehrmals auf die Steuerung nicht reagiert, obwohl die Türen fest geschlossen waren. Der Mann von der Nachtschicht hatte Cy erzählt, daß Montag nacht dasselbe passiert war, als sich Mr. McDermott, der stellvertretende Direktor, in der Kabine befand.