»Das klingt verdammt gut, Doktor!«
»Es wird aber eine Menge Arbeit geben, Mister Formann, viele Sitzungen. Doch wir werden es schon schaffen.« Das Telefon läutete. »Ja? … Einen Moment … Für Sie, Mister Formann, Ihr Broker.«
Liegend nahm Jakob den ihm gereichten Hörer ans Ohr.
Eine Stimme erklang hastig, die Worte überschlugen sich. Das war Jakobs Broker. Er erhielt gleichfalls den Auftrag, Sperry Rand sofort abzustoßen. Jakob sprach nur kurz, dann hielt er den Hörer in die Luft. Der hinter ihm sitzende Analytiker legte den Hörer in die Gabel zurück. »Danke, Doktor. ›Wagner kann ich nur dort folgen, wo er von Meyerbeer beeinflußt ist …‹ Großartig! Da traut sich wirklich keiner, noch das Maul aufzumachen.«
»Hm.«
»Bitte?«
»Sie sagten, Sie leiden auch darunter, daß Sie von einer bestimmten Gruppe Menschen verachtet werden, daß es Ihnen nicht gelingt, in gewisse Kreise einzudringen, dort Freunde und Anerkennung zu finden – trotz Ihres Namens, trotz Ihres Geldes …«
»Ja, Doktor. Darunter leide ich wirklich. Das geht nun schon seit vielen Jahren so. Da kriege ich Minderwertigkeitsgefühle. Was ist das bloß? Warum, Doktor, warum? Ich habe doch so vieles geschaffen! Ich habe doch so unheimlich viel geleistet! Und trotzdem …«
»Nicht trotzdem. Deshalb, Mister Formann. Hm.«
»Deshalb?«
»Sehen Sie, hm, lieber Freund, hm, Sie haben Allmachtsphantasien, haben ein Streben nach Macht, und damit wollen Sie Ihre Minderwertigkeitsgefühle neutralisieren. Darum haben Sie soviel geschaffen, darum haben Sie soviel geleistet! Die Minderwertigkeitsgefühle waren zuerst da, deshalb die Leistung. Nicht, wie Sie meinen, zuerst die Leistung und dann die Minderwertigkeitsgefühle.«
»Aber …«
»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Und diese Minderwertigkeitsgefühle sind natürlich durch sexuelle Störungen entstanden.«
»Sexuelle …?«
»Selbstverständlich. Sehen Sie: Sie können nicht, und deshalb versuchen Sie immer, das durch ständige Betriebsamkeit zu kompensieren.«
»Aber hören Sie …«
»Da haben Sie es: Machtstreben zur Abwehr der Angst. Der Sexualangst in Ihrem Fall natürlich, Mister Formann. Haben Sie auch schweinische Vorstellungen?«
»Und ob, Doktor!«
»Und Sie leiden unter ihnen.«
»Leiden? Ich genieße sie!«
»Entschuldigen Sie, wenn ich auf diese Frech … äh … Antwort hin deutlich werden muß. Wie ist Ihre Stellung zur Vagina?«
»Na, schräg nach oben, Doktor, wie denn sonst?«
»Mister Formann, wollen Sie sich über mich lustig machen?«
»Keinesfalls, Doktor, ich …«
»Hm! Also ganz brutaclass="underline" Wann haben Sie zum letzten Mal?«
»Vor zwei Stunden, bevor ich zu Ihnen kam. Im Hotel. Ich sagte Ihnen doch, BAMBI ist mit mir geflogen …«
»Was?«
»Tut mir leid, ja.«
»Hm, hm, und seit wie langer Zeit war das wieder einmal? Ich meine: Welcher Durchschnittswert ergibt sich wohl bei Ihnen, Mister Formann?«
Jakob durchlebte gerade das letzte Treffen mit BAMBI im Detail. Mechanisch antwortete er: »Na, so ein- bis zweimal am Tag …«
»Wie oft?«
»Im Durchschnitt! Danach haben Sie ja gefragt! Es gibt natürlich auch Tage oder ganze Wochen ohne. Dafür dann wieder viel, viel öfter. Aber im Durchschnitt, also: ein- bis zweimal täglich.«
»Ein- bis zweimal … Was ist denn das?«
»Was bitte?«
»Sehen Sie sich an! Nicht so! An sich herunter, Mister Formann!«
»An mir herunter … O Gott, das ist mir aber peinlich. Verzeihen Sie, ich habe gerade an BAMBI gedacht, und da passiert das ganz von selber …«
Der Seelenarzt war erschüttert.
»Hm, hm, hm. Mein armer Freund. Das ist ja noch schlimmer, als ich dachte. Don Juanismus.«
»Don … Bitte schauen Sie ihn nicht immer an, Doktor, dann geht er nie wieder weg! Don … was sagten Sie da eben?«
»Don Juanismus. Diese zügellose Erregbarkeit. Eine schwere Störung, mein lieber Freund, hm, hm.«
»Schwere Störung?«
»Sie sehen es ja selber … Das ist übrigens ein absolut eindeutiges Zeichen für Sexualschwäche, dieser Don Juanismus!«
Also gestört bin ich auch. Grauenvoll. Und das alles doch wohl nur, weil ich den Hasen verlassen habe, dachte Jakob, da sagte der Analytiker schon: »In diesem Zusammenhang: Was Sie mir da von Ihren Träumen erzählen, in denen Sie immer von vergangenen Taten und Erlebnissen träumen, insbesondere von diesem Kaninchen …«
»Hasen, bitte, Herr Doktor! Mein geliebter Hase. Die beste Frau von allen! Ich habe sie verlassen … verraten … alles falsch gemacht! Nie, nie, nie mehr kommt sie zu mir zurück. Das quält mich am meisten in diesen verfluchten Träumen!«
»Sehen Sie, lieber Freund, und das ist das einzige, aber wirklich auch das einzig Erfreuliche an Ihnen.«
»Wieso, bitte?«
»Ein Mann mit einem solchen Don Juanismus, einer solchen Charakterneurose muß so träumen, Mister Formann! Sein Unterbewußtsein versucht auf diese Weise die Schlacken seiner Psyche zu entfernen. Sie leisten Trauerarbeit mit Ihren Erinnerungsträumen. Das ist Ihre letzte Chance, mein lieber Freund, noch einmal vielleicht – vielleicht, sage ich, und das bedeutet Schwerstarbeit für mich – normal zu werden und ein erfülltes Leben zu führen.«
»Und … und den Hasen zurückzubekommen?«
»Und den Hasen zurückzubekommen, Mister Formann.«
Jakob fühlte sich plötzlich ganz prächtig wohl.
»Die fünfundvierzig Minuten sind um, Mister Formann, erheben Sie sich.«
»Ich danke Ihnen, Doktor. Sie sind wahrhaftig der Größte, also wirklich!«
»Seien Sie ganz ohne Sorge. Sie stellen einen meiner kompliziertesten Fälle dar – aber ich hoffe, ich werde auch aus Ihnen wieder einen gesunden, glücklichen Menschen machen können. Die Honorarfrage regeln Sie draußen im Vorzimmer. Ich nehme immer pro Sitzung. Das ist einfacher so. Für Sie. Und für mich. Sie kommen … kommen …« Dr. Watkins blätterte in einem Terminkalender. »… Nein, früher geht es nicht, ich bin überlastet. Sie kommen am nächsten Freitag um drei Uhr nachmittags wieder.«
»Gewiß, Doktor. Nächsten Freitag, drei Uhr.«
Am nächsten Freitag um 3 Uhr p.m. US-Eastern Time war Jakob Formann dann schon einen ganzen Tag rund tausend Kilometer Luftlinie südlich von Moskau, in Rostow am Don, Hauptstadt (650 000 Einwohner) des gleichnamigen Gebietes der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, im Büro des dorthin kommandierten Genossen Jurij Blaschenko von GOSPLAN, der Zentralen Planungsbehörde für die gesamte Sowjetunion.
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»Ich danke dir, Jakob, ich danke dir, daß du so schnell gekommen bist«, sagte Jurij herzlich und schlug Jakob mit Bärenkraft auf die Schulter. »Wir brauchen dich wie der Verdurstende einen Schluck Wodka. Denn wir sitzen in der Scheiße.« Im Gegensatz zu Jakob, der immer noch kein Französisch konnte, sprach Blaschenko mittlerweile ein fast akzentfreies Deutsch. Auf ein herzliches ›Du‹ hatten sie sich schon beim letzten Treffen geeinigt.
»War der Flug gut?«
»Ausgezeichnet. Diese ›Learstar‹ …« Jakob schwärmte ein bißchen. »Wir sind über Österreich geflogen, weißt du, Jurij, die Deutschen hätten da doch nur Schwierigkeiten gemacht.«
»Wir?«
»Meine Freundin habe ich mitgenommen. Ein Mannequin. Ein süßes Mädchen. Du mußt sie unbedingt kennenlernen. Wie die mich liebt! Und sie war noch nie in der Sowjetunion! Also, setz dich hin und sag deinem alten Freund Jakob, was du jetzt brauchst.«
Blaschenko kratzte sich verlegen den Nacken.
»Was hast du denn? Warum kratzt du dich so im Genick, Jurij?« fragte Jakob.
»Ich sag’ dir gleich, was wir jetzt brauchen, Jakob«, antwortete Jurij Blaschenko und blickte schwermütig durch das Fenster seines Büros auf den großen Hafen hinab. »Erlaubst du zuerst eine Frage?«
»Natürlich!« Jakob wunderte sich. »Was ist denn los mit dir?«