Выбрать главу

Dennoch war es aufregend, so dicht neben ihr zu sitzen und sich die letzten Minuten vor ihrem Abschied gestern nacht ins Gedächtnis zurückzurufen - der zuerst zärtliche und dann so leidenschaftliche Kuß; der atemberaubende Moment, in dem er nicht ein Mädchen, sondern eine Frau in den Armen gehalten und das verheißungsvolle Beben ihres Körpers gespürt hatte. Nun betrachtete er sie verstohlen; ihren jugendlichen Eifer, ihre geschmeidigen Bewegungen, ihre schlanke Figur unter dem dünnen Kleid. Falls er die Hand ausstreckte...

Widerstrebend unterdrückte er den Impuls. In einer bußfertigen Anwandlung sagte er sich, daß die Gegenwart von Frauen von jeher sein gesundes Urteil getrübt und ihn zu unbesonnenen Handlungen verleitet hatte.

Marsha streifte ihn mit einem Blick. »Woran haben Sie eben gedacht?«

»Geschichte«, schwindelte er. »Wo fangen wir an?«

»Beim alten St.-Louis-Friedhof. Waren Sie schon mal dort?«

Peter schüttelte den Kopf. »Für Friedhöfe habe ich mich nie übermäßig interessiert.«

»In New Orleans lohnt sich das aber.«

Es war nur ein kurzes Stück Fahrt zur Basin Street. Marsha parkte vorschriftsmäßig auf der Südseite, und sie gingen quer über den Boulevard auf den von einer Mauer umgebenen Friedhof zu, St. Louis Nummer eins mit seinem alten Säulentor.

»Ein gut Teil der Geschichte beginnt hier«, sagte Marsha und nahm Peters Arm. »Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, als New Orleans von den Franzosen gegründet wurde, war das ganze Gebiet ein einziger Sumpf. Das wäre es auch jetzt noch, wenn man den Fluß nicht eingedämmt hätte.«

»Ich weiß, daß der Untergrund der Stadt naß ist«, meinte Peter. »Im Souterrain des Hotels pumpen wir vierundzwanzig Stunden täglich die Abwässer nach oben in die städtischen Abflußkanäle - und nicht nach unten.«

»Früher stand das Grundwasser noch höher. Sogar an trockenen Stellen reichte es bis neunzig Zentimeter an die Erdoberfläche, so daß Gräber überflutet wurden, bevor man den Sarg hinunterlassen konnte. Angeblich stellten sich die Totengräber auf die Särge und drückten sie hinunter. Und manchmal bohrten sie Löcher in das Holz, damit die Särge von selber untersanken. Damals pflegten die Leute zu sagen, wenn einer nicht richtig tot ist, ertrinkt er.«

»Das klingt ja wie ein Gruselfilm.«

»In manchen Büchern steht, daß das Trinkwasser nach Leichen roch.« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Auf jeden Fall kam dann später ein Gesetz, das alle Bestattungen in der Erde verbot.«

Sie schlenderten zwischen den Gräberreihen dahin. Einen Friedhof wie diesen hatte Peter noch nie geshen. Marsha wies in die Runde. »Das alles hier entstand, nachdem das Gesetz verabschiedet worden war. In New Orleans nennen wir die Friedhöfe Städte der Toten.«

»Der Name leuchtet mir ein.«

Der Friedhof glich wirklich einer Stadt, dachte er; mit unregelmäßigen Straßen und Grüften im Stil kleiner Häuser, manche aus Backstein, andere weiß getüncht, mit schmiedeeisernen Balkonen und schmalen Gehsteigen. Die Häuser hatten mehrere Stockwerke, und das Fehlen von Fenstern war das einzige übereinstimmende Merkmal; statt der Fenster hatten sie zahllose kleine Türen. Er zeigte darauf. »Das könnten lauter Appartements sein.«

»Das sind auch welche, und die meisten werden nur für kurze Zeit vermietet.«

Er sah sie neugierig an.

»Die Gräber sind in Abschnitte unterteilt«, erklärte Marsha. »Ein normales Familiengrab hat zwei bis sechs Abschnitte, die größeren haben mehr. Zu jedem Abschnitt gehört eine kleine Tür. Kurz vor einer Beerdigung wird eine der Türen geöffnet. Der Sarg, der bereits drin ist, wird ausgeleert, und die Überreste werden nach hinten geschoben, wo sie durch einen Spalt in eine Grube fallen. Der alte Sarg wird verbrannt, und der neue kommt an seinen Platz. Dort bleibt er ein Jahr lang, und dann geschieht das gleiche mit ihm.«

»Bloß ein Jahr?«

Eine Stimme hinter ihnen sagte: »Mehr braucht's nicht. Aber manchmal dauert's länger - wenn der nächste, der an der Reihe ist, sich Zeit läßt. Ameisen und Kakerlaken helfen nach.«

Sie wandten sich um. Ein ältlicher, rundlicher Mann in fleckigem Drillichoverall musterte sie fröhlich. Seinen alten Strohhut lüpfend, fuhr er sich mit einem roten Seidentuch über die Glatze. »Heiß, nicht? Da drin ist's kühler.« Er patschte ungezwungen mit der Hand auf ein Grab.

»Falls Sie nichts dagegen haben, bleib' ich lieber in der Hitze«, sagte Peter.

Der andere kicherte. »Am Ende landen Sie auch da drin. Wie geht's, Miss Preyscott?«

»Hallo, Mr. Collodi«, sagte Marsha. »Das ist Mr. McDermott.«

Der Totengräber nickte freundlich. »Wollen Sie die Familie besuchen?«

»Wir sind gerade auf dem Wege dahin.«

»Hier entlang.« Der Mann ging voran und rief ihnen über die Schulter zu: »Wir haben das Grab neulich erst saubergemacht. Sieht wieder prima aus.«

Als sie durch die schmalen Friedhofsgassen wanderten, erhaschte Peter dann und wann lange zurückliegende Daten und altehrwürdige Namen. Ihr Führer zeigte auf einen schwelenden Holzstoß auf einem offenen Platz. »Wir verbrennen gerade ein bißchen was.« Inmitten des Rauchs konnte Peter die Überreste eines Sarges erkennen.

Sie blieben vor einem sechsfach unterteilten Grab stehen, eine Nachbildung des traditionellen Hauses der Pflanzeraristokratie. Es war weiß getüncht und besser erhalten als die meisten anderen in seiner Umgebung. Auf verwitterten Marmortafeln waren viele Namen verzeichnet, vor allem aber Preyscotts. »Wir sind eine alte Familie«, sagte Marsha. »Mittlerweile muß unten in der Erde ein ziemliches Gedränge sein.«

Die Sonne malte lustige Kringel auf das Grab.

»Hübsch, nicht?« Der Totengräber trat bewundernd zurück und wies dann auf eine Tür ziemlich weit oben. »Die ist als nächste dran, Miss Preyscott. Da kommt Ihr Daddy rein.« Er berührte eine andere in der zweiten Reihe. »Und die ist für Sie. Glaub' aber nicht, daß ich das noch erlebe.« Er verstummte und fügte nachdenklich hinzu: »Es ist schneller mit uns vorbei, als wir möchten. Drum soll man auch keine Zeit vertun; nein, Sir!« Er wischte sich wieder den Kopf ab und schlenderte gemächlich davon.

Trotz der Hitze fröstelte Peter. Die Vorstellung, daß für ein so junges Geschöpf wie Marsha der letzte Ruheplatz schon vorgemerkt war, beunruhigte ihn.

»Es ist nicht so morbid, wie es scheint.« Marshas Blick lag auf seinem Gesicht, und wieder einmal wunderte er sich über ihre Fertigkeit, in seinen Gedanken zu lesen. »Wir lernen eben von Kind an, daß all dies ein Teil von uns selbst ist.«

Er nickte. Dennoch hatte er genug von diesem Ort des Todes.

Sie befanden sich auf dem Weg nach draußen, unweit des Ausgangs zur Basin Street, als Marsha ihn am Arm zurückhielt.

Eine Wagenschlange stoppte unmittelbar vor dem Tor. Türen öffneten sich, Leute stiegen aus und versammelten sich auf dem Gehsteig. Ihr Äußeres verriet, daß sie im Begriff waren, sich zu einer Beerdigungsprozession zusammenzuschließen.

Marsha flüsterte: »Peter, wir müssen warten.« Sie traten einige Schritte zurück.

Nun teilte sich die Gruppe auf dem Gehsteig und machte dem Leichenzug Platz. Ein fahler Mann mit dem salbungsvollen Gebaren eines Leichenbestatters kam zuerst. Ihm folgte ein Geistlicher.

Hinter dem Geistlichen schritten langsam sechs Sargträger, einen schweren Sarg auf den Schultern. Vier andere folgten mit einem kleinen weißen Sarg, auf dem ein einzelner Oleanderzweig lag.

»O nein!« sagte Marsha.

Peter nahm ihre Hand und hielt sie fest.