Und hier stockte er schon, und Gedanken jagten sich in seinem Kopf. Diese Gedanken: Ich kann die ja gar nicht feuern, gottverdammich. Ich brauche sie doch wie das liebe Brot, diese Bestie. Ich gebe doch mit ihr an! Mit ihr und mit ihrer Nichte! Vor all diesen Arschgesichtern von feinen Leuten! Immer wieder lasse ich durchblicken, daß ich etwas mit der Edlen habe, oder mit der Contessa … oder mit beiden … Das hebt doch mein Prestige so ungeheuerlich! Und außerdem – es braucht ja keiner zu wissen – bin ich wirklich stolz auf meine zwei so aristokratischen Damen! Da kann man ja auch stolz und gebläht sein noch und noch mit zwei solchen Damen, jawohl, Damen! Sollen sie doch treiben, was sie wollen! Welche Würde bewahren sie dabei! Welche Haltung! Und ich, mit meinem Laden, der größer und immer größer wird, ich, Besitzer einer Flotte von fünfundvierzig modernen Hochseeschiffen mit einer Gesamttonnage von dreihundertzweiundachtzigtausend Tonnen, ich brauche die beiden Damen einfach! Besonders jetzt, vor diesen ganz wichtigen Verhandlungen in Hamburg!
»Ja?« Die Edle hatte sich zu ihrer ganzen Größe aufgerichtet und funkelte Jakob an.
Der lächelte charmant (das konnte er ja wirklich!) und erkundigte sich: »Nehmen Sie Eier zum Frühstück, Baronin?«
»Zwei«, sagte die Edle. »Claudia auch zwei.«
»Das wollte ich nur wissen«, sagte Jakob. Dann nahm er den Telefonhörer ab und verlangte den Room-Service. Dem gab er die Frühstücksbestellung auf. Wenn die kleinen Leute wüßten, dachte er dabei wieder, wenn die Kleinen auch nur einen Schimmer davon hätten, in welcher Welt wir Großen eben leben! Wir Großen!
Wenn ich denke, wie schnell das gegangen ist und wie leicht es war! Wer heute in Deutschland noch nicht Millionär ist, der ist selbst dran schuld. Das habe nicht ich gesagt, das hat der Arnusch Franzl gesagt. Vor fünfeinhalb Jahren ist das gewesen, 1951, im Haus vom Jaschke, in Murnau …
16
»Adolf Hitler ist ein großer Deutscher, der bald wiederkommen wird, um das deutsche Volk zu befreien«, sagte Thomas Jaschke, dreizehn Jahre alt. Da hatte er schon eine Ohrfeige von seinem Vater weg. Er heulte los. Frau Jaschke fuhr dazwischen: »Du wirst meinen Sohn nicht schlagen, Karl, verstehst du, du nicht!«
»Glaubst du, ich höre mir solche Blödheiten an?« schrie der Ingenieur Jaschke so laut, daß die vielen alten Zinnteller und Zinnkrüge in dem Wohnraum des schönen Hauses schepperten, das die Jaschkes sich hatten bauen lassen.
»Kleb doch Onkel Heinrich eine, Vati!« rief Thomas. »Der hat uns das gesagt.«
»Jawohl!« rief sein Bruder Dieter. »Der hat uns genau das gesagt! Und außerdem hat der Thomas nur dem Onkel Jakob geantwortet!«
»Der hat uns gefragt, ob wir wissen, wer Adolf Hitler war.«
»Das stimmt, Karl«, sagte Jakob Formann. Er war mit Wenzel zu den Jaschkes auf Besuch gekommen. »Ich wollte mal sehen, ob das wirklich wahr ist, was man mir erzählt hat, was die Kinder über Hitler zu hören bekommen.«
»Na, eben das!« rief Thomas.
Die Mutter schob sie beide aus dem Wohnzimmer. »Kommt«, sagte sie, »wir gehen in unseren Hobby-Keller und spielen Pingpong. Schäm dich«, sagte sie noch zu ihrem Mann, dann fiel die Tür zu.
»Ist das nicht eine Sauerei?« empörte sich Jakob. »Die einen von uns trauen sich nicht, weil sie glauben, daß sie vielleicht Krach kriegen oder Ärger im Beruf, wenn sie die Wahrheit erzählen, und die anderen waren selber Nazis, wie dieser Onkel Heinrich …«
»Und in zwanzig Jahren werden sie den Hitler feiern als den tapfersten Kämpfer gegen die Gefahr aus dem Osten, das prophezeie ich euch«, sagte Wenzel. »Ich gehe jede Wette ein: Da wird es wunderbare Biographien über diesen großen Mann geben und wunderbare Filme – alles ganz, ganz objektiv und kritisch natürlich –, und dann hat er bereits einen Heiligenschein und ist ein so großer Mann wie Napoleon, ach was, größer, wir Deutschen haben immer die größten Männer gehabt!«
Das war am Nachmittag des 13. Februar 1951 gewesen, und im Kamin brannte ein fröhliches Feuerchen, während draußen ein Schneesturm tobte. Jakob hatte seine Mitarbeiter nach Murnau gerufen, weil es galt, die nächsten Schritte zu besprechen. Sie waren mit ihren neuen Wagen gekommen, Mann für Mann im schmucken Mercedes. Es ging ihnen allen ausgezeichnet. Der Arnusch Franzl war Jakobs Wirtschaftsberater geworden und so fett, daß er auch die Kragenknöpfe der eigens für ihn geschneiderten Spezialhemden nicht mehr schließen konnte. Der Ingenieur Karl Jaschke führte eine vorbildliche Ehe, ging des Sonntags zur Kirche, wo er ehrerbietigst als der große Mann von Murnau hofiert wurde, und hatte eine ebenso bildhübsche wie junge Freundin in Garmisch-Partenkirchen. Der hatte er eine Wohnung eingerichtet, einen Wagen geschenkt und Schmuck natürlich auch, von den Pelzen ganz zu schweigen. Und Jaschke hatte oft in Garmisch zu tun, das angenehm nahe lag. Sein Haus war mit dem größten Geschmack (seiner Frau) auf das teuerste eingerichtet, und neben seiner Leidenschaft für Zwanzigjährige hatte Jaschke noch eine Leidenschaft für das Sammeln von alten Zinnkrügen und -tellern entdeckt. Wenzel Prill war seit längerem Leiter der Rechtsabteilung, die für alle Betriebe Jakobs arbeitete. Außerdem studierte er an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main Jus, in der Hoffnung, in etlichen Jährchen ein richtiger Rechtsanwalt zu sein. Seine schöne Villa stand im Taunus, unweit von Frankfurt, nahe der zentralen Hühnerfarm. Des Erwähnens wert ist auch, daß er Expressionisten und gleichfalls Zwanzigjährige sammelte; sie, die Zwanzigjährigen, mußten aber alle rothaarig sein, echt rothaarig. Das war sein Tick.
Die Herren rauchten dicke Zigarren und tranken Scotch Whisky. Amerikanischen Whiskey mochten sie nicht mehr so recht. Sie waren mittlerweile alle eng miteinander befreundet, was unseren Jakob sehr erfreute. »Franzl, du hast das Wort«, sagte er nun, sanft lächelnd.
»Die Lage, meine Herren«, sagte der Arnusch Franzl, »erfordert sofortige Maßnahmen, wenn wir nicht das von uns so mühsam Geschaffene gefährden wollen.«
»Was soll das heißen?« fragte Jakob.
»Wir, nein, du, Jakob, mein alter Freund, du warst zu tüchtig! Du hast allzuviel auf die Beine gestellt! Deine Betriebe blühen allzusehr. Sie werden in diesem Steuerjahr einen Gewinn ausweisen, den wir vor dem Finanzamt einfach verstecken müssen. Die Eierfarmen, die Fertighäuser, OKAY bei achthunderttausend Exemplaren Woche für Woche, die Plastikwerke vor dem Einsatz, unsere Eierlikör-Busse – mein lieber Jakob, so geht das einfach nicht weiter!«
Mit der Erwähnung der Eierlikör-Busse hatte Franzl Arnusch auf eine weitere Akquisition Jakobs angespielt. Als noch alles in Schutt und Trümmern lag, hatte Jakob doch mit Franzls Hilfe Aktien der verschiedensten Unternehmen zu lächerlichen Spottpreisen gekauft. Inzwischen produzierten alle diese Unternehmen wieder, die Kurse der Aktien waren emporgeschnellt, und allein mit seinen Aktien war Jakob bereits mehrfacher Millionär. Aber auch sonst hatte er allerlei erworben, zum Beispiel eine pleite gegangene Likörfabrik bei Mainz; dort wurde jetzt der FORMANN-EIERLIKÖR gebraut und mit Bussen in das letzte Provinznest gebracht.
Nun, am 13. Februar 1951, sprach der Arnusch Franzl diese Worte: »Der lange gestaute Hunger der Deutschen auf Nahrhaftes, auf Süßes und auf Alkohol, in unserem Fall diese drei Dinge geradezu ideal integriert als Eierlikör, hat der Formann-Eier GmbH – zum Glück habe ich daraus noch rechtzeitig eine GmbH gemacht! – einen ungeheuren Gewinn zusätzlich gebracht.« (Gesellschaften mit beschränkter Haftung unterlagen laut westdeutschen Steuergesetzen nach der Währungsreform mit ihren Gewinnen nicht mehr den hohen Sätzen der Einkommensteuer – damals bis zu neunzig Prozent! –, sondern nur noch der Körperschaftssteuer mit sechzig, später sogar nur höchstens fünfundvierzig Prozent!)
»Mit diesem naheliegenden Trick«, fuhr Franzl fort, sich behaglich in seinem Sessel wälzend, »ist die Gefahr, daß wir uns an Steuern blöd zahlen, indessen noch lange nicht gebannt. Wir müssen schnellstens zu neuen Abwehrmaßnahmen Zuflucht nehmen.« (Der Arnusch Franzl redete gern so geschwollen daher.)