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Es lag eine gewisse Ironie des Schicksals darin, daß trotz Peters nachdrücklichem Hinweis noch gar nicht feststand, ob die Beweise gegen Herbie Chandler Warren Trent jemals vorgelegt werden würden. Falls das Hotel plötzlich den Besitzer wechselte, und das konnte jeden Moment geschehen, ginge die Affäre Warren Trent nichts mehr an. Auch Peter selbst war dann vielleicht nicht mehr da. Ein neuer Personalchef würde zweifellos die Führungszeugnisse der leitenden Angestellten examinieren und bei Peter den widerlichen alten WaldorfSkandal ausgraben. Oder war mittlerweile Gras über die Affäre gewachsen? Nun, wahrscheinlich würde die Antwort darauf nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Peter wandte sich wieder den nächstliegenden Aufgaben zu.

Flora hatte ihm einen Vordruck mit den letzten Gästezahlen auf den Schreibtisch gelegt. Aus der Aufstellung ging hervor, daß sich das Haus füllte und am Abend mit Sicherheit wieder voll besetzt sein würde. Falls das St. Gregory vor einer Niederlage stand, dann ging es wenigstens mit fliegenden Fahnen unter.

Anschließend sah er die Post und einen Stapel von Berichten durch und entschied, daß nichts dabei war, das nicht bis morgen Zeit hatte. Unter den Memoranden lag ein großer gelber Umschlag mit einem Hefter, den er aufschlug. Es war der Hauptverpflegungsplan, den der Souschef Andre Lemieux ihm gestern überreicht hatte. Peter hatte bereits am Vormittag darin gelesen.

Nach einem Blick auf die Uhr beschloß er, seine Lektüre fortzusetzen, bevor er zu seinem abendlichen Rundgang durchs Hotel aufbrach. Er machte sich über den mit der Hand geschriebenen Text und die sorgsam gezeichneten Pläne her, die vor ihm ausgebreitet lagen.

Je weiter er kam, desto mehr wuchs seine Bewunderung für den jungen Souschef. Die Darstellung war meisterhaft und verriet ein umfassendes Verständnis für die Probleme des Hotels und die Möglichkeiten seines Restaurationsbetriebs. Es erboste Peter, daß der Chef de Cuisine, M. Hebrand - laut Lemieux -sämtliche Vorschläge zurückgewiesen hatte.

Gewiß, einige Schlußfolgerungen waren strittig, und Peter pflichtete nicht allen Ideen von Lemieux bei. Auf den ersten Blick kamen ihm auch die Kostenvoranschläge zum Teil recht optimistisch vor. Aber all das war unwesentlich. Wichtig war, daß ein frischer und offensichtlich fähiger Kopf über die derzeitigen Mängel in der Nahrungsmittelbewirtschaftung nachgedacht und Verbesserungsvorschläge ausgearbeitet hatte. Ebenso klar war, daß sich Andre Lemieux demnächst ein anderes Wirkungsfeld suchen würde, wenn das St. Gregory von seinen Talenten keinen besseren Gebrauch machte.

Peter verstaute Plan und Tabellen wieder in dem Umschlag. Es freute ihn, daß jemand im Hotel mit soviel echter Begeisterung bei der Arbeit war wie Lemieux. Er sagte sich, daß er dem jungen Souschef seine Eindrücke gern mitteilen würde, selbst wenn er im gegenwärtigen unsicheren Stadium sonst nichts konnte.

Ein Telefonanruf verschaffte ihm die Information, daß der Chef de Cuisine heute abend krankheitshalber abwesend war und von M. Lemieux vertreten wurde. Vorschriftsmäßig ließ Peter ausrichten, daß er sich auf dem Weg in die Küche befände.

Andre Lemieux erwartete ihn an der Tür des Hauptspeisesaals.

»Nur 'erein, Monsieur! Sie sind willkommen.« Als sie die von Lärm und Dunst erfüllte Küche betraten, rief der junge Souschef Peter ins Ohr: »Sie finden uns, wie Musiker sagen, kurz vor dem Crescendo.«

Im Gegensatz zum gestrigen Nachmittag, an dem es relativ ruhig gewesen war, herrschte heute abend ein Höllenspektakel. Eine volle Schicht war im Dienst, und Köche in gestärkten weißen Kitteln mit ihren Assistenten und Gehilfen schienen wie Gänseblümchen aus der Erde zu sprießen. Um sie herum hoben schwitzende Küchenhelfer, inmitten von Dampf und Siedehitze, Servierbretter, Pfannen und Kessel, während andere unbekümmert Servierwagen vor sich her schoben; sie alle und auch die hin und her eilenden Kellner, die ihre Tabletts hoch über den Köpfen balancierten, führten umeinander einen wahren Eiertanz auf. Auf dampfbeheizten Tischen wurden die Essensportionen ausgeteilt und für die Weiterbeförderung in die Speisesäle angerichtet. Bestellungen a la carte und von Gästen, die in ihrem Zimmer dinierten, wurden von rührigen Köchen fertiggemacht, die mit ihren Händen überall zugleich zu sein schienen. Kellner lungerten herum, monierten ihre Bestellungen und wurden angebrüllt. Andere Kellner trabten mit beladenen Tabletts an den zwei gestrengen Kontrolleurinnen vorbei, die vor erhöhten Registrierkassen thronten. In der Suppenabteilung stieg Dampf aus riesigen brodelnden Kesseln. Nur ein paar Meter weiter arrangierten zwei Spezialisten mit geschickten Fingern Appetithappen und heiße Hors d'reuvres. Hinter ihnen beaufsichtigte ein besorgter Pastetenbäcker die Desserts. Gelegentlich, wenn Ofentüren aufgerissen wurden, huschte ein Widerschein der Flammen über konzentrierte Gesichter. Alles beherrschend jedoch war das ohrenbetäubende Klappern von Geschirr, der einladende Geruch von Essen und der starke Duft frisch aufgebrühten Kaffees.

»Wenn wir am meisten zu tun 'aben, Monsieur, fühlen wir uns am wohlsten. Oder so sollte es jedenfalls sein.«

»Ich habe Ihren Bericht gelesen.« Peter gab dem Souschef den Umschlag zurück und folgte ihm dann in das verglaste Büro, in das der Lärm nur gedämpft hineindrang. »Ihre Ideen gefallen mir. Mit einigen Punkten bin ich zwar nicht ganz einverstanden, aber es sind nicht viele.«

»Ein Disput wäre gut, wenn danach die Tat folgen würde.«

»Damit ist vorläufig nicht zu rechnen. Wenigstens nicht so, wie Sie es im Sinn haben.« Peter wies darauf hin, daß zunächst einmal die Zukunft des Hotels entschieden werden müßte, bevor man überhaupt an Reorganisation denken könnte.

»Vielleicht müssen mein Plan und ich woanders 'in gehen. N'importe pas.« Andre Lemieux zuckte mit den Schultern und fügte dann hinzu: »Monsieur, ich wollte gerade oben nach dem Rechten sehen. Möchten Sie mich nicht begleiten?«

Da Peter ohnehin vorgehabt hatte, die Kongreßsäle zu besuchen, beschloß er kurzerhand, seine Inspektionstour mit ihnen zu beginnen. »Ja, danke. Ich komme mit.«

Sie fuhren in einem Personalaufzug zwei Etagen höher und gelangten in eine Küche, die der Hauptküche unten in beinahe jeder Hinsicht glich. Von hier aus konnten etwa zweitausend Mahlzeiten auf einmal für die drei Kongreßsäle des St. Gregory und das Dutzend privater Speisezimmer angerichtet werden. Das Tempo war im Augenblick genauso rasant wie unten.

»Wie Sie wissen, Monsieur, 'aben wir 'eute abend zwei große Banketts. Im Großen Ballsaal und in der Bienville-'alle.«

Peter nickte. »Ja, der Zahnärztekongreß und Gold Crown Cola.« Den angerichteten Platten, die die lange Küche wie am laufenden Band nach entgegengesetzten Seiten verließen, entnahm er, daß die Zahnärzte als Hauptgang gebratenen Truthahn, die Cola-Verkäufer Flunder saute hatten. Gruppen von Köchen und Gehilfen machten beides zurecht, teilten in maschinenförmigem Rhythmus Gemüse aus, deckten die gefüllten Platten zu und luden sie mit der gleichen Bewegung auf die Tabletts der Kellner.

Neun Platten auf einem Tablett - so viele Tagungsmitglieder saßen an einem Tisch. Zwei Tische pro Kellner. Das Menü hatte vier Gänge, hinzu kamen noch Brötchen, Butter, Kaffee und petits fours. Peter rechnete aus, daß jeder Kellner mindestens zwölf schwer beladene Tabletts schleppen mußte; höchstwahrscheinlich sogar mehr, falls die Gäste anspruchsvoll waren, oder, wie es bei starkem Andrang zuweilen geschah, falls ihnen Extra-Tische zugeteilt wurden. Kein Wunder, daß manche Kellner am Ende des Abends erschöpft aussahen.

Weniger erschöpft würde vielleicht der maitre d'hötel sein, würdig und makellos wie immer in Frack und weißer Schleife. Im Augenblick stand er wie ein Verkehrspolizist mitten in der Küche und dirigierte den Strom der Kellner in beiden Richtungen. Als er Andre Lemieux und Peter erblickte, trat er auf sie zu.

»Guten Abend, Chef; Mr. McDermott.« Obwohl Peter in der Hotelrangliste höher stand als die zwei anderen, wandte sich der maitre d'hötel in der Küche korrekterweise zuerst an den diensthabenden Chef.