»Aber natürlich, Mister Formann, aber selbstverständlich, Mister Formann, es wird mir eine Freude sein, Sie zu unterrichten, Mister Formann. Fred! Fred, zum Teufel, stehen Sie endlich auf und nehmen Sie Mister Formann seinen Mantel ab!«
Der Diener Fred erhob sich taumelnd, schwankte auf Jakob zu und lallte, wobei sich die Wörter überschlugen: »Ihren-Mantel-mein-Herr-ich-bitte-sehr-und-verzeihen-Sie-mir-mein-Benehmen-ich-konnte-doch-nicht-wissen-wie-konnte-ich-denn-ahnen …«
»Sie müssen noch eine Menge lernen, Fred. Und schnell«, sagte Jakob und warf dem Diener seinen Mantel in die Arme. »Und bringen Sie mein Fahrrad in die Garage!«
26
Eine Stunde später, in Dr. Jones’ Arbeitszimmer …
… war Jakob Formann vollkommen über die bereits angelaufene Produktion der drei (mit 7 d-Geldern erbauten) Plastikwerke unterrichtet. Im Detail. Dr. Jones hatte wie ein Pferd geschuftet, das muß man zugeben, dachte Jakob. Der Kerl stellt unverschämte Forderungen noch und noch – aber er leistet auch was.
»Hm … Ist das Ihre neue Freundin, Jones? Die Braune, Hübsche?«
»Ja, Mister Formann. Ein Top-Mannequin.«
»Wirklich süß.«
»Nicht wahr?«
»Gratuliere, Jones.«
»Danke, Mister Formann. O, was ich noch sagen wollte …«
»Ja?«
Dr. Addams Jones sagte, was er noch sagen wollte. Er hätte es besser nicht getan. Nicht gerade an diesem Tag jedenfalls! Er verstimmte Jakob außerordentlich mit dem, was er sagte. Er verstimmte Jakob so sehr, daß dieser bat, ein Telefongespräch führen zu dürfen. Natürlich durfte er. Es dauerte ziemlich lange, bis er zu Dr. Jones zurückkam, und er hatte einige Wünsche, die Dr. Jones sofort erledigen mußte, denn Jakob brauchte gewisse Unterlagen und Berichte – sofort! Sagte er jedenfalls. Er war nun wieder besserer Laune.
»Also, machen Sie mir das alles fertig, Jones, ja? Tut mir leid, muß aber sein. Ich gehe solange hinunter und unterhalte mich mit Ihrer Freundin – wie heißt sie?«
»BAMBI«, erwiderte Jones mit einem unguten Gefühl.
»Wie?«
»BAMBI. Sie schreibt sich mit lauter Großbuchstaben. Das tun alle Mannequins, wenigstens die guten, bekannten, begehrten.«
»Aha.«
»In Wirklichkeit heißt sie Schalke, Brigitte Schalke.«
»Aha.« Jakob grübelte. »Sagen Sie, war die nicht Fisch? Oder Käse?«
»Vor einem Jahr«, antwortete Dr. Jones. »Vor einem Jahr hat sie noch Reklame für Fisch und Käse gemacht. Jetzt nicht mehr. Jetzt macht sie in Wäsche …«
27
»… und das«, sagte BAMBI am Abend des 29. Oktober 1956, »hat mir schon eine Masse Ärger gebracht.«
Sie warf ihr braunes Haar zurück und zog die Unterschenkel elegant auf der Couch vor dem englischen Kamin unter den Leib. Wirklich eine Wucht, dachte Jakob, diese Beine, diese Beine … BAMBIS Beine halten mühelos den Vergleich mit denen von Jill und Marlene aus – und das will was heißen! Ich bin eben doch ein Bein-Fetischist! (Und ich weiß sogar, was ein Fetischist ist – die Edle hat es mir erklärt.)
»Ärger, wieso?« fragte Jakob und lächelte gewinnend.
»Also wissen Sie, Herr Formann, in Deutschland können Sie den langweiligsten Fummel vorführen oder in der blödesten Filmplünne mitmimen, Reklame machen für Brusttee oder Ssahnpulver, reine Wolle, Lopsodent, Nährbier, Nagellack, Konfekt und Konfektion, für die gute Sama, für Senfgurken oder Vorderradantrieb …« Sie sprach sehr ernsthaft und lispelte ein ganz klein wenig, was Jakob begeisterte. Er stellte sich bereits vor, wie … Das ist das Verfluchte bei mir, dachte er: Immer muß ich mir die Hübschen gleich dabei vorstellen! »… aber eines ist ungeschriebenes Gesetz: Niemals in Wäsche machen! Ich ßage Ihnen, ßo wahr ich hier vor Ihnen ßitße, Herr Formann« (wie hübsch sie mit der Zungenspitze anstieß!), »man ßoll’s nicht glauben, aber ßo ist das bei uns: Schon ein Bikini bringt einen oft um. Und der kleinste Bikini ist noch die englische Königinnenrobe im Vergleich mit einer Korsage, besonders einer schwarzen, und wenn die noch ßo ßtabil ist! Ein deutsches Vorurteil, Herr Formann: Wer Wäsche ßeigt, gilt hier als leicht!«
»Hmhmhm.« Der Rock rutscht immer höher. Macht sie das absichtlich? Klar!
»Das war bei mir nur gemeine Hetze von Kolleginnen! Ich swöre es Ihnen, und wenn Sie wer weiß was gehört haben, alles Lüge, ich habe nur für Tischwäsche …! Was anderes würde ich schon wegen meinem Charakter nicht. Ich bin nicht leicht. Oder glauben Sie etwa, daß ich leicht bin, Herr Formann?«
»Um Himmels willen, Fräulein BAMBI, das würde ich mir niemals erlauben zu glauben.«
»Natürlich«, sprach BAMBI (der Rock rutschte noch höher), ernst und in ihr Thema vertieft, »gibt es auch welche unter uns, die ßrecken vor nichts zurück. ULLA ßum Beißpiel. Miederbranche. Haben Sie ßicherlich schon geßehen, Herr Formann. Mieder jeder Art. Oder nur Beha und Hüftgürtel. Also ich würde ja ßterben! Aber die Honorare ßind die höchsten. Und ULLA trägt ja auch immer ßo einen offenen Morgenmantel. Das entschärft. MAXI macht auch ßo was, und USCHI auch. Sind Freundinnen von mir. Das Solideste, was es gibt!« BAMBI rief erregt: »Überhaupt, wir ßind nicht ßo, wie viele glauben, Herr Formann!«
»Ich bitte Sie. Sie haben doch nicht nötig, sich zu rechtfertigen, Fräulein BAMBI! Ich kenne bedeutende Männer, die bedeutende Mannequins verehren. Die meisten von ihnen werden, sagen sie, ihre Freundinnen heiraten! Denken Sie nur an Ernst Wilhelm Sachs oder seinen Bruder Gunter – beide lieben Mannequins! Und Thyssen! Und Karajan!« (Und das schönste Mannequin wird Jakob Formann haben, euch Burschen wird Jakob es jetzt zeigen!)
»Ja, das ist richtig. Ein Mann von Welt ßieht ßofort unsern Wert. Unsern inneren Wert, meine ich, Herr Formann.«
»Inneren und äußeren, Fräulein BAMBI. Als ich Sie sah, genügte ein Blick, ein einziger Blick, um zu wissen, daß Sie etwas ganz Besonderes, Außerordentliches, Edles« (eiweh, nur nicht an die Edle denken!) »sind. Ich wäre glücklich, wenn wir Freunde werden könnten.«
»Auch ich wäre es, Herr Formann. Warum ßtarren Sie meine Beine ßo an?«
»Ich … eh … hrm … Sie haben wundervolle Beine, Fräulein BAMBI, verzeihen Sie meine Unverschämtheit …«
Noch höher der Rock!
»Das ist doch keine Unverschämtheit! Das weiß ich ßelber. Und diese Reifenfirma weiß es auch!«
»Was für eine Reifenfirma?«
»Ich habe gerade einen Vertrag mit ihr geschlossen, nächstes Jahr ßoll es losgehen. Die haben einen Einfall gehabt. Auf dem Inserat das Foto von einem Auto, ja? Und ßwar ßo, daß man wenigstens einen Reifen ßieht, ja? Na, und ich ßteige gerade ein. So fotografiert, daß man nur meine Beine sieht. Von unten, ja? Und der Texter hat eine herrliche Sseile: ›Die Beine Ihres Autos …‹. Damit ßoll natürlich auf die Reifen hingewiesen werden. Aber meine Beine sind der Blickfang. Sie verstehen.«
»Ich verstehe.«
»Und ich wette, Sie glauben, ich trage Strümpfe.«
»Das tue ich nicht.«
»Das tun Sie nicht, Herr Formann?«
»Nein. Was Sie tragen, das ist eine Strumpfhose aus Nylon. Ich wette, Sie wissen nicht, was Nylon ist.«
»Sie haben die Wette verloren, Herr Formann«, antwortete BAMBI lachend. »Natürlich weiß ich, was Nylon ist!«
»Ja, aber wie es gemacht wird, das wissen Sie nicht!«
»N … nein, Herr Formann.«
Sanft sprach Jakob: »Durch Polykondensation von Adipinsäure mit Hexamethylendiamin.«
»Mein Gott! Aber woher wissen Sie das?«
»Ich befasse mich eben mit Kunststoffen aller Art, mein liebes Kind.«
»Ach.«
»Bitte?«
»Ach, und ich habe gedacht, Doktor Jones tut das.«
»Er ist mein Angestellter, liebes Kind.«
»Das … das habe ich nicht gewußt, Herr Formann. Er hat es mir nie gesagt. Ich habe geglaubt, er ist der Besitzer von all den Fabriken.« Dieser Schuft von einem Jones! Also auch noch angeben mit meinen Werken und sich Mannequins aufreißen auf meine Kosten! Dieser smarte Jones wird dem Faß noch die Krone ins Gesicht setzen und zum Überlaufen bringen! Aber jetzt soll er sich erst einmal wundern! Vor einer Stunde hat er einen zweiten Diener und einen geheizten Swimmingpool innen und einen dicken Mercedes verlangt. In seiner Stellung braucht er das, hat er gesagt. Sonst muß er leider kündigen. Also habe ich ihm alles in den Rachen geschmissen, weil ich ihn doch brauche, jetzt, wo die Produktion von Plastik der verschiedensten Art ganz groß losgeht und eben auch von Chemiefasern!