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»Die Hose rinnt nur so«, konstatierte Otto, der ebenfalls ausgestiegen war. »Warte, ich habe einen Monteuranzug im Kofferraum. Nicht ganz sauber, aber …«

»Hol ihn!« Jakob zog bereits die Smokinghose aus und feuerte sie in das stachelige Gebüsch. Der Monteuranzug, den Otto dem Kofferraum entnahm, war blau, ölverschmiert und ein bißchen zu klein für Jakob. Die Hosen zum Beispiel gingen ihm nur bis über die Knöchel. Das machte ihm nicht das geringste. Selig knöpfte er sich zu.

»So, jetzt fühle ich mich schon viel besser. Fahr weiter, Otto.«

»Okay, Kamerad, fahren wir weiter.«

Kurze Zeit später erreichten sie Nizza.

»In die Altstadt.«

»Was?«

»Du sollst in die Altstadt fahren!«

»Was willst du in der Altstadt?«

»Da gibt es so Kneipen, die haben noch offen! In die gehen die Musiker und die Kellner und die Huren aus anderen Lokalen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sind und essen noch was und trinken noch was.«

»Sag mal, hast du noch immer nicht genug gegessen und getrunken?«

»Ich will noch was! Fahr schon!«

»Mensch, mit diesem dicken Mercedes in die Altstadt, und dann in so eine Stampe, in deinem Aufzug!«

»Das ist mir alles scheißegal!« behauptete Jakob. »Ich muß mich beruhigen! Ich muß mich abreagieren! Ich muß wieder zu mir selber finden! In diesen Kneipen kriege ich sie, das weiß ich!«

»Kriegst du was?«

»Schmalzbrote!« flüsterte Jakob.

45

»Meine Herren, ich kann mich ganz kurz fassen«, sagte Jakob Formann.

»Also: Doppelt so prächtig, doppelt so teuer und in der halben Bauzeit.«

Da war es elf Uhr am Tag nach der Katastrophe von Saint-Jean-Cap-Ferrat, und Jakob saß mit neun Herren in einem der luftgekühlten Konferenzräume des schönen Hotels MAJESTIC, wie frisch aus dem Ei gepellt, in einem weißen Anzug, mit weißen Schuhen und weißen Socken, ein Bein über das andere geschlagen, lässig zurückgelehnt, die Spitzen der Finger beider Hände aneinandergepreßt.

»Aber Monsieur Formann, das ist doch Wahnsinn …«

»Aber Monsieur Formann, das geht doch nicht …«

Die neun Herren sprachen alle auf einmal. Jakob schnitt ihnen mit einer knappen Handbewegung das Wort ab.

»Ich kriege es, es muß so etwas geben, und es muß gehen, und es ist kein Wahnsinn. Es ist alles glasklar überlegt. Meine Herren, Jakob Formann ist seiner Zeit immer um zwei Schritte voraus.«

Unter den neun Herren befanden sich die größten Architekten, Grundstücksmakler, Chefs von Baufirmen und Innendekorateure der Côte d’Azur zwischen Marseille und Menton. Was Jakob von ihnen wünschte, das war, daß sie ihm an der schönsten Stelle der Küste ein Ding hinstellten, das doppelt so protzig und ergo doppelt so teuer werden sollte wie Sir Alexanders Traumhaus, und dies in der halben Bauzeit. Nachts, in einer verdreckten Kneipe der Altstadt von Nizza, hatte er, angetan mit einem ölverschmierten Mechanikeranzug, zu seinem Chauffeur Otto Radtke, angetan mit einer Uniform, die der eines Operettengenerals glich, vor einem sprachlosen Publikum, bestehend aus Huren, Kellnern, Taxichauffeuren und Croupiers, einen Schwur getan. Da er den Schwur deutsch tat und beim Schwören Schmalzbrote kaute, war sein Publikum nur noch um so faszinierter – es war völlig sprachlos.

Der Schwur: »Und ich sage dir, Otto, hier baue ich denen jetzt ein Ding hin, da wird ihnen das Lachen über mich vergehen! Die Augen aus dem Kopf werden ihnen fallen, den Lackaffen und ihren angemalten Weibern! Betteln, mit erhobenen Händen betteln werden sie, flehen werden sie, einmal eingeladen zu werden von mir, Otto!«

Otto, ein ruhiger und ausgeglichener Mensch, hatte schweigend genickt, denn er hatte den Mund gleichfalls voller Schmalzbrot. Mein einziger Freund, hatte Jakob erschüttert gedacht …

»Ich kenne da ein Grundstück in Cap d’Antibes …«, begann nun zögernd einer der Makler. »Aber das ist wirklich irrsinnig groß! Und ein Riesenhaus steht drauf …«

»Das können Sie abreißen. Oder umbauen. Hauptsache, es ist doppelt so prächtig.«

»Gewiß, Monsieur. Aber der Preis …« Der Makler verdrehte die Augen und nannte ihn.

»Gekauft«, sagte Jakob. »Sie nehmen sofort Verhandlungen mit den Besitzern auf. Das Ding muß so schnell wie möglich stehen. Sie kriegen Ihre übliche Provision, die anderen Herren Prämien, wenn sie ihre Termine einhalten.«

Das Telefon vor ihm klingelte. Jakob hob den Hörer ab.

»Mister Formann?« fragte eine hochmütige Männerstimme. »Ja. Wer spricht?«

»Ich bin der Butler von Lady Jane. Lady Jane möchte Sie sprechen …« Jakob schluckte schwer. Jetzt kommt’s, dachte er. Es kam. Aber ganz anders, als er gedacht hatte.

»Oh, guten Morgen, Mister Formann«, erklang die liebenswürdige Stimme der Lady Jane.

»Guten Morgen, Lady Jane …«

»Mister Formann, ich bitte tausendmal um Entschuldigung für das, was in der letzten Nacht passiert ist.«

»Sie bitten um Entschuldigung?«

»Gewiß. Ich hatte einfach keine Gelegenheit, mich von Ihnen und Ihren beiden bezaubernden Begleiterinnen zu verabschieden.«

Also, das ist doch eine Perifidie sondergleichen, dachte Jakob. (Perfidie – dieses Wort hatte er in fleißigem Wörtertraining auch bereits gelernt!) Er suchte nach einer passenden Antwort. Natürlich fand er keine. Lady Jane indessen sprach weiter, leicht, heiter, souverän: »Verzeihen Sie also bitte meinen Fauxpas, Mister Formann. Und, was ich noch sagen wollte: Ich kenne ein ganz ausgezeichnetes Sanatorium in der Schweiz, zur Durchführung von Entziehungskuren …«

»Entziehungskuren … Schweiz …«

»Ja, lieber Mister Formann. Verfallen Sie jetzt um Himmels willen nicht in Depressionen über Ihren Zustand! Die Medizin ist ja schon sooo weit fortgeschritten! Vielen Freunden von uns ist in diesem Sanatorium hundertprozentig geholfen worden. Wenn ich Ihnen die Adresse geben darf …«

Sanft legte Jakob den Hörer wieder in die Gabel. Er atmete tief. Er nahm sich mächtig zusammen. Er sprach, an die Herren vor ihm gewandt: »Wie gesagt, wenn Sie Ihre Termine einhalten. Das Geld wird hier bei einem Anwalt auf ein Sonderkonto hinterlegt. Der Anwalt bezahlt, was anfällt. Wo sind da noch Schwierigkeiten, meine Herren? Jakob Formann ist es nicht gewöhnt, sich lange mit einem Problem zu beschäftigen, das so einfach ist wie dieses!«

So einfach wie dieses …

Jakob mußte plötzlich an ein Problem denken, das zwar auch nicht schwieriger war, jedoch delikater als dieser Grund- und Bodenerwerb und der Bau eines Hauses. Das etwas delikatere Problem waren Claudia und BAMBI. Da wird sich natürlich alles wieder einrenken, dachte er, während die Experten miteinander zu streiten begannen. Aber ich muß mir jetzt etwas Mühe geben mit den beiden. War nicht sehr fein, was ich da in der letzten Nacht gemacht habe.

Claudia und BAMBI … Es war schon peinlich, was ich mir habe anhören müssen, heute um fünf Uhr früh. Da sind die beiden nämlich in mein Schlafzimmer geplatzt. Verdreckt. Mit verschmierten Gesichtern, barfuß, mit dreckigen und wundgelaufenen Füßen, die schönen Schuhe in der Hand, die schönen Haare wild im Gesicht …

46

»He … he … he …« Jakob fuhr erschrocken in seinem Bett hoch. Das elektrische Licht brannte. Die beiden Hübschen (jetzt waren sie gar nicht mehr hübsch) standen vor ihm. BAMBI heulte, daß die Reste des Make-up nur so unter dem Dreck zerflossen. Nicht so Claudia. Die Contessa della Cattacasa war es gewesen, die ihn wachgerüttelt hatte. Ihr Gesicht war vor Wut verzerrt, ihr Kleid oben und unten zerrissen. »Was fällt dir … Bist du verrückt … Was wollt ihr beide hier? Warum weckst du mich, Claudia?«

»Du Hund, du elender«, sagte die Contessa.

»Was hast du gesagt?« Er war noch nicht richtig wach.

»Hund, elender, habe ich gesagt! Das wirst du mir büßen!«

»Und mir auch!« stammelte BAMBI und heulte los.

Danach verstand Jakob eine Weile kein Wort, weil beide Mädchen gleichzeitig sprachen.

»Ruhe!« donnerte er schließlich. »Hinsetzen!« Die Mädchen ließen sich in Sessel fallen, teils vor Schreck, teils vor Erschöpfung. »Hier wird nicht geschrien! Nebenan schlafen andere Gäste! Wieso bin ich ein Hund, und wie seht ihr aus? Was ist passiert?«