Insgesamt hatte er sich knapp zehn Minuten in dem Haus aufgehalten. Er verstaute seine Beute im Kofferraum und fuhr los. Etwas über eine Stunde später hatte er sie in seiner Motelkabine am Chef Menteur Highway versteckt, seinen Wagen am alten Platz in der Innenstadt abgestellt und schlenderte in bester Laune zum St.-Gregory-Hotel zurück.
Auf dem Wege leistete er sich den Scherz, die Aufforderung auf dem Anhänger zu befolgen und die Schlüssel in einen Briefkasten zu werfen. Der Schlüsseldienst würde zweifellos sein Versprechen halten und sie dem Eigentümer zusenden.
Die unerwartete Beute würde ihm seiner Schätzung nach tausend Dollar netto einbringen.
In der Cafeteria des St. Gregory stärkte er sich mit einem Kaffee und einem Sandwich und lief dann zu Fuß zu dem Schlosser am Irish Channel. Der Nachschlüssel zur Präsidentensuite war fertig, und obwohl man ihm einen Wucherpreis dafür abverlangte, zahlte er fröhlichen Herzens.
Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel auf ihn hernieder. Das und der erfolgreiche morgendliche Raubzug waren ohne Frage günstige Vorzeichen für die Aufgabe, die vor ihm lag. Keycase entdeckte, daß er nicht nur sein altes Selbstvertrauen wiedergefunden hatte, sondern auch von einem Gefühl der Unbesiegbarkeit beseelt war.
11
In der ganzen Stadt läuteten die Glocken von New Orleans in lässigem Durcheinander die Mittagsstunde ein. Ihr polyphones Geläut drang durch das der Klimaanlage wegen verschlossene und versiegelte Fenster der Präsidentensuite in der neunten Etage. Der Herzog von Croydon, der sich schwankend einen Whisky-Soda eingoß, den vierten seit dem Morgen, hörte die Glocken und sah ungläubig auf seine Uhr. »Erst zwölf?« murmelte er kopfschüttelnd. »... Längste Tag..., den ich je erlebt habe.«
»Schließlich wird auch er zu Ende gehen.« Die Antwort der Herzogin, die auf einem Sofa saß und sich erfolglos auf W. H. Audens Gedichte zu konzentrieren versuchte, klang weniger streng als sonst. Das Warten seit der vergangenen Nacht, die Vorstellung, daß Ogilvie und der Unfallwagen sich irgendwo auf der Strecke nach dem Norden befanden - aber wo? -, hatte auch sie zermürbt. Seit ihrer letzten Unterredung mit dem Hausdetektiv waren neunzehn Stunden verstrichen, und sie hatten seitdem nichts Neues gehört.
»Herrgott noch mal! - konnte der Bursche nicht telefonieren?« Der Herzog begann wieder, wie schon den ganzen Vormittag über, aufgeregt durch den Salon zu marschieren.
»Wir hatten doch abgemacht, daß er nichts dergleichen tun sollte«, sagte die Herzogin milde. »Auf die Art ist es viel sicherer. Außerdem, wenn der Wagen tagsüber versteckt ist, wird er selbst wohl auch in Deckung bleiben.«
Der Herzog von Croydon vertiefte sich in eine ausgebreitete Straßenkarte, die er bereits auswendig kannte. Mit dem Finger zog er einen Kreis um das Gebiet von Macon, Mississippi. Er sagte mehr zu sich selbst: »Es ist noch so nahe, so infernalisch nahe. Und den ganzen heutigen Tag... nur warten... nichts als warten!« Sich aufrichtend, murmelte er: »Der Bursche könnte entdeckt werden.«
»Offenbar ist er bisher durchgeschlüpft, oder wir hätten auf die eine oder andere Art etwas gehört.« Neben der Herzogin lag die Nachmittagsausgabe des »States-Item«; sie hatte sie sich von ihrem Sekretär in der Halle holen lassen. Sie hatten stündlich die Rundfunknachrichten gehört. Das Radio war auch jetzt eingeschaltet, aber der Sprecher schilderte die Verheerungen, die ein sommerlicher Sturm in Massachusetts angerichtet hatte, und davor war eine Verlautbarung des Weißen Hauses zur Vietnam-Frage verlesen worden. Zeitung und Rundfunk hatten die Fahrerfluchtaffäre erwähnt, aber lediglich darauf hingewiesen, daß die Ermittlungen andauerten, bisher jedoch keine neuen Ergebnisse gezeitigt hätten.
»Gestern nacht konnte er nur einige Stunden fahren«, fügte die Herzogin hinzu, wie um sich selbst zu ermutigen. »Heute nacht ist es anders. Wenn er gleich nach Anbruch der Dunkelheit startet, müßte er morgen in Sicherheit sein.«
»Sicherheit!« Der Herzog griff mürrisch nach seinem Drink. »Ist wohl das vernünftigste, nur daran zu denken. Nicht an das, was geschehen ist... die Frau... das Kind. Ich nehme an, du hast die Fotos gesehen.«
»All das haben wir schon besprochen. Es ist sinnlos, wieder davon anzufangen.«
Er schien sie nicht gehört zu haben. »Beerdigung ist heute nachmittag... könnte wenigstens hingehen.«
»Du kannst nicht hingehen, das weißt du ganz genau.«
Ein drückendes Schweigen breitete sich in dem eleganten Salon aus. Es wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. Die Croydons starrten einander an; keiner von beiden machte Anstalten, an den Apparat zu gehen. Die Muskeln im Gesicht des Herzogs zuckten krampfartig.
Noch einmal läutete es und dann nicht mehr. Durch die dazwischenliegenden Türen vernahmen sie undeutlich die Stimme des Sekretärs, der an einem Nebenanschluß sprach.
Gleich darauf klopfte es, und der Sekretär kam verlegen herein. Er blickte zum Herzog hinüber. »Es ist eine von den Lokalzeitungen, Euer Gnaden. Sie sagen, sie hätten eine Blitzmeldung bekommen, die Sie betrifft.«
Mühsam fand die Herzogin ihre Haltung wieder. »Ich übernehme das Gespräch. Legen Sie drüben auf.« Sie griff nach dem Telefonhörer. Nur ein guter Beobachter hätte bemerkt, daß ihre Hände zitterten.
Sie wartete, bis ein Klicken anzeigte, daß am Nebenanschluß aufgelegt worden war, und sagte dann: »Hier ist die Herzogin von Croydon.«
»Madame«, erwiderte eine forsche männliche Stimme, »hier ist die Lokalredaktion des >States-Item<. Wir bekamen von Associated Press eine Blitzmeldung, und soeben traf noch ein...« Die Stimme verstummte. »Verzeihen Sie...« Dann hörte sie ihren Gesprächspartner gereizt sagen: »Wo, zum Kuckuck, ist das... He, Andy, gib mir den Wisch da rüber.«
Papier raschelte, und die Stimme ließ sich wieder vernehmen: »Tut mir leid, Madame. Ich werde Ihnen die Meldung vorlesen.
>London (AP) - Wie aus hiesigen parlamentarischen Kreisen verlautet, dürfte der Herzog von Croydon als nächster britischer Botschafter in Washington einziehen. Der Beschluß der Regierung wurde günstig aufgenommen. Die offizielle Bekanntgabe wird demnächst erwartet.<
Es ist noch mehr, Madame, aber damit will ich Sie verschonen. Wir rufen an, um zu fragen, ob Ihr Gatte eine Erklärung dazu abgeben möchte, und dann würden wir auch gern einen Fotografen ins Hotel schicken.«
Einen Moment lang schloß die Herzogin die Augen, sich ihrer Erleichterung überlassend, die sie wie ein schmerzstillendes Mittel einlullte.
»Sind Sie noch da, Madame?« fragte die Stimme am Telefon.
»Ja.« Sie riß sich ärgerlich zusammen.
»Was die Erklärung anbelangt, würden wir -«
Die Herzogin unterbrach ihn. »Mein Mann wird erst dann eine Erklärung abgeben, wenn die Ernennung offiziell bestätigt worden ist.«
»In dem Fall -«
»Aus dem gleichen Grund wird er auch den Fotografen nicht empfangen.«
Die Stimme klang enttäuscht. »Natürlich bringen wir in der nächsten Nummer alles, was wir darüber haben.«
»Das steht Ihnen frei.«
»Und bis zur offiziellen Bekanntgabe würden wir gern mit Ihnen in Verbindung bleiben.«
»Wenn es soweit ist, wird es meinem Mann ein Vergnügen sein, sich der Presse zu stellen.«
»Dann dürfen wir also wieder anrufen?«
»Gewiß.«
Nachdem sie aufgelegt hatte, saß die Herzogin von Croydon gerade aufgerichtet und reglos da. Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Es ist passiert. Geoffrey hat Erfolg gehabt.«
Ihr Mann starrte sie ungläubig an. »Washington?«