Yolles klappte sein Notizbuch zu. In gelassenem Tonfall fragte er: »Würde es Sie dann überraschen zu erfahren, daß Ihr Wagen sich gegenwärtig im Staat Tennessee befindet, daß Theodore Ogilvie ihn dort hingefahren hat und daß Ogilvie verhaftet worden ist? Ferner, daß Ogilvie eine Aussage gemacht hat, derzufolge er von Ihnen bezahlt wurde, damit er den Wagen von New Orleans nach Chikago fährt? Und weiterhin, daß Ihr Wagen, unseren Ermittlungen zufolge, am Montagabend in dieser Stadt in einen Unfall mit Fahrerflucht verwickelt war?«
»Da Sie mich fragen«, antwortete die Herzogin von Croydon, »es würde mich allerdings sehr überraschen. Tatsächlich ist es das absurdeste Lügenmärchen, das ich jemals gehört habe.«
»Es ist durchaus kein Märchen, Madame, daß Ihr Wagen sich in Tennessee befindet und daß Ogilvie ihn dort hingefahren hat.«
»Gut, aber dann hat er das ohne unser Wissen und ohne unsere Erlaubnis getan. Und wenn, wie Sie sagen, der Wagen am Montagabend in einen Unfall verwickelt wurde, dann ist doch klar, daß derselbe Mann ihn bei der Gelegenheit zu irgendwelchen Privatfahrten benutzte.«
»Sie beschuldigen also Theodore Ogilvie...«
»Beschuldigungen sind Ihr Geschäft«, fauchte die Herzogin. »Sie scheinen sich darauf zu spezialisieren. Eine Beschuldigung möchte ich allerdings aussprechen, und zwar gegen dieses Hotel, das offenbar völlig außerstande ist, das Eigentum seiner Gäste zu schützen.« Die Herzogin fuhr herum und wandte sich an Peter McDermott. »Sie werden in dieser Angelegenheit noch von mir hören, das versichere ich Ihnen.«
»Aber Sie haben doch eine Vollmacht ausgeschrieben«, protestierte Peter, »nach der Ogilvie den Wagen nehmen durfte.«
Seine Worte wirkten auf die Herzogin wie ein Schlag ins Gesicht. Ihre Lippen bewegten sich unsicher, sie erbleichte. Ihm wurde klar, daß er sie an den einzigen belastenden Gegenstand erinnert hatte, der ihr entgangen war.
Das Schweigen schien kein Ende zu nehmen. Dann warf sie den Kopf zurück.
»Zeigen Sie sie mir!«
Peter sagte: »Leider wurde sie...«
In ihren Augen blitzte es spöttisch und triumphierend auf.
19
Endlich war, nach Fragen, Geschwätz und Banalitäten ohne Ende, die Pressekonferenz der Croydons vorbei.
Als sich die äußere Tür der Präsidentensuite hinter dem letzten Gast geschlossen hatte, machte der Herzog von Croydon seinen unterdrückten Gefühlen Luft. »Mein Gott, das kannst du nicht tun! Damit kommst du unmöglich durch... «
»Sei still!« Die Herzogin blickte sich im leeren Salon um. »Nicht hier. Ich habe kein Vertrauen mehr zu diesem Hotel und allem, was dazu gehört.«
»Aber wo? Um Himmels willen, wo?«
»Wir gehen spazieren. Auf der Straße können wir sprechen. Aber beherrsch dich bitte.«
Sie öffnete die Verbindungstür zu ihren Schlafzimmern, wohin die Bedlington-Terrier verbannt worden waren. Sie kamen aufgeregt herausgepurzelt und bellten, als die Herzogin sie an die Leine nahm. In der Diele öffnete der Sekretär beflissen die Tür, und die Hunde stürzten voraus in den Korridor.
Im Fahrstuhl wollte der Herzog etwas sagen, aber die Herzogin schüttelte abwehrend den Kopf. Erst, als sie sich außerhalb des Hotels und außer Hörweite anderer Fußgänger befanden, flüsterte sie: »Jetzt!«
Seine Stimme klang gepreßt und heftig. »Es ist Wahnsinn, sag ich dir! Wir sitzen schon schlimm genug in der Klemme. Von Anfang an haben wir einen Kompromiß nach dem anderen geschlossen. Kannst du dir vorstellen, was jetzt passiert, wenn die Wahrheit herauskommt?«
»Ja, ich kann's mir ungefähr vorstellen. Falls sie herauskommt.«
Er bohrte weiter. »Abgesehen von allem anderen - dem moralischen Problem und dergleichen -, kann es einfach nicht gut ausgehen.«
»Warum nicht?«
»Weil es unmöglich ist. Undenkbar. Wir sind schlimmer dran als am Anfang. Und jetzt kommt noch das hinzu...« Seine Stimme erstarb.
»Wir sind nicht schlimmer dran. Im Moment sind wir sogar besser dran. Darf ich dich an deine Berufung nach Washington erinnern.«
»Du glaubst doch nicht im Ernst, daß auch nur die geringste Chance für uns besteht, jemals dort hinzukommen?«
»Es besteht jede Chance.«
Mit den herumtollenden Terriern waren sie die St. Charles Avenue entlanggegangen bis zum belebteren, heller erleuchteten Teil der Canal Street. Nun bogen sie nach Südosten ab, auf den Fluß zu, und täuschten Interesse an den farbenfrohen Schaufenstern vor, während Scharen von Passanten an ihnen vorbeiströmten.
»Ich muß wissen, was am Montagabend vorgefallen ist, so widerwärtig es auch sein mag«, sagte die Herzogin leise. »Die Frau, mit der du in Irish Bayou warst, hast du sie dort hingefahren?«
Der Herzog errötete. »Nein. Sie kam mit dem Taxi. Wir trafen uns drinnen. Ich hatte die Absicht, danach...«
»Verschon mich mit deinen Absichten. Dann könntest du also auch in einem Taxi gekommen sein.«
»Daran hab' ich noch nicht gedacht. Ich glaube, schon.«
»Nach meiner Ankunft - gleichfalls im Taxi, was notfalls bewiesen werden kann - bemerkte ich, als wir zu unserem Wagen gingen, daß du ihn ziemlich weit entfernt von diesem gräßlichen Klub geparkt hattest. Einen Wächter gab es auch nicht.«
»Ich hatte ihn absichtlich so weit weg geparkt. Vermutlich bildete ich mir ein, auf diese Art würde dir die Sache nicht so schnell zu Ohren kommen.«
»Folglich gibt es keine Zeugen dafür, daß du am Montagabend den Wagen gefahren hast.«
»Da ist noch die Hotelgarage. Beim Hinausfahren könnte uns jemand gesehen haben.«
»Nein! Ich weiß genau, daß du gleich hinter der Einfahrt gehalten und den Wagen stehengelassen hast, wie wir's gewöhnlich tun. Wir haben niemanden und uns hat niemand gesehen.«
»Und wie war es, als ich ihn herausholte?«
»Du kannst ihn gar nicht herausgeholt haben. Nicht aus der Hotelgarage. Am Montagmorgen haben wir ihn auf einem Parkplatz gelassen.«
»Ach, richtig«, sagte der Herzog, »und da habe ich ihn am Abend geholt.«
Die Herzogin dachte laut weiter. »Wir werden natürlich sagen, daß wir den Wagen nach unserer Ausfahrt am Montagmorgen in die Hotelgarage zurückbrachten. Es ist zwar keine diesbezügliche Eintragung vorhanden, aber das beweist noch nichts. Wir jedenfalls haben den Wagen seit Montag vormittag nicht mehr gesehen.«
Der Herzog schwieg, als sie langsam weitergingen. Er streckte die Hand aus und nahm seiner Frau die Hunde ab. Die Terrier spürten den Wechsel und zerrten kräftiger an ihrer Leine.
Schließlich sagte er: »Es ist wirklich erstaunlich, wie alles zusammenpaßt.«
»Es ist mehr als erstaunlich. Es sollte so sein. Von Anfang an hat alles uns in die Hände gearbeitet. Jetzt... «
»Jetzt hast du vor, statt meiner einen anderen Mann ins Gefängnis zu schicken.« »Nein!« Er schüttelte den Kopf. »Das könnte nicht einmal ich ihm antun.«
»Ich verspreche dir, daß man ihm nicht ein Haar krümmt.«
»Woher willst du das wissen?«
»Weil die Polizei beweisen müßte, daß er den Wagen zum Zeitpunkt des Unfalls fuhr. Und das kann sie nicht, ebensowenig, wie sie beweisen kann, daß du es warst. Begreifst du denn nicht? Sie glauben vielleicht, daß es einer von euch beiden war. Aber glauben allein genügt nicht. Man muß es auch beweisen können.«
»Weißt du«, sagte er bewundernd, »manchmal bist du einfach unwahrscheinlich.«
»Ich bin praktisch. Und da wir gerade davon sprechen, möchte ich dich an etwas erinnern. Dieser Ogilvie hat zehntausend Dollar von uns bekommen. Dafür können wir schließlich auch etwas verlangen.«
»Übrigens«, sagte der Herzog, »wo sind die anderen fünfzehntausend?«
»Noch immer in der Aktenmappe in meinem Schlafzimmer. Wir nehmen sie mit, wenn wir abreisen. Es könnte Aufsehen erregen, wenn wir sie hier wieder einzahlen.«