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Der Geistliche intonierte: »Mögen die Engel dich in das Paradies tragen; mögen die Märtyrer dich auf deinem Wege willkommen heißen und in die heilige Stadt Jerusalem geleiten.«

Eine Gruppe von Leidtragenden folgte dem zweiten Sarg. Allein, an der Spitze, ging ein junger Mann. Er hatte einen schlechtsitzenden schwarzen Anzug an und trug seinen Hut unbeholfen Sein Blick hing an dem kleinen Sarg. Tränen liefen ihm über die Wangen. Hinter ihm schluchzte eine ältere Frau, die von einer anderen gestützt wurde.

»... Möge der Chor der Engel dich begrüßen und mögest du mit Lazarus, der einst arm war, die ewige Ruhe finden...«

»Das sind die zwei, die bei dem Autounfall getötet wurden, wo der Fahrer nachher flüchtete. Eine Mutter und ein kleines Mädchen. Es stand in der Zeitung«, flüsterte Marsha. Peter sah, daß sie weinte.

»Ich weiß.« Peter hatte das Gefühl, dazu zu gehören, den Kummer der Trauernden zu teilen. Die Szene am Unfallort in der Montagnacht hatte ihn durch ihre grimmige Sachlichkeit beeindruckt. Nun erschien ihm das Unglück durch seine Nähe gewissermaßen vertrauter und realer. Seine Augen wurden feucht, als sich der Leichenzug weiterbewegte.

Hinter der trauernden Familie kamen andere. Zu seiner Überraschung erkannte er ein Gesicht wieder. Zuerst wußte er nicht, wo er es schon gesehen hatte, dann wurde ihm klar, daß es sich um Sol Natchez handelte, den ältlichen Zimmerkellner, der nach seinem Disput mit dem Herzog und der Herzogin von Croydon vorübergehend vom Dienst suspendiert worden war. Peter hatte am Dienstagmorgen nach Natchez geschickt und ihm Warren Trents Anordnung, eine Woche lang bezahlten Urlaub zu nehmen, übermittelt. Natchez blickte nun zu Peter und Marsha herüber, schien jedoch Peter nicht zu erkennen.

Die Beerdigungsprozession zog weiter und verschwand schließlich aus ihrem Blickfeld.

»Jetzt können wir gehen«, sagte Marsha.

Plötzlich berührte eine Hand Peters Arm. Er wandte sich um und erblickte Sol Natchez.

»Ich hab' Sie gesehen, Mr. McDermott. Kannten Sie die Familie?«

»Nein, wir waren zufällig hier«, antwortete Peter und stellte Marsha vor.

Sie fragte: »Sie haben das Ende der Trauerfeier nicht abgewartet?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Ich hätte es nicht ertragen.«

»Dann kennen Sie die Familie also?«

»Ja, sehr gut. Es ist ein großes Unglück.«

Peter nickte. Er wußte nicht, was man sonst noch hätte sagen können.

»Ich kam am Dienstag nicht dazu, es Ihnen zu sagen«, fing Natchez wieder an, »aber ich bin Ihnen sehr dankbar, nach allem, was Sie für mich getan haben. Ich meine, daß Sie für mich eingetreten sind.«

»Schon gut, Sol. Ich glaube nicht, daß Sie schuld waren.«

»Es ist komisch, wenn man's genau bedenkt.« Der alte Mann blickte von Marsha auf Peter. Er schien sich ungern von ihnen zu trennen.

»Was ist komisch?« fragte Peter.

»Alles. Der Unfall.« Natchez zeigte in die Richtung, in der der Leichenzug verschwunden war. »Es muß passiert sein, kurz bevor ich am Montagabend den Ärger hatte...«

»Ja«, sagte Peter. Er hatte keine Lust, sich über seine eigenen späteren Erfahrungen am Unfallort auszulassen.

»Was ich fragen wollte, Mr. McDermott - haben Sie wegen der Sache noch irgendwas vom Herzog und der Herzogin gehört?«

»Nein, kein Wort.« Peter vermutete, daß Natchez es, ebenso wie er selbst, als Erleichterung empfand, über etwas anderes als die Beerdigung zu sprechen.

Der Kellner sagte nachdenklich: »Ich hab' mir das Ganze immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Hatte fast den Anschein, als hätten sie das ganze Theater absichtlich gemacht. Hab's damals nicht verstanden und versteh's auch jetzt noch nicht.«

Peter erinnerte sich, daß Natchez am Montagabend fast die gleichen Worte gebraucht hatte. Natchez hatte von der Herzogin von Croydon gesagt: Sie hat mich am Arm gestoßen, und wenn ich's nicht besser wüßte, würde ich sagen, sie hat's absichtlich getan. Und Peter hatte später den Eindruck, als lege es die Herzogin darauf an, den Zwischenfall aufzubauschen, damit er nicht vergessen würde. Was hatte sie noch gesagt? Irgend etwas von einem ruhigen Abend in der Suite und einem Gang ums Viertel. Sie seien eben erst zurückgekommen, hatte sie gesagt. Peter fiel ein, daß er sich damals gewundert hatte, warum sie das so ausdrücklich betonte.

Dann hatte der Herzog von Croydon seine Zigaretten erwähnt, die er im Wagen vergessen hätte, und die Herzogin hatte ihn angefaucht.

Der Herzog hatte seine Zigaretten im Wagen liegenlassen!

Falls die Croydons aber in der Suite geblieben und nur einmal um den Block spaziert waren...

Natürlich konnten sie die Zigaretten auch schon vorher im Wagen vergessen haben. Aber irgendwie kam Peter das unwahrscheinlich vor.

Er dachte angestrengt nach und vergaß seine Umgebung.

Warum wünschten die Croydons zu verheimlichen, daß sie ihren Wagen am Montagabend benutzt hatten? Warum suchten sie den Anschein zu erwecken, als hätten sie den Abend in der Suite verbracht? War die Affäre mit der verschütteten Shrimp Creole gestellt? Wurde sie eigens deshalb inszeniert, um die Fiktion vom gemütlichen Abend zu Haus zu untermauern? Ohne die zufällige Bemerkung des Herzogs, die der Herzogin sichtlich gegen den Strich ging, hätte Peter die Geschichte als wahr akzeptiert.

Weshalb die Geheimniskrämerei mit dem Wagen?

Natchez hatte vor einem Moment gesagt: Es ist komisch... , der Unfall muß passiert sein, kurz bevor ich am Montagabend den Ärger hatte...

Der Wagen der Croydons war ein Jaguar.

Ogilvie.

Er sah den Jaguar vor sich. Als er gestern nacht aus der Garage kam und kurz unter der Laterne hielt, war ihm aufgefallen, daß irgend etwas am Wagen nicht stimmte. Aber was? Es überrieselte ihn kalt; plötzlich erinnerte er sich wieder:

Kotflügel und Scheinwerfer waren beschädigt. Zum erstenmal ging ihm die volle Bedeutung der polizeilichen Meldungen der letzten paar Tage auf.

»Was ist los, Peter?« fragte Marsha. »Sie sind ja ganz bleich.«

Sie sprach zu tauben Ohren.

Peter hatte nur einen Wunsch - wegzugehen, irgendwo allein zu sein, wo er in Ruhe nachdenken konnte. Er mußte sorgfältig logisch, langsam überlegen. Vor allem aber durfte er keine übereilten Schlüsse ziehen.

Wie bei einem Puzzlespiel schienen die einzelnen Teilchen ineinanderzugreifen. Dennoch mußten sie verschoben, umgestellt, neu arrangiert, vielleicht sogar als unbrauchbar beiseite gelegt werden.

Der Verdacht war unmöglich. Er war zu phantastisch, um wahr zu sein. Und doch...

Wie aus weiter Ferne hörte er Marshas Stimme. »Peter! Irgendwas stimmt nicht mit Ihnen! Was ist passiert?«

Auch Sol Natchez sah ihn seltsam an.

»Marsha«, sagte Peter, »ich kann's Ihnen jetzt nicht erklären. Aber ich muß gehen.«

»Wohin?«

»Zurück ins Hotel. Tut mir leid. Ich erzähl's Ihnen später.« Ihre Stimme klang enttäuscht. »Ich dachte, wir würden zusammen Tee trinken.«

»Bitte, glauben Sie mir! Es ist wichtig.«

»Wenn Sie wirklich gehen müssen, bring' ich Sie zurück.«

»Nein.« Wenn er neben Marsha im Wagen saß, würde er reden, Erklärungen abgeben müssen. »Bitte. Ich rufe Sie nachher an.«

Er lief mit Riesenschritten davon; die zwei anderen blickten ihm verdutzt nach.

Draußen, auf der Basin Street, winkte er ein vorbeifahrendes Taxi heran. Er hatte Marsha gesagt, daß er ins Hotel zurück wollte, aber nun überlegte er es sich anders und gab dem Fahrer die Adresse seines Appartements.

Dort war es ruhiger.

Um nachzudenken. Um zu entscheiden, was er tun sollte.

Am späten Nachmittag faßte Peter McDermott seine Überlegungen zusammen.

Er sagte sich: Wenn man etwas zwanzig-, dreißig-, vierzigmal addiert, wenn jedesmal dieselbe Summe herauskommt, wenn das Kernproblem am Schluß das gleiche ist wie zu Anfang, dann läßt sich am Resultat nichts rütteln.