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»Ich mache mir Gedanken. Über dich, Jakob.«

»Über mich?«

»Ja. Darüber, was du für ein Mensch bist.«

»Was für ein Mensch … Weißt du, ich glaube, der Kern ist gut.«

»Nein, ich meine, wie es in dir aussieht. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen wie dich. Einen, der so bedenkenlos und ohne Hemmungen vor sich selbst oder anderen Geschäfte mit dem Westen und dem Osten macht, mit dem Norden und dem Süden, mit Kommunisten und Kapitalisten, mit Juden und Katholiken, mit Schwarzen und Weißen. Ich kann das nicht begreifen!«

»Das ist ganz einfach, Jurij: Ich bin ein ganz einfacher Mensch«, sagte Jakob bescheiden. »Schau, du sagst: Bedenkenlos und ohne Hemmungen mache ich Geschäfte mit allen. Das stimmt. Aber warum fällt mir das nicht schwer? Warum habe ich keine Hemmungen? Weil ich ein Charakterschwein bin? Nein, lieber Jurij. Das ist alles neu gebaut, die Wohnhäuser und die Fabriken um die Stadt, nicht?«

»Ja, mein Freund«, sagte Blaschenko leise und traurig wie immer. »Im Krieg …«

»… haben wir das alles kurz und klein gemacht, ich weiß. Ich war schon einmal hier. Aber weiß Gott nicht freiwillig. Damals habe ich noch anders gedacht als heute. Heute, Jurij, habe ich so viel erlebt, daß ich eine ganz andere Einstellung zu dieser Welt und ihren Menschen habe. Ich habe Freunde, und ich habe Feinde. Ich arbeite, wie du sagst, für die eine Seite, und ich arbeite für die andere Seite. Ohne Skrupel! Warum? Ich kann mich in beide Seiten hineindenken, siehst du? Ich kann für beide Seiten Entschuldigungen oder Empfehlungen finden. Ich schätze beide Seiten gleich. Wenn ich die eine Seite und die andere Seite lobe und verstehe und entschuldige, dann kommen natürlich immer mehr Für und Wider.« (Vor ein paar Jahren, an einem Abend im HÔTEL DES CINQ CONTINENTS in Paris, hatte er in einer Vision ganz anders gesprochen!) »Für und Wider, und Wider und Für in unserer so gescheiten und so verdrehten und so blödsinnigen Welt … Weißt du, Jurij, ich glaube, eine solche Welt könnte ohne das Für und ohne das Wider überhaupt nicht bestehen! Für und Wider gehören zusammen, das eine wie das andere hat die gleichen Rechte und die gleiche Berechtigung, und erst zusammen ergeben beide das Ganze – unsere Welt! Und es ist nur unsere Dummheit oder unsere Zerstörungswut oder unsere angeborene Schlechtigkeit, die uns zwingt, die eine Seite zu verehren, anzubeten, zu vergöttern und die andere zu verachten, zu bekämpfen, zu verteufeln. Denn diese Welt ist nur eine ganze Welt mit beiden Hälften, also mit dem Für und dem Wider. Und ich glaube eben, daß nur das Ganze recht hat!«

»Aber du mußt doch eine eigene Ansicht haben!« rief Jurij.

»Warum?« fragte Jakob erstaunt.

»Jeder anständige Mensch hat eine ganz bestimmte eigene Ansicht!«

»Da muß ich dir aber widersprechen, Jurij. Die meisten Menschen haben überhaupt keine Ansichten – und das sind weiß Gott nicht die schlechtesten.«

»Heilige Schwarze Muttergottes von Kasan, aber du mußt doch an irgend etwas glauben, Jakob!«

»Warum muß ich?«

»Weil kein Mensch leben kann, ohne an etwas zu glauben.«

»Na, ich weiß nicht«, sagte Jakob, »ich leb’ ganz gut so.«

»Verflucht, irgendeine Meinung von dieser Welt mußt du doch haben, Jakob!«

»Meinung … Also wenn du unbedingt darauf bestehst, bitte. Natürlich bin ich der Meinung, daß der Sozialismus das Beste für die ganze Welt wäre …«

»Na endlich!«

»Nein, nicht na endlich! Denn den Sozialismus, den ich mir vorstelle, den gibt es nicht, und den wird es auch sehr wahrscheinlich nie geben«, sagte Jakob. »Schade. Denn es wäre schön, wenn es ihn geben würde.«

»Dann sag mir doch wenigstens, was dann so schön wäre, sag mir wenigstens, wie dein Sozialismus ausschaut, den es sehr wahrscheinlich nie geben wird!«

»Jurij, mein Alter«, sagte Jakob. »Da haben sie einmal einen Juden ärgern wollen und ihn gefragt – du weißt, am Sabbath dürfen die Juden kein Geld und kein Gold anrühren –, also sie haben ihn gefragt: ›Stell dir vor, es ist Schabbes, und du gehst auf der Straße, und da siehst du ein Goldstück. Was würdest du machen?‹«

»Ja?« Jurij wurde sehr aufmerksam. Vom Hafen herauf dröhnte das Kreischen riesiger Kräne. »Und was hat er gesagt?«

»Er hat gesagt: ›Es ist nicht Schabbes, und es gibt kein Goldstück, und also antworte ich nicht auf diese Frage.‹ Siehst du, Jurij, dasselbe antworte ich dir, wenn du mich fragst, was unter dem Sozialismus, den es vielleicht nie geben wird, so schön wäre. Ich kann dir nicht anders antworten, denn ich kann mich in keine Situation hineindenken, die es nicht gibt.« Jurij Blaschenko seufzte. »Seufze nicht, Towarischtsch, sondern sag mir endlich, was ihr diesmal braucht«, sagte Jakob sanft lächelnd.

Blaschenko seufzte noch einmal.

»Sprühgeräte«, sagte er dann. »Aus Plastik«, fügte er hinzu. »Und du hast doch Plastikfabriken, Jakob, mein Freund.« Ein Frachter fuhr eben in den Hafen ein.

»Was für Sprühgeräte?« fragte Jakob.

»Du weißt, daß wir in den letzten Jahren erhebliche Mißernten gehabt haben, nicht wahr?«

»Ja. Schlechtes Wetter, was?«

»Nur sehr bedingt schlechtes Wetter. Die Hauptursache war Unkraut!«

»Na, aber gegen Unkraut gibt es doch herrliche chemische Mittel, Jurij.«

»Die haben wir ja auch entwickelt, Jakob.« Jurij seufzte nun abgrundtief.

»Herrliche chemische Mittel! Das Beste, was du dir vorstellen kannst!«

»Aber?«

»Aber … Jakob, mein Freund, du weißt, daß bei uns alles genau geplant wird …«

»Ganz genau, Jurij.«

»Ganz genau eben nicht, Jakob. Leider. Eine andere Planungskommission hat vergessen, daß man die Chemikalien versprühen muß, und deshalb sind keine Anlagen gebaut worden, die solche Sprühgeräte herstellen, und jetzt liegen die wunderbaren Chemikalien da, und das Unkraut wächst weiter und weiter, es ist eine Katastrophe! Wir brauchen ein Werk, das solche Sprüher herstellt! Und Rohrleitungen dazu, viele Tausende Kilometer Rohrleitungen! Damit wir die Chemikalien auf weit entfernte Felder leiten können, über viele Tausende von Kilometern. Und wir werden viele Tausende von Plastik-Sprühern brauchen, die auf den Feldern aufgestellt werden! Das wird ein ungeheuer großes Werk nötig machen! Denn wir müssen die Chemikalien auch aus Flugzeugen absprühen! Und aus Plastik-Tanks auf LKWs, die durch die Felder rollen! Und noch auf viele andere Arten! Wenn wir mit dem Unkraut nicht fertig werden, verhungern unsere Menschen! Da drüben, auf dem Hügel hinter dem Universitätsviertel, da haben wir Platz, genügend Platz! Dort soll das Werk entstehen! Dort soll die Zentrale sein, verstehst du, mit Rohrleitungen überall hier im Gebiet hin, mit Pumpstationen hier auf der Strecke. Und mit großen Verlade-Anlagen zum Verschicken überall hin in die Sowjetunion. Wir brauchen also das größte Werk dieser Art, das je in Rußland gebaut worden ist! Und in kürzester Zeit! Die Lage ist verzweifelt, Jakob! Wirst du uns helfen?«

»Klar werde ich euch helfen«, sagte Jakob freundlich. »Jetzt verstehe ich, warum du mich gefragt hast, wie ich es mir zurechtgelegt habe, daß ich für beide Seiten, für alle, arbeiten kann. Du hast Angst gehabt, ich sage, ich arbeite nur für die eine Seite, was, mein Alter?«

»Also ganz ehrlich, ja, ich habe Angst gehabt!«

»Aber grundlos! Schau mal, Jurij, mein Freund: Du sagst, das Unkraut vernichtet eure Ernten. Und ich glaube dir und will dir helfen. Was denn?

Wo kommen wir denn hin, wenn einer dem andern überhaupt nichts mehr glaubt? Zum Teufel, wenn ein Kommunist kommt und behauptet, zwei mal zwei ist vier, dann muß ich den Mut haben, zu sagen: Das stimmt! Obwohl ein Kommunist das behauptet hat!«

»Ach Jakob.« Blaschenko seufzte. »Es müßte mehr Menschen wie dich geben! Viel mehr! Millionen Jakob Formanns!«

»Um Gottes willen«, sagte der. »Willst du mir das Geschäft verderben? Ein Jakob Formann genügt mir vollkommen! Das habe ich schon dem Oberst Assimow gesagt, drüben in Washington, als er mich gebeten hat, sofort zu dir zu fliegen!«