Выбрать главу

»Nämlich zu welchen?« fragte Jakob.

»Du bist doch ein begeisterter Schwimmer, nicht? Du hast doch immer Schiffe geliebt, was?«

»Ja. Wieso?«

»Weil du jetzt Schiffe bauen mußt, mein Guter«, sagte der Arnusch Franzl und streifte die Aschenkrone seiner Zigarre in einen schweren Bronze-Aschenbecher. »Viele große Schiffe, viele schöne Schiffe.«

Es war so still geworden, daß man aus dem Hobbyraum im Keller das Schlagen der Pingpongbälle hören konnte.

17

Der Paragraph 7 d des Einkommensteuergesetzes und das Gesetz über Darlehen zum Bau oder Erwerb von Handelsschiffen besagte in jenen Jahren: ›Wer Darlehen zum Bau oder Kauf von Handelsschiffen vergibt, darf den gesamten Darlehensbetrag von seinem steuerpflichtigen Gewinn absetzen.‹

Nachdem alle Herren den vom Arnusch Franzl auf mehreren Blättern hektographierten Paragraphen 7 d zur Kenntnis genommen hatten, fuhr der fette Exschieber und nunmehrige Wirtschaftsberater feierlich fort: »Du wirst also jetzt von deinen Eier-Betrieben, von den Fertighausfabriken und von der OKAY die Gewinne an eine Reederei überweisen – wahrscheinlich werden es sogar zwei sein müssen! – und sie beauftragen, Schiffe für dich zu bauen. Damit hast du deine Millionen vor der Besteuerung gerettet, und die Bilanzen deiner Betriebe und des Verlages werden rechnerisch leider, leider, einen nicht unbeträchtlichen Verlust aufweisen.«

Wieder die Kirchenstille. Wieder das Klack-Klack der Pingpongbälle.

»Franzl«, sagte Jakob zuletzt mit erstickter Stimme, »du bist ein Genie.«

»Ich weiß«, antwortete dieser bescheiden. »Doch um fortzufahren: Zwar müssen die Rückflüsse aus den 7 d-Darlehen, das heißt, also die Tilgungsbeträge, später wieder als Einnahme versteuert werden, aber das macht uns nichts, weil ich aus absolut sicherer Quelle weiß, daß in den kommenden Jahren der deutsche Steuertarif nicht einmal, sondern zweimal gesenkt werden und – Achtung, meine Herren! – es drei Jahre lang die Möglichkeit geben wird, diese 7 d-Gelder in Form eines verlorenen Zuschusses von der Steuer endgültig abzusetzen. Endgültig, sage ich!«

»Das heißt«, flüsterte Jakob ganz aufgeregt, »wenn ich in dieser Zeit vierzig oder achtzig oder hundert Millionen als einen solchen 7 d-Zuschuß an eine Reederei – oder an zwei – transferiere und dafür Schiffe bauen lasse oder Schiffe kaufe, dann brauche ich diese Millionen überhaupt niemals zu versteuern?«

»So ist es, mein Bester, wie es so geht im menschlichen Leben. Und es kommt noch besser! Einer Reederei, die dein Geld nimmt, schlagen unsere für die Reichen so prachtvollen Steuergesetze noch einmal zum Wohle aus! In den beiden Jahren nach dem Bau eines Schiffes darf die Reederei nämlich dreißig Prozent der Baukosten vom steuerpflichtigen Gewinn absetzen!«

Da konnte der Ingenieur Jaschke, der mit der Zwanzigjährigen in Garmisch-Partenkirchen, nicht mehr an sich halten. Voller Begeisterung schrie er: »Verflucht, sprach Max, und schiß sich in die Hose!«

Und der werdende Doktor der Rechte, Wenzel Prill, der mit der Leidenschaft für Rothaarige, rief geradezu verzückt: »Das soll uns Deutschen erst einmal einer nachmachen!«

»So etwas kann uns keiner nachmachen«, belehrte ihn der Arnusch Franzl. »Ich habe bei einem Wirtschaftsinstitut eine Überschlagswahrscheinlichkeitsrechnung anstellen lassen. Danach werden 1965/66, also in fünfzehn Jahren, einskommasieben Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik siebzig Prozent des Produktivvermögens der deutschen Wirtschaft besitzen.«

»Mir wird schwindlig«, sagte Jakob. »So tüchtig können die einskommasieben Prozent unserer Bevölkerung doch gar nicht sein!«

»Müssen sie auch gar nicht«, konterte Franzl rülpsend. »Ich will dir einmal etwas sagen, lieber Freund: Aus einer Million zwei Millionen machen, das ist eine bemerkenswerte Leistung. Wenn du hingegen erst einmal hundert Millionen besitzest, was ich dir, du weißt es, von Herzen wünsche, dann kannst du, und wenn du dich bis zum Herzinfarkt anstrengst, es einfach nicht verhindern, daß daraus hundertzehn Millionen werden, wie es so geht im menschlichen Leben. Im übrigen bin ich noch nicht am Ende meiner lichtvollen Ausführungen. Zweierlei habe ich zu bemerken: Erstens, es gibt einen Haufen Reedereien im Norden, nicht wahr, mein Lieber?« Jakob nickte verträumt. »Wir könnten sie die Schiffe für uns bauen lassen, nicht wahr?« Wieder nickte Jakob verträumt. »Muß ich noch weiterreden, oder …«

»Durchaus nicht«, sagte Jakob mit samtener Stimme. »Oder wir kaufen die Reedereien und bauen uns unsere Schiffe selber und haben den Rebbach mit den 7 d-Geldern und der dreißigprozentigen Abschreibung beim Bau eines Schiffes!«

»Ich habe ja gewußt, daß du mich verstehen wirst«, sagte der Arnusch Franzl und sog an seiner Zigarre.

»Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus«, sagte dieser heiter.

18

In den Jahren 1951 bis 1956 kaufte Jakob Formann mit 7 d-Geldern zunächst zwei Hamburger Reedereien auf und baute sodann auf diesen, ebenfalls mit 7 d-Geldern, eine Flotte von insgesamt fünfundvierzig modernen Hochseeschiffen mit einer Gesamttonnage von dreihundertzweiundachtzigtausend Bruttoregistertonnen.

Die Baukosten für Schiffe sind nun allerdings so groß, daß für dieses Riesenprojekt Jakobs Millionen nicht reichten. Doch fiel es ihm keinen einzigen Moment schwer, die fehlenden Summen aufzutreiben. Dabei wandte er einen ebenso einfachen wie genialen Trick an, auf den er selbst gekommen (und deshalb sehr stolz) war: Er sammelte 7 d-Gelder von anderen Firmen ein, die gleichfalls das brennende Bedürfnis empfanden, im Boom der deutschen Nachkriegswirtschaft ›Gewinne wegzudrücken‹, wie der Fachausdruck lautete. Er kassierte von nahezu zweihundert Firmen. Unter diesen befanden sich viele Werke, bei denen er auch Riesenpakete von Aktien besaß. Die meisten der zweihundert Firmen, die er solcherart zu ihrer grenzenlosen Erleichterung erleichterte, erzeugten Güter, die sie dann später mit Jakob-Formann-Schiffen nach Übersee, insbesondere nach Nord-, Mittel- und Südamerika verfrachteten. Und daran verdiente Jakob Formann zum drittenmal!

Eine solche Hasenpfote hingegen gab es nur einmal auf der großen, weiten Welt!

19

Die Außenstelle Seefahrt des Bundesverkehrsministeriums in Hamburg wurde geleitet von einem Staatssekretär. Der ließ Jakob monatelang ohne Antwort auf seine Bitte um eine Audienz. Dann erhielt Jakob endlich einen Termin für ein Gespräch mit dem Herrn Staatssekretär Bredendorff: Hamburg, Mittwoch, der 29. Oktober 1956, 17 Uhr präzise. Der Herr Staatssekretär habe an diesem Abend noch nach den USA zu fliegen … Es ist jetzt – Blick auf die Uhr! – 14 Uhr 42, und Jakob verläßt mit seinen zwei Begleiterinnen soeben das HÔTEL DES CINQ CONTINENTS in Paris. Das Gepäck ist in den Rolls geladen. Monsieur le Président-Directeur Général des CINQ CONTINENTS küßt den Damen die Hand und schüttelt Jakobs Pranke in herzlicher Verbundenheit.

»Mensch, Otto, nun tritt aber auf den Stempel«, sagte Jakob zu seinem Freund und Kumpel, dem Chauffeur Otto Radtke. »Unsere Maschine geht um fünfzehn fünfundvierzig, und ich muß sie kriegen!«

»Stempel ist gut, Jakob, du siehst doch: fast stehender Verkehr!«

»Herrgott, wenn ich ihn heute nicht erwische, läßt der Staatssekretär Bredendorff mich wieder ein Jahr warten! Oder empfängt mich überhaupt nicht mehr!«

»Ich tu, was ich kann«, sagte Otto. Er tat wirklich, was er konnte.

Bis zum Flughafen Orly hinaus war es ein hübsches Stück Weg. Und der Verkehr war wirklich abenteuerlich. Sie erreichten den Airport deshalb auch erst um 15 Uhr 51.

Jakobs Maschine, eine Caravelle der AIR FRANCE, war abgeflogen. Flugplanmäßig. Einen weiteren Direktflug nach Hamburg gab es an diesem Tag nicht mehr.

»Ohne mich abfliegen!« tobte Jakob purpurn im Gesicht. »Na wartet, jetzt werdet ihr was erleben!«