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»Ich habe mich seit Stunden bemüht, herauszukriegen, wo du steckst. OKAY hat’s gewußt und mir gesagt. Sofort mußt du kommen, es ist keine Minute zu verlieren …«

»Was ist los, Jill?«

»Ich verbinde mit dem Senator, Jake …«

Klick.

Da war Connellys Stimme, ebenfalls gehetzt, ebenfalls außer sich: »Jake! Kommen Sie schnellstens! Schnellstens, hören Sie!«

»Herrgott, ja, ich höre! Will mir vielleicht endlich einer sagen, was passiert ist?«

»Ihr Freund Jesus Washington Meyer.«

»Mein Freund Jesus …« Jakob fühlte glühende Hitze in sich aufsteigen. Schweiß brach ihm aus. Fast entglitt der Hörer seiner Hand. »Jesus? Ist ihm was passiert? Ist … ist er tot?«

»Noch nicht.«

»Was heißt noch nicht?«

»Schwere Rassenunruhen sind ausgebrochen, im Süden, in Birmingham. Die schwersten, die wir jemals hatten …«

»Mein Gott!«

»Wegen der Segregation … Aus Protest dagegen, daß Schwarze in Bussen für Weiße fahren dürfen … daß farbige Studenten die Universität für Weiße besuchen dürfen … Wir haben es so angeordnet, das wissen Sie doch!«

»Ja, ja, ja … Was ist mit Jesus?«

»Unter Polizeischutz haben wir die Studenten auch hin und her transportiert! Dasselbe galt für die Busse, die Straßenbahnen, die Snack-Bars …« Du bist doch ein verfluchter alter Trottel, dachte Jakob und unterbrach rüde: »Was mit Jesus ist, will ich wissen!«

»Er ist doch Ihr Generalbevollmächtigter für die Fertighäuser, nicht wahr? Er sitzt im Gefängnis. Mit ein paar hundert anderen. Doktor Martin Luther King ist auch darunter … Der Ku-Klux-Klan hat angefangen … Überfälle … Bomben … Häuser wurden angezündet … Neger umgebracht …«

»Mein Gott!«

»Daraufhin haben sich die Schwarzen gewehrt. Schlugen die Weißen zusammen … Selbst Luther King konnte sie nicht mehr beruhigen … Sie haben keine Ahnung, was da los ist in Birmingham … Der Präsident hat dreitausend Mann von der Zweiten Infanteriedivision einfliegen lassen …«

»Herrgott, und Jesus?«

»Ihr Freund Jesus hat Tuscaloosa verlassen und ist nach Birmingham gefahren, um mit seinen Freunden zu kämpfen. Er ist verhaftet worden, wie gesagt. Aber jetzt beherrscht der weiße Mob wieder die Stadt … Versucht, das große Gefängnis zu stürmen und die Neger rauszuholen.«

»Ich komme sofort!«

»Aber über Washington! Landen! Zwei Leibwächter steigen ins Flugzeug und fliegen mit Ihnen weiter!«

»Ich brauche keine Leibwächter!«

»Sie müssen welche haben! Befehl des Präsidenten! Sonst bekommen Sie nirgends Landeerlaubnis. Sie müssen die zwei Leibwächter mitnehmen, haben Sie verstanden? Das ist ein Befehl!«

48

»Kill them! Kill them!«

Der Schrei des rasenden Mobs von Birmingham drang bis in die weißgekachelte, nach Lysol stinkende Leichenhalle der Stadt.

»Schlagt sie tot! Schlagt sie tot!«

Jakob stand mit herabhängenden Armen neben einem Angestellten der Morgue. Die Narbe an seiner Schläfe zuckte ununterbrochen. Draußen krachten Bomben, heulten Sirenen vorbeirasender Polizeiwagen, ertönte das irre Gekreische einer entfesselten Menge, Pfiffe, Schreie, Flüche …

»Kill them! Kill them!«

Der Angestellte, ein kleiner Mann in weißem Mantel, mit dicker Brille, schwitzte vor Angst, obwohl es kalt war in der Leichenhalle. Unter seinen Augen lagen schwarze Ringe. Er hatte auf Jakobs Geheiß aus einer großen Wand eine Bahre herausgerollt. Die Bahre war zuvor hinter einer weißgestrichenen, versperrten Eisentür verborgen gewesen. Erst nachdem der Polizeichef von Birmingham auf Jakobs zornige Drohungen am Telefon dem kleinen Mann befohlen hatte, Mister Formann in die Leichenhalle zu führen, waren sie beide in den Keller hinuntergestiegen, in welchem Neonröhren ein scheußlich kaltes Licht verbreiteten. Dort hatte der kleine Mann, vor sich hinmurmelnd (Gebete? Flüche?) eine der Eisentüren in der großen Wand aufgesperrt und die Bahre herausgerollt.

»Er … er … er sieht aber furchtbar aus, Sir … Sie werden den Anblick nicht ertragen … Er ist doch … Er ist doch buchstäblich erschlagen worden!« Jakob würgte. Jakob sagte, den Blick auf das weiße Tuch gerichtet, das die Last der Bahre verdeckte: »Nehmen Sie das Tuch zurück.«

»Wirklich, Sir, ich bitte Sie …«

»Sie sollen das Tuch zurückschlagen!«

Der kleine Mann hatte murmelnd und schwitzend das Tuch angehoben. So stand er nun da, zitternd und bebend, und wartete offensichtlich darauf, daß dieser fremde Mann ihm sagte, er solle das Tuch endlich wieder senken und die Bahre zurückrollen. Doch Jakob Formann sagte das nicht. Jakob Formann stand reglos da und sah auf den blutigen Haufen Fleisch, der einmal ein Mensch, der einmal Jesus Washington Meyer, der einmal sein Freund gewesen war.

»Totschlagen! Totschlagen!« kreischten draußen Stimmen. Motoren heulten, Stiefel trampelten.

Jakob fühlte, wie ihm Tränen aus den Augen schossen, über die Wangen liefen, auf den Anzug tropften. Er fühlte sich zum Sterben elend. Er hatte Angst, umzukippen. Er hielt sich an dem Eisenrahmen der Bahre fest.

Jesus …

Mein Kamerad.

Mein Freund.

Mein alter, guter Freund.

Ich kann dich nicht mehr erkennen. Ich kann dein Gesicht nicht mehr sehen, denn du hast kein Gesicht mehr, keine Augen, keinen Mund, keine Nase. Sie haben dir den Schädel eingeschlagen, die weißen Hunde …

»Schlagt sie tot! Schlagt sie tot!«

Das Gebrüll hörte nicht auf. Eine besonders heftige Explosion erschütterte die Morgue. Der Boden schwankte leicht.

»Wie ist das passiert?« fragte Jakob. Jedes Wort bereitete ihm Qual. »Sie haben die Schwarzen aus dem Gefängnis geholt … nicht alle … nur etwa fünfzig … Dann kämpften sich die Soldaten durch und schlugen die Lumpen nieder oder nahmen sie fest …« Der kleine Mann sprach stockend und langsam. »Aber für viele von denen, die sie vorher herausgeholt hatten, war es zu spät … Sie haben sie vor dem Gefängnis niedergeschlagen … Mit Fahrradketten. Mit Eisenstangen. Mit Hämmern … Vor dem Gefängnis und anderswo … Viele Schwarze haben zu flüchten versucht … Die Weißen haben sie durch die Stadt gejagt … gesteinigt … erschlagen … erschossen …« Der kleine Mann konnte nicht mehr. Sein Blick hob sich hilflos. Er sah Jakob an. Jakob sah ihn an. Der kleine Mann bewegte den Kopf. Sie sahen beide die große weiße Wand mit ihren vielen, vielen Eisentüren. »Es ist eine solche Schande«, sagte der kleine Mann.

Jakob schwieg.

Jesus, dachte er, mein Freund Jesus. Wie lange haben wir einander gekannt. Wien. Die MP-Station. Hörsching. Der Fliegerhorst. Theresienkron. Wie oft warst du bei uns, bei mir und dem Hasen. Wie oft kamst du mit Kartons, mit Kisten, mit Lastwagen voller Geschenke. Und hast mit uns gelacht und gesungen und gegessen und getrunken. Wie alt warst du, Jesus? So alt wie ich. Sie haben dir eine Uniform angezogen und dich nach Europa geschickt. Du warst gut genug, am D-Day die steile Normandieküste hinaufzuklettern auf Seilleitern, rechts und links von dir stürzten Kameraden in die Tiefe, in den Tod, die deutsche Artillerie deckte euch ein. Du hast es überlebt. Du hast dich durch halb Europa gekämpft. Du hast es überlebt. So vieles hast du überlebt. Jetzt bist du tot. Erschlagen von Weißen.

Und deine Frau Fanny aus Linz, Austria, Jesus. Ich war in Tuscaloosa. Sie haben Feuer an viele Häuser gelegt. Auch an deines. Deine Frau ist verbrannt, man hat nur noch Knochen und etwas verbranntes Fleisch gefunden. Ich war draußen in Tuscaloosa mit den zwei Leibwächtern, die in Washington in mein Flugzeug gestiegen sind. Ich habe das Grauen in Tuscaloosa gesehen. Deine Frau war eine Weiße. Weiße haben sie ermordet. Deine Frau ist aus Linz mit dir nach Tuscaloosa gekommen, um von Weißen getötet zu werden.

Jakob schwankte.

»Was ist, Sir …«

»Nichts. Lassen Sie das Tuch fallen. Rollen Sie die Bahre zurück.«

Der kleine Mann befolgte die Worte so schnell er konnte. Dumpf fiel die Eisentür zu. Kreischend drehte sich ein Schlüssel. Als der kleine Mann sich umwandte, erschrak er. Der Fremde war nicht mehr da.