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Seine Finger tanzten über den Buchungsautomaten, während er durch die dicken Brillengläser nach Name und Zimmernummer spähte, die einzelnen Rechnungsposten überprüfte und sich dann und wann auf einem Block Notizen machte. Ohne innezuhalten, blickte er kurz hoch und gleich wieder auf seine Arbeit. »In ein paar Minuten bin ich fertig, Miss Francis.«

»Ich kann warten. Irgendwas Interessantes heute morgen?« Jakubiec nickte. »Einiges.«

»Zum Beispiel?«

Er machte sich wieder eine Notiz. »Zimmer 512, H. Baker. Traf um acht Uhr zehn ein, bestellte um acht Uhr zwanzig eine Flasche Whisky und ließ sie auf die Rechnung setzen.«

»Vielleicht putzt er sich die Zähne damit.«

Mit vorgebeugtem Kopf nickte Jakubiec. »Vielleicht.«

Es war jedoch wesentlich wahrscheinlicher, dachte Christine, daß H. Baker in der Nummer 512 ein Nassauer war. Jeder Gast, der gleich nach der Ankunft eine Flasche Alkohol bestellte, erregte das Mißtrauen des Kreditmanagers. Die meisten Neuankömmlinge, die - nach einer Reise oder einem anstrengenden Tag - rasch etwas trinken wollten, ließen sich ein Mixgetränk von der Bar heraufschicken. Leute, die gleich ganze Flaschen bestellten, waren oft auf einer Sauftour und hatten vielleicht nicht die Absicht zu zahlen oder konnten es nicht.

Christine wußte auch, was als nächstes folgen würde. Jakubiec würde eins der Zimmermädchen bitten, unter einem Vorwand in die Nummer 512 zu gehen und den Gast und sein Gepäck in Augenschein zu nehmen. Zimmermädchen wußten, wonach sie Ausschau halten mußten. Sie hatten festzustellen, ob der Gast über vernünftige Gepäckstücke und gute Bekleidung verfügte, und war beides vorhanden, dann würde sich der Kreditmanager vermutlich zunächst damit begnügen, das Konto des Gastes im Auge zu behalten. Manchmal mieteten sich solide achtbare Bürger in einem Hotel ein, um sich in aller Ruhe betrinken zu können, und solange sie zahlungsfähig waren und niemanden belästigten, war das ihre Privatangelegenheit.

Stellte sich jedoch heraus, daß der Gast weder über einen Koffer noch andere substantielle Dinge verfügte, dann pflegte Jakubiec persönlich bei ihm vorzusprechen und diskret und höflich auf den Busch zu klopfen. Erwies sich der Gast als kreditwürdig, oder erklärte er sich zu einer Anzahlung bereit, dann trennten sie sich in aller Freundschaft. Bestätigte sich jedoch der ursprüngliche Verdacht, dann konnte der Kreditmanager sehr massiv werden, und der Gast flog hinaus, bevor eine hohe Rechnung zusammenkam.

»Hier ist noch einer«, sagte Sam Jakubiec zu Christine. »Sanderson, Zimmer 1207. Übertrieben große Trinkgelder.«

Sie betrachtete die Karte, die er in der Hand hielt. Auf ihr waren zwei Posten für Bemühungen des Zimmerkellners in Rechnung gestellt, und zwar je ein Posten über ein Dollar 50 und zwei Dollar. Beide Male war ein Trinkgeld von zwei Dollar hinzugefügt und mit der Unterschrift bestätigt worden.

»Leute, die nicht zu zahlen beabsichtigen, schreiben oft die größten Trinkgelder auf«, sagte Jakubiec. »Übrigens reist er sowieso heute ab.«

Wie bei dem anderen zweifelhaften Fall, würde sich der Kreditmanager auch hier behutsam vortasten. Ehrliche Gäste nicht zu vergrämen gehörte auch zu seinem Job und war ebenso wichtig wie das Verhindern von Betrügereien. Nach jahrelanger Erfahrung vermochte ein geschickter Kreditmanager normalerweise ganz instinktiv die Wölfe von den Schafen zu trennen, aber vor Irrtümern war auch er nicht gefeit - zum Schaden des Hotels. Das war der Grund, wie Christine sehr wohl wußte, warum Kreditmanager gelegentlich auch in zweifelhaften Fällen Kredit gewährten oder Schecks annahmen und sich damit auf einen Seiltanz einließen. Die meisten Hotels

- sogar die vornehmsten - kümmerten sich nicht um die Moral ihrer Gäste, weil sie wußten, daß sie andernfalls sehr viel Kundschaft einbüßen würden. Ihnen ging es letzten Endes nur um die Zahlungsfähigkeit des Gastes. Dafür war der Kreditmanager da.

Mit einer einzigen flinken Bewegung legte Sam Jakubiec die Kontenkarten an ihren Platz zurück und schob den Karteikasten zu. »Also, was kann ich für Sie tun?« fragte er.

»Wir haben eine Privatpflegerin für die Nummer 1410 engagiert.« Christine berichtete kurz über Wells' nächtlichen Anfall. »Es beunruhigt mich ein bißchen, ob Mr. Wells sich das leisten kann, und ich bin mir nicht sicher, ob er sich klar darüber ist, wieviel das kostet.« Sie sagte natürlich nicht, daß es ihr mehr um Mr. Wells ging als um das Hotel.

Jakubiec nickte. »Privatpflege geht ins Geld.« Sie verließen zusammen den Empfang und begaben sich quer durch die nun stark belebte Halle zum Büro des Kreditmanagers, einem kleinen quadratischen Raum hinter dem Portierschalter. Eine rundliche brünette Sekretärin arbeitete direkt vor einer Wand aus Karteifächern.

»Madge«, sagte Sam Jakubiec, »sehen Sie doch mal nach, was wir über Wells, Albert, da haben.«

Ohne zu antworten, schob sie einen Kasten zu, zog einen anderen auf und blätterte die Karten durch. Dann sagte sie in einem einzigen Atemzug: »Albuquerque, Coon Rapids, Montreal, suchen Sie sich den Richtigen aus.«

»Montreal«, sagte Christine, und Jakubiec nahm die Karte, die ihm die Sekretärin reichte, und überflog sie. »Scheint in Ordnung zu sein. Wohnte sechsmal bei uns. Zahlte bar. Eine kleine Unstimmigkeit, die offenbar ausgebügelt wurde.«

»Darüber bin ich im Bilde. Der Fehler lag bei uns.«

Der Kreditmanager nickte. »Meiner Meinung nach besteht kein Grund zur Sorge. Ehrliche Leute hinterlassen ebenso Spuren ihres Verhaltens wie unehrliche.« Er gab der Sekretärin die Karte zurück, und sie ordnete sie wieder ein. Die Karteifächer enthielten Unterlagen über sämtliche Gäste, die in den letzten Jahren im Hotel abgestiegen waren. Sam Jakubiec fügte hinzu: »Aber ich werde mich trotzdem mit der Sache befassen und zunächst mal feststellen, wie teuer die Pflegerin kommt, und danach mit Mr. Wells sprechen. Falls er knapp dran ist, können wir ihm vielleicht aushelfen und mit dem Rückzahlen Zeit lassen.«

»Danke, Sam.« Christine war erleichtert, denn sie wußte, daß Jakubiec, der faulen Kunden gegenüber unerbittlich war, in einem echten Notfall auch hilfsbereit und mitfühlend sein konnte.

Als sie auf die Tür zuging, rief der Kreditmanager ihr nach: »Miss Francis, wie sieht's ein paar Treppen höher aus?«

»Sie verlosen das Hotel, Sam. Eigentlich wollte ich's Ihnen nicht erzählen, aber Sie haben's mir abgeluchst.« Sie lächelte.

»Sagen Sie ihnen, wenn sie meine Nummer ziehen, sollen sie sie bis zum nächsten Mal zurückstellen. Ich hab' so schon genug Sorgen.«

Christine vermutete, daß der Kreditmanager trotz seines unbekümmerten Tons ebenso um seinen Posten bangte wie viele andere. Die jeweilige finanzielle Lage des Hotels war zwar angeblich eine vertrauliche Angelegenheit, blieb jedoch kaum jemals geheim, und auch diesmal hatte man nicht verhindern können, daß sich die Neuigkeit von den gegenwärtigen Schwierigkeiten ausbreitete wie eine ansteckende Krankheit.

Sie durchquerte die Halle wieder, beantwortete Guten-Morgen-Grüße von Boys, von der Blumenhändlerin des Hotels und von einem Direktionsassistenten, der selbstherrlich hinter seinem Schreibtisch thronte, passierte die Fahrstühle und lief rasch die geschwungene mittlere Treppe hinauf ins Zwischengeschoß.

Der Anblick des Direktionsassistenten hatte sie an seinen Vorgesetzten Peter McDermott erinnert. Seit gestern nacht hatte sie sehr viel über ihn nachgedacht. Sie fragte sich, ob ihr Zusammensein die gleiche Wirkung auf ihn gehabt haben mochte. Dann und wann ertappte sie sich bei dem Wunsch, es möchte so sein, aber jedesmal warnte eine innere Stimme sie vor einer überstürzten Beziehung. In den Jahren, in denen sie gelernt hatte allein zu sein, hatte es Männer in Christines Leben gegeben, aber sie hatte keinen von ihnen ernst genommen. Manchmal dachte sie, daß ein Instinkt sie vor allzu enger Bindung an andere Menschen schützte, um ihr den Schmerz eines erneuten Verlustes zu ersparen. Trotzdem fragte sie sich in diesem Moment, wo Peter sein und was er tun mochte; und sie sagte sich vernünftig, daß sie einander im Laufe des Tages bestimmt früher oder später begegnen würden.