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Claudia Contessa della Cattacasa sprach jetzt leise, ihre Augen waren zu Schlitzen verengt, die Worte kamen mit einem beständigen Zischen aus ihrem Mund: »Ein Hund bist du, weil du uns aus deinem Wagen geschmissen und gesagt hast, wir sollen sehen, wie wir nach Cannes zurückkommen – nachdem du uns vor allen lächerlich gemacht hast, du Hund, du …«

»Du wiederholst dich. Was ist passiert?« sagte Jakob, und als die Damen wieder beide gleichzeitig zu zetern begannen, fuhr er fort: »Immer der Reihe nach!«

Der Reihe nach war folgendes passiert: Die beiden unglücklichen Mädchen waren – was blieb ihnen übrig? – losgestolpert auf der Halbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat. In ihren hochhackigen Schuhen konnten sie kaum gehen. Darum zogen sie diese aus und liefen in Strumpfhosen. (Aus Jakobs Fabrikation. Er hatte sie überreichlich mit denselben eingedeckt.) Das Blöde ist nur: Strumpfhosen kann man nicht so einfach ausziehen wie normale Strümpfe, nicht wahr? Also stolperten die Unglücklichen in ihren an den Füßen zerfetzten Strumpfhosen weiter und erreichten unter Aufbietung letzter Kräfte die Route Nationale 7 vor Nizza.

Hier blieben sie stehen und machten Auto-Stop. Eine halbe Stunde lang erfolglos. Dann hatten sie Erfolg. Ein Zehntonner, der vermutlich nachts fuhr, weil er bei seiner Größe am Tag nicht schnell genug weiterkam, hielt mit kreischenden Bremsen. Der Mitfahrer sprang auf die Straße. Ja, sie fuhren über Cannes. Bis Saint Tropez. Aber Cannes lag am Wege. Also, meine Damen, es ist uns ein Vergnügen …

Das glaube ich gern, dachte Jakob an dieser Stelle von Claudias Bericht, daß es den beiden Kerlen ein Vergnügen gewesen ist. Ach was, den beiden Mädchen doch auch, wie ich die kenne.

Die Abendkleider der Süßen waren so eng, daß der zweite Fahrer sie in den Wagen hinaufstemmen mußte. Dabei bekam er natürlich zwei süße Popos hintereinander in die Pfoten. Na ja, und dann ging es gleich los. So ein Riesenlaster, der hat eine komfortable Schlafkoje mit Bett hinter den Vordersitzen. Der Beifahrer machte sich zuerst ans Werk.

Der Chauffeur fuhr, eine Gauloise im Mundwinkel, weiter und weiter, die leere Route Nationale 7 entlang, während sein Freund sich hinter ihm betätigte. Lange und ausgiebig. Dann fuhr der Zehntonner an den Straßenrand. Jetzt zog der erste Chauffeur die Hosen aus und kletterte seinerseits in die Kabine. Nun betätigte er sich. Dann betätigten sich beide Herren noch einmal. Für sie hatte das Entfernen der zerfetzten Strumpfhosen kein Problem bedeutet. Es waren Schränke von Chauffeuren. Anständige Kerle! Sie klauten nicht ein einziges Stück Schmuck. Vor der Einfahrt in Cannes hielt der Laster wieder. Die Mädchen, etwas durcheinander, kletterten ins Freie. Diesmal half ihnen niemand. Die Herren ließen sie springen. Kaum waren Claudia und BAMBI auf die Nationale 7 geknallt, da riefen die Herren Fahrer ein fröhliches »Au revoir!«, und der Laster fuhr auch schon weiter – ohne Licht, man konnte sein Nummernschild nicht sehen. BAMBI und Claudia mußten zu Fuß gehen, besser gesagt: wanken, denn jeder Knochen tat ihnen weh, nicht nur die Füße.

»…die ganze Croisette herauf«, sagte Claudia. Ihre Augen konnte man überhaupt nicht mehr sehen, sie bewegte kaum die Lippen. »Und barfuß. Unsere Strumpfhosen liegen im Laster.« BAMBI schluchzte wieder. »Bis hierher, ins Hotel. Der Nachtportier hat uns gesehen. Der mußte ja aufschließen. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so geschämt …«

»Ich mich auch nicht …« (BAMBI)

»Ob wir überfallen worden sind, hat der Portier gefragt.«

»Und?« Jakob war jetzt sehr nervös. Und es wurde ihm sehr warm.

»Was und? Du Saustück! Natürlich sind wir überfallen worden, haben wir ihm gesagt! Und daß uns die Füße weh tun! Und daß es völlig sinnlos ist, nach den Gangstern zu suchen.«

»Auch … auch … auch … daß ihr vergewaltigt worden seid?«

Claudia lachte heiser.

»Davon natürlich kein Wort! Warum auch? Die beiden Fahrer, die haben was von Vergewaltigungen verstanden! Dafür müßten wir dir eigentlich dankbar sein!«

»Ja, eigentlich dankbar ßein …« (BAMBI)

»Aber unsere Füße! Schau dir die Sauerei mit unseren Füßen an!«

»Meine Füße haben in Rußland noch ganz anders ausgesehen! Habt euch bloß nicht so! Wenn es schon so prima Vergewaltigungen gewesen sind!«

»Das eine hat mit dem andern überhaupt nichts zu tun!« erklärte Claudia. »Deine Füße in Rußland interessieren uns einen Dreck! Unsere interessieren uns! Unsere sind wund!«

»Ich werde den Hausarzt rufen, meine Süßen. Im übrigen tut es mir leid, daß ich mich so benommen habe …«

Claudia fuhr hoch.

»Es tut dir leid, du Scheißkerl, ja? Leid tut es dir? Weißt du, was du mich kannst? Du kannst …«

»Claudia! Leise!«

»Ich habe genug von dir, du Hund«, tobte Claudia leise. »Du glaubst, damit ist alles gut, wie? Weil du uns mitschleppst und einpuppst und mit Schmuck behängst! Ich pfeife auf deinen Schmuck!« Sie zerrte an ihren Ohrclips und warf sie auf Jakobs Bett. »Da hast du den Dreck!« Sie riß sich den Ring vom Finger. »Und da!« Das Bracelet. »Und da!«

BAMBI, ein wenig schwer von Begriff, war aufgesprungen und montierte sich gleichfalls ab. Geschmeide um Geschmeide flog auf Jakobs Linnen.

»So, da hast du alles! Ich will es nicht!«

»Ich auch nicht!« (BAMBI)

»Da hast du es zurück! Gib es deinen Weibern! Mach, was du willst damit! Ich rühre kein Stück von dir mehr an, du Schuft!«

»Ich auch nicht!« (BAMBI)

Plötzlich erstarrte Claudia. Ihr Blick wurde stier.

»Wieso eigentlich nicht?« lallte sie. »Ich bin doch nicht blöd!« Und in rasender Eile sammelte sie ihren Schmuck wieder ein.

»Und ich bin auch nicht blöd!« BAMBI sammelte ebenfalls.

Danach stürzten sie aus Jakobs Schlafgemach. Türen knallten. Zehn Minuten später kam der Hotelarzt. Er untersuchte die beiden jungen Damen, versorgte ihre wunden Füße, gab ihnen Beruhigungsmittel und kehrte in Jakobs Salon zurück.

»Was ist, Doktor?« (Sobald die beiden wieder okay sind, muß ich sie halt noch einmal zu ›Cartier‹ schicken. Da kann sich jede etwas besonders Schönes und Teures aussuchen. Ich hätte sie nicht rausschmeißen dürfen aus meinem Wagen. Ich bin ein Schwein. Na ja, aber ›Cartier‹ wird alles wieder gutmachen. Heile, heile Segen. Mit so zehn bis zwanzig Karat.) »Doktor! Reden Sie doch! Etwas Ernstes?«

»Nein, ernst überhaupt nicht. Ich habe die jungen Damen gründlich untersucht …« Bum! dachte Jakob. »… das war ja ein … sehr schlimmer Marsch … hrm … Monsieur Formann!«

Hat der Kerl etwa ein Auge zugekniffen?

47

Hat der Kerl etwa ein Auge zugekniffen? überlegte Jakob nun, am Vormittag, indessen neun Herren um ihn lauter und lauter diskutierten, wie und wann und zu welchen Bedingungen man das Phantasiehaus da auf Cap d’Antibes, das Jakob Formann wünschte, erstellen konnte.

Jakob hörte schon nicht mehr aufmerksam zu. Nach einer weiteren halben Stunde der atemlos vorgebrachten Vorschläge, Kostenberechnungen, Bedenken und Versprechen sagte er: »Ich überlasse das alles absolut Ihrem Geschmack und Ihrer Initiative, meine Herren. Ich habe, das sehen Sie, die ersten Männer genommen, die ich kriegen konnte. Ich habe vollstes Vertrauen zu Ihnen. Ich bin überzeugt, daß …« Weiter kam er nicht, denn das Telefon vor ihm läutete wieder. Er hob ab und meldete sich.

»Gespräch für Sie, Monsieur Formann. Übersee. Washington ruft.«

Da hörte er schon eine bekannte Stimme: »Jake! Jake! Gott sei Dank!« Er fuhr zusammen. Das war Jill Bennett, die Sekretärin seines Freundes, des Senators Connelly.

»Was ist passiert, Jill?«

Die neun Herren schwiegen respektvoll.

»Du mußt sofort herüberkommen, Jake!« Jills Stimme klang gehetzt, es hörte sich an, als ob sie weinte. »Du hast doch dein Flugzeug in Nizza, wie?«

»Ja. Was ist los?«