Die letzten anderthalb Stunden, seit seinem Abschied von Marsha, hatte er in seinem Appartement verbracht. Er hatte seine Erregung unterdrückt und sich gezwungen, methodisch nachzudenken. Er hatte sämtliche Vorfälle von Montag abend an Revue passieren lassen. Er hatte nach einer anderen Erklärung gesucht, sowohl für die Ereignisse im einzelnen als auch in ihrer Gesamtheit. Aber außer jenem entsetzlichen Verdacht, der ihm am Nachmittag plötzlich gekommen war, fand er keine sinnvolle, überzeugende Erklärung.
Nun war er mit seinen Überlegungen zu Ende und mußte einen Entschluß fassen.
Er erwog, alles, was er wußte und vermutete, Warren Trent vorzulegen. Dann schlug er sich die Idee aus dem Kopf, weil er sich nicht feige vor der Verantwortung drücken wollte. Was immer auch getan werden mußte, er würde es allein tun. Er tauschte seinen hellen Anzug gegen einen dunkleren aus und nahm für das kurze Stück bis zum Hotel ein Taxi.
Von der Halle aus begab er sich, die Grüße der Angestellten erwidernd, in sein Büro im Zwischengeschoß. Flora war bereits nach Hause gegangen. Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel von Mitteilungen, den er ignorierte.
Einen Moment lang saß er still da und überdachte noch einmal, was er vorhatte. Dann hob er den Telefonhörer ab und wählte die Nummer der städtischen Polizei.
13
Das beharrliche Summen eines Moskitos, der irgendwie in das Innere des Jaguars eingedrungen war, weckte Ogilvie am Nachmittag auf. Er fand nur langsam zu sich selbst und begriff zuerst nicht recht, wo er war. Dann fielen ihm die Geschehnisse nach und nach wieder ein: Der Aufbruch aus dem Hotel, die Fahrt im Dunkel des frühen Morgens, seine unbegründete Panik beim Auftauchen der Ambulanz, sein Entschluß, die Fahrt zu unterbrechen und erst am Abend wieder aufzunehmen; und endlich der holprige Feldweg und das Wäldchen, wo er den Wagen versteckt hatte. Das Versteck war offenbar gut gewählt. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er fast acht Stunden lang ungestört geschlafen hatte.
Zugleich mit dem Bewußtsein überkam ihn auch ein tiefes Unbehagen. Im Wagen war es drückend heiß, sein Körper war steif und schmerzte von dem Eingepferchtsein auf dem engen Rücksitz. Seine Kehle war ausgetrocknet, und er hatte einen schlechten Geschmack im Mund. Er hatte Durst und fürchterlichen Hunger.
Grunzend und ächzend hievte Ogilvie sich hoch und öffnete die Wagentür. Sofort umschwirrten ihn ein Dutzend Moskitos. Er wedelte sie mit der Hand weg und nahm seine Umgebung bedächtig in Augenschein, wobei er das, was er jetzt sah, mit seinem Eindruck vom frühen Morgen verglich. Da war es dämmrig und kühl gewesen; nun stand die Sonne hoch, und die Hitze war sogar im Schatten der Bäume kaum zu ertragen.
Vom Rand des Wäldchens aus konnte er in der Ferne die flimmernde Autostraße sehen. Früh am Morgen hatte es kaum Verkehr gegeben; nun flitzten Personen- und Lastwagen auf ihr entlang, und der Motorenlärm drang schwach herüber.
In der Nähe war es, abgesehen vom gleichförmigen Summen der Insekten, still und unbelebt. Zwischen ihm und der Straße lagen nur Wiesen, der überwachsene Pfad und das Wäldchen, unter dessen Blattwerk der Jaguar verborgen war.
Ogilvie verrichtete sein Bedürfnis und öffnete dann ein Paket, das er vor der Abfahrt im Kofferraum verstaut hatte. Es enthielt eine Thermosflasche mit Kaffee, mehrere Büchsen Bier, belegte Brote, eine Salami, ein Glas Mixed Pickles und Apfelkuchen. Er aß gierig und spülte das Essen mit kräftigen Schlucken Bier und danach Kaffee hinunter. Der Kaffee war stark und aufmunternd.
Während des Essens hörte er Radio. In den Nachrichten aus New Orleans wurden die polizeilichen Ermittlungen im Fahrerfluchtfall nur kurz gestreift; offenbar gab es nichts Neues zu berichten.
Danach beschloß er, die Gegend zu erkunden. Einige hundert Meter weiter weg, auf einem Hügel, stieß er auf eine zweite, etwas größere Gruppe von Bäumen. Er überquerte ein offenes Feld und entdeckte jenseits des Wäldchens einen schlammigen, träge fließenden Bach mit moosbedeckter Böschung. Am Wasser niederkniend, machte er flüchtig Toilette und fühlte sich danach erfrischt. Das Gras war hier saftig grün und einladender als in seinem Schlupfwinkel; er legte sich dankbar nieder, die Anzugjacke als Kopfkissen benutzend.
Sobald er es sich bequem gemacht hatte, überdachte Ogilvie noch einmal die Ereignisse der vergangenen Nacht. Er bezweifelte nun nicht mehr, daß die Begegnung mit Peter McDermott vor dem Hotel ein Zufall gewesen war und ihn folglich nicht zu beunruhigen brauchte. Es war vorauszusehen, daß McDermott auf die Nachricht von der Abwesenheit des Hausdetektivs mit einem Wutanfall reagieren würde. Aber dadurch würde er weder Ziel noch Zweck von Ogilvies Reise erfahren.
Natürlich war es möglich, daß aus irgendeinem anderen Grund seit gestern nacht Alarm geschlagen worden war und daß in diesem Moment nach Ogilvie und dem Jaguar gefahndet wurde. Dem Rundfunkbericht nach zu schließen, war das jedoch unwahrscheinlich.
Im großen und ganzen waren die Aussichten gut, besonders, wenn er an die zehntausend Dollar dachte, die er schon bekommen hatte, und die fünfzehntausend, die er morgen in Chikago kassieren würde.
Nun mußte er nur noch auf die Dunkelheit warten.
14
Keycase Milnes hochgespannte Stimmung hielt den ganzen Nachmittag hindurch an. Sie befeuerte sein Selbstvertrauen, als er sich kurz nach fünf Uhr vorsichtig der Präsidentensuite näherte.
Von der achten zur neunten Etage hatte er wieder die Personaltreppe benutzt.
Der Nachschlüssel befand sich in seiner Tasche.
Der Korridor vor der Präsidentensuite war menschenleer. Er blieb vor der ledergepolsterten Doppeltür stehen und lauschte angespannt, hörte jedoch keinen Laut.
Er warf einen schnellen Blick in beide Richtungen, holte den Schlüssel hervor und steckte ihn ins Schloß. Um ihn gleitfähiger zu machen, hatte er ihn vorher mit Graphitpuder bestäubt.
Der Schlüssel drehte sich, blieb hängen, drehte sich weiter. Keycase öffnete einen Türflügel spaltbreit. Im Inneren der Suite war es totenstill. Er zog die Tür behutsam zu und steckte den Schlüssel wieder ein.
Es war nicht seine Absicht, jetzt in die Suite einzudringen. Das kam erst später - in der Nacht.
Er hatte nur die Gelegenheit auskundschaften und den Schlüssel ausprobieren wollen. Später, gegen Abend, würde er sich auf die Lauer legen und seine Chance abpassen.
Für den Moment kehrte er in sein Zimmer in der achten Etage zurück, stellte den Wecker und legte sich schlafen.
15
Draußen wurde es dunkel, und Peter McDermott erhob sich mit einer gemurmelten Entschuldigung, um im Büro das Licht anzuknipsen. Dann kehrte er wieder an seinen Platz zurück. Ihm gegenüber saß ein wortkarger Mann in einem grauen Flanellanzug, Captain Yolles von der Kriminalpolizei, der zu Peters Überraschung gar nicht wie ein Kriminalbeamter aussah. Er hörte sich Peters Bericht höflich an, etwa wie ein Bankdirektor, dem ein Kreditgesuch vorgelegt wird, und unterbrach die langatmige Aufzählung von Fakten und Mutmaßungen nur einmal mit der Frage, ob er telefonieren dürfe. Als Peter bejahte, benutzte er einen Anschluß am anderen Ende des Büros und sprach leise, daß Peter nichts verstand.
Das Fehlen jeder sichtbaren Reaktion bewirkte, daß Peters Zweifel wieder erwachten. Zum Schluß bemerkte er: »Ich bin mir nicht sicher, ob das alles überhaupt einen Sinn hat. Tatsächlich komme ich mir allmählich ein bißchen blöd vor.«
»Wenn mehr Leute das riskieren würden, Mr. McDermott, wäre unsere Arbeit leichter.« Zum erstenmal griff Captain Yolles zu Bleistift und Notizbuch. »Falls an der Sache etwas dran ist, brauchen wir natürlich eine vollständige Aussage. Vorläufig hätte ich gern noch ein paar Einzelheiten. Erstens, die Zulassungsnummer des Wagens.«