»Sie … Sie haben Herrn Jones alle diese Kunststoffwerke aufbauen lassen, Herr Formann?« hauchte BAMBI. Höher kann so ein Rock kaum rutschen. Mensch, Beine sind das, die hören ja überhaupt nicht auf! (Elender Schuft, dieser Jones. Angeber. Frech auch noch. Kriegt den Hals nicht voll genug. Als nächstes will er einen Rolls. Und eine Tennishalle, für den Fall, daß es regnet. Was mache ich mit dem Sack? Ohne ihn bin ich aufgeschmissen. Na, erst mal habe ich telefoniert! Kleine Genugtuung wenigstens …)
»Habe ich Jones aufbauen lassen, ja. Habe ihn mir neunundvierzig aus den Staaten rübergeholt als Experten.«
»Schon damals …«, hauchte BAMBI. Nun hatte sie hektische rote Flecken auf den Wangen.
»Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus, mein liebes Kind«, sprach Jakob milde. »Sehen Sie, ich habe gewußt, daß es etwa zweiundzwanzig Millionen Frauen und Mädchen in der Bundesrepublik gibt. Ich habe gewußt, daß Halter und Straps aus der Mode kommen werden. Gewiß kommen sie wieder, sind ja – pardon! – sehr aufregend, nicht wahr.
Aber mir war klar: Die Strumpfhose wird die Strümpfe ablösen. Also habe ich rechtzeitig geschaltet. In den nächsten Monaten werde ich Chemiefasern für Strumpfhosen in allen Farben liefern – rot, violett, gelb, grün, blau.«
BAMBI sah ihn mit aufgerissenen Rehaugen an. Sie war sprachlos.
»Da sind Sie sprachlos, was?« sagte Jakob Formann leichthin und liebenswürdig lächelnd. (Was der Karajan und der Thyssen können, kann ich alleweil noch!) »Ganz bezaubernd sehen Sie aus, mein liebes Kind.«
»Ach, Herr Formann …« BAMBI schluckte.
»Ja«, forschte er dezent.
Wie in einem englischen Lustspiel kam in diesem Moment Dr. Addams Jones die Treppe aus dem ersten Stock in die Halle herab.
»Zum Kotzen«, sagte Dr. Addams Jones.
»Addy! Wie sprichst du?« rief BAMBI.
»Entschuldige, aber es ist wirklich …«
»Was ist wirklich?«
»Ein Anruf. Soeben. Ich muß nach Boston. Sofort. Heute noch. Verdammte Schei … entschuldige, BAMBI.«
»Aber wieso mußt du nach Boston, Addy?« (Tja, wieso, dachte Jakob.) »Atkinson hat angerufen, der Alte. Eben jetzt.« (Schau an, schau an, dachte Jakob.)
»Atkinson Plastics ist eines der größten Kunststoffunternehmen der Welt«, erläuterte Jakob. »Von dort habe ich meine Lizenzen gekauft, wissen Sie, BAMBI. Und auch den Doktor Jones … eh, nicht gekauft, mitgebracht, als Fachmann. Was will denn Donald, Jones?«.
»Man hat völlig neue Methoden auf dem Gebiet von Plastikrohrleitungen gefunden. Wir müssen das zweite Werk entsprechend modernisieren.« (Also genau, wie ich Atkinson zu sagen gebeten habe, als ich ihn anrief vorhin. Das ist ein feiner Kerl, dieser Atkinson.) »Nicht einen Moment hat man Ruhe! Tut mir wirklich leid, BAMBI, aber jetzt kann ich wieder nicht mit dir nach Spanien fliegen.«
»Spanien?« fragte Jakob, unschuldig erstaunt.
»Costa Brava. Etwas ausspannen! Ich habe es BAMBI schon so oft versprochen, immer ist etwas dazwischengekommen.«
»Tja, das ist schlimm. Tut mir leid für Sie, Jones. Aber natürlich müssen Sie nach Boston, die Arbeit geht vor«, sagte Jakob ernst. »Ich glaube, es fliegt noch eine PAN AM über New York kurz nach zweiundzwanzig Uhr.« Er sah seinen Experten mitfühlend an. »Wirklich scheußlich, Jones, aber such ist life.«
Die Maschine der PAA ging tatsächlich um 22 Uhr 30. BAMBI und Jakob brachten den unwirschen Dr. Jones zum Flughafen nach Fuhlsbüttel. Sie standen auf dem Besucherbalkon und sahen der Maschine nach, bis sie mit ihren rot und weiß blinkenden Lichtern in den Wolken verschwunden war.
Ich bin ein geplagter, vielbeschäftigter Mann, ich habe keine Minute zu verlieren, dachte Jakob, packte BAMBI, drückte sie an sich und küßte sie leidenschaftlich. Es war außer ihnen kein Mensch mehr auf dem Balkon. BAMBI küßte Jakob noch leidenschaftlicher.
»Das ist mir noch nie passiert«, sagte sie sodann.
»Was, liebes Kind?«
»Daß ich einen Mann … daß ich ßo schnell … daß ich ßofort … Herr Formann, es ist ßo peinlich für mich … Was müssen Sie von mir denken?« (Na also, da haben wir es wieder einmal!) »Aber ich … ich …«
»Ja, mein liebes Kind?«
»… ich fürchte, ich habe mich wahnsinnig in Sie verliebt!«
»Und ich mich in dich, BAMBI. Auf Anhieb!«
»Wirklich? Wie wundervoll … Da ist es ja soßusagen direkt ein Glück, daß Addy wegfliegen mußte!«
»Sozusagen ja, nicht wahr?«
»Ssufälle gibt es im Leben! Also, wenn man das in einem Roman liest, ßagt man, ßo was gibt’s nicht, was, Herr Formann?«
»Jakob, bitte. Und wie du siehst, so was gibt es. Wo wolltet ihr hin? Costa Brava, Spanien?« Jakob verzog sein Gesicht zu einer Grimasse des Ekels. »Da kann man doch jetzt nicht mehr hin, mein liebes Kind. Da wimmelt es doch jetzt von Deutschen. Wie die Heuschrecken sind die über Spanien hergefallen. Genauso wie über Italien oder Jugoslawien oder Frankreich. Da darf ein Mädchen wie du oder ein Mann wie ich sich einfach nicht mehr sehen lassen! Ich habe zufällig ein wenig freie Zeit. Wollen wir zusammen Urlaub machen?«
»Oh …«, hauchte BAMBI.
»Also ja?«
»Ja …« Ein weiterer Hauch. »Wohin denn, Jakob?«
»Auf die Seychellen, mein liebes Kind!«
»Auf die See … wie?«
»Seychellen. Noch nie gehört?«
»N … nein, Jakob.«
»Ein Paradies im Indischen Ozean … Ich habe es entdeckt … In ein paar Jahren wird es auch kein Paradies mehr sein … Aber jetzt! … Ein Kleinod, BAMBI, ein Kleinod! … Du wirst niemals im Leben etwas Wunderbareres sehen … Mahé!«
»Bitte?«
»Mahé. So heißt die größte dieser Trauminseln. Dort fliegen wir hin. In ein paar Tagen.«
»O Jakob, du bist … du bist genial, wunderbar, einmalig!«
»Ach nein, gar nicht. Ich bin ein ganz einfacher Mensch, weißt du. Nur schneller als die andern. Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus.«
28
»Mein lieber, alter Freund«, sprach Jakob Formann ganz leise im Salon seines Appartements im Hotel ATLANTIC, einen Telefonhörer am Ohr. »Ich mache mir solche Sorgen um Sie, Sie können sich das nicht vorstellen. Fühlen Sie sich krank?« Sein Gesprächspartner befand sich auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans. Es war der Präsident eines der größten Flugzeugwerke der Welt. Jakob hatte zwar eine Frage gestellt, forschte jedoch, behutsam wie ein Priester, sofort weiter: »Sind es die Nerven? Das Herz? Wächst Ihnen alles über den Kopf?« Der Herr aus Übersee wollte wieder etwas sagen, doch der Menschenfreund Jakob Formann ließ ihn nicht. »Es gibt Momente – besonders nach einem so arbeitsreichen Leben wie dem Ihren –, in denen möchte man am liebsten in Pension gehen. Nein, nein, nein, so ist es, das habe ich schon oft bei meinen liebsten Geschäftsfreunden gesehen! Und zu denen zähle ich Sie doch, nicht wahr – wirklich nicht nur, weil ich einer Ihrer Großaktionäre bin, sondern aus menschlichen, tief menschlichen Gründen … Niemand«, fuhr Jakob fort und schnurrte dabei fast wie eine Katze, »ist diesem ungeheueren Streß gewachsen, dem Sie, mein Bester, nun schon seit so langer Zeit ausgesetzt sind, nein, nein, nein, ich weiß, was ich rede! Oder arbeitet hier Ihr Unterbewußtsein? Wollen Sie Ihren Posten los sein? Der Seele dunkle Pfade, ach ja, ach ja … Wie ich das meine? Nun schauen Sie, mein Bester, es macht den Eindruck, als wäre es so, wirklich … Ein Beispieclass="underline" Sie haben zwei Ihrer neuesten Düsenflugzeuge bereits an Deutsche verkauft. Natürlich weiß ich, wer die beiden Herren sind.« (Er wußte es seit einer halben Stunde.) »Sie haben ja eine ›Learstar‹ verkauft an die Herren … Jaja, ich verstehe, man könnte mithören. Aber überarbeitet, wie Sie sind, haben Sie vollkommen vergessen, auch mir eine ›Learstar‹ zum Kauf anzubieten. Das ist kein Vorwurf, mein Freund! Das ist nur Sorge um Sie, die mich so sprechen läßt. Denn wenn einem Mann in Ihrer Spitzenposition eine derartige Gedankenlosigkeit unterläuft, dann muß man doch – und das ist nur Christenpflicht! – besorgt um diesen Mann sein … Entschuldigen? Ich bitte Sie, ich habe doch nichts zu entschuldigen! Und vor allem: Sie haben sich nicht zu entschuldigen. Ein so großer Mann … Einer meiner Besten, jawohl! Darum mein Anruf, darum meine tiefe, tiefe Besorgnis: Schaffen Sie es noch? Ist es nicht zuviel für Sie geworden? Wäre es nicht nur human, Sie von so viel schwerer Verantwortung, von so gewaltigen Belastungen zu entbinden? Was für einen schönen Lebensabend könnten Sie noch haben, bedenken Sie das einmal! Ein Haus in Vermont … Golf spielen … Spazierengehen … Das Leben ist doch so schnell vorbei. Nur darum rufe ich an, lieber Freund. Weil mir Ihr Wohlergehen am Herzen, so sehr am Herzen liegt … Bitte? … Was sagen Sie? … Selbstverständlich benötige auch ich eine ›Learstar‹ … Nein, nein, nicht in einem Monat! Wenn überhaupt, dann sofort. Aber das ist für Sie wieder mit soviel Aufwendungen verbunden, daß ich es nicht verantworten kann, wirklich nicht … Bitte? … Sagten Sie, in zwei Tagen ist die ›Learstar‹ hier in Hamburg? … Und zugelassen, mit allen Papieren? Übermorgen nachmittag? Fünfzehn Uhr Lokalzeit? Mein Freund, das ist mehr als freundschaftlich, daß Sie das machen wollen, aber ich flehe Sie an, achten Sie auf Ihre Gesundheit …«