»Ist was?« fragte er und drückte die Zigarette aus, denn er bemerkte, daß – jedenfalls bei ihm – schon wieder etwas da war. »Hast du noch einen Wunsch, Liebste?«
Sie hatte beiläufig noch drei.
34
»Jetzt ins Hotel, Sir?« fragte Jakobs amerikanischer Chauffeur und riß die Tür des zweiten Rolls auf. Es war schon dunkel an diesem 7. Januar 1957.
»Jetzt ins Hotel, ja«, sagte Jakob.
Der Schlüssel seines Appartements (natürlich des schönsten und teuersten) hing nicht beim Portier. BAMBI, die Brave, erwartet mich. Wenn die nun auch noch Wünsche hat? Hat sie doch immer. Ach was, werden wir auch noch schaffen, dieser Dr. Watkins ist ein Trottel!
»Mister Formann! Mister Formann!« Einer der Portiers hatte ihm nachgerufen.
Schon fast im Lift, drehte er sich um.
»Gespräch für Sie! Transatlantik! München!«
»Legen Sie es aufs Appartement!«
»Verzeihen Sie, Sir! Aber darf ich Sie bitten, hier in der Halle, aus einer Zelle zu sprechen. Die Leitungen sind heute derart überlastet. Der Anrufer bemüht sich schon seit Stunden, wie er sagt. Wenn die Verbindung zusammenbricht …«
»Okay, okay.« Jakob betrat eine der vielen Telefonzellen im Hintergrund der Halle und nahm den Hörer ans Ohr. »Formann.«
»Sch … Sch … Schrei … Schreiber«, tönte eine bekannte Stimme an Jakobs Ohr. »E … Endlich haben wir Sie, Ch … Chef! G … Gott sei Dank. Hier sind a … alle am R … Rand des W … Wa … Wahnsinns.«
»Was ist denn passiert?«
»A … Also wir s … sind mit dem e … e … ersten T … Teil von DIE NAZIS SIND UNTER UNS seit d … drei Tagen auf dem M … Markt, Ch … Chef. Mei … meine sch … schlimmsten Be … Befürchtungen sind eingetroffen. So … So ma … machen Sie Ihren F … Feind, diesen Herresheim nie f … fertig, das habe ich Ihnen g … gleich gesagt! Je … Jetzt sitzen w … wir in der Sch … Scheiße.«
»Wieso?«
»Ich ha … habe den Ch … Chef der I … In … Inseratenabteilung n … neben mir. D … Der soll es I … Ihnen sagen. Ge … Geht schneller als b … bei mir. Ich überge … ge … gebe …«
Der Inseratenchef ließ seine Stimme ertönen: »Katastrophe, Herr Formann. Wir sind ruiniert, wenn wir nicht sofort …«
»Wieso ruiniert?«
»Vier unserer größten Stammkunden haben nach Erscheinen des ersten Teils angerufen.«
»Und?«
»Und alle dasselbe gesagt.«
»Was?«
»In der Bundesrepublik leben wir in einer idealen Demokratie, die wir uns selbst geschaffen haben. Es gibt hier keine Nazis. Wer so was behauptet, wird vom Osten gesteuert oder ist Kommunist! Seltsam, sehr seltsam, daß Sie so etwas in Ihrem Blatt dulden!«
»Was fällt Ihnen ein, Mann?« sagte Jakob, gefährlich leise. »Wie sprechen Sie mit mir?«
»Das sind nicht meine Worte, Herr Formann. Das sind die Worte unserer Inserenten. Unserer Großinserenten! Unserer größten Großinserenten! Diese Firmen haben nicht die Absicht, kommunistischer Verleumdung und Wühlarbeit Vorschub zu leisten. Wenn diese – ich zitiere jetzt wörtlich – Dreckserie nicht sofort abgebrochen wird, ziehen die Großunternehmen ihre wöchentlichen Inseratenaufträge zurück. Und zwar für immer. Wenn die ihre Drohung in die Tat umsetzen, können wir unsern Laden zumachen!«
»Also was?«
»Abbrechen, Herr Formann! Abbrechen! Das ist hier im ganzen Haus die Meinung! Bedenken Sie, wie viele Existenzen auf dem Spiel stehen! Abbrechen auf der Stelle, wir hauen ein Stück Satz von der ersten Fortsetzung raus, und Schreiber schreibt, warum wir die Serie nicht fortsetzen …«
»Weil wir Schiß vor unseren Inserenten haben? Das soll er schreiben?«
»Das natürlich nicht, Herr Formann.«
»Was dann?«
»Was ganz Gerissenes. Dem Schreiber fällt bestimmt was ganz Gerissenes ein … Wie? … Schreiber sagt, es ist ihm schon eingefallen. Und zur Wiedergutmachung bringen wir jetzt eine Landser-Serie. IN DER HÖLLE DES BEWÄHRUNGS-BATAILLONS. Hat Schreiber schon vorbereitet, sagt er, als Sie ihm den Auftrag für die Anti-Naziserie gegeben haben. Wußte, was kommt. Nun können wir nur hoffen, daß wir die Großunternehmen damit versöhnen. Jedem einzelnen in den Arsch kriechen – das ist das einzig Senkrechte! Die Preise für die Inserate senken wir auch, um zu locken. So etwas darf uns nie wieder passieren. Herr Formann! Moment, Schreiber will Ihnen noch etwas sagen …«
Dann hörte Jakob Schreibers Stimme: »D … Da ha … haben Sie es gehö … hört, Ch … Chef!«
»Schon gut, Schreiber, immer noch feste rauf aufs Schlimme!«
»Da … Das wollte ich nicht, Ch … Chef. Ich ha … habe w … was anderes für S … Sie. A … Auch eine w … wahre Geschichte über N … Nazis, die j … jetzt wieder g … ganz oben sind.«
»Na also!« Jakob wurde hellwach.
»A … aber v … ver … verschlüsselt, Ch … Chef, v … verschlüsselt! Ka … Kann k … keiner der B … Be … Betroffenen, de … der sich angesprochen fühlt, wa … was machen! G … gar nichts! He … Herrlicher Fall. Ha … Habe ihn schon zum T … Teil geschrieben als R … Roman.«
»Nicht für OKAY?« Jakob war verwundert. »Hören Sie, Schreiber, Sie werden von mir bezahlt, Sie haben für mich zu schreiben! Ihre Romane gehen nicht! Dabei könnten Sie verhungern, das wissen Sie doch selbst am besten!«
»W … Wei … Weiß ich. Ei … Ei … Eines Tages we … werden sie g … gehen, auch die e … er … ersten. We … Wenn der da jetzt auch als B … Buch nicht g … geht, m … m … meinetwegen Abdruck in OKAY. T … Titel ha … habe ich auch schon.«
»Wie heißt er denn?«
»SKANDAL NINA B. Wird sich der W … We … Wehrwirtschaftsführer f … freuen – und no … noch ganz andere hohe Tiere.«
»Den Vordruck muß ich haben, Schreiber! Ich bezahle Ihnen das Doppelte für eine Folge!«
»Da … Das wäre denn ja w … wohl au … auch das M … Min … Mindeste. L … Lä … Längst wieder ei … eine Ho … Ho … Honorarerhöhung fällig, Ch … Chef. O … Ohne mich sind S … Sie d … doch aufgeschmissen!«
»Sie sind ein Erpresser … Aber schön, ich rufe Buchhaltung und Rechtsabteilung an, damit Ihr Vertrag geändert wird. Ich bin jetzt viel unterwegs. Sie beginnen schon mit dem Abdruck!«
»Bu … Buch ist aber e … e … erst zu einem k … kn … knappen D … Drittel fe … fertig, Ch … Chef!«
»Na und? Waren Ihre Serien je fertig, wenn wir mit dem Abdruck begonnen haben? Nie! Höchstens einen einzigen Teil haben Sie im voraus geschrieben – einige Male, Sie faules Stück! Rein mit der NINA! Mit dem Herresheim werde ich auf andere Weise fertig!«
»S … Sie ve … verrennen sich, Ch … Chef! Mi … Mit diesen a … alten N … Nazis wird k … keiner fertig!«
»Jakob Formann schon!« sagte Jakob. »Falls ihr mich sucht – in den nächsten Tagen bin ich in Rostow, da in der Sowjetunion, am Don. Wenn was Ernstes vorliegt, was ihr nicht allein entscheiden könnt, ruft dort das Kulturhaus an. Da werde ich hinterlassen, wo ich bin!« Jakobs Herz klopfte plötzlich heftig. Das war wirklich ein prima Einfall, den ich da soeben gehabt habe! Blitzidee. Meine Blitzideen sind immer die besten.
»K … Kulturhaus von R … R … Ro … Rostow am D … Don ha … hat er gesagt …«, hörte er Schreiber stammeln. Dieser informierte in München offenbar die Umstehenden. »…Ü … Über … Übergeschnappt, der arme Kerl …«.