»Bitte, was?«
»Verhaltenstherapie. Seien Sie ganz ohne Sorge. Sie bekommen wir mit Behaviour Therapy hin, auch ohne Ihre Baronin.«
»Dem Himmel sei Dank. Behaviour Therapy!«
»Sie haben natürlich keine Ahnung, was das ist, obwohl es weltweit praktiziert wird, wie?«
»Nein.«
»Hm.«
»Was ist es, Doktor?«
»Hm. Ich glaube nicht, daß ich es Ihnen erklären kann. Der Großvater der Behaviour Therapy, so darf man wohl sagen, war der Professor Iwan Petrowitsch Pawlow. Nobelpreis 1904 für seine Arbeiten zur Physiologie der Verdauung …«
»Entschuldigen Sie, Doktor, aber mit meiner Verdauung ist alles in Ordnung!«
»Hm.«
»Bitte?«
»Nichts, nichts. Ihre Reaktion auf meine Worte.«
»Wie war die? Falsch? Frech? Meine Verdauung ist aber wirklich …«
»Hm. Passen Sie auf, ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte. Genauso, wie ich sie erzähle, ist sie sicher nicht passiert. Aber bei Ihrer … primitiven Grundstruktur … Hm … Also: Pawlow experimentierte mit Hunden, wissen Sie. In Sankt Petersburg … Hm … Hunde in einem Zwinger … Das Futter brachte ein Wärter immer auf einem Wägelchen. Wenn er die Tür aufstieß, ertönte ein Bimmeln.«
»Ein was?«
»Ein Bimmeln. An der Tür oben war eine Klingel.«
»Ach so. Und nun, Doktor?«
»Und wenn also der Wärter mit dem Fressen für die Hunde hereinkam, dann, so bemerkte Pawlow, fingen die bereits zu sabbern an! Neunzehnhundertzwölf gab es eine große Sturmflut in Sankt Petersburg. Alle Kirchenglocken läuteten Katastrophenalarm. Professor Pawlow war bei seinen Hunden. Was soll ich Ihnen sagen? Pawlow staunte nicht schlecht, als alle seine Hunde zu sabbern anfingen! Weit und breit kein Futter! Nur die Glocken – wie die Bimmel! Das genügte ihnen schon! Toll, wie?«
»Hm«, machte Jakob. »Pardon, das Hm ist Ihr Hm!«
»Jetzt ging Pawlow systematisch vor. Wenn die Hunde schon beim Bimmeln und beim Glockenläuten sabbern, ohne daß sie das Futter auch nur sehen oder schnuppern – vielleicht läuft ihnen beim Bimmeln das Wasser nicht nur im Maul zusammen, sondern auch im Magen. Also legte er Magenfisteln an.«
»Magenfisteln …«
»An den Hunden …« Dieser Watkins stinkt wie eine ganze Parfümerie, dachte Jakob benommen. Parfümiert der sich? Oder hat der die junge Dame, die vor mir da war …? Auf seinem Hemdkragen habe ich jedenfalls einen Lippenstiftfleck gesehen. »Also, Pawlow ließ jetzt nur noch die Bimmel ertönen, indem er die Tür auf und zu machte – und alle Hunde sabberten und sonderten durch die Fistel Magensaft ab – wie gesagt, das Wasser, das ihnen im Magen zusammenlief. Und diese Ursachenverkettung: erst Futter und Bimmeln und Sabbern, und dann Bimmeln und Sabbern ohne Futter, die nannte Pawlow einen Bedingten Reflex. Ich hoffe, Sie haben das einigermaßen verstanden.«
»Hören Sie, Doktor, wollen Sie mir vielleicht auch Magensaft abzapfen und mich sabbern lassen?«
»Hm.«
»Was, hm?«
»Aggressiv noch und noch.« Und nun murmelte der fette Doktor vor sich hin: »Übel, übel. Ist schon eine Charakterneurose … Nein, Magensaft nicht, Mister For …« Das Telefon läutete. Der parfümierte Seelenkundige hob ab und bellte in den Hörer: »Sind Sie wahnsinnig geworden, Eileen? Sie wissen doch, daß Sie nicht verbinden dürfen, wenn ich einen Patienten … Ferngespräch? … New York? Ja, natürlich, stellen Sie durch, Eileen.« Dr. Watkins sagte, nach Block und Bleistift greifend: »Mein Broker. Nur einen Moment, Mister Formann. Er gibt mir die letzten Börsenkurse aus Wallstreet durch. Sie verzeihen.«
»Aber selbstverständlich«, knurrte Jakob.
»Hallo … Hallo … Oh, hallo, Rod! Also, wie steht’s? … Hm … Hm … Ja, ich schreibe mit … Philips sechs Punkte plus, steigend … Unilever unverändert … Royal Dutch drei Punkte, zögernd …«
Jakob nahm einen Notizblock aus der Tasche und schrieb eifrig im Liegen mit. Das ging so eine ganze Weile, bis Sperry Rand kamen. Dr. Watkins wurde aufgeregt: »Sperry Rand zweihundertachtundachtzig? Das gibt es doch nicht! Das ist ja unglaublich!«
»Wirklich unglaublich«, attestierte Jakob verblüfft.
»… ja, Rod, natürlich ist das der Höhepunkt! Morgen sausen Sperry Rand runter, aber wie! Da hat einer dran gedreht, damit die Doofen … Aber wir sind nicht doof, Rod, wir nicht! … Na klar, verkaufen! Weg damit! Alles! Weg. Weg. Weg! … Okeydokey, Rod, ich danke Ihnen. Sie rufen morgen um diese Zeit … Sehr gut, sehr gut … bye, Rod.« Dr. Watkins legte den Hörer in die Gabel. »Hm. Solche Bedingten Reflexe kann man nun ausbilden, Mister Formann. Ein Unbedingter Reflex – das ist eine angeborene, vom Willen unbeeinflußte Reaktion – wird durch einen natürlichen Reiz ausgelöst, also zum Beispieclass="underline" Ihre Lider schließen sich blitzschnell, wenn sich den Augen etwas nähert.« Und dabei stieß dieser quasselnde Doktor mit dem Finger in Richtung auf Jakobs rechtes Auge, dessen Lid natürlich herunterklappte.
»Und was hat das mit mir zu tun?« fragte Jakob mürrisch.
»Man kann einen solchen Unbedingten Reflex – das Sabbern, wenn der Hund Futter riecht oder sieht – jedoch mit einem zunächst unwirksamen, neutralen Reiz, zum Beispiel mit einem Ton – die Bimmel! – koppeln, wir sagen ›konditionieren‹. Was machen Sie denn da die ganze Zeit für wilde Bewegungen, Mister Formann? Es scheint mir sehr schlimm um Sie zu stehen …«
»Ich … ich … Sperry Rand zweihundertachtundachtzig! Doktor, darf ich ganz schnell mit meinem Broker in Wallstreet telefonieren? Ich habe eine Masse Sperry Rand, und mein Broker weiß nicht, wo ich bin!«
»Natürlich. Geben Sie mir seine Nummer, Mister Formann.«
Jakob gab sie. Dr. Watkins wählte die Nummer von Schwester Eileen und gab ihr die Nummer. »Legen Sie das Gespräch dann herein, bitte. Hm. Ja, also ganz vereinfacht: Wir werden auch Sie konditionieren, Mister Formann. Essen wie die feinen Leute können Sie schon, gut. Bei allen anderen Fällen wollen wir Sie auf Reizworte trimmen. Also Wagner, Hemingway, Einstein, Stalin, Christian Dior, Eisenhower, Politik, abstrakte Malerei, Zwölftonmusik … Sie verstehen? Haha! Hmhm. Wenn Sie das Reizwort hören, reagieren Sie wie die Hunde in Sankt Petersburg beim Bimmeln. Sie fangen an zu sabbern. Sie sabbern die mit dem Reizwort als Bedingtem Reflex gekoppelten Worte, ganze Sätze. Die prägen sich Ihrem Gehirn unauslöschlich ein, Sie haben sogleich so einen Satz zur Hand und sind gerettet. Verstanden?«
»Nein.«
»Hm.«
»Wenn Sie mir vielleicht ein Beispiel geben könnten, Doktor?«
»Hm. Kennen Sie Meyerbeer? Natürlich nicht.«
»Natürlich nicht. Dazu hatte ich ja die Edle.«
»Die brauchen Sie nicht mehr. Ich konditioniere Sie, daß Sie über sich selber staunen werden. Hm. Schauen Sie: Wagner – ein Komponist. Meyerbeer – auch ein Komponist! Nur so, aus dem Handgelenk geschüttelt, als Beispieclass="underline" Sie hören den Namen Richard Wagner. Ich habe Sie für dieses Reizwort mit Meyerbeer konditioniert. Also: Man spricht über Richard Wagner, und Sie sabbern automatisch: ›Wagner kann ich nur dort folgen, wo er von Meyerbeer beeinflußt ist!‹ Umgekehrt geht’s genauso: Auf das Wort Meyerbeer sagen Sie: ›Ja, der Meyerbeer! Wagner kann ich nur dort folgen, wo er von Meyerbeer kondi … äh … beeinflußt ist … Man wird Sie für einen phantastischen Wagner- oder Meyerbeer-Kenner halten und nicht wagen, weitere Fragen an Sie zu richten. Apodiktisch sagen Sie den Sabbersatz natürlich. Und sind aus dem Schneider.«
»Apo …«
»O Gott, natürlich. Sie wissen nicht, was apodiktisch heißt. Unwiderleglich. So, daß sich keiner traut, noch etwas zu sagen, klar?«