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»Wieso übertreibe ich?« fragte Jakob. Draußen brannte die Sonne, die Fenster standen offen, und man hörte das Aufschlagen von Bällen auf den beiden Tennisplätzen hinter dem Haus, Stimmen und Gelächter. Ab und zu raste auf dem See ein Motorboot vorbei. »Du bist Multimillionär. Mehr als ein Steak auf einmal kannst du nicht fressen«, sagte Karl Jaschke aus Murnau. »Mehr als mit einem Mädchen kannst auch du nicht auf einmal schlafen.«

»Hast du eine Ahnung!« rief Jakob stolz.

»Unterbrich mich nicht. In mehr als einen Rolls kannst du deinen Arsch zur gleichen Zeit nicht setzen! Auch nicht in zwei Flugzeuge zur gleichen Zeit! Auch nicht mehr als einen Anzug von Cardin kannst du auf einmal tragen.«

»Jajaja. Was soll das heißen, bitte?«

Jetzt war die Reihe wieder an Franzl Arnusch: »Das soll heißen, daß du furchtbare Fehler begehst.«

»Jakob Formann begeht keine furchtbaren Fehler.«

Und das Ping und Pong und Ping und Pong von den Tennisplätzen.

»Du begehst drei furchtbare Fehler, mein Bester«, sagte der Arnusch Franzl. »Wir haben gerade über sie gesprochen. Der erste ist, daß du dein Imperium immer weiter vergrößerst, anstatt es zu sichern. Das ist gegen jede unternehmerische Vernunft. Wie es so geht im menschlichen Leben.«

»Blödsinn«, konterte Jakob, lachend zu den erlauchten Bildern der Ahnen aufsehend, die nicht die seinen waren. »Das ist das erste Gesetz jedes Unternehmers! Expandieren! Expandieren! Es tut mir leid, daß ich das ausgerechnet dem Chef des Rechnungswesens meiner Gesellschaften sagen muß! Ich weiß schon, was ich tue. Erlegt euch keinen Zwang auf! Und nun, bitte, den zweiten ›furchtbaren Fehler‹«, sagte Jakob ironisch. »Also bitte!«

»Schön, also zweitens: Du bist bereits soweit, alle anderen Menschen für blöd zu halten«, sagte Wenzel anklagend.

»Na, das sind sie doch auch!«

»Wenn alle Menschen blöd sind, dann bist du es auch. Das ginge noch. Lebensgefährlich wird es, wenn du davon überzeugt bist, der einzig Gescheite zu sein.«

»Ich habe ja euch zur Seite!« Jakob wurde grob. »Wenn es wirklich mal lebensgefährlich wird, entschärft ihr die Lage. Ihr seid nicht blödsinnig. Sonst hätte ich euch nicht engagiert.«

»Sehr liebenswürdig«, sagte Karl Jaschke leise.

»War doch nicht bös gemeint!« Jakob haute ihm auf die Schulter. »Aber wenn ihr schon damit angefangen habt, dann will ich auch wissen, welchem dritten ›furchtbaren Fehler‹ ich im Laufe meiner so entsetzlich verfehlten Entwicklung verfallen bin.«

»Du willst unbedingt in diese beschissene High Society«, sagte Wenzel, und er sprach, als hielte er bereits die Grabrede für Jakob. »Du willst, daß die Großen – nebbich – dieser Welt dich achten und lieben und fürchten – fürchten, ja, das kommt auch noch, warte nur ein Weilchen – und dich anerkennen als ihresgleichen. Nicht das Gesocks hier. Nein, das genügt dir nicht! Es müssen ganz feine Grafen und Fürsten sein und ganz gediegene Millionäre und Rothschilds und Rockefellers und Agnellis! Erst wenn du in ihre Welt eingebrochen bist, wirst du zufrieden sein! Wenn diese Großen nicht mehr hinter deinem Rücken über dich lachen werden – oder dir sogar mitten ins Gesicht!«

»Ihr habt ja Kompott im Hirn!« antwortete Jakob mit ärgerlich erhobener Stimme. »Ich scheiße auf diese ganzen Idioten! Es ist mir doch völlig egal, ob sie über mich lachen oder nicht! Also, da irrt ihr euch aber gewaltig, wenn ihr glaubt, daß ich mich nach Anerkennung durch dieses Pack sehne …«

»Nun beruhige dich, Jakob«, sagte Wenzel. »Wir meinen es doch nur gut mit dir! Wir machen uns doch nur Sorgen um dich!«

»Um mich braucht ihr euch keine Sorgen zu machen!« rief Jakob. »Um euch, um euch könnt ihr euch meinetwegen Sorgen machen! Und mit Recht! Daß ihr so lange mit mir zusammenarbeitet, ist noch keine Lebensversicherung, kapiert?« Er erschrak heftig über sich selbst, wechselte die Farbe und stammelte: »Das habe ich nicht so gemeint … Das ist mir nur so herausgerutscht … Meine alten Freunde! Meine besten Freunde! Die mit mir im Dreck angefangen haben! Mit nichts! Niemals würde ich einen von euch fallenlassen, niemals!«

Die drei saßen reglos.

»So sagt doch was!«

»Klar«, sagte Wenzel endlich, und die anderen nickten. »Du hast das in deiner Wut gesagt, wie ein unartiges Kind. Aber bald wirst du es nicht nur in Wut sagen und wie ein Kind, sondern du wirst es wirklich glauben!«

»Das werde ich nie! Natürlich habe ich viele fröhliche Huren hier und Burschen, die sich damit brüsten, keinen Verstand zu haben! Aber gönnt ihr mir nicht das Recht auf ein wenig Spaß? Wenn ich schon so schwer schufte? Schaut doch euch an! Ihr habt doch auch jeder was! Der Wenzel seine Rothaarigen! Der Jaschke seine Süße in Garmisch! Der Franzl sein Fressen! Und ich darf nichts haben, womit ich mich amüsiere, worüber ich lachen kann? Ich weiß doch genau, was ich von diesen Kaschperln zu halten habe! Ich leiste mir eben mein Kaschperltheater! Aber ich nehme es doch nicht im Traum ernst!« Das Telefon, das vor ihm stand, läutete. Jakob hob ab.

»Ferngespräch, Herr Formann«, sagte ein Mädchen in der Telefonzentrale des Schlosses. (Drei Mädchen taten da Dienst rund um die Uhr.) »Comtesse della Cattacasa verlangt Sie. Aus Cannes.«

»Bitte, verbinden Sie, liebe Anni.« Jakob sagte zu seinen Freunden: »Nur einen Moment. Das ist Claudia … Claudia? … Ja, ich bin’s, dein Jakob …«

An dieser Stelle sagte Karl Jaschke laut und vernehmlich: »Verflucht, sprach Max und schiß sich in die Hose.« Aber keiner lachte. Alle hörten, was Jakob nun am Telefon sagte.

Dies:

»Nein, ich bin nicht mehr in Tokio! Tut mir leid, daß du es dort versucht hast … Was gibt’s denn? … Was hast du geschafft? … Was? … Verdammt noch mal, gerade jetzt, wo ich soviel zu tun habe! Und soviel im Kopf! … Ja, ja, ja, ich weiß, ich habe dich darum gebeten, aber so wichtig ist das nun auch wieder nicht gewesen, mein liebes Kind … Natürlich ist mir bekannt, daß der Mann einer der drei größten Reeder Englands ist! Na wenn schon! Ich bin auch wer! … Wie? … Klar, man kann nicht mehr gut absagen, wenn er uns schon eine Einladung geschickt hat … Hm, hm, hm … Nein, so habe ich es nicht gemeint, Claudia! Ich bin dir auch sehr, sehr dankbar für deine Bemühungen! Aber gerade jetzt … Es soll bloß nicht der Eindruck entstehen, daß ich mich aus lauter Geltungssucht darum reiße, verstehst du? … Klar, es ist eine Sache der Höflichkeit! Also meinetwegen, werden wir halt hingehen … Wo ist das? Saint-Jean-Cap-Ferrat? … Selbstverständlich weiß ich, wo Saint-Jean-Cap-Ferrat liegt, liebes Kind, ich komme ja nicht gerade aus dem Kohlenkeller, wie? … Natürlich Tenue de soirée … Ja, kauf dir neue Kleider … Nein, da nicht! Bei Emilio in Rom! … Was? BAMBI ist auch eingeladen? Tck! Wieso BAMBI? Wird das gutgehen? Ich meine: Wird BAMBI nicht aus dem Rahmen fallen? … Na schön, wenn du meinst, Claudia … Also kleidest du auch BAMBI neu ein … Ach, wenn wir schon dabei sind: Mit euerm Schmuck könnt ihr da natürlich nicht hingehen in meiner Gesellschaft. Diesen Schmuck hat man schon zu oft gesehen … Neuen, natürlich neuen! … Ja, geh zu ›Cartier‹! Und nimm BAMBI mit! … Werde ich sie dir halt noch heute mit einer ›Learstar‹ nach Cannes schicken … Das weiß ich, daß sie in Nizza landen muß … Du hast doch den Mercedes Sport, den ich dir zum Geburtstag geschenkt habe, unten … oder? … Gut, dann hol BAMBI ab … Ach ja, wo bist du abgestiegen? … Natürlich, Hotel MAJESTIC … Am fünfundzwanzigsten ist die Gala? Da habe ich ja noch elf Tage Zeit … Da kann ich noch in Ruhe nach Peking fliegen! … Wie viele Gäste? …Zweiundachtzig? Großer Gott, ein Gedränge wird das werden … Tja, Claudia … ich muß jetzt Schluß machen. Ich habe eine wichtige Besprechung. In einer Stunde rufe ich dich an! Ciao, Claudia, Ciao …«