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»Mister! He, Mister!«

Keine Antwort.

49

»Niggerlover! Niggerlover! Niggerlover!«

Im Eingang des Leichenschauhauses stürzten sie sich dann auf Jakob, zehn, zwölf, fünfzehn. Sie hatten ihn kommen sehen mit den beiden Leibwächtern. Sie hatten gewartet.

»Kill him! Kill him! Kill him!«

Sie fielen über ihn her. Es war ein Kräfteverhältnis, das ihnen Vertrauen verlieh. Jakob bekam eine Fahrradkette quer über das Gesicht. Dem Schlag mit einer Eisenstange auf seinen Schädel entging er durch eine blitzschnelle Bewegung. Er ließ sich über den dreckigen Boden rollen. Er erwischte eine andere Eisenstange. Er sprang hoch, den Rücken zur Wand. Und nun verlor er jede Beherrschung. Sein Haß, seine Trauer, sein Zorn brachen durch. Jakob schlug mit der Eisenstange zu – auf Schädel, Schultern, Arme. Wie ein Rasender kämpfte er.

Die Stange wirbelte durch die Luft. Blut rann über Jakobs Stirn. Blut spritzte von anderen Stirnen. Die ersten vom ›White trash‹ (›Weißen Abschaum‹) lagen bereits zu seinen Füßen. Aber er schlug weiter und weiter und weiter, wie eine Maschine, er wollte nun selber töten, töten, töten!

Er war von Sinnen. Sie versuchten zu flüchten. Er rannte ihnen nach. Er schlug sie im Laufen zusammen.

Eine Sirene erklang ganz laut.

Ein Laster mit schwerbewaffneten Soldaten hielt neben ihm. Der Mob raste davon. Soldaten sprangen vom Verdeck. Fünf Mann waren nötig, um Jakob festzuhalten, um ihm die Eisenstange zu entwinden, um ihn auf das Verdeck zu werfen. Der Schmerz, den er dabei empfand, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Er sah sich um. Rauch. Flammen. Die ganze Stadt schien zu brennen. Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern rasten vorbei.

»Was wollt ihr von mir?« brüllte Jakob.

»Wir bringen Sie ins Hotel! Da sind Sie sicher! Da ist ein Arzt! Der muß Sie behandeln! In das Hotel kommt keiner rein …«

»Ich will nicht ins Hotel!« schrie Jakob. »Ich will … Ich will … Laßt mich los!« Sie ließen ihn nicht los. Der Motor des Lasters heulte auf, er schoß vorwärts über die verwüstete Straße, vorbei an brennenden Häusern und geplünderten Läden.

»Wo sind die beiden Männer, die mit mir ins Leichenschauhaus fuhren?«

»Ihre Leibwächter?«

»Ja. Wo sind die?«

»Die haben wir schon vor einer Viertelstunde ins Krankenhaus gebracht.«

»Krankenhaus?«

»Sie wurden zusammengeschlagen … schwer verletzt … alle beide … Der ›White trash‹ hat sie zuerst überfallen …«

Meine Leibwächter im Krankenhaus. Ich habe doch gleich gesagt, ich brauche keine.

O Jesus, Jesus, Jesus.

Die Sirene des Armeelasters heulte.

50

»Ich weiß, wie erregt ihr seid und wie müde wir sind und wie sehr unsere Empörung brennt. Aber wir müssen den Negern von Birmingham verständlich machen, daß Gewalt nicht unser Weg ist …« Die Stimme klang aus einem Radio in Jakobs Hotelzimmer. Er lag mit einem Kopfverband auf dem Bett und starrte die Decke an. Es war dunkel geworden. Von draußen leuchtete noch das düstere Rot einzelner Brände, doch auf der Straße war es still. Armee, Nationalgarde und Polizei hatten den Terror der Weißen und den dadurch ausgelösten Aufstand der Neger gebrochen. Ruhe herrschte in Birmingham. Friedhofsruhe.

Der herrische Ton des Sprechers – es war Dr. Martin Luther King, Jakob wußte es – wich jetzt dem feierlichen Singsang des Südstaaten-Prediger-Englisch: »Ihr werdet sehen die rassisch integrierten Lokale und Imbißstuben. Ihr werdet sehen die integrierten Warteräume der Geschäfte. Ihr werdet Neger sehen, die Positionen bekleiden wie nie zuvor. Ihr werdet sehen, daß der Neger in dieser Gemeinschaft als Mensch integriert ist. In fünf Jahren wird Birmingham auf dem Gebiet der Rassenpolitik eine der schönsten Städte des Südens sein!« psalmodierte Dr. Martin Luther Kings Stimme, die Stimme dieses Negerführers und Theologen, der in fünf Jahren den Friedensnobelpreis erhalten und in acht Jahren ermordet werden sollte – von Weißen, am 4. April 1968. Dieser Mann, der für einen Sieg durch Gewaltlosigkeit kämpfte wie Gandhi, brachte die Masse der Schwarzen wieder zur Ruhe. Wie in Trance, gebannt durch die Weissagungen ihres Apostels, lauschten sie nun einer anderen Stimme – der von Ralph Abernathy, einem Mitarbeiter Kings, der die Neger von Birmingham zu Gehorsam gegenüber ihrem Apostel verpflichtete.

Aus dem Radio hörte Jakob, auf dem Bett liegend, die Decke anstarrend, Abernathys Stimme: »Nicht jeder kann Führer sein!«

Ein Chor von vielen tausend Stimmen antwortete: »Nein! Nein!«

»Doktor Martin Luther King ist unser Führer, und was fordert er von uns?«

Wieder die vielen tausend Stimmen im Chor: »Übe keine Gewaltsamkeit!«

Jemand klopfte laut gegen Jakobs Zimmertür.

»Übe keine Gewaltsamkeit!«

Das Klopfen wurde hektisch. Jemand trommelte mit beiden Fäusten gegen die Tür.

»Übe keine Gewaltsamkeit!«

Der Singsang aus dem Radio war so laut, daß Jakob nicht verstand, was der Mann auf dem Gang draußen schrie. Nun trat er mit den Schuhen gegen die Tür. Das war der Moment, in welchem Jakob jede Besinnung, jede Beherrschung verlor. Rasend vor Empörung sprang er auf, torkelte durch das dunkle Zimmer. Genug, genug, genug, dröhnte das Blut in seinem Schädel. Das ist zuviel, zuviel, zuviel! Jakob erreichte die Tür. Der Mann draußen brüllte wie ein Verrückter. Jakob verstand kein Wort. Er sperrte die Tür auf. Er riß sie zurück. Im Gang brannte elektrisches Licht. Ein Mann stand da, hob eine Hand …

… und Jakob schlug ihm die Faust mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß der Mann lautlos nach hinten stürzte und sich überschlug. Jakob fiel über ihn. Der Mann lag reglos auf dem Bauch. Das Schwein, das Schwein, das gottverfluchte Schwein, hämmerte es in Jakobs Schädel. Er keuchte. Er ließ sich zur Seite rollen. Er erhob sich halb. Laß mich dein Schweinegesicht sehen, du Schwein!

Er drehte den Bewußtlosen auf den Rücken.

Er sah in das Gesicht seines Freundes George Misaras.

1957–1965 – Die Welt wandelt sich schnell – aber schöner wird sie nicht.

Einberufen vom großen Papst Johannes XXIII. († 3. Juni 1963), tagt von 1962 bis 1965 das Zweite Vatikanische Konzil. Die Kirche stellt sich der Zeit. Aber die Enzyklika Pauls VI. »Humanae vitae« von 1968, vorwiegend gegen die Geburtenkontrolle und die (in der BR seit 1962 gebrauchte Antibaby-)»Pille«, zeigt, daß das nicht so einfach ist. -1957 wird die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (AEG) gegründet. Das Saarland kommt zur BR, in der es weniger als 100 000 Arbeitslose gibt und die Frauen den Männern gleichberechtigt werden. In Berlin wird Willy Brandt Regierender Bürgermeister, und Mao läßt »tausend Blumen blühen«, während in östlichen und westlichen Tiefbunkern Interkontinentalraketen mit Mehrfach-Atom-Sprengkörpern zum »Overkilling« paratstehen. Die Menschheit setzt ihre Hoffnungen auf den »Heißen Draht« zwischen Washington und Moskau (1967). 1958 wird Heinrich Lübke Bundespräsident, und die SPD verabschiedet das »Godesberger Programm«. 1959 übernimmt Fidel Castro in Kuba die Macht; ein Jahr später wird John F. Kennedy Präsident der USA und das Idol des Westens (am 22. November 1963 ermordet). 1961 wird Eichmann in Jerusalem gehenkt. Breschnew wird Staatspräsident der Sowjetunion (bis 1964, dann löst er den entmachteten Chruschtschow ab). Alljährlich kommen 200 000 Flüchtlinge aus der DDR in den Westen. Allein im Juli 1961 sind es 30 000. Ab 13. August 1961 entstehen die Berliner Mauer und der Todeszaun.

In der BR gibt es jetzt das Farbfernsehen, aus Stalingrad wird Wolgograd, und immer mehr ehemalige Kolonien in Afrika werden selbständig.

General de Gaulle (französ. Staatspräsident 1959 bis 1969, 1970 †) fordert ein »europäisches Europa« und baut eine Atom-»Force de frappe« auf. 1962 zitterte die Welt: Sowjet-Mittelstreckenraketen auf Kuba! Kennedy und Chruschtschow bereinigen die Krise am 27. 10. In der BR gibt es die Notstandsgesetzgebung. 1963 wird Wirtschaftswunder-Erhard Bundeskanzler, was seinem Vorgänger Adenauer gar nicht sehr recht ist. In den USA ist (und bleibt durch Wahl 1965 bis 1969) Lyndon B. Johnson Präsident. 1964 wird Willy Brandt 1. Vorsitzender der SPD, Jasir Arafat Führer der anti-israelischen terroristischen Al-Fatah-Palästinenser-Organisation, später der PLO. China hat die Atombombe und (1965) die Kulturrevolution. Die BR kauft politische DDR-Häftlinge frei (so tut sie es bis heute), und in den USA toben Rassenunruhen. Der Krieg zwischen Nord- und Süd-Vietnam eskaliert, die US-Luftwaffe bombardiert seit 1965 (bis 30. April 1975) Nord-Vietnam und entlaubt die Wälder dort. In der BR fallen ständig Starfighter der Luftwaffe vom Himmel. In der DDR begeht Erich Apel, stellv. Ministerpräsident und Vorsitzender der Plankommission, Selbstmord. Bei der Bundestagswahl 1965 erhält die CDU/CSU 47,6 Prozent der Stimmen, die SPD36,2, die FDP 9,5 und die NPD 2,0.