Выбрать главу

In der zweiten halben Stunde las er Kinoprogramme. Angelaufen waren ›Baby Doll‹, ›Der Hauptmann von Köpenick‹ (mit dem Heinz Rühmann, den sehe ich so gerne!), ›Ich denke oft an Piroschka‹ (und ich an den Hasen, ach, verloren, verloren, die wird jetzt die Frau eines Filmschönlings! Was soll mir Glück, was soll mir Geld, wozu hetze ich mich überhaupt ab wie ein Irrer und hocke jetzt da? Für die Edle vielleicht? Einsam ist der Mensch, allein, ausgesetzt dem Leben, der hat doch ganz recht, dieser Dings, dieser Osborne, und ich blicke auch zurück im Zorn! Jetzt warte ich eine Stunde, jetzt reicht’s mir!).

Jakob ging in das Zimmer der Sekretärin des Persönlichen Referenten. Hier lief leise ein Radio, Jakob hörte einen Schmalztenor: »Arrivederci, Roma …«.

Der Schlager des Jahres.

»Hören Sie, liebe Dame, ich warte jetzt …«

»Es tut mir leid, Herr Formann, aber der Herr Persönliche Referent hat noch etwas ganz Dringliches zu erledigen …«

»Dann soll man mich nicht um siebzehn Uhr bestellen!« lärmte Jakob. »Ich habe meine Zeit nicht gestohlen! Das ist ein Skandal!«

»Whatever will be, will be …«

Ein anderer Schlager des Jahres.

Eine dick gepolsterte Tür ging auf.

»Was ist ein Skandal? Wer schreit denn hier so herum?« fragte gereizt ein Hüne von Mann, tadellos gekleidet, mit unmutig hochgezogenen Augenbrauen.

»Also, das ist doch nicht wahr«, sagte Jakob entgeistert. Pfote, wo bist du? »Was ist nicht wahr, Herr Formann?« fragte der tadellos gekleidete Hüne. Er war ein alter Bekannter von Jakob. Es war der ehemalige Wehrwirtschaftsführer Herr von Herresheim, den Jakob mit seinen Saufkumpanen und blonden Buben aus der NIBELUNGENTREUE am Tegernsee vertrieben hatte.

»… the future’s not our’s to see, que serra, serra …«

24

»Haben Sie sich denn jetzt über unser Wiedersehen beruhigt, Herr Formann?«

Fünf Minuten später, in dem prachtvoll holzgetäfelten Büro des Persönlichen Referenten Herrn von Herresheim. Derselbe saß hinter einem riesigen Schreibtisch, Jakob davor.

»Nein!«

»Nein?«

»Jetzt kapiere ich, warum man meinem Ersuchen jahrelang nicht stattgegeben hat, warum hier jahrelang für mich niemand zu sprechen gewesen ist, warum niemand meine Briefe beantwortet hat, wenn einer wie Sie hinter so einem Schreibtisch sitzt.«

»Donnerwetter, Herr Formann, Sie kapieren aber schnell.«

»Sie haben auch überhaupt keinen Besuch oder zu tun gehabt! Sie haben mich einfach so eine Stunde lang warten lassen! Absichtlich!«

»Herr Formann, Sie überschlagen sich, Sie sind ein Genie, wie können Sie das alles so rasch begreifen?« Der von Herresheim lehnte sich in seinem schönen geschnitzten Lehnstuhl zurück und betrachtete Jakob lächelnd, die Fingerspitzen aneinandergepreßt.

»Wozu haben Sie mich hergebeten? Nur um mir zu zeigen, daß mein Ersuchen abgelehnt ist?« fragte Jakob lauernd.

»Können Sie Gedanken lesen, Herr Formann?«

»Herresheim …«

»Herr von Herresheim bitte.«

»Herresheim!« Gott, wird mir warm! Pfote. Pfote drücken. Drücken. Was ist das? Das ist meine Narbe an der Schläfe. Die pocht. Mit Recht. Ich poche … äh, koche auch! »Mit mir kann man so was nicht machen, verstehen Sie? Ich bin nicht irgendwer, Herresheim! Ich bin ein Mann, den die ganze Welt kennt und achtet!«

»Sie haben eine sehr gute Meinung von sich, Herr Formann.«

»Habe ich auch! Und Millionen Menschen haben die gleiche, sie bewundern mich, danken mir!«

»Wie schön. Ich nicht.«

»Was Sie nicht?«

»Ich bewundere Sie nicht. Ich danke Ihnen nicht.«

»Ach, so läuft das! Rache, wie?«

»Rache? Welch absurder Gedanke, Herr Formann! Nur Pflichtbewußtsein. Ich bin meinem Staatssekretär gegenüber verantwortlich. Er hat meine Ansicht zu Ihrer Bitte eingeholt. Ich mußte Ihre Bitte nach reiflicher Überlegung ablehnen.«

»Und warum?«

»Herr Formann, das Bundesverkehrsministerium teilt meine Besorgnis, Sie könnten Ihre bereits steuerbegünstigt angelegten Millionen jederzeit wieder aus der Schiffahrt herausziehen und anderswo anlegen.«

»Hören Sie …«

»Einen Moment, ja, wenn Sie mich gütigst aussprechen lassen wollen. Ein solches von mir, vom Herrn Staatssekretär und vom Bundesverkehrsministerium in Bonn befürchtetes Verhalten Ihrerseits kann und darf nicht auch noch durch eine Finanzhilfe des Bundes beim Bau eines modernen Passagierschiffs, wie Sie es sich wünschen, sozusagen honoriert werden, Herr Formann. Im Interesse der Bundesrepublik, unserer jungen Demokratie …«

»Sie … Sie …« Etwas sehr Seltsames geschah: Jakob brachte kein Wort heraus. Um ihn drehte sich alles, rote Schleier wehten vor seinen Augen. Jetzt weiß ich, wem ich alle nur möglichen Schwierigkeiten beim Aufbau meiner Flotte zu verdanken habe!

Alle nur möglichen Schwierigkeiten hatte man Jakob in der Tat von Anfang an gemacht. Das war ihm so sehr auf die Nerven gegangen, daß er beschlossen hatte, mit Bankgeld zu arbeiten.

Die Banken boten Jakob zu diesem Zeitpunkt bereits Millionen mit aufgehobenen Händen an: Nimm, großer Jakob, o, nimm doch von uns! (Man bedenke, was die Banken da an Zinsen bekamen! Im übrigen: Zinsen nehmen und den Emporkömmling verachten, das war etwa ihre Grundeinstellung.)

Warum brauchte Jakob so viele Millionen zusätzlich?

Nun: Er betrachtete sein See-Imperium als unvollständig, solange ihm ein modernes Flaggschiff fehlte! Indessen, so ein modernes großes Fahrgastschiff kostete an die hundert bis hundertfünfzig Millionen D-Mark. Einen derartigen Betrag besaß Jakob 1956 nicht. Noch nicht. Die Banken hätten ihn liebend gerne zur Verfügung gestellt, aber da war der Arnusch Franzl gewesen, der hatte protestiert: »Bist du deppert, Jakob? Da zahlst du dich ja blöd an Zinsen! Das verbiete ich dir! Da muß die Bundesregierung einspringen!«

»Muß? Warum muß sie?«

»Laß mich nur machen«, hatte der Arnusch Franzl gesagt. »Schweineglück, wo wir haben.«

»Das wir haben«, korrigierte ihn Jakob, was die Edle erfreut hätte. »Wieso haben wir ein Schweineglück?«

»Na, lieber Freund, die ›Andrea Doria‹ ist doch gerade abgesoffen!« hatte der Arnusch Franzl gesagt.

Die ›Andrea Doria‹, ein italienisches Prachtschiff, war mit dem schwedischen Ozeandampfer ›Stockholm‹ vor der nordamerikanischen Küste zusammengestoßen und gesunken.

»Und die Italiener haben nicht nur ein Schiff, sondern ein nationales Aushängeschild verloren«, hatte der Arnusch Franzl damals erläutert. »Darauf mußt du jetzt herumreiten, mein Bester. Jedes Land braucht nationale Aushängeschilder, wie es so geht im menschlichen Leben.«

Daraufhin hatte Jakob herzbewegende Briefe an das Bundesverkehrsministerium in Bonn geschrieben: ›… und verweise ich auf die ungeheuer werbende Wirkung, die ein solches Schiff für die gesamte Volkswirtschaft der Bundesrepublik und für unser Ansehen im Ausland haben wird …‹

Diese süße Lockung hatte er Dutzende von Malen variiert. Natürlich war Klaus Mario Schreiber der Schreiber dieser Lockbriefe gewesen, wozu gab es ihn? Und wer hätte es besser gekonnt?

Es erwies sich leider, daß nicht einmal ein so guter Schreiber wie Klaus Mario es gut genug konnte.

Aus Bonn hatte Jakob einen höflichen Brief nach dem anderen bekommen. In allen diesen höflichen Briefen wurde seine Bitte, die Bundesregierung möge so ein Schiff mitfinanzieren, weder positiv noch negativ beantwortet. Dann, plötzlich, schien das Bundesverkehrsministerium sich entschieden zu haben, denn es teilte Jakob (höflich) mit, daß die für die ganze Affäre zuständige Außenstelle, eben die für Seefahrt in Hamburg, den Sachverhalt noch einmal überprüft habe und Jakob doch am 29. Oktober 1956 pünktlich um 17 Uhr beim Leiter dieses Amtes, Herrn Staatssekretär Bredendorff, erscheinen möge.

Es ist jetzt 18 Uhr am 29. Oktober 1956, und Jakob hat soeben zwar nicht von Staatssekretär Bredendorff, jedoch von dessen Persönlichem Referenten, Herrn von Herresheim, erfahren, daß sein Ersuchen endgültig abgelehnt worden ist. Nach reiflicher Abwägung aller Gründe, die dafür und dagegen sprechen, durch den Herrn Persönlichen Referenten des Herrn Staatssekretärs …