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Als sie wieder in ihrem eigenen Büro im Verwaltungstrakt war, warf sie einen Blick in Warren Trents Büro, aber der Hotelbesitzer hatte seine Wohnung in der 15. Etage noch nicht verlassen. Auf ihrem Schreibtisch stapelte sich die Morgenpost, und mehrere Telefonanrufe mußten so bald wie möglich erledigt werden. Sie beschloß zunächst die Angelegenheit zu Ende zu führen, deretwegen sie beim Kreditmanager gewesen war. Sie griff nach dem Telefonhörer und verlangte Zimmer 1410.

Eine weibliche Stimme - wahrscheinlich die der Pflegerin -meldete sich. Christine nannte ihren Namen und erkundigte sich höflich nach dem Befinden des Patienten.

»Mr. Wells hatte eine ruhige Nacht«, erwiderte die Stimme, »und sein Zustand hat sich gebessert.«

Christine fragte sich verwundert, warum manche Pflegerinnen sich veranlaßt fühlten, ihre Auskünfte im Ton offizieller Bulletins zu erteilen, und sagte: »In diesem Fall kann ich vielleicht gleich mal vorbeischauen.«

»Vorläufig geht es leider nicht.« Man hatte den Eindruck, eine Wächterhand werde abwehrend erhoben. »Dr. Aarons besucht heute morgen den Patienten, und ich möchte mich auf seinen Besuch vorbereiten.«

Es klang wie ein Staatsbesuch dachte Christine. Die Vorstellung, daß der pompöse Dr. Aarons einer ebenso pompösen Pflegerin seine Aufwartung machte, belustigte sie insgeheim. Laut sagte sie: »Gut. Würden Sie dann Mr. Wells bitte ausrichten, daß ich angerufen habe und ihn am Nachmittag aufsuchen werde?«

4

Die unergiebige Besprechung in der Suite des Hotelbesitzers hinterließ in Peter McDermott ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Alle Unterredungen mit Warren Trent verliefen so, dachte er resigniert, als Aloysius Royce hinter ihm die Tür geschlossen hatte und er den Korridor des fünfzehnten Stockwerkes entlangeilte. Wie schon oft wünschte er sich glühend, man würde ihm sechs Monate Zeit und freie Hand bei der Verwaltung des Hotels geben.

Unweit der Fahrstühle blieb er stehen und erkundigte sich über einen Hausanschluß beim Empfang, welche Zimmer für Curtis O'Keefe reserviert worden waren. Er erfuhr, daß es sich um zwei nebeneinanderliegende Suiten in der zwölften Etage handelte, und benutzte die Personaltreppe, um zwei Stockwerke tiefer zu steigen. Wie alle großen Hotels, unterschlug das St. Gregory die dreizehnte Etage und bezeichnete sie statt dessen als vierzehnte.

Die vier Türen der zwei reservierten Suiten standen offen, und aus dem Inneren tönte Peter das Summen eines Staubsaugers entgegen. Zwei Zimmermädchen arbeiteten fleißig unter den kritischen Blicken von Mrs. Blanche du Quesnay, der scharfzüngigen, aber äußerst tüchtigen Ersten Hausdame des St. Gregory, einer rothaarigen Mittvierzigerin. Als Peter eintrat, wandte sie sich um und funkelte ihn mit ihren klugen Augen an.

»Dacht ich mir's doch, daß einer von euch Männern hier aufkreuzen würde! Als ob ich nicht selbst imstande wäre, nach dem Rechten zu sehen, und nicht von ganz allein wüßte, daß alles tipptopp sein muß für den hohen Gast!«

Peter grinste. »Regen Sie sich ab, Mrs. Q. Mr. Trent hat mich gebeten, hier vorbeizuschauen.« Er mochte die resolute Frau gern; sie war eine der zuverlässigsten Mitarbeiterinnen. Die beiden Zimmermädchen lächelten. Er zwinkerte ihnen zu und sagte zu Mrs. du Quesnay: »Wenn Mr. Trent allerdings geahnt hätte, daß Sie sich persönlich um alles kümmern, wäre er völlig beruhigt gewesen.«

»Sie sind ein Schmeichler. Falls uns in der Wäscherei die Schmierseife ausgeht, werden wir Sie holen«, erwiderte die Hausdame mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, während sie die Kissen zweier Sofas sachkundig zurecht klopfte.

Er lachte. »Sind die Blumen und der Obstkorb bestellt?« Der Hotelmagnat war des unvermeidlichen Obstkorbs vermutlich schon längst überdrüssig; er war die Begrüßungsformel aller Hotels für sehr prominente Gäste. Aber sein Fehlen konnte möglicherweise unangenehm auffallen.

»Sie sind auf dem Weg nach oben.« Mrs. du Quesnay blickte auf und fügte anzüglich hinzu: »Wie ich gehört hab', bringt sich Mr. O'Keefe seine Blumen selbst mit, und nicht mal in Vasen.«

Peter verstand die Anspielung. Sie bezog sich darauf, daß Curtis O'Keefe fast immer in Damenbegleitung reiste, wobei die Damen allerdings häufig wechselten. Er überhörte sie diskret.

Mrs. du Quesnay warf ihm einen blitzschnellen schnippischen Blick zu. »Sehen Sie sich ruhig um. Das kostet nichts.«

Beide Suiten waren, wie Peter bei seinem Rundgang feststellte, einer gründlichen Säuberung unterzogen worden. Auf den ordentlich ausgerichteten Möbeln - in Weiß und Gold mit einem französischen Motiv - lag kein Stäubchen. Bettwäsche in den Schlafzimmern und Frottiertücher im Bad waren makellos rein und korrekt gefaltet. Waschbecken und Wanne schimmerten in mattem trockenem Glanz, die Toilettensitze waren abgeseift und poliert, die Deckel zugeklappt. Spiegel und Fenster funkelten. Alle Lampen funktionierten, desgleichen die Rundfunk-Fernseh-Kombination. Die Klimaanlage reagierte auf jede Veränderung des Thermostats, obwohl die Außentemperatur nur noch zwanzig Grad betrug. Alles in Ordnung, dachte Peter, als er in der zweiten Suite einen letzten Blick in die Runde warf.

Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke. Es fiel ihm ein, daß Curtis O'Keefe betont fromm war und gelegentlich seine Frömmigkeit zur Schau zu stellen liebte. Der Hotelier betete oft und meistens in aller Öffentlichkeit. Gerüchte behaupteten, daß er, wenn ihn ein neues Hotel interessierte, darum betete wie ein Kind um ein Spielzeug und daß vor den Verhandlungen ein privater Gottesdienst stattfand, dem die Direktoren des O'Keefe-Konzerns pflichtschuldigst beiwohnten. Peter erinnerte sich daran, daß der Chef eines konkurrierenden Hotelkonzerns einmal boshaft gesagt hatte. »Curtis verpaßt keine Gelegenheit zum Beten. Deshalb pinkelt er auch im Knien.«

Dieser Gedanke veranlaßte Peter, die Gideon-Bibeln zu inspizieren - in jedem Raum eine. Nachher war er froh, daß er darauf gekommen war.

Wie immer, wenn sie seit längerer Zeit im Gebrauch waren, waren die ersten Seiten mit den Telefonnummern von Call-Girls bedeckt, da - wie jeder erfahrene Reisende wußte - eine Gideon-Bibel der Ort war, wo man zuerst nach derlei Informationen suchte. Peter hielt Mrs. du Quesnay stumm die zwei Bücher unter die Nase. Sie schnalzte mit der Zunge. »Mr. O'Keefe wird die beiden Exemplare wohl nicht brauchen. Ich lasse neue heraufschicken.«

Die Bibeln unter den Arm klemmend, musterte sie Peter forschend. »Was Mr. O'Keefe mag oder nicht mag, wird wohl künftig hier den Ausschlag geben? Ich meine, ob Leute ihren Job behalten oder nicht?«

Er schüttelte den Kopf. »Da bin ich überfragt, Mrs. Q. Ich weiß darüber genausowenig wie Sie.«

Als er die Suite verließ, spürte er, wie ihm ihre Augen folgten. Mrs. du Quesnay unterhielt von ihrem Verdienst einen invaliden Ehemann, und jede Veränderung, die ihre Stellung bedrohte, war für sie ein Grund zu echter Sorge. Er empfand aufrichtige Sympathie für sie, als er im Lift zum Zwischengeschoß hinunterfuhr.

Im Fall eines Besitzerwechsels würde sich vermutlich den jüngeren und intelligenteren Angehörigen des Personals die Gelegenheit bieten, zu bleiben. Er nahm an, daß die meisten von ihnen die Chance ergreifen würden, da der O'Keefe-Konzern für sein gutes Betriebsklima bekannt war. Ältere Angestellte jedoch, und natürlich vor allem solche, die im Dienst nachlässig geworden waren, hatten Grund zur Beunruhigung.