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»Monsieur Formann …« Stimme an Jakobs Ohr.

Dritter Anruf, höchste Dringlichkeit, Washington, Pentagon. Jakob hatte erst die Hälfte der köstlichen Eisspeise verzehrt. Doch was einer der Großen dieser Erde ist, der hat seine Verpflichtungen, der muß Tag und Nacht im Einsatz stehen, nicht wahr? Und dieser Maître de Maison hat ›Washington‹ genau so schön laut gesagt wie zuvor ›Moskau‹. Also wieder ins Haus. Wieder mit einem getreuen Freund geplaudert, der auf die Minute pünktlich war. Aufgelegt. Ein menschliches Rühren verspürt. Na, der viele Champagner muß einmal wieder raus, nicht wahr? Wo ist denn hier … Ah, da. Großer Gott, das ist ja ein Palast! Na, nun wollen wir uns mal erleichtern …

Als Jakob erleichtert an den Tisch zurückkam, sang eine Chansonnière. Wunderschön, dachte er benommen, wunderschön.

»Mm …«, machte Claudia und sah ihn mahnend an.

»Was gibt es denn, mein liebes Kind?«

»Mmmm … mmm …« Claudia sah jetzt auf Jakobs Hose. Ach so. Na, hab dich nicht so, liebes Kind. Der Reißverschluß der Hose ist offen. Hab’s vergessen, ihn zu schließen. Peinlich. Werde ich mich lieber schnell setzen … Jakob setzte sich schnell.

Es war nur kein Sessel da.

Ein überhöflicher Kellner hatte ihn zurückgezogen.

Belustigt fiel Jakob zu Boden.

Im nächsten Moment war er gar nicht mehr belustigt.

Im nächsten Moment rutschte nämlich das herrliche Damast-Tischtuch mit allem, was sich darauf befand, von der Tafel. Im Fallen hatte Jakob sich daran festgehalten und damit eine Katastrophe verursacht.

Als erschüttere ein plötzliches Erdbeben Saint-Jean-Cap-Ferrat, so schwankte plötzlich, wie es schien, die endlos lange Tafel. Und es stürzten um Gläser und Tassen und Terrinen, es krachten zu Boden Kerzenleuchter mit brennenden Kerzen, Teller, Tassen, Unterteller, Silberteller, Petitfours-Platten, Flaschen, Aschenbecher (gefüllt), Zigarren, Zigaretten, Pfeifen, Gläser, Bestecke, es ergoß sich auf die kostbaren Roben der Damen und auf die Smokings der Herren Champagner und Mokka, Sahne und Zucker, das herrliche Speiseeis mit dem herrlichen Erdbeersirup, dem roten, klebrigen, dickflüssigen, und Tabakasche.

Am ärgsten hatte es Lady Jane erwischt. Ihr war durch den von Jakob verursachten plötzlichen Ruck das meiste entgegengeflossen, entgegengeflogen, entgegengerollt. Sie sah aus wie ein Clown. Bis ins Gesicht waren ihr Mokka, Champagner, Eiscreme und Erdbeersauce gespritzt und tropften nun langsam ab oder zogen endlose Fäden.

Niemand sprach ein Wort. Das Orchester spielte weiter. Und was spielte das Orchester? Was sang die liebliche Chansonnière?

»Don’t know why, there’s no sun in the sky … Since my man and I ain’t together, it keeps raining all the time. Stormy weather …«

Nein.

Nein. Nein. Nein.

Das war gemein von dir, Hase!

Das hättest du nicht tun sollen. Das nicht. Nicht das. Jetzt ist es aus. Alles ist aus.

Nein, es war noch nicht alles aus.

Jakob verlor die Nerven. Mühsam erhob er sich, und dann trat er die Flucht an – über den englischen Rasen, an Palmen, Eukalyptus-, Orangen- und Zitronenbäumen vorbei, davon, auf den weißleuchtenden Kiesweg zu. Nach einem kurzen Blickwechsel erhoben sich auch Claudia und BAMBI. Siruptropfend eilten sie Jakob nach. Sie wollten jetzt nicht sitzenbleiben. Und außerdem lebten sie beide von Jakob. So etwas bindet.

Immer noch rührte sich niemand der verbleibenden neunundsiebzig Gäste.

Der Saxophonist der Kapelle setzte zu einem Solo an.

Die Chansonnière hielt mit.

»… Stormy weather!« hallte ihr Schrei Jakob und seinen beiden Damen nach.

44

Schweigen herrschte im Innern des Mercedes, während er von der Spitze der Halbinsel herabkurvte zur Anse de la Scalette, jener Straße, die den Badestrand entlanglief.

Niemand wagte zu sprechen, nicht ein Wort.

Dann, auf der Straße am Meer, wagte es Claudia.

»Das hast du ja fein gemacht«, sagte Claudia Contessa della Cattacasa.

»Halt den Mund!« sagte Jakob, mühsam beherrscht.

»Glaubst du, du wirst von diesen Leuten jemals wieder eingeladen?«

»Das ist mir völlig wurscht!«

»Ja, jetzt!« Nun wurde auch BAMBI lebhaft, die, ebenso wie Claudia, verzweifelt an sich herumwischte, um wenigstens das Ärgste zu entfernen (das Ärgste tropfte auf den Boden des Mercedes). »Vorher hast du dir sämtliche Beine ausgerissen, um eine Einladung zu bekommen!«

»Du halt auch den Mund, verflucht!«

»Ich denke nicht daran! Wer bist du denn? Der Hitler? Ich, ich habe auch einen internationalen Namen! Und Claudia erst! Was hat die für einen Namen?«

»Herrgott noch mal, warum nehmen die auch so beschissene Damast-Tischtücher?«

»Vorher haben dir die Tischtücher ungeheuer imponiert!«

»Ja, da bist du fast in die Knie gegangen! Äähh, das ist ja eklig, jetzt habe ich das klebrige Zeug auch noch an den Beinen und an der …«

»Du hast das Tischtuch runtergerissen!«

»Sehr richtig! Weil du nämlich blau warst!«

»Was war ich?«

»Blau! Und nicht warst, immer noch bist! Eine Schande!«

»Hört mal, ihr Schlampen, es ist euch doch klar, daß ihr von mir lebt und nicht ich von euch, was?«

»Du hast«, schrie Claudia Contessa della Cattacasa in maßlosem Zorn, »nach allem, was ich für dich getan habe, die Stirn, uns Schlampen zu nennen?«

»Jawohl! Und überhaupt: Jetzt reicht es mir endgültig! Otto!«

»Jakob?«

»Bleib stehen.«

Der Mercedes hielt an der Uferstraße, die Stelle war besonders idyllisch vom Mond beschienen. Über Claudia glitschend, riß Jakob einen Schlag auf. »Raus!«

»Was?«

Jakob glitschte über BAMBI und riß den zweiten Schlag auf. »Du auch! Raus!«

»Sag mal, du bist wohl wahnsinnig geworden!«

»Ich lasse mich von euch Schlampen doch nicht beschimpfen! Aussteigen habe ich gesagt!« Das brüllte Jakob mit so fürchterlicher Stimme, daß die beiden Mädchen schluchzend ins Freie stolperten. Es war fast zwei Uhr früh und kein Mensch zu sehen.

»Du bist ja irre!« schrie BAMBI. »Du ßetzt uns hier aus? Um diese Sseit?«

»Jawohl, um diese Zeit setze ich euch hier aus!«

»Und wie, stellst du dir vor, sollen wir nach Cannes kommen?«

»Das interessiert mich einen Dreck! Lauft!«

»Bis Cannes? Weißt du, wie weit das ist?«

»Ich weiß es nicht, und es ist mir auch scheißegal! Ihr werdet schon heimkommen!« Jakob schlug die beiden Wagentüren zu und brüllte Otto an: »Fahr los!«

»Mit mir brauchst du nicht zu brüllen, Mensch«, sagte der Chauffeur Otto Radtke und gab Gas. Der Mercedes schoß davon. Weinend blieben die beiden Mädchen zurück. Sie stolperten auf ihren hohen Stöckelschuhen und in ihren besudelten Abendkleidern dem Wagen nach. Otto nahm eine kleine Biegung. Die Mädchen waren verschwunden.

Jakob begann zu fluchen. Er fluchte sich halbtot. Otto ließ ihn. Immer lassen, das war Otto Radtkes Devise. Endlich schwieg Jakob erschöpft. Auf der zum Festland führenden Straße sprach er dann endlich weiter.

»Bleib stehen!«

»Ist dir schlecht?«

»Nein.«

»Warum soll ich dann stehenbleiben? Willst du auf die beiden Gören warten?«

»Ich denke nicht daran!«

»Also warum dann?«

»Weil ich endlich aus diesen verdreckten Klamotten raus will, Mensch! Weil mir das große Kotzen kommt, wenn ich den Erdbeersirup noch lange überall an mir habe! Weil ich mich ausziehen will!«

»Kannst du ja auch gleich sagen.« Otto hielt. Jakob kletterte ins Freie, nahm Geld und Personaldokumente aus seiner Smokingjacke und schleuderte diese dann ins Gebüsch. Die Smokingsfliege folgte als nächstes. Jakob riß den Hemdkragen auf. Das Hemd hatte noch am wenigsten abbekommen.