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»Ach, Jakob …«

»Ach, BAMBI …«

Schöner großer Salon mit genug Platz, dachte Jakob, während die ›Learstar‹ vornehm, leise und ohne auch nur zu vibrieren, geschweige denn im geringsten zu schwanken, eine Wolkenwand durchschnitt und in den österreichischen Luftraum eindrang. Nette Kerle, die Piloten. Die kommen niemals in den Salon. Ganz zur Sicherheit kann ich ja noch die Tür zum Cockpit zuriegeln.

Zwischen Salzburg und Neapel frohlockte BAMBI während der ersten Chinesischen Schlittenfahrt ihres Lebens. Jakob hatte es immer eilig. Bei einer einzigen Sache ließ er sich Zeit.

And it’s a long, long way zum Indischen Ozean, zu den Seychellen daselbst und im speziellen zur Insel Mahé – der größten und schönsten von den zweiundneunzig Inseln der Seychellen …

29

Ach, Mahé …

Ach, eines der letzten Paradiese dieser Erde! Ein tropisches Eiland. Korallen und Granit, weißer Sandstrand, Palmenhaine, in denen die phantastischsten Orchideen in zahllosen Bündeln von den Ästen der Bäume hängen. Die schönen Vögel. Die riesigen Schildkröten. Die unendliche See. Die PIRATE’S ARMS, das ›Seeräuberhotel‹ im kolonialseligen Victoria. Pittoresk außen, innen voller Komfort des zwanzigsten Jahrhunderts, anno 1957. Da wohnen wir, BAMBI und ich. Die PIRATE’S ARMS gehören mir. Ich habe sie, zusammen mit dem Jaschke natürlich, aufgebaut, als wir hierher Fertighäuser und Truppenunterkünfte und einen Behelfsflugplatz lieferten, für die Amerikaner. Nicht viele. Nur für die Befehlsstelle da oben auf dem höchsten Hügel von Mahé. La Misère, der ›Elendshügel‹, heißt er. Hundertvierzig Amerikaner – Offiziere und Wissenschaftler – leben dort. Basteln seit einer Ewigkeit an einer Sache herum, die sie ›Tracking Station‹ nennen. Haben mir oft erklärt, was das ist. Kontrollstation. Es scheint, die Amis wollen so ein Ding – ›Satellit‹ nennen sie es – entwickeln und in den Weltraum schießen, und dieser ›Satellit‹ soll dann dauernd die Erde umkreisen und Nachrichten und Bilder speichern und zur Erde zurückfunken – total meschugge, aber das waren die Amis schon immer, nicht zu fassen so ein Blödsinn, das kann es doch nicht geben, das wird es doch nicht geben, nie, die schmeißen auch mit den Millionen rum, Junge, Junge, Junge! Aber: Sind’s meine Millionen? Prima bezahlt haben sie mich. Prompt wie immer. Ich habe gleich gewußt, das wird hier nicht mehr lange ein Paradies bleiben, auch hierher werden die Touristen kommen! Die kommen überallhin! Also habe ich PIRATE’S ARMS bauen lassen. Es sind oft Amerikaner vom Hügel da. Touristen noch keine, die Zimmer stehen leer. Nicht mehr lange, das weiß ich. Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei … Darum habe ich auch den ganzen riesigen Strand von Beau Vallon gekauft – spottbillig, in ein paar Jahren wird hier jeder Quadratmeter ein Vermögen kosten.

Bestimmt ein goldrichtig angelegtes Vermögen. Das da wird mal eine Spielwiese für die Superreichen werden. Die Brandung schäumt, die Palmen rauschen leise. Ich mache mir ja nichts aus Natur. Überhaupt nichts. Natur – die ist mir immer ganz egal gewesen. Aber die Einsamkeit hier! Nackt können wir rumrennen, BAMBI und ich. Ein Temperament hat die – also, die ist nach drei Chinesischen Schlittenfahrten nicht zufrieden. Will eine vierte! Bei der sind wir gerade. Auf dem weißen Sand von Beau Vallon. Ach, ist diese BAMBI süß. Ach, ist diese BAMBI wild. Ich fühle, ich fühle, dieses vierte Mal wird es ein besonders wunderbares Ende geben. Wir nähern uns ihm, mit jeder Bewegung mehr, jetzt! BAMBI bäumt sich auf, mein Körper spannt sich, jetzt, jetzt, jetzt …

»Herr Formann!«

Verflucht und zugenäht!

Das gibt’s doch nicht. Das ist doch unmöglich.

»Herr Formann, wollen Sie nicht gefälligst aufhören, wenn ich mit Ihnen spreche?«

Ich bin hinüber, es ist soweit, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank, ich bin reif für die Klapsmühle. Mein schönes, junges Leben. Mein schöner Krieg. Alles aus und zu Ende. Wahrscheinlich war das bereits ein Irrenhaustraum, und wenn ich jetzt die Augen aufmache, werde ich mich in einem Gitterbett finden, vielleicht in einer Zwangsjacke. Gott, es muß ja entsetzlich um mich stehen.

Jakob öffnete ein Auge. Jakob öffnete das zweite.

Jakob fuhr in grauenvollem Entsetzen empor, stand schwankend auf dem weißen, heißen Sand von Beau Vallon.

Er hielt sich den Kopf.

Die Brandung schäumte, die Palmen rauschten, die langflügeligen Vögel flogen schreiend hoch über ihm. BAMBI entfloh kreischend, nackt, wie Gott sie geschaffen hatte. Und nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, stand Jakob Formann vor der sehr ergrimmten ›Sehr Edlen und Sehr Mächtigen Frau‹, Baronin von Lardiac, Edle Frau und Gerichtsherrin von Valtentante, erbliche Palastdame am Hof von Jerusalem zufolge des Privilegs, verliehen der sehr ruhmreichen Familie Lardiac durch Kaiser Friedrich den Zweiten, späterhin König von Jerusalem.

»Baronin …«, lallte Jakob.

»Was fällt Ihnen ein, mich so zu hintergehen und auszureißen und sich hier mit einem Mädchen … Ich kann nicht mehr, das ist der Gipfel der Obszönität … Das ist zuviel … Ich sterbe vor Scham …« Und sie kippte rückwärts.

Immer laß sie kippen, die verfluchte Bestie, dachte Jakob. Doch dann bekam er einen zweiten Schreck. Hinter der Edlen hatte die schöne Claudia gestanden. Jakob sah das erst jetzt. Die schöne Claudia fing das kippende Tantchen gerade noch rechtzeitig in ihren Armen auf und hielt die Ohnmächtige dann reglos, den Blick gebannt auf den splitternackten Jakob gerichtet. Auf einen Teil des splitternackten Jakob.

30

»Ich habe sie natürlich Knall und Fall gefeuert«, sagte Jakob Formann. Er lag auf einer Ledercouch und starrte die Zimmerdecke an. Die Zimmerdecke befand sich in dem Ordinationsraum des Dr. Jerome Watkins, des großartigsten Psychoanalytikers von Washington.

Knall und Fall hatte Jakob die Sehr Edle und Sehr Mächtige an jenem 3. Januar 1957 gefeuert, und noch am gleichen Tag war er von den Seychellen nach Washington geflogen. Zu diesem wundervollsten aller Analytiker. Dr. Watkins, fett, kahlköpfig und kurzbeinig, saß hinter Jakobs Kopf in einem bequemen Lehnstuhl, lächelnd die Händchen über dem Bauch gefaltet wie ein Buddha.

Die Stille wurde unerträglich.

»Warum sagen Sie denn nichts, Doktor? War das nicht richtig von mir?«

»Hm«, machte Dr. Watkins.

»Was heißt hm?«

»Was meinen Sie? War es richtig?«

»Ich weiß es nicht, Doktor. Darum habe ich ja alles stehen und liegen lassen und bin sofort zu Ihnen geflogen.«

»Hm.«

»Warum machen Sie immer ›hm‹, Doktor?«

»Weil ich immer ›hm‹ mache. Wie alle guten Analytiker. Das ist ein ermunterndes ›hm‹, Mister Formann. Es soll Sie ermuntern, weiter aus sich herauszugehen. Nur so kann ich Ihnen helfen!«

»Ich verstehe. Ja, also was fange ich jetzt ohne die Edle an, die mir Benimm und Bildung beibringt? Ich meine Essen kann ich schon halbwegs nach der Art der feinen Leute. Aber sonst … Kunst …«

»Hm.«

»… Malerei …«

»Hm.«

»… Literatur …«

»Hm. Sagen Sie, Mister Formann, wie war es überhaupt möglich, daß die Baronin Ihnen auf die Seychellen folgte?«

»Sie hat mir nachspioniert und herausgefunden, wo ich bin.«

»Das ist mir klar. Aber woher hatte sie das Geld? Sie sagten, die Dame sei ziemlich mittellos.«

»Das ist sie auch.«

»Und da fliegt sie – noch dazu in Begleitung! – von Hamburg aus auf eine Insel im Indischen Ozean?«

»Na ja, das war eben auch falsch von mir, Doktor.« Jakob seufzte.

»Hm?«

»Daß ich der Edlen Vollmacht für eines meiner Spesenkonten gegeben habe. So hat sie einfach einen Scheck ausgeschrieben und ist zur Bank gegangen und – muß ich weitersprechen?«

»Nein, danke! Das genügt«, sagte der Doktor und dachte: Mit dem eine Psychoanalyse? Eine große Analyse? Kommt ja gar nicht in Frage! Geld genug für eine große Analyse hat er ja zwar ganz offensichtlich. Aber so, wie der redet über das, was er tut und läßt – so blöd, wie der ist, da lassen wir das hübsch sein. Gewiß, eigentlich … eine große Analyse … Aber der Kerl ist ja dauernd in der ganzen Welt unterwegs … Wie er das nur macht mit seiner Blödheit? Also keine Analyse! Wir können ja auch anders! Und das bringt auch sein Stückchen Geld … und außerdem schneller … Also sagte er zu Jakob: »Hm. Behaviour Therapy.«