»Nach was haben Sie geschürft?«
»Uran, Kobalt. Vor allem Gold.«
»Haben Sie welches gefunden? Gold, meine ich?«
Er nickte. »Viele haben welches gefunden. Im Gebiet von Yellowknife, am Großen Sklavensee. Die Funde begannen in den neunziger Jahren und setzten sich fort bis zum Goldrausch im Jahre neunzehnhundertfünfundvierzig. Aber der größte Teil des Landes war zu unwirtlich zum Abbau.«
Christine sagte: »Es muß ein hartes Leben gewesen sein.« Der kleine Mann hustete, trank einen Schluck Wasser und lächelte abbittend. »Damals war ich ziher. Aber wenn man dem Schild auch nur eine halbe Chance gibt, bringt er einen um.« Er sah sich in dem behaglichen, von Kristallüstern erhellten Speisesaal um. »Es kommt einem sehr weit weg von hier vor.«
»Sie sagten, daß es meistens zu schwierig war, dort Gold zu schürfen. Aber manchmal klappte es doch?«
»O ja. Es gab welche, die hatten mehr Glück als andere, obwohl auch bei ihnen was schiefgehen konnte. Es lag wohl daran, daß der Schild und das Ödland sie irgendwie durcheinanderbrachte. Manche, die man für stark hielt - und nicht nur körperlich -, entpuppten sich als Schwächlinge. Und bei manchen, denen man sein Leben anvertraut hätte, entdeckte man, daß man sich nicht auf sie verlassen konnte. Und umgekehrt. Ich erinnere mich, einmal...« Er verstummte, als der Oberkellner auf einem silbernen Tablett die Rechnung brachte.
»Weiter!« drängte sie.
»Das ist eine lange Geschichte, Christine.« Er drehte die Rechnung um und prüfte sie.
»Aber ich würde sie gern hören«, versicherte Christine, und es war ihr Ernst damit.
Er blickte auf, und in seinen Augen lag ein Schimmer der Belustigung. Er sah quer durch den Raum zu dem Oberkellner hinüber, dann auf Christine, zog unvermittelt einen Bleistift hervor und unterschrieb die Rechnung.
»Es war im Jahr sechsunddreißig«, begann er, »um die Zeit, als einer der letzten Booms bei Yellowknife anfing. Ich schürfte in der Nähe vom Großen Sklavensee. Hatte damals einen Partner namens Hymie Eckstein. Hymie stammte aus Ohio. Er hatte als Textilvertreter, Verkäufer von Gebrauchtwage n und in einem Haufen anderer Berufe gearbeitet. Er war ein Draufgänger und redete wie ein Buch. Aber er brachte es irgendwie fertig, daß die Leute ihn gern hatten. Ich schätze, man könnte es Charme nennen. Als er nach Yellowknife kam, hatte er etwas Geld. Ich war pleite. Hymie bezahlte Ausrüstung und Verpflegung für uns beide.«
Albert Wells trank versonnen einen Schluck Wasser.
»Hymie hatte noch nie einen Schneeschuh gesehen, noch nie von Frostboden gehört, konnte Schiefer nicht von Quarz unterscheiden. Aber wir kamen von Anfang an gut miteinander aus. Und wir hatten Glück.
Wir waren einen Monat oder zwei draußen. Auf dem Schild verliert man jeden Zeitbegriff. Dann setzten wir zwei uns eines Tages unweit der Mündung des Yellowknife Rivers hin, um uns Zigaretten zu drehen. Beim Sitzen kratzte ich, wie Prospektoren das so an sich haben, auf ein paar Felsbrocken herum und steckte ein oder zwei davon in die Tasche. Später, am Ufer des Sees, wusch ich das Gestein, und man hätte mich glatt ins Wasser schubsen können, als sich herausstellte, daß es gutes grobkörniges Gold enthielt.«
»Wenn so etwas wirklich passiert, muß es einem wie die aufregendste Sache von der Welt vorkommen«, sagte Christine.
»Vielleicht gibt's Sachen, die einen noch mehr aufregen. Falls es so ist, sind sie mir wenigstens noch nie untergekommen. Na, wir rasten zu der Stelle zurück, wo die Gesteinsbrocken her waren, und bedeckten sie mit Moos. Zwei Tage später fanden wir heraus, daß bereits jemand anders einen Claim darauf hatte. Ich schätze, das war so ziemlich der schlimmste Schlag, der uns beide je getroffen hatte. Ein Prospektor aus Toronto hatte die Stelle abgesteckt. Er war im Jahr vorher draußen gewesen und nach dem Osten zurückgegangen, ohne zu wissen, was er da hatte. Nach dem Gesetz in den Territorien erlischt der Anspruch nach einem Jahr, wenn der Claim nicht bearbeitet wird.«
»Und wie lange war es noch bis dahin?«
»Im Juni hatten wir unseren Fund gemacht. Wenn die Dinge blieben, wie sie waren, wurde das Land am 30. September frei.«
»Konnten Sie nicht einfach den Mund halten und warten?«
»Das hatten wir auch vor. Es war bloß nicht so einfach. Erstens lag unser Fund genau in einer Linie mit einer Mine, wo gefördert wurde, und es waren außer uns noch mehr Prospektoren in der Gegend. Zweitens hatten Hymie und ich kein Geld und keine Vorräte mehr.«
Albert Wells winkte einem Kellner. »Ich schätze, ich trinke doch noch einen Kaffee. Und Sie?«
Christine schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Erzählen Sie weiter. Ich möchte den Rest auch noch hören.« Wie seltsam, dachte sie, daß die Art Abenteuer, von der manche Leute träumen, ausgerechnet diesem doch offenbar ganz alltäglichen kleinen Mann aus Montreal widerfahren war.
»Also, Christine, ich schätze, die nächsten drei Monate waren die längsten, die zwei Männer jemals durchgestanden haben. Und vielleicht auch die schwersten. Wir fristeten unser Leben von Fisch und Moos und dergleichen. Am Ende war ich dünn wie ein Streichholz, und meine Beine waren schwarz von Skorbut. Hatte außerdem Bronchitis und Venenentzündung. Hymie war nicht viel besser dran, aber er beklagte sich nie, und ich mochte ihn immer lieber.
Der Kaffee wurde serviert, und Christine wartete.
»Schließlich kam dann der 30. September. Wir hatten in Yellowknife gehört, daß auch andere hinter dem Claim her waren, und deshalb wollten wir nichts riskieren. Wir hatten unsere Pfähle griffbereit, und gleich nach Mitternacht rammten wir sie ein. Ich weiß noch, es war eine kohlrabenschwarze Nacht, und es schneite und stürmte.«
Seine Hände umschlossen die Kaffeetasse wie schon zweimal zuvor.
»Das ist so ziemlich alles, woran ich mich noch erinnere, denn danach klappte ich zusammen. Und als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Krankenhaus in Edmonton, einige tausend Meilen von unserem Claim entfernt. Später hörte ich, daß Hymie mich vom Schild heruntergeschleppt hatte, aber ich hab' nie begriffen, wie er das zuwege gebracht hat. Und ein Buschpilot flog mich nach dem Süden. Viele Male, auch noch im Krankenhaus, gaben sie mich auf, aber ich starb nicht. Obwohl ich mir, als ich wieder klar denken konnte, manchmal wünschte, ich wäre gestorben.« Er hielt inne und trank einen Schluck Kaffee.
»War denn der Claim nicht legal?« fragte Christine.
»Der Claim war in Ordnung. Das Problem war Hymie.« Albert Wells strich sich nachdenklich über seine schnabelförmige Nase. »Vielleicht sollte ich was nachtragen. Während wir auf dem Schild die drei Monate abwarteten, stellten wir zwei Kaufverträge aus. Jeder von uns übertrug - auf dem Papier - seinen Anteil dem anderen.«
»Warum?«
»Es war Hymies Idee, für den Fall, daß einer von uns zwei nicht durchkam. Der Überlebende sollte dann das Papier behalten, aus dem hervorging, daß der ganze Claim ihm gehörte, und das andere zerreißen. Hymie sagte, damit würde er sich einen Haufen gesetzlicher Scherereien ersparen. Damals leuchtete mir das ein. Wir verabredeten, wenn wir beide durchhielten, würden wir beide Verträge vernichten.«
»Und während Sie im Krankenhaus lagen...«, sagte Christine.
»Hatte Hymie beide Verträge an sich genommen und seinen protokollieren lassen. Als ich endlich wieder einigermaßen bei Kräften war, hatte Hymie sich den vollen Besitzanspruch gesichert und schürfte bereits in großem Maßstab mit Maschinen und Hilfskräften. Ich fand heraus, daß ihm eine große Verhüttungsgesellschaft eine viertel Million für die Mine geboten hatte und daß noch mehr Interessenten da waren.«
»Und Sie konnten nichts dagegen tun?«
Der kleine Mann schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ich wäre ausgebootet, bevor es noch richtig angefangen hatte. Trotzdem borgte ich mir, sobald ich aus dem Krankenhaus draußen war, genug Geld zusammen, um in den Norden zurückzugehen.«